Das gute Stück

Leben danach Der war so süß, der war erst vierundzwanzig und so süß, wir haben´s dann einfach gemacht. Ich habe nachher zu ihm gesagt, du hast doch auch gewusst, ...

Der war so süß, der war erst vierundzwanzig und so süß, wir haben´s dann einfach gemacht. Ich habe nachher zu ihm gesagt, du hast doch auch gewusst, was du da wolltest, als du unten dein Fahrrad angeschlossen hast, oder? Ich bin mit Tatütata ins Krankenhaus eingefahren, die Aufnahmeärztin hat mir nicht geglaubt. Ich wusste sofort, dass bei mir drin was Schlimmes passiert war, ich bin ja noch zu ihr rein gelaufen!

Vor zehn Jahren, nach der ersten OP, als ich wusste: Krebs, also Gebärmutterhalskrebs, habe ich gedacht: So, jetzt mache ich jeden Tag was für mich, jeden Tag, damit ich abends im Bett weiß, ich habe was Gutes für mich gemacht, irgendetwas, wo ich genau weiß, wenn ich jetzt abkratze, das war gut so. Ich war ja noch fit wie´n Turnschuh während der Bestrahlung. Nachts tanzen gewesen, morgens mit ´ner Fahne dahin, ich dachte einfach, das kann´s doch nicht gewesen sein. Also habe ich mir was gegönnt, immer wieder.

Der arme Junge, der wusste gar nicht, was los war. Beim Röntgen hat der Arzt dann gesagt, so jetzt geben wir Ihnen was, das tat so höllisch weh, naja, aufgewacht bin ich am nächsten Tag. Da hat sich die Aufnahmeärztin bei mir entschuldigt. Ich hatte doch nur noch fünf Zentimeter! Einfach ein bisschen zu wenig zum Vögeln.

Den Männern sage ich das vorher nicht. Die fragen meistens hinterher und sind dann ganz betroffen. Das ist schwer für die, eine unvollständige Frau! Ich sage dann, wieso, wolltest du gerade mir ein Kind machen?! Dann gucken sie blöd. Manche kommen dann auch nie wieder.

Also das ist zweimal passiert. Wir konnten´s nicht lassen. Dann hat meine Gynäkologin gesagt, das kann man operieren, plastische Chirurgie. Die OP musste ich bei der Krankenkasse anmelden. Die sagte, ja und warum? Ich sagte, na dann gucken Sie mal in meine Krankenakte. Da hat sie anstandslos alles unterschrieben. Ich war im Grunewald, in ´ner piekfeinen Klinik. Ich lag mit ´ner Transe in einem Zimmer, der haben sie den Schwanz abgeschnitten und umgestülpt wieder eingesetzt. Die war ganz neugierig, und ich habe ihr von mir erzählt, so von Frau zu Frau. Ich bekam eine richtig schöne neue Möse, und weil ich so jung war, haben die Männer da mir auch gleich anständige siebzehn Zentimeter gebaut. Die Haut dafür haben sie von hinten, vom Po genommen. Du kannst dir das gar nicht vorstellen, so viele Männer um mich rum! Ich konnte danach erstmal keinen Mann mehr bei mir vertragen. Und sitzen konnte ich auch nicht mehr. Die Oberärztin war in Ordnung, die hat mir bei Beate Uhse den Dildo gekauft. Denn die Haut muss anfangs immer gedehnt werden. Die hat auch gesagt, gehen Sie mal da in die Apotheke. Was glaubst du, wie die woanders geguckt haben, wenn ich mit meinem Rezept über dreißig medizinische Frommse und den Rest ankam!

Das dauert lange, bis das nicht mehr weh tut. Einer hat mal gedacht, Mann ist die Frau scharf. Ich habe mich so in seine Arme gekrallt, aber doch vor Schmerzen! Manchmal stehe ich vor dem Spiegel und sehe mich an. Meine Narbe ist so breit, die wollten sie zusammenziehen lassen, hat die Kasse nicht bewilligt. Naja, sieht sie eben so aus. Hinten am Po nun auch der große Fleck, wo sie die Haut weggenommen haben für drin, das heilt ja nicht so schnell. Naja. Und der Chefarzt hat dann gefragt, und? Hat denn das gute Stück schon die Probe aufs Exempel bestanden? Ja so reden die da.

Ich war ja noch so jung, vierundzwanzig, als ich operiert wurde wegen dem Tumor. Die Eierstöcke haben sie irgendwo hochgezogen, aber bei der Bestrahlung dann auch volle Pulle versaut. Was weiß man denn da. Wie das ist, dass die Kräfte nicht mehr reichen, dass ich nicht mehr eine Nacht durchmachen kann, essen gehen, saufen und hinterher - na du weißt schon, dass ich mich danach eine Woche erholen müsste! Habe ich alles erst nach und nach begriffen.

Nach der OP damals habe ich nicht mehr geweint. Erst voriges Jahr, als ich dahin bin in die Klinik im Grunewald. Da habe ich schon bei der Voruntersuchung immer gesagt, ich kann das nicht abstellen, das ist jetzt so, tut mir leid, da liefen die Tränen wie Bäche über mein Gesicht. In der Hochschule habe ich niemandem was gesagt. Nur drei meiner Freunde wussten, wo ich bin. Ich male jetzt manchmal so leere Figuren mit weißen Kitteln in meine Bilder.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 12.10.2001

Ausgabe 43/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare