Das Haus der Chestnuts

Leseprobe Von der Veranda ihres Wellblechhauses aus beobachtet eine amerikanische Familie wie aus weiter Ferne den Zerfall ihres Landes

Hundert Fuß abseits vom westlichen Flussufer lebten die Chestnuts in einem Wellblechcontainer, einem Beutestück vom Werftgelände nicht weit ab. Keilförmige Stahlplatten, wiederum in Betonblöcke im Erdboden eingegossen, dienten dem Haus als Fundament. Brauner Rost breitete sich langsam von den Kanten her aus, vorangetrieben von der ewigen Feuchtigkeit. Ein Spalier aus altmodischen Sonnenkollektoren bedeckte das ganze Dach bis auf eine Ecke, in der sie in einem Tank Regenwasser sammelten. Bei den Kollektoren lag eine wasserfeste Plane. Wenn ein Unwetter kam, spannten sie die Plane über das Dach, mit Seilen an allen vier Enden, die sie an Haken festzurrten. Sie lenkten das Wasser von den Zellen in den Tank oder ließen es, wenn der Tank voll war, auf den Boden und zum Fluss weiter unten abfließen, und so bekamen sie Trinkwasser und schützten zugleich ihr Zuhause vor Rost und Verfall.

In manchen Winterstürmen suchte die ganze Familie Zuflucht auf der Veranda; das Vordach hing durch, es tropfte, aber es ersparte ihnen den unerträglichen Lärm, der bei schwerem Regen im Inneren des Containers dröhnte wie die Steeldrums bei einem Calypso.

Im Sommer, wenn im Haus Temperaturen wie in einem Schmelzofen herrschten, verbrachten sie die meiste Zeit draußen. Diese lange, sengende Sommerzeit, die von März bis Mitte Dezember anhielt, war für Sarat, ihre Zwillingsschwester Dana und ihren älteren Bruder Simon die glücklichste Zeit ihrer Kindheit. Die Kinder, von den Eltern aus der Ferne im Auge behalten, holten mit Eimern Wasser aus dem Fluss und begossen ein Stück Ufer so lange, bis sie eine Rutsche hatten. Ganze Nachmittage und Abende brachten sie so zu: Die Kinder glitschten den Abhang hinunter ins Wasser und kletterten dann an einem mit Knoten versehenen Seil wieder nach oben; bei der Abfahrt quietschten sie vor Vergnügen, und ihre Hinterteile gruben tiefe Furchen in den Schlamm.

In einem Verschlag hinter dem Haus hielten sie ein paar halb verhungerte Hühner. Die Hühner machten viel Lärm, liefen aufgeregt hin und her, die Federn waren schmutzig und braun. Wenn sie gefüttert wurden und es nicht zu heiß war, legten sie Eier. Zu anderen Zeiten, am Rande der Revolte oder des Hungertods, schlachtete man sie lieber, die Köpfe zwischen zwei Nägel auf einem Baumstumpf geklemmt.

Zur Person

Omar El Akkad war Kind, als seine Eltern Ägypten verließen und nach Kanada auswanderten. Der Journalist reist rund um die Welt, um über den Krieg in Afghanistan, die Prozesse in Guantanamo, die „Black Lives Matter“-Bewegung in Ferguson zu berichten. Omar El Akkad lebt mit seiner Familie in Portland, Oregon. American War ist sein erster Roman.

Foto: Kateshia Pendergrass

Der Container war mit Stellwänden unterteilt. Benjamin und Martina Chestnut lebten im hintersten Teil des Hauses. Der neunjährige Simon und die Zwillinge, sechs Jahre alt, teilten sich das mittlere Drittel, ein Burgfrieden, der von Tag zu Tag brüchiger wurde.

Im letzten Drittel des Hauses gab es einen Küchentisch aus sandfarbenen Latten, schmierig und schartig geworden durch langen und intensiven Gebrauch. Daneben stand ein Vorratsschrank aus Kiefernholz, und darin gab es Süßkartoffeln, Reis, Tüten mit Kartoffelchips und süßen Frühstücksflocken, Pekannüsse, Mehl sowie gemahlene Hirse vom Feld zwischen dem Haus der Chestnuts und ihrem nächsten Nachbarn. Ein kleiner Kühlschrank, der den Sonnenkollektoren schwer zu schaffen machte, enthielt Milch und Butter sowie Dosen mit Vorkriegs-Cola.

An der Haustür hielt eine Statue aus Benjamins Kindertagen Wacht. Es war eine Keramikfigur der Jungfrau von Guadalupe, die Hände aneinandergelegt und den Kopf gesenkt im Gebet. Eine Girlande aus gelben Mädchenaugen- und weißen Irisblüten war ihr zu Füßen gelegt, und dort stand auch der Stumpf einer Kerze mit Magnolienduft. Wenn die Blumen verwelkt waren, wurden die Kinder losgeschickt, um bei den Feldern frische zu suchen.

Der Liebling ihres Vaters

Nun hüpfte Sarat an dieser Statue vorüber, auf der Suche nach ihrer Schwester. Sie fand sie im hinteren Teil des Hauses, wo sie auf dem Bett ihrer Eltern stand und mit stählerner Konzentration ihr Bild im ovalen Schminkspiegel betrachtete. Sie hatte eins der Hauskleider ihrer Mutter genommen, einen einfachen ärmellosen Kittel, immer noch lila, obwohl unzählige Male gewaschen. Das kleine Mädchen steckte in der oberen Hälfte des Kleides, die ihm bis zu den Knöcheln reichte; der Rest hing einfach vom Bett herab bis zum Boden. Sie hatte, und zwar entschieden zu großzügig, den kirschroten Lippenstift ihrer Mutter aufgelegt – das wertvollste Stück unter den wenigen und nur selten benutzten Schminksachen der Mutter. Auch wenn sie sich noch so viel Mühe gegeben hatte, hatte Dana den Konturen ihrer kleinen rosa Lippen nicht folgen können und sah nun aus, als hätte sie sich gerade mit beiden Händen Erdbeertorte in den Mund gestopft.

»Komm spielen«, sagte Sarat, in Verlegenheit gebracht durch das, was ihre Zwillingsschwester dort tat. Ärgerlich drehte Dana sich zu ihrer Schwester um. »Ich bin beschäftigt «, sagte sie.

»Aber mir ist langweilig.«

»Ich bin jetzt eine Dame!«

Dana wandte sich wieder dem Spiegel zu, versuchte, mit dem Handrücken ein wenig von dem Lippenstift fortzuwischen.

»Mama sagt, wir müssen jetzt mit Daddy frühstücken.«

»Okay. Ooookay«, sagte Dana. »Man hat aber auch keinen Augenblick Ruhe in diesem Haus«, fügte sie noch hinzu, ein Satz, den sie von ihrer Mutter aufgeschnappt hatte. Sarat war die Zweitgeborene, fünfeinhalb Minuten später zur Welt gekommen als ihre Schwester. Und auch wenn ihre Eltern ihr gesagt hatten, sie und Dana seien beide Fleisch vom selben Fleische, war Dana der Liebling ihres Vaters, des Vaters mit dem unbekümmerten Humor und dem ehrlichen Lächeln.

Sarat kam auf ihre Mutter: verbissen, hart und furchtlos. Sie waren Zwillinge, aber sie waren einander nicht ähnlich. Oft hörte Sarat, wie ihre Mutter sie »einen Racker« nannte. Gott hat mir zwei Kinder auf einmal gegeben, sagte sie, aber nur Mädchen genug für eine.

(…)

Nord und Süd

Der Zweite Amerikanische Bürgerkrieg fand zwischen 2074 und 2095 statt. Kriegsparteien waren die Union einerseits und die sezessionistischen Staaten Mississippi, Alabama, Georgia und South Carolina andererseits Haupt-kriegsgrund war der Widerstand des Südens gegen das Gesetz für eine nachhaltige Zukunft, das die Verwendung fossiler Brennstoffe in den gesamten USA untersagte.

Das Gesetz war eine Reaktion auf jahrzehntelange Klimaschädigungen, auf die nachlassende wirtschaftliche Bedeutung fossiler Brennstoffe sowie auf das verheerende Unglück eines Öltransportzuges in North Dakota im Jahre 2069. Zu den Ereignissen, die zum Kriege führten, gehörten die Ermordung von Präsident Ki durch die sezessionistische Selbstmordattentäterin Julia Templestowe in Jackson, Mississippi, Im Dezember 2073, sowie der Tod von Demonstranten aus dem Süden durch Gewehrschüsse vor der Militärbasis Fort Jackson, South Carolina, im März 2074. Die sezessionistischen Staaten erklärten sich am 1. Oktober 2074 für unabhängig, und dieses Datum wird oft als eigentlicher Kriegsbeginn genannt. In den ersten fünf Kriegsjahren konnte die Union eine Reihe entscheidender militärischer Erfolge für sich verbuchen – danach kam es kaum noch zu Kampfhandlungen. Nach langwierigen Verhandlungen wurde ein Friedensvertrag weitestgehend zugunsten der Union geschlossen, und der Krieg sollte in aller Form mit den Feiern zum Vereinigungstag am 3. Juli 2095 in Columbus, Ohio, beendet werden.

An diesem Tag gelang es einem sezessionistischen Terroristen, durch die Grenzsperren in das Territorium der Nordstaaten zu schlüpfen und einen biologischen Wirkstoff freizusetzen, der eine landesweite Epidemie auslöste. Die Auswirkungen dieser Seuche, die Schätzungen zufolge 110 Millionen Men-schenleben forderte, lähmten das Land noch ein weiteres Jahrzehnt lang. Der Terrorist konnte bis heute nicht identifiziert werden.

Draußen bereitete Martina das Frühstück auf einem schweren Holzofen. Auf Tellern und in Schüsseln richtete sie Brötchen und Hirsemüsli und Spiegeleier und falschen Pfefferspeck an, braun gebraten in seinem eigenen Fett. An den schlaffen Wangen, den dunklen Ringen um die Augen sah man Martina ihre neununddreißig Jahre deutlich an – mehr als man es im Gesicht ihres Mannes sah, obwohl der fünf Jahre älter war als sie und die beiden schon ihr halbes Leben zusammen waren. Sie war füllig um die Taille, aber nicht dick, ihr Körper hatte jene Art von Robustheit, die ein Leben auf dem Lande mit sich bringt und mit der sie, wenn notwendig, schwere Lasten tragen und lange Strecken gehen konnte. Anders als ihr Mann, der als Kind illegal aus Mexiko ins Land gekommen war, damals, als der Migrantenstrom noch Richtung Norden ging, war sie keine Einwanderin. Sie war da, wo sie lebte, geboren.

»Frühstück!«, rief Martina und wischte sich mit einem zerlumpten Geschirrtuch den Schweiß von der Stirn. »Alle herkommen, und zwar sofort. Ich sage es nicht noch einmal.«

Benjamin kam, frisch rasiert und geduscht, aus dem Waschhäuschen hinter dem Haus.

»Beeil dich, iss etwas, bevor er hier ist«, drängte Martina.

»Ja doch, immer mit der Ruhe«, entgegnete ihr Mann.

»Hast du ihn schon je pünktlich erlebt?«

»Wo ist deine gute Krawatte?«

»Es ist doch kein Vorstellungsgespräch, es geht nur um eine Arbeitserlaubnis.

Ich gehe nur ins Büro einer Behörde; nicht anders, als wenn ich zur Post ginge.«

»Wann haben sich zum letzten Mal Leute gegenseitig umgebracht, um etwas von der Post zu bekommen?«

Benjamin setzte sich an den Tisch im Freien. Er war ein hagerer Mann mit einem hageren Gesicht; die beinahe zusammengewachsenen Augenbrauen bildeten die Basis für eine glatte, hohe Stirn, die umso höher wirkte, weil er zu den Schläfen hin schon ein wenig kahl wurde. Er war stets glatt rasiert, bis auf ein schmales schwarzes Schnurrbärtchen, von dem seine Frau sich immer vorstellte, Leute könnten ihn deswegen für unseriös halten.

Er küsste Sarat auf die Stirn, und als er seine andere Tochter sah, das Gesicht vom Lippenstift verschmiert, küsste er sie auch.

»Deine Mädchen sind schon wieder ungezogen gewesen«, sagte Martina. »Die lernen keine Manieren, sie tun nie, was man ihnen sagt.«

Benjamin sah Dana mit gespielter Empörung an und schüttelte den Kopf, dann beugte er sich vor und flüsterte ihr ins Ohr. »Ich finde, du siehst gut damit aus.«

»Danke, Daddy«, flüsterte Dana zurück.

Alle versammelten sich um den Tisch. Martina rief nach Simon, und bald kam auch er um die Verandaecke und brachte das eben abgesägte Unterende der zehnsprossigen Leiter mit.

Als er sah, was für ein Gesicht seine Mutter machte, ging er sofort in die Verteidigung: »Dad wollte, dass ich das mache.«

Martina sah ihren Mann an, der unbekümmert seinen Speck aß und den sauren Kaffee trank, in dem die Körnchen noch schwebten. Es war grässliches Zeug aus Militärrationen, nur dazu da, dass die Soldaten nicht einschliefen.

»Sieh mich nicht so an«, sagte Benjamin. »Smith braucht eine Leiter. Er will neue Schindeln aufs Dach tun; die alten sind schon ganz morsch.«

»Und da gibst du ihm die Hälfte von unserer?«

»Ist doch nur fair. Schließlich ist er derjenige, der den Mann im Büro für die Arbeitsgenehmigungen kennt. Ohne ihn könnten wir genauso gut versuchen, uns den Weg über die Grenze freizuschießen.«

»Der hat Geld wie Heu, er kann sich tausend Leitern kaufen«, schimpfte Martina. »Du hast doch gesagt, er will uns einen Gefallen tun.«

Benjamin lachte. »Eine Arbeitserlaubnis für die Nordstaaten im Tausch gegen eine halbe Leiter, das ist immer noch ein Gefallen.«

(…)

Sie aßen alle miteinander. Benjamin, sein Leben lang spindeldürr, verschlang seine Eier und Speck mit sichtlichem Vergnügen. Sein Sohn sah zu, merkte sich jede kleinste Bewegung seines Vaters, schrieb es in ein ehernes Lehrbuch, aus dem er studierte, was es hieß, ein Mann zu sein. Bald hatte auch der Junge seinen Teller mit dem Brot sauber gewischt.

(…)

Martina betrachtete ihren Mann, die Augen reglos und still, ein Blick, der ihren Kindern streng vorkam, von dem aber ihr Mann wusste, dass er einfach ihr ganz normaler Ausdruck war.

Schließlich sagte sie: »Erzähl ihnen nichts über deine Arbeit für den Freien Süden.«

»Das ist kein Geheimnis«, entgegnete Benjamin. »Die wissen genau, dass jeder hier in der Gegend irgendwann mal für den Freien Süden gearbeitet hat. Das heißt ja nicht automatisch, dass ich zur Flinte gegriffen habe.«

»Aber du musst es ihnen nicht ausdrücklich sagen. Wenn du es ihnen sagst, dann müssen sie ein Kästchen auf dem Formular ankreuzen und nehmen dich mit nach nebenan und stellen dir alle möglichen Fragen. Und am Ende bekommst du keine Erlaubnis, aus Sicherheitsgründen oder wie es dann heißt. Sag, du arbeitest in der Näherei, das ist ja nicht gelogen.«

»Mach dir doch nicht dauernd so viele Sorgen«, sagte Benjamin, lehnte sich auf seiner Bank zurück und zupfte an Fleischresten zwischen den Zähnen. »Wir kriegen unsere Erlaubnis schon. Der Norden braucht Arbeiter, und wir brauchen Arbeit.«

Simon fragte: »Wieso müssen wir überhaupt in den Norden? Wir kennen doch niemanden da.«

»Da oben gibt’s Arbeit«, erklärte ihm seine Mutter. »Da gibt es Schulen. Du klagst doch immer, dass du kein Spielzeug hast und keine Freunde. Da oben gibt’s jede Menge davon.«

»Connor sagt, nur Verräter gehen in den Norden. Er sagt, die soll man aufhängen.«

Sarat hörte aufmerksam zu und merkte sich dieses seltsame neue Wort. Verräter. Es hörte sich fremdartig an. Ausländer womöglich.

»Rede kein solches Zeug«, sagte Martina. »Willst du deiner Mutter glauben oder einem zehnjährigen Jungen?«

Simon starrte auf seinen Teller und murmelte: »Connor hat das von seinem Dad.«

Das Frühstück war gegessen, und sie zogen sich alle auf die Veranda zurück. Martina setzte sich auf die Treppenstufen und wischte ihrer Tochter mit einem nassen Spültuch den Lippenstift aus dem Gesicht; das Mädchen wand sich und quengelte. Simon schmirgelte mit einem Sandpapierblock die Enden der halben Leiter glatt, stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht darauf, bis sein Vater ihm zeigte, wie es auch mit weniger Anstrengung ging.

Sarat kehrte an den Ort ihres morgendlichen Experimentes zurück, pikte in den schon fester gewordenen Honig in den Astlöchern, bestaunte die Zähflüssigkeit dieser goldgelben Masse. (…) Benjamin saß auf einem Korbstuhl, dessen Lehne sich schon auflöste. Er blickte hinaus auf den braunen, verödeten Fluss und wartete auf die Ankunft seines Gönners.

»Weißt du, was du den Leuten sagen willst, da auf dem Amt?«, fragte Martina. »Hast du dir das überlegt?«

»Ich gebe ihnen Antwort auf ihre Fragen.«

»Hast du alle Papiere beisammen?«

»Ich habe alle Papiere beisammen.«

Martina schüttelte den Kopf und spähte nun selbst hinaus, forschte nach Anzeichen eines Bootes. »Wahrscheinlich sind überhaupt keine Genehmigungen zu haben«, sagte sie. »Wahrscheinlich machen sie es genauso wie immer und schicken uns wieder weg. So machen sie es doch jedes Mal, denen sind alle hier im Süden scheißegal. Für die sind wir keine Menschen, nicht mal Tiere; als ob wir irgendwas vollkommen anderes wären. Die schicken dich einfach zurück, das weiß ich.«

Benjamin zuckte mit den Schultern. »Soll ich nun hingehen oder nicht?«

»Natürlich sollst du hingehen.«

Als sie den Lippenstift abgewischt hatte, machte Martina sich daran, Dana das Haar zu flechten. Es wuchs in langen, glatten Strähnen von tiefstem Schwarz, ganz anders als das von Sarat, das zwar die gleiche Farbe hatte, aber widerspenstig war und gegen die feuchte Luft mit wirren Kräuseln revoltierte.

»Mädels, wollt ihr wissen, was das Beste am Norden ist?«, fragte sie.

»Was?«, fragte Sarat zurück.

»Ihr wisst ja, manchmal ist es im Sommer hier so heiß, dass man es wirklich nicht aushalten kann. Man wacht nachts auf, und die Bettlaken sind nass vom Schweiß.«

»Widerlich«, sagte Dana.

»Also, wenn ihr weit genug nach Norden kommt, dann wird es niemals so heiß. Und wenn ihr in den hohen Norden kommt, dann fällt im Winter kein Regen vom Himmel – dann kommen kleine Eiskügelchen, und sie bleiben überall auf dem Boden liegen, bis man am Ende die Straßen gar nicht mehr sieht, und das Wasser in den Flüssen wird so kalt, dass es hart wird wie Stein, und ihr könnt darauf gehen.«

»So ein Blödsinn«, sagte Dana. Für ihre Begriffe konnte das nur wieder eine von den großartigen Märchengeschichten sein, die ihre Eltern sich ausdachten, die Flüsse, die fest wurden, und das Eis, das vom Himmel fiel, waren genau so etwas wie die Fische mit den großen Schnurrbärten, die angeblich früher überall im leblosen Mississippi geschwommen waren, als er noch einfach nur ein Fluss war, oder die Eidechsen aus uralten Zeiten, die in der Wüste im Westen in der Erde begraben lagen und deren Überreste einmal die ganze Welt mit Kraft versorgt hatten. Dana glaubte solche Geschichten nie. Aber Sarat, die schon. Sarat glaubte jedes Wort davon.

»Doch, es ist wirklich so«, versicherte ihr Martina. »Kühl im Sommer, kühl im Winter. Gemäßigt nennt man das. Und dort herrscht auch Sicherheit. Kinder spielen bis spätabends auf der Straße; da werdet ihr gleich am ersten Tag Freunde finden.«

(...)

Es war später Vormittag, und Benjamins Kumpel war noch immer nicht aufgetaucht. Bald glaubte Martina, dass er ihren Mann vergessen hatte. Oder vielleicht hatten sie ihn in seinem alten Boot mit Benzinmotor doch erwischt und ins Gefängnis gesteckt. Es stimmte zwar, dass die Staaten rings um das Rebellenland der Roten – ein Schutzgürtel bestehend aus Louisiana, Arkanas, Tennessee und North Carolina – große Sympathien für die Sache der Freien Südstaaten hatten. Aber diese Staaten, obwohl selbst deren Bewohner eine Genehmigung brauchten, wenn sie in den Norden ins Herzland der Blauen ziehen wollten, gehörten doch zur Union, und ein Mann, der dort mit fossilen Brennstoffen erwischt wurde, galt als Gesetzesbrecher, genau wie im Norden auch. Ihr ging durch den Kopf, wie viel leichter es für alle wäre, wenn man all diesen Möchtegern-Kleinstaaten einfach erlauben würde, sich von der Union zu lösen, ihre eigenen Miniaturnationen entlang der Bruchlinien des Lokalpatriotismus zu bilden, der Verwerfungen des Glaubens oder der Hautfarbe oder der Ideologie. Dass es schon immer Risse gegeben hatte, wussten alle: Im Nordwesten drohten sie ständig mit der Abspaltung des stolzen, pazifistischen Kaskadien; südlich davon waren schon große Teile von Kalifornien, Nevada, Arizona und Westtexas mehr oder weniger unter Kontrolle der mexikanischen Armee, und die Landkarte dieser Gegend würde bald wieder so aussehen, wie sie vor Hunderten von Jahren ausgesehen hatte. Im Mittelwesten herrschte unter den Alteingesessenen ein kaum verhohlener Groll gegen die Abermillionen von Neuankömmlingen aus den Küstenregionen, die sich in den mittleren Landesteilen breitgemacht hatten, auf ihrer Flucht vor dem steigenden Meeresspiegel und den schweren Stürmen.

Und hier im Süden hatte sich eine ganze Region für einen neuen Krieg entschieden, wollte lieber die Trennung von der Union, als auf jenen verbotenen Brennstoff zu verzichten, der so viel Unglück über das Land gebracht hatte.

Manchmal kam es Martina vor, als habe es einen gemeinsamen Staat nie gegeben; vor langer Zeit hatten Leute, willkürlich oder weil sie sich einen Vorteil davon versprachen, Grenzen auf einer Landkarte gezogen, auf der es vorher keine gegeben hatte, und dabei ein großes Land geschaffen, das aus vielen verschiedenen, einzelnen bestand. Wie schlimm wäre es denn, fragte sie sich, wenn die Bundesregierung in Columbus einfach damit aufhörte, so viel Geld und Blut zu opfern, um den zerrissenen Kontinent zusammenzuhalten?

Geschundene Erde

Sollten die Südstaatler doch ihr altmodisches Benzin behalten, dachte sie, bis sie auch den allerletzten Tropfen Öl aus der geschundenen Erde geholt hatten.

Martina blickte hinaus auf den Fluss und wartete auf das Boot. Sie sah Sarat am Wasser, wo sie nach einem alten Garnelennetz schaute, das vor ein paar Wochen angespült worden war; die Kinder hatten damit eine Sperre gebaut, mit der sie Treibgut auffingen. Das Netz hatte ihnen schon die seltsamsten Schätze beschert: ein eisernes Kreuz, die Kopfstütze eines Frisierstuhls, ein laminiertes Bild von einer schon lange geschlossenen Leprakolonie, ein kleines Schild, auf dem »Bitte keine Unflätigkeiten in der Kantine« stand.

Sarat inspizierte die durchweichten Seiten eines Buchs, das im Netz hängengeblieben war. Das Buch hieß Die Welt im Wandel. Auf dem Umschlag war ein großer blauer Berg aus Eis zu sehen, der im Wasser schwamm. Vorsichtig blätterte sie, löste die Seiten voneinander. In dem Buch gab es Landkarten der Erde, von früher und von heute. Die neuen sahen wie die alten aus, nur dass am Rand die Kanten der Länder abgeschnitten waren – ganze Inseln waren verschwunden, die Küsten näher an die Mitte der Kontinente gerückt. Auf den alten Karten sah Amerika größer aus. Sie spürte einen Schatten. Simon, ihr Bruder, stand hinter ihr. »Was hast du da?«, fragte er und griff nach dem Buch.

»Das geht dich nichts an«, antwortete Sarat. »Ich hab’s gefunden. « Sie riss das Buch wieder an sich und sprang auf, bereit, darum zu kämpfen, wenn es sein musste.

»Ja und wenn«, sagte Simon. »Ich will’s gar nicht haben. Ist doch nur ein blödes Buch.« Aber sie sah, wie er die aufgeschlagene Seite inspizierte.

»Weißt du überhaupt, was das ist?«, fragte er.

»Das sind Landkarten«, sagte Sarat. »Ich weiß, was Landkarten sind.« Simon zeigte auf eine Stelle unten auf der Karte, wo das blaue Wasser im Begriff schien, ein paar dünne Streifen Land am Südrand des Kontinents zu verschlingen.

»Da sind wir, Dummchen«, sagte er. »Hier wohnen wir.«

Sarat sah sich die Stelle an, auf die Simon zeigte. Es schien etwas ganz Abstraktes, sah überhaupt nicht wie ihr Zuhause aus.

»Siehst du das ganze Wasser hier?«, fragte Simon. »Früher war das alles Land, und jetzt ist es nicht mehr da.« Er zeigte hinter sich in Richtung Haus. »Und eines Tages wird das auch alles Wasser sein. Dann müssen wir hier weg, sonst ertrinken wir.«

Sarat sah den Anflug von Grinsen auf dem Gesicht ihres Bruders und wusste genau, dass er versuchte, ihr Angst zu machen. Sie fragte sich, warum er wohl so versessen auf solche Tricks war, warum er immer wieder versuchte, Sachen zu sagen, auf die sie mit Schrecken oder mit einer Dummheit reagieren sollte. Er war fast drei Jahre älter als sie und außerdem ein Junge – eine ganz andere Lebensform. (…) Und außerdem wusste sie, dass er log. Das Wasser würde niemals ihr Zuhause verschlucken. Vielleicht den Rest von Louisiana, vielleicht sogar den Rest der Welt, aber niemals ihr Zuhause. Ihr Haus würde auf dem Trockenen bleiben, weil das schon immer so gewesen war.

(...)

Am späten Vormittag tauchte Alder Smith, Benjamins Kumpel, endlich auf. Vier Stunden später als angekündigt. Das hölzerne Fischerboot schaukelte sanft auf seiner Bugwelle, und der Außenborder gurgelte und spuckte Qualm. Es war ein uraltes Ding, aber immer noch schneller und beweglicher als die Sea-Toks, die mit ihrem schwachen Solarantrieb kaum gegen die Strömung ankamen.

Es hieß etwas, wenn man ein Fahrzeug hatte, das noch mit dem verbotenen Brennstoff lief, es war ein Zeichen nicht nur von Wohlstand, sondern auch davon, dass man Verbindungen hatte, dass man etwas galt.

»Morgen«, rief Smith, als er das Boot an den Landungssteg der Chestnuts manövrierte und eine Nylonschlaufe über den Poller warf. (…)

»Morgen«, erwiderte Martina. »Komm rauf, wir haben noch Sandwiches übrig, Kaffee auch.«

»Danke dir herzlich, aber wir sind schon spät dran. Auf geht’s, Ben. Die Blauen warten nicht gerne.«

Benjamin küsste seine Frau und seine Kinder zum Abschied und ging nach drinnen und küsste die Füße der Madonnenfigur. Vorsichtig stieg er zum Fluss hinunter, damit er auf dem Lehmboden nicht ausrutschte und seine gute Hose schmutzig machte. In den Händen hielt er eine alte lederne Aktenmappe und die halbe Leiter. Seine Frau schaute von der Uferkante her zu.

»Lasst das Boot auf der Südseite und geht zu Fuß in die Stadt«, schärfte sie den Männern ein. »Passt auf, dass nicht irgendwelche Beamten das Boot sehen.«

Smith lachte und startete den Motor. »Keine Sorge«, sagte er. »Nächste Woche um diese Zeit seid ihr schon auf halbem Weg nach Chicago.«

»Aber passt auf«, sagte Martina. »Seht euch vor, meine ich.«

Die zwei Männer stießen das Boot vom Ufer ab und drehten es mit der Nase in Richtung Norden, nach Baton Rouge hin. Unter grollenden Tönen strebte ihr Gefährt dem Herzen dieses mächtigen braunen Flusses zu, und bald schon blieben nur noch die beiden Bugwellen von ihm zurück.

(...)

Am Abend, als die Hitze nachließ, kam Eliza Polk zum Essen herüber. Sie wohnte eine Meile weiter nördlich am Ufer, jenseits des Hirsefelds, und war die nächste Nachbarin der Chestnuts. Im Sommer zuvor hatte sie ihren Mann und beide Söhne, fast noch Jungen, in einem der Gefechte in East Texas verloren. Fiebernd hatte sie monatelang getrauert und trug seither nie etwas anderes als schmucklose schwarze Kleider, und die Chestnut-Kinder nannten sie hinter ihrem Rücken Santa Muerte. Den Ausdruck hatten sie von ihrem Vater.

Bei der Ankunft nahm Eliza ihre Nachbarin fest in den Arm und fragte als Erstes, ob sie von ihrem Mann gehört habe. Nein, antwortete Martina, das habe sie nicht. »Es geht ihm gut, Liebes, mach dir keine Sogen«, versicherte Eliza ihr. »Gott der Herr wird ihn beschützen, das weiß ich in meinem Herzen.«

Eliza hatte einen Schokoladenkuchen mitgebracht. Sie stellte ihn aufs Geländer der Veranda. Sie ging zur Rückseite des Hauses und begrüßte Simon, der auf der amputierten Leiter stand und versuchte, sich hinauf aufs Dach zu hieven; seine Mutter um Hilfe zu bitten, verbot der Stolz. Dann nahm sie Platz auf einem der Korbstühle, wischte sich den Schweiß von der Stirn und rief nach den Zwillingen. Dana, zu beschäftigt, Familie zu spielen, blieb drinnen, aber Sarat kam heraus.

»Ja hallo, Schatz, du siehst heute aber hübsch aus«, sagte Eliza, gab Sarat einen Kuss auf die Wange und versuchte, wie so oft, das Strubbelhaar glatt zu streichen.

»Hallo, Santa«, sagte Sarat. Auch diesmal ging ihre Besucherin davon aus, dass sie sich den Spitznamen damit verdient hatte, dass sie ihnen so viele Geschenke mitbrachte.

Als sie mit dem Wäscheaufhängen fertig war, kam Martina ebenfalls auf die Veranda und setzte sich zu ihrem Gast. Die beiden Frauen tranken süßen Tee und sahen in dem schwindenden Tageslicht den Kindern beim Spielen zu.

»Ich bin sicher, den Männern geht es gut, Martina«, sagte Eliza noch einmal. »Du weißt doch, wie solche Behörden sind. Wahrscheinlich müssen sie einen Tag oder zwei warten, bis aller Papierkram erledigt ist. Wahrscheinlich übernachten sie da, damit sie nicht noch ein zweites Mal den Fluss hinauffahren müssen. Ich wette, die haben einen Heidenspaß bei ihrem Ausflug.«

Martina schüttelte den Kopf. »Er wäre nach Hause gekommen. Selbst bei drei Stunden Wartezeit wäre er nach Hause gekommen.«

Info

Wollen Sie eines von fünf Exemplaren von „American War“ gewinnen? Dann schicken Sie bis 10. August eine Mail mit dem Betreff „Omar El Akkad“ an verlosung@freitag.de. Die Gewinner werden am 11. August informiert.

Zu den Bildern

Die Bilder sind Teil der Serie Exit Wonderland der norwegischen Künstlerin Tine Poppe. Es sind Dokumente einer Fahrt durch den Süd-Westen der USA im Oktober 2016, durch eine Wüstenlandschaft, in der nur Spuren an menschliche Existenz erinnern.

20:45 02.08.2017

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