Das gute Leben, jetzt in Bochum

Theater Unsere Kolumnistin macht sich Gedanken zur Zukunft des Schauspiels. Sehen wir auf den Bühnen jetzt einfach die uneingelöste Vergangenheit?

Träume sind Wunscherfüllungsmaschinen, schreibt Freud, und so ist es ja auch gar nicht weiter verwunderlich, dass ich regelmäßig Theaterträume habe. Oft treffe ich da auf Theaterschaffende und wir führen wunderbar kluge Gespräche. Na ja. Nur neulich hatte ich eine eher grauenvolle nächtliche Begegnung. Ich sollte einen Schauspieler zu den Spielplänen nach der Corona-Pause interviewen (Grübeln sinnlos, Sie kommen nicht drauf, wer es war!) und ob er in ihnen das Konzept des „guten Lebens“ erkennen könne. Nun gab sich der Schauspieler aber recht widerborstig: „Was denken Sie denn darüber?“ oder „Erzählen Sie selbst!“, sodass ich der peinlichen Situation entfloh, indem ich eine U-Bahn bestieg, die praktischerweise vorbeiraste.

Dabei war die Denkaufforderung vollkommen richtig: Was soll man als Kritikerin eigentlich von den Theaterplänen für die Spielzeit nach der Sommerpause halten? Eines fällt beim Scrollen durch die Premierenankündigungen jedenfalls auf: Es fühlt sich meistens so an, als hätte es die Pandemie, die die Theater zu gesellschaftlichen Sperrzonen machte, gar nicht gegeben. Bis auf ein freudentrunkenes „Wir spielen wieder!“ hier und da keinerlei Hinweis oder Gedanke auf die Zeit danach. Eher liest es sich so, als würden nun einfach die Premieren glücklich rausgeknallt, die sich in den letzten zwei Spielzeiten pandemiebedingt angestaut haben.

Schauen wir also im Herbst 2021 einfach nur das Theaterprogramm der uneingelösten Vergangenheit? Dabei war das Hauptargument gegen die Schließungen doch gewesen, dass Theater Orte der „gesellschaftlichen Selbstverständigung“ seien, die dabei helfen könnten, das Grauen der pandemischen Gegenwart zu verarbeiten. Davon kann ich in den angekündigten Romanverwurstungen und Klassikerverarbeitungen wenig erkennen. Und zu den vielen Corona-Dramen ist es auch nicht gekommen (bis auf Elfriede Jelineks Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!).

Ich halte jedoch das Gerufe vom Theater-ist-tot-lang-lebe-das-Theater der Bühnenhäuser für fahrlässig oder gefährlich oder auch beides. Denn ich glaube, dass das politische Bekenntnis für Kultur lange nicht so selbstverständlich ist, wie die Politik gemeinhin vorgibt. Dass die eigentliche Rechnung erst später kommt, war schon vielen während der Hilfsgelderschwemme klar. Und so wurden jetzt bereits in München deutliche Einsparungen in der Kultur angekündigt, ebenso am Staatstheater Mainz. Ich glaube, dass die Legitimation von Theater eine Zukunftsfrage von wachsender Bedeutung ist und dass sich die Spielstätten in ihren Inhalten und Strukturen transparenter werden zeigen müssen.

Deshalb war ich erleichtert, als mir auf der Seite vom Schauspielhaus Bochum ein großes „UNLOCK STATT LOCK-DOWN“ als Spielzeitmotto entgegentrat, darunter ein langer Text des Intendanten Johan Simons. Hier erzählt er, was für ihn jetzt im Theater Bedeutung hat, wie es sich verändert hat, was seine Wünsche für die Zukunft sind, mit welchen Themen er sich beschäftigt, wie sein internationales Ensemble angegriffen wird, wie sich der Lockdown also auch als geistige Verbarrikadierungshaltung manifestiert hat und warum Theater für ihn immer divers war und bleiben wird. Und als sei das alles noch nicht überzeugend genug, eröffnet das Haus im Herbst mit einem Stück, das den wunderbaren Titel Das neue Leben. Where do we go from here trägt, frei nach Dante, Meat Loaf und Britney Spears (!). Im Herbst geht es für mich zuerst nach Bochum.

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06:00 11.08.2021

Ausgabe 38/2021

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