Das gute Leben – vorbei?

Wachstum Der Atomausstieg müsste zum Einstieg in die nachhaltige Gesellschaft ­werden. Ohne die Bereitschaft, weniger Energie verbrauchen zu wollen, nutzt er wenig

Das Atomzeitalter hat – in Deutschland – seine Zukunft hinter sich. Das verrät auch jede Äußerung der schwarz-gelben Regierung zum kommenden Ausstiegskonzept. Wirklich? Ist mit der Abkehr von der Atomenergie schon mehr eingeläutet als der Austausch einer Technologie durch eine andere? Stehen die neuen Befürworter der Energiewende auch für die Einsicht, dass unsere energiefressende Lebens- und Wirtschaftsweise nicht zukunftsfähig ist? Wer nimmt den Ausstieg aus der Atomenergie als Einstieg in die Postwachstumsgesellschaft wahr?

Von der Einsicht, dass man eine bestimmte Sorte Energie nicht will, führt ja noch kein Weg zu der Bereitschaft, weniger Energie verbrauchen zu wollen. Im Gegenteil: alle umweltpolitischen Veränderungen seit dem Erscheinen der Grenzen des Wachstums (1972) haben nichts daran geändert, dass sich Ressourcenverbrauch und Emissionsmenge beständig erhöht haben. Das Bewusstsein, durch eifriges Mülltrennen den Planeten schon ganz ordentlich zu retten, schützt vor der Erkenntnis, dass sich zum Beispiel die Menge an gekauften Möbeln in Zehnjahreszeiträumen um 150 Prozent steigert.

Langlebige Gebrauchsgüter wie Möbel sind zu kurzlebigen Modeartikeln geworden. Die Ikearisierung der Lebenswelt lässt unseren Materialverbrauch und unsere Müllmengen beständig wachsen. In den USA werden etwa 40 Prozent aller Lebensmittel nur noch gekauft und weggeworfen, in Europa sind es mehr als 20 Prozent. Das ist Entsorgungswachstum, die bloße Umwandlung von Ressourcen in Dreck.

Die Umweltwissenschaftler rechnen unermüdlich „carbon footprints“ von Produkten aus, also die in sie investierte Energie. Sie geben die Hektoliter „virtuellen Wassers“ an, die in Kaffee und Steaks stecken, kalkulieren die „ökologischen Rucksäcke“ aus Landschaftsverbrauch und Umweltschäden. Sie übersehen dabei aber völlig, dass dieser ganze Aufwand immer mehr in Produkte fließt, die umstandslos in Müll verwandelt werden, weil ihre Gebrauchsdauer radikal sinkt.

Der Ökonom Nico Paech weist nach, dass es nur ein grüner Traum ist, den Ressourcenverbrauch vom Wirtschaftswachstum entkoppeln zu können. Wachstum lässt sich nicht entmaterialisieren. Eine Wachstumswirtschaft funktioniert nur, wenn Menschen immer neue Dinge haben wollen, obwohl ihre Bedürfnisse nach Nahrung, Kleidung und Wohnung abgedeckt sind. Das Argument, man brauche Wachstum, um Wohlstand zu sichern, entbehrt jeder Logik, denn nichts ist einer Wachstumswirtschaft feindlicher als das Erreichen und Sichern eines Wohlstandsniveaus. Genau darüberhinaus muss es immer weitergehen, und deshalb fließen unsere Ressourcen immer mehr in Dinge, die sich von Konsum- in reine Kaufgüter verwandelt haben.

In dieser Entwicklung manifestiert sich die angeborene Grenzenlosigkeit der Wachstumsgesellschaften: Sie können nur dann an eine Grenze kommen, wenn es nichts mehr zu konsumieren gibt, weil alle Ressourcen verbraucht sind – aber niemals aus sich heraus. Jetzt auf andere Wege der Energieerzeugung zu setzen, auf nachhaltigere Produkte, ist zwar gut, führt aber noch aus keinem einzigen der Probleme heraus, in die uns die parareligiös gewordene Ökonomie des Wachstums geführt hat. Denn die Gesamtbilanz ist so einfach, wie es das Modell vom Earth-Overshoot-Day vorführt: eine nachhaltige Wirtschaft würde in einem Jahr nur soviel Ressourcen verbrauchen, wie nachwachsen können. 2010 fiel der Tag, an dem diese Ressourcen rechnerisch verbraucht waren, auf den 21. August, in diesem Jahr wird er in der ersten Augusthälfte liegen. So schreitet die Übernutzung voran, in Richtung Kollaps.

Das zeigt jedes beliebige Symptom der Pathologie des Wirtschaftswachstums – vom Rückgang der Biodiversität über die Klimaerwärmung zur Überfischung der Meere. Unser Wirtschaftsmodell vernichtet die Voraussetzungen, auf die es gebaut ist. Warum stellt kaum jemand die Verbindung her zwischen der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko, dem nuklearen Desaster in Japan, den Überschwemmungen in Pakistan und den überglücklich verkündeten Wachstumsprognosen der Wirtschaftsforscher?

Weil wir keinen Plan B haben. Zukunft, daran wird auch der Atomausstieg nichts ändern, beschränkt sich auf die Vorstellung „Wie jetzt, nur besser.“ De facto wird daraus aber nur ein „wie jetzt, nur schlechter“ werden, weil die Gesellschaften künftig ökonomisch wie ökologisch mehr und mehr unter Stress geraten werden. Gesellschaften, ja ganze politische Systeme, explodieren nicht in einem großen Knall, sondern ihre Funktionen erodieren unter wachsendem Ressourcenstress immer schneller, so dass sie am Ende einfach ganz unspektakulär implodieren.

Wachstum ist auf gar nichts eine Antwort, schon gar nicht auf die Frage, wie man leben möchte. Zukunftsfähigkeit besteht in der Herstellung von Bedingungen, mit denen es sich in einer offenen Zukunft erwartbar gut leben lässt. Aber die globalisierte Wachstumswirtschaft offeriert das gute Leben nicht. Sie zerstört es.

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Harald Welzer ist Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen

08:00 19.05.2011

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