Das Haus am Tschawtschawadse

Georgien Viktor und Marina oder: warum verliebt man sich in ein Land, das stets am Rande von Anarchie und Chaos lebt?

An Sonnentagen ist Viktor der erste, der das Haus verlässt. Noch wenn es dunkel ist, steht er am Küchenfester und wartet, bis die ersten Strahlen über die Dächer gekrochen kommen und die Allee Tschawtschawadse in Licht tauchen. Dann geht Viktor in den Hof und setzt sich auf das letzte Brett, das von der einstigen Holzbank blieb. Manchmal füttert er streunende Katzen. Manchmal sieht er hinter den vergitterten Fenstern des Erdgeschosses Marinas schwarzgefärbten Haarschopf. Manchmal hört er, wie sie morgens schon auf dem verstimmten Flügel spielt, ein paar Töne nur, dann schließt sie den Deckel wieder und poliert ihre Fingerabdrücke vom Holz.

Wie Viktor hat Marina eine kleine überdachte Veranda, auf der sie die Kartoffeln und den Wein aufbewahrt. Solange es warm ist, steht auch der Staubsauger dort. Lange lagerte eine uralte Waschmaschine, sie überlebte als Symbol jenes Wohlstands, auf den Marina stolz ist - sie verschwand, als eine neue Maschine ins Haus kam, die Marina neben die Toilette klemmte, auf deren Sitz man jetzt nur noch halb Platz nehmen konnte.

Marinas Schlafzimmer liegt gleich neben Viktors, seines ist Wohn- und Esszimmer zugleich, das Bett steht neben dem runden Tisch mit den vier Stühlen, das alte durchgesessene Sofa an der Wand, daneben der Schrank mit den Fotos von Viktors Tochter (die bei einem Autounfall starb), mit dem Tabak aus Kachetien und dem Cognac in Flaschen, die wie Säbel geformt sind und die Otari aus seiner Fabrik mitbringt. An der gegenüberliegenden Wand steht ein zweites Bett: Für Verwandte, für Verwandte von Verwandten, für Freunde von Freunden, Töchter, Söhne von Freunden von Freunden.

Wie sonst sollte man unterkommen in der Hauptstadt, mit Hotels, deren Luxus Ausländern vorbehalten bleibt und den wenigen Georgiern, von denen der Teufel weiß, wie sie zu ihrem Reichtum kamen. Nur die wohnen im neuen Hyatt am Rustaveli, an dessen Fassade Viktor einmal die Woche verächtlich vorbeischlurft, wenn er zum Parlament geht, um dort Verwünschungen gegen "Schewardnadse und seine verdammte Bande" zu flüstern. "Selbst wenn ich Geld hätte, würde ich in dem aufgeplusterten Hotel keine Nacht verbringen. Hast du das Kroppzeug gesehen, das da ein- und ausgeht? Hast du die Wagen gesehen, die vor der Tür halten?", sagt er zu Irakli, hustet den Schleim seiner Raucherlunge hoch und spuckt ihn verachtungsvoll in das Spülbecken seiner kleinen Küche, in die ein Tisch, Viktor und Irakli passen.

Einmal in der Woche, manchmal auch zweimal, kommt Irakli zu Besuch. Zwanzig Jahre lang haben sie zusammen auf alles getrunken, was ihnen das Leben bot: die Freiheit, die Heimat, die Liebe, den Schmerz, die Wut. Wenn ihnen kein Trinkspruch mehr einfiel, haben sie auf das letzte Brett der Holzbank im Hof getrunken. Dann starb Iraklis Frau. Und Irakli achtete die Trauerzeit. Achtete sie noch, als sie längst vorbei war. Seine Haare wurden schlohweiß, er lachte seltener mit Viktor und kannte keinen einzigen Trinkspruch mehr.

Das Haus am Tschawtschawadse ist ein graues heruntergekommenes Mietshaus mit einem schmutzigen Innenhof, in dem sich nur Tauben und magere Katzen gern aufhalten. Ein Haus ohne Bedeutung für andere. Auch ich würde es nicht schätzen, hätte ich nicht auf meinen Reisen bei Marina gewohnt und mit Viktor und seinen Freunden Wodka getrunken, bis uns das Sprechen schwer fiel.

In diesem Haus, das aussieht wie alle Mietsblöcke in Tiflis, achtet Marina peinlichst darauf, die zwei Sicherheitsschlösser an ihrer Tür zu verschließen, während Viktors Tür Tag und Nacht offen steht. Es gibt in seiner Wohnung nichts von Wert. Oft steckt jemand seinen Kopf durch die Tür, meist im Sommer und Frühherbst, wenn es warm ist, die Sonne durch Viktors verschmutzte Scheiben scheint und es genügend Obst und Gemüse gibt, um satt zu werden. Wenn die Reben reif sind und der Wein gärt, dann ist das Leben in Viktors Wohnung bunt und fröhlich, dann kann Viktor singen, tanzen und mit großer Geste Geschichten von früher erzählen. Im Winter aber, wenn Tiflis ohne Licht und Wärme bleibt, wird es auch um Viktor still. Irakli versinkt in Trübsinn, Marina kratzt jeden Lari zusammen, um ihre Tochter in New York besuchen zu können. Und Viktor hat kein Geld, um am Monatsende noch einzukaufen. Also liegt er den Tag über auf seinem Bett unter den alten Wolldecken und denkt an den Tod.

Ich reiste nach Georgien zum ersten Mal im Januar. Ich versuchte, keine Erwartungen zu haben. Die Bilder in meinem Kopf waren diffus. Was ich wusste, war nicht fundiert, ein paar Erinnerungen aus Schultagen. Georgien, das war die Kolchis, in die Jason mit seinen Argonauten fuhr, um das Goldene Vlies zu finden. Das war der Kasbek, an den die Götter den unglücklichen Prometheus banden, weil er den Menschen das Geheimnis des Feuers verriet. Vor Jahren hatte ich Tolstois Hadschi Murat gelesen und stellte mir Georgien seitdem als ein wild verträumtes Land vor, in dem raue Männer mit Bärten stets um Freiheit und Ehre kämpfen, die Frauen sich in Treue, bestenfalls im Reiten üben, und Hirten ihre Tiere durch schneebedeckte Täler treiben.

Ich war schon vorher in Länder gefahren, in denen ich meinte, eine Geografie für meine eigenen melancholischen Sehnsüchte zu finden, und war kindlich enttäuscht, wenn die soziale und politische Realität oder einfach nur die Art der Menschen es mir unmöglich machten, meine Träume zu bewahren.

Als ich zum ersten Mal nach Georgien kam, traf ich auf ein zerfallendes Land, an dessen Grenzen die Regionen wegbrachen, wie Stücke von der Schelfeiskante. Abchasien und Südossetien wollten mit Georgien nichts mehr zu tun haben, an der Schwarzmeerküste herrschte Aslan Abaschidse mit autokratischem Größenwahn über die touristischen Walfahrtsorte Georgiens. Korruption ließ die Wirtschaft erstarren, viele lebten am Rande des Existenzminimums, während sich Präsident Eduard Schewardnadse und seine Entourage kräftig bereicherten. Unter anderem am Geld, das aus Deutschland nach Georgien floss.

Die Zustände wurden im Laufe der Jahre nicht besser. In der Hauptstadt Tiflis mehrten sich die politisch oder einfach nur kriminell motivierten Anschläge und auch die nationalistischen Stimmen, die nach einer gewaltsamen Wiederaneignung der verlorenen Provinzen riefen. Die politischen Vernetzungen wurden undurchschaubarer, erst recht, als die Amerikaner und die Russen sich in einen nur scheinbar kalten Krieg um Macht und Einfluss im Kaukasus verstrickten.

Es gab plötzlich "Terroristen" im Pankisi-Tal, Kriegsgerüchte, Attentatsdrohungen, Verschwörungstheorien. Auch die Georgier wussten nicht mehr, wo Wahrheit endete und Propaganda begann. Mit Verbitterung stellten sie fest, lediglich Spielball größerer Interessen zu sein, Verschiebemasse im Poker um Öl und Land.

Dass mancher seine Finger in schmutzigen Waffendeals hatte und die jeweiligen Militärs und Regierungen je nach Gusto Geschäfte mit jenen machten, die sie eigentlich bekämpften, dass tschetschenische, abchasische und südossetische Rebellengruppen mal für diese, mal für jene Ziele eingesetzt wurden - das alles erschwerte es mit den Jahren immer mehr, eine Antwort darauf zu finden, warum es für das kaukasische Dilemma keine Lösung gab. Je mehr Fragen ich stellte, desto unentwirrbarer wurde das Knäuel aus Selbstmitleid, übersteigertem Nationalismus, politischer Manipulation, Banditentum, Bereicherung und Machtgier. Wo auch immer im Namen der Freiheit gekämpft wurde, war Freiheit nur selten noch das Ziel.

Doch stets, wenn ich meinte, mir ein vernichtendes Urteil darüber erlauben zu dürfen, beschämte mich der Mut, mit dem die Georgier einen Alltag meisterten, der die meisten Menschen in meinem Land in Jammerlappen verwandeln würde. Oft wurde ich dort mit Wärme überhäuft, wo die Not am größten war. Meine Zuneigung zu Georgien hat ihren Ursprung in dieser Gastfreundschaft. Auf jeder Reise wurde mir Hilfsbereitschaft zuteil, wurde ich gefüttert, mit Wein und Wodka bedient, in die richtigen Richtungen geschubst, mit Tee gewärmt, vor Öfen gesetzt, bemuttert, begurrt. Die meist reich gedeckten Festtafeln, das ständige Kommen neuer Gäste, für die lachend und freudig Platz gemacht wurde, die stundenlangen Mahle, bei denen Klatsch getauscht und Familiengeschichten erzählt wurden, erinnerten mich an die Feste meiner Kindheit: Kinder, die nie zu Bett geschickt wurden, die Lieder, die alle singen, wenn einer sein Instrument hervorholt - bis schließlich aus Müdigkeit, Wein und Stimmengewirr eine watteweiche Geborgenheit wird.

Auf der ersten Reise nach Georgien hatte ich so viele Leute kennen gelernt, dass mir der zweite Aufenthalt bereits wie eine Rückkehr zu Vertrautem erschien. So blieb es auch. Jedes Mal, wenn ich mitten in der Nacht ankam, mich müde ins Taxi warf und der Wagen dann endlich in die oftmals stockdunklen Straßen der Altstadt von Tiflis einbog, über die Schlaglöcher des ältesten Stadtteils Mejdan fuhr, schlug meine Herz schneller. Ich ahnte den Fluss Kura mehr, als ich ihn sehen konnte, bald darauf kam die in Flutlicht gehüllte Statue Wachtangs, des georgischen Staatsgründers, in den Blick, zuletzt fuhr ich über die Hauptstraße Rustaveli. Im Sommer ging dann gerade die Sonne auf.

In Deutschland zu erklären, warum man sich ausgerechnet in ein Land verliebt, das stets am Rande der Anarchie steht, ein Land voller Chaos und Konflikte, ist schwer. Die Nachrichten aus Georgien haben dafür gesorgt, dass es dort fast keinen Tourismus mehr gibt - dabei ist die Schönheit der Landschaft zum Niederknien. Neben dem Tragischen existiert in Georgien auch immer das Fröhliche, ganz Alltägliche. In langen durchredeten Nächten teilte ich die Sorgen und Träume meiner Gastgeber, erlebte ihre Freude über die Rosenrevolution vor einem Jahr und die Enttäuschung, als die Verhältnisse dennoch nicht besser wurden.

Ich habe Georgien bereist - und gestreift. Ich hatte stets den Vorteil, nach Hause fahren zu können - zurück in gesicherte Lebensverhältnisse, in Frieden und Überfluss. Doch Georgien hat mich mit jedem Besuch verändert. Wenn ich zurückkam nach Deutschland, war ich innerlich und äußerlich verwahrloster, mein Denken, mein Benehmen archaischer. Vor allem fühlte ich mich für eine Weile reicher, getragen von einer Wolke aus Freundschaft und Nähe.


Becher des Lebens

Wir heben ihn mit blinder Hand
Zum Mund, wir trinken, wähnen,
Von Wein sei feucht der goldene Rand -
Er ist benetzt mit Tränen.
Erst wenn der Tod den Schleier löst
Auf seiner stummen Runde;
Dann zeigt der Becher sich entblößt.
Der Blick dringt bis zum Grunde.
Wir sehn, dass im Gefäß nur Raum,
Nur Leere, pures Innen,
Befangensein in Wahn und Traum,
Nichts Eigenes, kein Entrinnen.

Michael Lermontow


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00:00 26.11.2004

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