Das große Tauen

Klimawandel Die Erderwärmung wird rasant: Der Gletscherschwund hat sich in der Westantarktis zwischen 1996 und 2006 um 160 Prozent beschleunigt

Beunruhigende Nachrichten haben Wissenschaftler aus der Antarktis mitgebracht. Das Eis dort, so die Quintessenz gleich mehrerer Studien aus den vergangenen Monaten, ist weniger stabil, als bisher gehofft. Für Küstenbewohner rund um den Globus könnte es daher in absehbarer Zeit ungemütlich werden, denn im westantarktischen Eisschild, um das sich die Klimaforscher vor allem sorgen, ist genug Wasser gespeichert, um den Meeresspiegel im globalen Mittel um dreieinhalb bis sechs Meter ansteigen zu lassen.

Entscheidend für die Entwicklung der Eisschilde ist das Verhältnis zwischen den Niederschlägen, aus denen neues Eis entsteht, auf der einen und den verschiedenen Verlustprozessen auf der anderen Seite. Wenn die Gletscher sich, angetrieben von ihrem eigenen Gewicht, als Schelfeis ins Meer schieben, dann nagt dort das vergleichsweise warme Wasser an ihrer Unterseite. Außerdem brechen an den Rändern regelmäßig Eisberge ab. Eine gewisse Rolle spielt noch die Sublimation, das heißt, das direkte Verdampfen von Eis in der extrem trockenen Luft über dem Südkontinent. Abtauen an Land spielt hingegen wegen der Kälte kaum eine Rolle.

Ende 2007 hat eine internationale Forschergruppe unter der Leitung von Eric Rignot mithilfe von Satellitendaten, Wetteraufzeichnungen und Klimamodellen eine Eisbilanz für verschieden Regionen der Antarktis aufgestellt. Das Ergebnis: Der Gletscherschwund hat sich zwischen 1996 und 2006 um 160 Prozent beschleunigt, und zwar vor allem zwischen Null und 180 Grad West, das heißt: in der Westantarktis.

Gut ein Drittel des Massenverlusts geht dabei auf das Konto der vergleichsweise kleinen gegenüber Feuerland gelegenen antarktischen Halbinsel. Das passt gut zu der Beobachtung, dass sich diese Region im Gegensatz zur Ostantarktis in den letzten 50 Jahren erheblich erwärmt hat. Dort sind in den vergangenen Jahren auch eine ganze Reihe von Schelfeisflächen zerbrochen und aufs Meer hinaus getrieben. Der vorerst letzte in dieser Serie ist der Wilkins-Eisschelf, dessen Auseinandersplittern sich quasi live auf der Homepage der Europäischen Raumfahrtagentur ESA verfolgen lässt.

Ist das Schelfeis erst einmal weg, so beschleunigt sich der Fluss der Gletscher oft um ein Vielfaches. Meist wirken die Eiszungen im Wasser nämlich wie Bremsklötze, weil sie sich an Inseln und Untiefen verhaken. Hinzu kommt, dass in einigen ­Küstenregionen der Antarktis die Wassertemperatur ansteigt und damit auch die Abschmelzrate an den Unterseiten des Schelf­eises. Das wiederum hat zu Folge, dass die Grundlinien, jene Zonen, in denen das Eis den Kontakt zum Felsen verliert, landeinwärts wandern.

In der Westantarktis könnte das rasch zu einem Problem werden, denn dort liegt der Felsen, auf dem das Eis ruht, größten Teils unter dem Meeresspiegel. Landeinwärts fällt er sogar ab. Es könnte also sein, dass ab einem bestimmten Punkt der Rückzug der Grundlinien ein sich selbst verstärkender Prozess wird, wenn das Meerwasser erst einmal beginnt, sich einen Weg unter dem Eis zu suchen. Gingen die Wissenschaftler bisher davon aus, dass der Verlust großer Eismassen, wie der grönländischen oder der westantarktischen Gletscher und der damit verbundene Meeresanstieg sich über viele Jahrhunderte hinzieht, so könnte es im Falle der Antarktis also auch deutlich schneller gehen.

Derlei scheint es in der Vergangenheit schon gegeben haben. Eine Gruppe mexikanischer und deutscher Wissenschaftler hat auf der mexikanischen Halbinsel Yucatan fossile Korallenstöcke untersucht, an denen sich die Veränderungen des Meeresspiegels in vergangenen Erdzeitaltern ablesen lassen. Ihr Ergebnis, das sie Ende April im Fachblatt Nature veröffentlichten: Vor etwa 120.000 Jahren, kurz vor Ende der letzten Warmzeit in der es ein bis zwei Grad wärmer als heute war, stieg der Meeresspiegel innerhalb von nur 50 bis 100 Jahren um zwei bis drei Meter. Die Ursache lässt sich natürlich an den Korallen nicht ablesen, aber einer der wenigen möglichen Kandidaten ist das westantarktische Eisschild.

Dazu passen andere Erkenntnisse, die ein Monat zuvor in zwei Aufsätzen ebenfalls in Nature veröffentlicht wurden. Ein internationales Wissenschaftlerteam unter der Beteiligung des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung hat das Sediment unter dem Rosseisschelf, das südlich des pazifischen Ozeans liegt, untersucht und Modellrechnungen angestellt. Ergebnis: Der Eisschild ist in der Zeit zwischen drei und fünf Millionen Jahren vor der Gegenwart wiederholt vorgestoßen und geschrumpft. Mehrmals muss er sich gänzlich aufgelöst haben.

Der Clou an der Geschichte: In der fraglichen Zeit war das globale Klima etwa zwei bis drei Grad wärmer als das heutige. Oder mit anderen Worten: Wenn es der Menschheit nicht gelingt, ihr Klimaproblem in den Griff zu bekommen und die Treibhausgasemissionen in den nächsten Jahrzehnten drastisch zu reduzieren, dann könnte das Eis der Westantarktis destabilisiert werden. Einiges deutet daraufhin, dass der damit verbundene Meeresspiegelanstieg vergleichsweise rasch eintreten würde.

Ein Anstieg von einem Meter oder mehr mit nur wenigen Jahrzehnten Vorwarnzeit wäre schon für reiche Staaten wie Deutschland, die Niederlande oder die USA eine gewaltige Herausforderung. Staaten wie Bangladesch, Vietnam oder Nigeria wären sicherlich hoffnungslos überfordert und würden angesichts von untergehenden Hafen- und Industrieanlagen und Dutzenden Millionen Obdachloser im Chaos versinken.

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19:40 04.06.2009

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