Das Haus brennt

Neuland Shoshana Zuboff, die klarste Denkerin des Digitalen, analysiert den Überwachungskapitalismus
Das Haus brennt
Da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern

Foto: Leon Neal/Getty Images

Angela Merkels Satz „Das Internet ist für uns alle Neuland“ sorgte 2013 für Gelächter. Neuland? Nach 20 Jahren? Nun hatte die Netzgemeinde tagelang genug Stoff für Memes und Gags. So kreativ manche Pointen waren, zeugten sie doch allesamt von erstaunlicher Arroganz. Mehr oder weniger sagten sie: Wir haben das Internet verstanden (weil wir ganz viel twittern). Wer Shoshana Zuboffs gerade erschienenes, als Meisterwerk zu bezeichnendes Buch Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus gelesen hat, wird das bezweifeln und zugleich konstatieren müssen, dass der Satz der Kanzlerin nicht falsch, sondern auf bemerkenswerte Weise verdreht war. Denn eigentlich müsste es heißen: Wir alle sind für das Internet Neuland. Nicht wir kolonialisieren die digitale Welt, sie kolonialisiert uns – in Form des Überwachungskapitalismus, der uns kartografiert wie einen fremden Kontinent.

Immer wieder wird Zuboff den Bezug zu den amerikanischen Ureinwohnern ziehen, die mit ahnungsloser Neugier die Europäer als Gäste begrüßten, ohne zu ahnen, dass sie bald Opfer eines Ethnozids werden würden. Sie konnten sich nicht vorstellen, was die Ankunft des weißen Mannes bedeutet, weil sie beispiellos war. So wie auch der Überwachungskapitalismus nicht einfach eine konsequente Weiterentwicklung von Technik und Kapitalismus ist, sondern etwas radikal Neues.

„Der Überwachungskapitalismus beansprucht einseitig menschliche Erfahrung als Rohstoff zur Umwandlung in Verhaltensdaten. Ein Teil dieser Daten dient der Verbesserung von Produkten und Diensten, den Rest erklärt man zu proprietärem Verhaltensüberschuss, aus dem man mithilfe fortgeschrittener Fabrikationsprozesse, die wir unter der Bezeichnung ‚Maschinen- oder künstliche Intelligenz‘ zusammenfassen, Vorhersageprodukte fertigt, die erahnen, was sie jetzt, in Kürze oder irgendwann tun.“ Etabliert wurde diese neue Form des Kapitalismus von Google – bis heute steht der Konzern an der Spitze dieser Transformation.

Die Chefs von Google erkannten, dass sie mit den Daten ihrer Nutzer nicht nur die Suchmaschine optimieren können, sondern dass sie mehr Daten gesammelt hatten, als sie eigentlich benötigten. Gerade durch die diversen anderen Dienste, durch das Scannen von E-Mail-Inhalten, später durch Youtube, das Google 2006 aufkaufte, produzierten die Nutzer für Google einen Verhaltensüberschuss. Diese Daten waren und sind für Googles Erfolg entscheidend, weil sich durch sie analysieren lässt, was der Nutzer als Nächstes denken, kaufen und wählen wird. Werbekunden, Versicherungen oder politischen Parteien kann Google damit Vorhersageprodukte verkaufen, die den Menschen berechenbar und manipulierbar machen. So zeigt Zuboff, wie rege der personelle wie gedankliche Austausch zwischen der Obama-Administration und den Google-Entwicklern war.

Gläserne Biene

„Die Entdeckung des Verhaltensüberschusses markierte einen kritischen Wendepunkt nicht nur in Googles eigener Biografie, sondern auch in der Geschichte des Kapitalismus.“ Diesem Überschuss jagen nun Konzerne und Unternehmen – außer Apple, weil man dort an der Idee des geschlossenen Systems festhält – weltweit hinterher, rufen ihn mit immer neuen Apps oder Geräten hervor, weshalb das „Internet der Dinge“ tatsächlich das neue große Ding ist. Die Datenproduktion und -akkumulation steht erst am Anfang.

In Zukunft kann „jeder physische Raum und jede Spur von Verhalten in diesem Raum – summende Bienen, Ihr Lächeln, die Temperaturschwankungen in meinem Kleiderschrank, der Wind in den Bäumen, eine Unterhaltung – informatisiert“ werden. In China denkt man den „Trend, Gesellschaft durch Gewissheit zu ersetzen“, mit dem „Social-Credit-System“ bereits konsequent weiter.

Shoshana Zuboff ist gegenwärtig die klügste und weitsichtigste Denkerin des Digitalen. Wenn sie an manchen Stellen Anekdoten einstreut, dann tut sie das nicht, um zu unterhalten. Eines Tages, so lautet eine dieser Anekdoten, schlug ein Blitz in Zuboffs Haus ein, es begann zu brennen. Während ihre Familie nach draußen floh, versuchte Zuboff noch Fotoalben zu retten und, damit sich das Feuer nicht weiter ausbreitet, Zimmertüren zu schließen, bis sie ein Feuerwehrmann zu fassen bekam und sie aus dem Haus zerrte. Im nächsten Moment ging das Haus explosionsartig in Flammen auf: Zuboff hatte sich vorstellen können, was der Rauch in den Zimmern anrichten würde, aber nicht, dass das Haus völlig verschwinden würde. Das von den Flammen verschlungene Haus ist der alte Kapitalismus, den Zuboff, die bereits vor 30 Jahren über smarte Maschinen schrieb, noch immer im Silicon Valley suchte, bis sie verstand, dass ihn der Überwachungskapitalismus abgelöst hat.

Derzeit wird ebenso gern wie hilflos debattiert, wie man Schüler auf die Digitalisierung vorbereitet. Bildungsferne Bildungspolitiker träumen von möglichst vielen Tablets im Klassenraum – eben wie im Bundestag, wo man wohl auch schon lange kein Buch mehr gesehen hat.

Dabei könnte Digitalisierungsunterricht einfach sein und würde pro Schüler lediglich 29,95 € kosten: Jede 10. Klasse liest ein Jahr lang Zuboffs Buch. Die Schüler bekämen so auf 700 Seiten nicht nur eine spannende Wirtschafts- und Technikgeschichte geliefert, sondern es würde sich auch ein kritisches Bewusstsein herausbilden. Eine praxisnahe Demokratieschulung. Denn was nützt es, wenn Schüler zwar wissen, wie der Bundestag gewählt wird, der aber längst durch den Überwachungskapitalismus seiner Souveränität beraubt wurde?

Info

Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus Shoshana Zuboff Campus 2018, 727 S., 29,95 €

06:00 19.12.2018

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