Das Haus des Bischofs

Tamil Nadu in Indien Für ein Land, in dem täglich bis zu 7.000 Menschen verhungern, gehört der Tod zum Alltag

Alagarzamy ist 45 Jahre alt, Astrologe und Vater von drei Töchtern im Alter von drei, sieben und elf. Seit zwölf Jahren lebte er mit seiner Familie im Bundesstaat Tamil Nadu, im Südosten Indiens, bis die jüngste Tochter und seine Frau am Morgen des 26. Dezember von der Killerflut in den Tod gerissen wurden - das kleine Haus Alagarzamys im Städtchen Vailankanni stand nur 80 Meter vom Golf von Bengalen entfernt. Das Wort Tsunami hatte er in seinem Leben noch nie gehört.

Jetzt, eine Woche später, steht der traumatisierte Astrologe auf den Trümmern des Hauses und weint fassungslos. Er zeigt uns ein vergilbtes Foto seiner Familie, den zerfetzten Sari seiner Frau, die Spielsachen der Kinder, die im Schlamm hängen geblieben sind: einen farbigen Ball, einen Regenschirm, ein Plastikflugzeug.

Die Tsunami-Wellen haben in dem etwa 5.000 Einwohner zählenden Ort über 1.000 Tote gefordert. Für die Tragödie, die wir hier erleben, fehlen uns die Worte. Wieder einmal hat es die Ärmsten der Armen getroffen, die Fischer und Tagelöhner.

Zu Weihnachten sind über 10.000 Pilger in Vailankanni. Nach dem Gottesdienst gehen viele am Strand spazieren, dann kommt die Killer-Welle. "Wie ein riesiges Ungeheuer, 15 Meter hoch", schildern uns die Überlebenden, was geschehen ist. "Die Wellen waren schneller, als ein Mensch laufen kann."

Am Strand brennen die Feuer. Inzwischen sind die meisten Leichen vergraben oder werden hier verbrannt.

Wer überlebt hat, campiert aus Angst vor Nachbeben in Zelten, Tempeln oder Schulen, einige Kilometer weit im Landesinnern. "Wir wollen nie wieder direkt am Meer leben", sagen sie uns. Vor allem die Kinder weigern sich zurückzukehren. Wohin auch?

Helfer und Hilfsorganisationen berichten, die Zahl der Opfer sei dreimal größer als sich das aus den offiziellen Angaben der Regierung in Delhi ersehen lasse. Bischof Remigius, Seelsorger in dieser Diözese, erzählt, er habe alle Verwandten verloren. Kurz bevor wir mit ihm sprechen, hat er erfahren, dass gerade die Leiche seiner letzten Nichte geborgen wird.

"Die Wellen waren schneller, als ein Mensch laufen kann"

Das Haus des Bischofs ist voll von Menschen, die Trost und Hilfe suchen. Uns beeindruckt die Ruhe und Gefasstheit des Mannes in dieser Situation. "Die Menschen fragen mich jetzt oft: Warum diese Tragödie gerade hier? Warum gerade zu Weihnachten? Ich antworte ihnen, dass Jesus geboren wurde, ist ein Grund zur Freude. Aber er hat uns vorgelebt bis zu seinem Tod am Kreuz, dass zum Leben auch das Leid und der Tod gehören."

Die Inder verdrängen den Tod sehr viel weniger, als es in Europa üblich ist. In einem Land, in dem täglich bis zu 7.000 Menschen verhungern, gehört das Sterben zum Alltag.

Andheri-Hilfe Spendenkonto Nr. 40 006, Sparkasse Bonn - BLZ 380 500 00 Stichwort: "Seebeben"/ E-Mail: andheri.bonn@andheri.org


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00:00 07.01.2005

Ausgabe 38/2020

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