Laurie Penny
Ausgabe 5215 | 11.01.2016 | 16:30 1

Das Haus des Rückzugs

Science-Fiction In einer fernen Zukunft gehen Gewalttäter freiwillig ins Gefängnis. Ein Neuling macht aber Ärger. Eine Geschichte von Laurie Penny

Nicht weit von hier und viele lebenslange Reisen entfernt liegt ein Ort namens Bright Town, wo Mandeln und Avocados wachsen und immerwährender Spätfrühling herrscht. Bright Town und seine hunderttausend glücklichen Bewohner bekommen ihr Wasser von einem breiten, grauen, tückischen Fluss. In diesem Fluss liegt eine Insel ohne Bäume, und auf der Insel steht ein Haus, wie es kein zweites gibt. Es trug schon viele Namen, doch die Menschen von Bright Town haben sie vergessen. Sie nennen es das Haus des Rückzugs.

Um zum Haus des Rückzugs zu gelangen, muss man über den grauen Fluss. Allerdings sind nur wenige Fährleute mutig genug für diese Überfahrt, ganz gleich, wie viel Gold und Silber man ihnen bietet. Der Fluss ist voller Stromschnellen und Strudel, die einen in ein eisiges Grab hinabsaugen können. Außerdem ist Geld in Bright Town seit über einem Jahrhundert nicht mehr in Gebrauch.

Info

Dieser Text wurde für die Zeitung übersetzt und gekürzt. Die englische Originalfassung können Sie hier lesen

Die Menschen in dieser Stadt nehmen, was sie benötigen und geben, was sie können. Sie sind keinem Herrscher verpflichtet, nur dem Gemeinwohl. So kann auch kein Gesetz die Fährleute zwingen, einen zu der Insel ohne Bäume zu bringen. Wenn sich dennoch einer darauf einlässt, kann man für die Fahrt mit einem Versprechen zahlen, mit einem Geschenk oder einem Geheimnis – wobei jene, die zum Haus des Rückzugs wollen, davon zu viele haben.

Zieh dich an der Mole hoch, steige die Stufen empor, die in die Klippen geschlagen sind, und du wirst das Haus finden. Seine Mauern sind aus dickem Stein. Ob sie das Innere vor der Außenwelt schützen sollen oder umgekehrt, kann keiner sagen. Die Tore sind nicht verschlossen. Gehe durch die Flure, keiner wird dich aufhalten.

Du wirst hier auf die schlimmsten und seltsamsten Männer und Frauen treffen, verletzliche und gefährliche Wesen, die nicht unter anderen Menschen leben können – oder von denen ihre Mitmenschen nicht wollen, dass sie unter ihnen leben. Der hier ist ein Vergewaltiger. Die da hat in einem Anfall von Wahnsinn kurz nach der Geburt ihrer Zwillinge ihren Mann und die Babys vergiftet. Dieser schlug seine Frau, bis ihr die Zähne aus dem Gesicht flogen. Jener betrog seine Nachbarn um ihre Ernte. Wären sie in Bright Town geblieben, hätten sie sich dem Urteil ihrer Mitmenschen stellen müssen. Stattdessen kommen sie ins Haus des Rückzugs, wo ihnen niemand etwas tut und sie über ihre Verfehlungen nachdenken können.

Zur Autorin

Laurie Penny, geboren 1986 in London, gilt als prominenteste Stimme eines jungen Feminismus. Anfang des Jahres erschien ihr viel diskutiertes Sachbuch Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution (Nautilus). In einem Interview mit dem Freitag erzählte Penny im Oktober, dass sie Science-Fiction liebt und diese auch selbst schreibt. Wir haben sie deshalb gebeten, exklusiv für den Freitag eine Geschichte aus der Zukunft aufzuschreiben

In meinen 40 Jahren als Wärter in diesem Haus habe ich sie alle erlebt, die Niederträchtigen und die Verstörten, die Getriebenen und die Reumütigen und jene, die zu weit von allem Anstand entfernt waren, um an Reue auch nur zu denken.

Aber keiner war so seltsam wie Robert Schmidt. Er erreichte die Insel an einem kühlen Junimorgen; eine Fährfrau war über seinen Anblick zu erschrocken gewesen, um ihm die Überfahrt zu verweigern. Die Münzen, die er ihr anbot und dann auch mir aufdrängte, zeigten strenge Männergesichter, große Bauwerke und Kriegsszenen. Sie waren entsetzlich anzusehen. Ich ließ mir eine silberne von ihm schenken.

Dieser Schmidt war ein Mann wie ein ausgefranster Bindfaden, die Haut bleich, sodass man sofort sah, er kam von weit her. Mehr wussten wir anfangs nicht über ihn, denn er sagte nur, dass wir ihn freilassen sollten. Wir fanden keine Unterlagen zu seiner Geburt, seinem Leben. Alles, was wir hatten, war der Bericht der Dorfversammlung, die ihn hierher geschickt hatte.

Wir brachten ihn in Raum 14, wo er drei Stunden lang herumschrie. Erst schrie er, wir sollten ihn freilassen, dann schrie er nach seiner Mutter, dann schrie er einfach so. Ich hörte sein tierisches Gebrüll vom Ende des Flurs, als ich die Morgenberichte durchging. Und ich beschloss, etwas dagegen zu tun. Die Flure hier sind hell und luftig, selbst an einem grauen Wintermorgen. Unten in den Gemeinschaftsräumen deckten ein paar Wärter die Frühstückstische.

Der Mörder in Raum 13 zischte mir durch seine Türluke zu: „Sagen Sie ihm, dass er aufhören soll?“

„Ich versuche es. Möchten Sie Musik?“

Er nickte heftig. Ich tippte auf mein Tablet, und aus dem Lautsprecher in seiner Zelle erklang ein sanfter Rhythmus. Der Mörder schloss lächelnd die Augen.

Vor der Tür von Raum 14 holte ich tief Luft, dann klopfte ich an. „Es reicht jetzt“, rief ich. „Sie gehen Ihren Nachbarn auf die Nerven.“ Das Geschrei verstummte. „Lassen Sie mich verdammt noch mal hier raus“, knurrte Schmidt. „Sie haben keine Ahnung, was für einen Fehler Sie machen.“

„Es steht Ihnen frei, zu gehen“

„Ich bin sicher, es hat keinen Fehler gegeben. Aber wenn Sie etwas vorbringen wollten, warum wenden Sie sich nicht an uns, anstatt hier herumzubrüllen?“

Schmidt kam an die Luke geschlurft. Ich zuckte zurück, so seltsam sah sein Gesicht aus, mit seinem wuchernden Bart und den eisblauen Augen.

„Ich weiß nicht, warum ich hier festgehalten werde“, sagte er mit seinem schleppenden, altmodischen Akzent. „Aber ich sage Ihnen, sobald Sie herausfinden, wer ich bin, haben Sie einen Haufen Ärger am Hals. Also öffnen Sie jetzt diese Tür, wenn Ihnen an Ihrem Job etwas liegt.“

„Ich kann die Tür nicht öffnen.“

„Wer hat verfügt, dass ich hier sein muss?“ Ich staunte. Wie konnte es sein, dass er so wenig wusste?

„Niemand“, sagte ich. „Niemand kann Sie gegen Ihren Willen hier festhalten. Sie selbst haben sich entschieden herzukommen, zu Ihrer eigenen Sicherheit und zur Sicherheit anderer.“

„Warum bin ich dann eingesperrt?“

„Sie sind nicht eingesperrt. Ich kann die Tür nicht öffnen, weil sie von innen verriegelt ist. Wenn Sie raus wollen, müssen Sie sie selbst aufsperren.“

„Sie lügen.“

„Es gibt zwei Riegel, einen unten an der Tür, einen oben. Manchmal klemmen sie ein bisschen, aber ich verspreche Ihnen, es steht Ihnen frei, zu gehen. Sollten Sie allerdings versuchen, mir oder jemand anderem in diesem Gebäude Gewalt anzutun, werde ich meinen Schockstab benutzen.“

Stille. Dann das Klacken zweier zurückgezogener Riegel.

„Kann ich reinkommen?“, fragte ich.

Er schwieg.

„Ich heiße Gorman. Ich würde gerne reinkommen und mit Ihnen reden, doch ich muss wissen, dass Sie mich nicht angreifen werden, denn ich will Ihnen nicht wehtun. Es war ein schöner Morgen bisher, und ich möchte nicht, dass er mit Ihren Körpersäften auf meinen Schuhen endet.“

„Kommen Sie rein, wenn Sie wollen.“

Ich trat ein und sah, dass er alle Möbel umgeworfen und sein Esstablett durch den Raum geschleudert hatte. Er kauerte wie ein Fragezeichen in der Ecke.

„Kann ich irgendwie helfen?“, fragte ich.

„Sie müssen ihnen sagen, dass ich nichts Falsches getan habe.“

„Wenn ein Missverständnis vorliegt, können Sie das gewiss selbst klären. Aber es kommt in Fällen wie Ihrem selten zu Missverständnissen.“

Welchen Grund zu lügen sollte das Mädchen auch gehabt haben?

„Wissen Sie überhaupt, wer ich bin?“, fragte er. „Ich weiß nur das, was Sie uns und den Leuten in dem Dorf gesagt haben. Sie heißen Robert Schmidt, Sie geben an, Sie seien Wissenschaftler, aber es gibt keine Nachweise darüber, wo Sie gearbeitet haben oder wo Sie geboren wurden.“

„Ich bin von hier. Ich bin von hier vor 330 Jahren.“

Ich holte tief Luft.

„Ich bin in einer Zeitmaschine gekommen. Es war eine der ersten Zeitreisen über mehrere Jahrhunderte, die mein Labor unternommen hat, und ich muss zurück.“

„Warum?“

„Um zu zeigen, dass es geklappt hat.“

Meine erste Einschätzung war falsch gewesen. Ich hatte angenommen, Schmidt sei nur unhöflich und ohne Empathie. Aber offenbar war er wahnsinnig. Ich wollte ihm helfen, die Geister zu bannen, die ihn heimsuchten. In meinen 40 Jahren auf diesem Fels habe ich so vielen Verlorenen geholfen. Über sie zu urteilen steht mir nicht an. Meine Aufgabe ist es, ihnen mit sanften Worten eine Brücke zurück in die Welt zu bauen. Und ich war mir sicher, dass ich auch Schmidt würde helfen können.

Was ich mir nicht eingestehen wollte, war, dass er mir Angst machte. Vor allem ängstigte mich die Vorstellung, er könnte die Wahrheit gesagt haben.

Am nächsten Morgen ging ich wieder zu ihm und brachte ihm frische Brötchen und Kaffee. Er hatte sein Zimmer in Ordnung gebracht. Er sagte: „Ich bin nicht verrückt. Das muss Ihnen klar sein.“

„Wie Sie die Welt sehen, ist Ihre Sache. Mir geht es nur darum, dass Sie sich selbst und anderen nichts mehr zuleide tun.“

„Ich bin nicht wie die Irren hier drin. Ich habe auch diesem Mädchen nicht wehgetan. Es war ein Missverständnis.“

„Im Bericht steht, Sie haben Ihre Selbstbestimmung verletzt.“

„So war es nicht“, sagte er, während er sein Brötchen mit den Fingern zerpflückte. „Wissen Sie, ich war einfach aufgeregt, an einem ganz neuen Ort zu sein.“

Am Abend las ich noch einmal den Bericht, der uns über Schmidt vorlag. Die Dorfversammlung hatte sich erkennbar um Ausführlichkeit bemüht.

In seiner Kultur

„Er kam in der letzten Maiwoche zu uns. Heftig blutend und orientierungslos erschien er an der Tür eines Bauernhofs. Nachdem sie seine Wunden versorgt hatten, brachten die Bewohner des Hofs ihn auf den Dorfplatz, wo er behauptete, dass er ein Zeitreisender sei. Wir hatten von solchen Geschehnissen gehört, doch wir hätten nicht daran geglaubt, wäre nicht sein Verhalten so merkwürdig gewesen.

Von Anfang an benahm sich Schmidt rüpelhaft und unsozial, was wir uns zuerst damit erklärten, dass er von weit her kam. Er verlangte, zum Oberhaupt unserer Gemeinschaft gebracht zu werden, und wir konnten ihm nur schwer begreiflich machen, dass es ein solches nicht gibt. Seine Denkweise scheint äußerst hierarchisch, und obwohl er sagt, er sei Wissenschaftler, traut er offenbar seinen eigenen Sinneswahrnehmungen nicht. Viele unserer jungen Leute sind überzeugt, dass er sich einen Scherz mit uns erlaubt.

Als er wieder bei Kräften war, verbrachte Schmidt viel Zeit in der Bar und in der Bibliothek. Er machte sich Notizen auf Pergament, das er sich hemmungslos aus unseren Vorräten nahm und über dessen Kostspieligkeit er sich nicht im Klaren zu sein schien. Den Frauen und Nicht-Binären unter uns begegnete er besonders abweisend und wirkte außerstande, mit ihnen echte Gespräche zu führen. Einer unserer jungen Männer bot ihm Geschlechtsverkehr an, worauf er zornig und gewalttätig reagierte. Der junge Mann wurde verletzt, Schmidt musste fixiert werden.

Eine junge Frau aus unserem Forschungsteam zeigte Interesse an Schmidts Arbeit und schenkte ihm Zeit und Aufmerksamkeit, um ihm mit seinen Studien weiterzuhelfen. Eines Nachts, so berichtete sie uns, sei sie erwacht, als Schmidt betrunken versuchte, mit ihr Geschlechtsverkehr zu haben. Sie machte deutlich, dass sie an dem Akt nicht teilnehmen wollte, doch er schien nicht zu verstehen. Wenn in seiner Kultur eine Frau einem Mann Interesse signalisiert, steht es dem Mann fortan frei, ihren Körper für seine Bedürfnisse zu benutzen. So tat es nun auch Schmidt, der das Gewicht seines Körpers einsetzte, um sich ihr aufzudrängen. Daraufhin – “

Ich klappte das Tablet zu. Ich hatte genug gelesen. Offenkundig hatte Schmidt diese Dorfversammlung mit seinem Geschwätz von der Zeitreise zum Narren gehalten, um sich für seinen Mangel an Empathie nicht verantworten zu müssen. Mich würde er nicht täuschen. Ich würde zu ihm durchdringen, auch wenn er fest entschlossen war, niemanden durchdringen zu lassen.

Die Erntezeit kam, und jeder, der konnte, half in den Mandelhainen. Eine frische Brise wehte von den Plantagen herüber, und ich hatte Sehnsucht, dabei zu sein, wenn die Helfer am Abend zusammen feierten. Doch seit ich im Haus des Rückzugs arbeite, habe ich nicht mehr bei der Ernte mitgemacht. Niemand kann mich dazu verpflichten, so wie auch niemand die Menschen aus der Stadt zwingt, die Früchte einzubringen. Dennoch herrscht eine gewisse Befangenheit unter jenen, die um meine Pflichten wissen. Bright Town ist keine große, aber eine sehr geschwätzige Stadt.

Anstatt zu ernten, ging ich mit Schmidt auf der Insel spazieren, manchmal redeten, meistens schwiegen wir. Wir hatten eine Abmachung: Bis auf weiteres würde er nicht mehr verlangen, freigelassen zu werden. Und nicht jammern, dass er nicht hierher gehöre. Im Gegenzug würde ich so tun, als glaubte ich ihm seine Zeitreisengeschichte. In Wahrheit war ich nicht einmal sicher, ob er selbst sie glaubte. Doch ich ließ mich befragen, als käme er wirklich aus einer vergangenen Welt.

Die Hände des Vaters

„Warum arbeiten Sie hier, wenn Sie doch nicht arbeiten müssen?“, wollte er wissen.

„Die meisten arbeiten, wenn sie können“, sagte ich. „Wir machen die Arbeit, für die wir uns am besten geeignet fühlen.“

„Für die Jobs hier gibt es sicher nicht viele Bewerber.“

„Nicht allzu viele. Man braucht eine bestimmte Mentalität dafür. Die meisten Menschen wollen nicht den ganzen Tag mit unsozialen und gewalttätigen Individuen zu tun haben.“

„Wollen Sie das denn?“

Ich blickte auf meine grobschlächtigen Hände, die so sehr denen meines Vaters gleichen, auch wenn es mir gelungen ist, damit nie einen Menschen zu verletzen.

„Natürlich“, sagte ich. „Aber mehr noch glaube ich, dass es für die, die nicht mit anderen zusammenleben können, auch einen Ort geben muss. Zur Resozialisierung, wenn möglich. Als Zuflucht, wenn nicht.“

„Und was ist mit Gerechtigkeit? Ich meine, für die echten Monster hier. Die Mörder. Ihre Opfer, deren Familien – wollen die den Täter nicht bestraft sehen?“

„Vielleicht. Aber würde das ihnen ihre Angehörigen zurückbringen?“

„Darum geht es doch nicht.“

„Manchmal verlangen die Familien Wiedergutmachung“, sagte ich. „Manche unserer Insassen kehren in ihre Gemeinden zurück und arbeiten dann auf dem Land ihrer Geschädigten oder beweisen auf andere Art, dass sie sich gebessert haben.“

„Und wenn nicht?“

„Dann führen sie ein sehr einsames Leben. Oder sie kommen hierher zurück.“

„Und das finden Sie akzeptabel?“

„Die meisten von uns halten den Ausschluss aus der Gruppe für Strafe genug. Sonst wären wir ja nicht besser als …“

„Als ich?“

Ich hielt seinem Blick stand. „Als die Welt, aus der Sie kommen, ja.“ Schmidt kam zweifellos aus einer anderen Welt, und sei es nur im Geist.

„Sie glauben, Sie sind besser als ich.“

„Nein“, sagte ich. „Ich glaube, Sie können besser sein, als Sie sind.“

„Und wenn ich das nicht will?“

Auf der Insel sind Besucher eine Seltenheit. Als eine Rätin für Wissenschaftsgeschichte aus Bright Town anlegte, wusste ich, es ging um etwas äußerst Wichtiges. „Ich komme wegen Schmidt“, sagte sie, die sich als Sophia vorstellte. Sie war in eine elegante Latzhose gehüllt, höchstens 35, auch wenn sie ihr Haar auf die halb rasierte Art trug, wie es üblicherweise nur jene tun, die schon durch die Leitungsebenen der Wissenschaftsräte rotiert sind und über die Autorität der Gelehrsamkeit verfügen.

„Vielen Dank, dass Sie sich herbemüht haben“, sagte ich und schenkte Kaffee ein.

„Nichts zu danken. Robert Schmidt ist von großem Interesse für den Wissenschaftsrat. Lebt er sich gut ein?“

„Anfangs hatten wir Probleme. Er sagt, er sei nicht von auswärts, sondern von hier, aber vor Jahrhunderten.“

„Er sagt die Wahrheit. Es passiert immer häufiger, dass Leute aus der Frühzeit der Zeitsprungtechnologie eintreffen. Damals gab es noch keine Richtlinien.“

Ich versuchte meine Bestürzung zu verbergen, indem ich mir den Kaffeebecher vors Gesicht hielt. „Schmidt ist allerdings der Erste aus seiner Zeit, der hier an der Westküste auftaucht“, fuhr Sophia fort. „Es hat uns erschreckt, dass er ins Haus des Rückzugs geschickt wurde. Überrascht hat es uns aber nicht. Die Zeit, aus der er stammt, war ziemlich unzivilisiert“

Rückkehr ausgeschlossen

„Unzivilisiert kommt er mir nicht vor. Seit er weiß, dass er sich frei bewegen kann, ist er recht höflich.“

„Haben Sie mit der Therapie begonnen?“ „Ja. Er ist sehr aufgeschlossen, auch wenn er weiterhin vor sich selbst verleugnet, warum er hier ist.“

„Das ist zu erwarten“, sagte sie. „Die Moralvorstellungen seiner Kultur waren völlig andere als unsere.“

Sie nippte an ihrem Kaffeebecher. Als junger Mann hätte ich sie mich sehr von ihr angezogen gefühlt, eine so kluge und elegante Frau … Sogleich schämte ich mich für meine vulgären Gedanken.

„Eine gewalttätige, autoritäre Gesellschaft“, fuhr sie fort, „geprägt von Rassen- und Geschlechterhierarchien. Eine Zivilisation, die sich dem Profitstreben einiger weniger verschrieben hatte und sich damit selbst zerstörte. Aus unserer heutigen Sicht können wir sie nicht begreifen.“

Ich nickte. Nun, da ich Schmidt glauben durfte, ergab alles Sinn. „Eben das ist der Anlass meines Besuchs“, sagte Sophia. „Schmidt könnte uns sehr dabei helfen, die Kultur und Technologie seiner Zeit zu verstehen. Doch zu seiner eigenen Sicherheit sollte er, so sieht es der Rat, dauerhaft im Haus des Rückzugs bleiben.“

„Sie meinen, Schmidt ist in Gefahr?“

„Schmidt ist gefährlich. Und einige Leute halten ihn für zu gefährlich, um in unserer Gesellschaft zu leben. Er kann nichts dafür, aber er kommt von dem furchtbarsten Ort, den Sie sich vorstellen können.“

„Welcher Ort ist das?“

„Die Vergangenheit. Sie müssen sicherstellen, dass Schmidt nichts passiert. Bringen Sie es ihm schonend bei.“

„Kann er nicht in seine Zeit zurück?“

„Auf keinen Fall. Wir können einen Zeitreisenden nicht zurückschicken in eine Zivilisation ohne jeden Sinn für das Gemeinwohl. Die Anführer damals hatten ihre Zukunft schon in Brand gesteckt, ehe der erste Zeitsprungmotor erfunden war. Schmidt muss an einem sicheren Ort bleiben. Wer weiß, was er sonst tun würde. Oder was ihm angetan werden könnte.“

Oder was er sich selbst antut, dachte ich.

Als ich Schmidt sagte, dass es ihm nicht gestattet werden könne, in seine Zeit zurückzukehren, blieb er stumm. Er verriegelte seine Tür und kam nicht mehr heraus. Als ich die Tür nach drei Tagen aufbrechen ließ, war drinnen alles voller Blut. Er hatte versucht, sich mit einem abgebrochenen Löffelstiel die Pulsadern aufzuschneiden.

„Jetzt verstehe ich“, sagte er immer wieder. Arme Seele. Er würde hier niemals Frieden finden. Ich schrieb an den Rat für Wissenschaftsgeschichte und bekam keine Antwort. Also traf ich eine Entscheidung.

Heute werde ich Schmidt sein Abendessen persönlich in Raum 14 bringen. Wir werden zusammen essen, und ich werde ihm von der winzigen Bucht zwischen den Felsen am Nordufer erzählen, wo mein Boot liegt. Das Boot, mit dem ich selbst vor 40 Jahren auf die Insel kam, um mich hierhin zurückzuziehen, nachdem ich in der Nacht zuvor erlebt hatte, wie sich meine großen Hände um den Hals meiner Geliebten geschlossen hatten. Ich hatte eigentlich vor, eines Tages zurückzukehren, wenn ich alt und schwach genug wäre, um niemandem mehr gefährlich werden zu können. Jetzt weiß ich aber, dass ich diesen Ort nicht mehr verlassen werde. Schmidt aber hat die Wahl. Er kann sich mein Boot holen. Vielleicht schafft er es über den tückischen Fluss. Und vielleicht werden die Leute aus Bright Town ihn verschonen. Oder sie geben ihm das, was er sich selbst nicht geben konnte – Erlösung.

Sie werden wissen, dass ich dahinterstecke. Sie werden kommen. Aber was sollen sie tun? Ich werde mir eine Tür suchen, die ich hinter mir verschließen kann. Im Haus des Rückzugs sind immer Zimmer frei.

Übersetzung: Michael Ebmeyer

Illustrationen zu dieser Ausgabe

Die Bilder der Ausgabe sind illustrierte Zukunftsvisionen von Klaus Bürgle aus dem letzten Jahrhundert: „90 Prozent waren Forscherwissen, das andere Fantasie und Konstruktion.“ Mehr über den extraterrestrischen Grafiker erfahren Sie im Beitrag von Christine Käppeler

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 52/15.

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