Das Herz ist ein schwindender Muskel

Albert Ostermaiers Replikantenstadl "Letzter Aufruf" und "99 Grad" führen uns die globale Kernschmelze von Gefühl und Ehre undeutlich vor Augen

Bei vier Uraufführungen innerhalb eines Jahres bietet Albert Ostermaier der Kritik eine Menge Angriffsfläche. Und Gnade dem Künstler, wenn er auf dem Markt Erfolg hat. Mit seinen beiden jüngsten Dramen gibt Ostermaier den Zweiflern Futter. Die einen wollen dabei gewesen sein, wie sich ein streberhafter Epigone kreativ wieder selbst untertrifft. "neulich ... in Afghanistan" - die abgeschriebene Welt. Viel zappen, schnell verdauen, und nix wie rauf auf die Bretter. Andere glauben, der Lyriker habe sich nur ins Theater verlaufen. Verhungertes, selbstgefälliges Weltschmerzgesample, höhnen die einen, Gott ist tot, kontern die anderen. Ostermaier habe Recht, seinen Kummer über das Verschwinden der Eigentlichkeit mit dem Zitatkasten der B-Movies zu erschlagen.
Aber ist er denn bekümmert? Seit Ostermaier 1995 mit Zwischen zwei Feuern. Tollertopographie gleich am Bayerischen Staatsschauspiel debütierte, rapt und singt der 34-Jährige sich mit launigen Klageliedern und mythischen Palimpsesten zum Klassenbesten seiner Generation. Ostermaier verkauft sich gut.
Versuchsweise auch in Ostdeutschland. Das Schauspiel Leipzig war angesichts seines Letzten Aufrufs allerdings ratlos. Ein Dutzend verwirrte und/oder blasierte Personensplitter treten hysterisch auf der Stelle, gefangen in kreisförmigen Selbstbetrachtungen. Mit schwachstromigen New-noir-Zitaten, die Lynch, Tarantino und Konsorten abzocken wollten, wenn sie nur könnten, wird ein bisschen Sex´n´Crime simuliert. Eine globalisierte Welt ohne Mitleid, in der alle Opfer ihrer nomadisierenden Sehn-Süchte sind. Ergebnis: "Mein politischer Fanatismus ist heute die Leere. Ich bin der erste globale Gefangene dieser Welt." Kälte ist cool wie ein Spiegel aus Eis.
Damit konnte die Leipziger Crew definitiv nichts anfangen. Anstelle kräftig Ostermaiers windschnittigen Spruchbeutel zu schwingen, behalten sie schüchtern Bodenhaftung. Nicht ohne Verantwortung ist dafür der Text. Unter zwölf Pseudonymen legt er zwar erschöpfende Geständnisse ab. Aber das dramatische Bindegewebe der Personen ist bedeutungsparfümierter Seifenschaum. Die mutwillig verrätselten Dialog- und Szenenfragmente widersetzen sich szenischer Erkundung.
Des lästigen Spiels wird sich entledigt. Stewardess Sona bittet mit ihren langen Beinen um Verzeihung, Ex-Model Uma muss sich, schmollend oder gefesselt, kaum äußern. Andere Sorgen hat DJ Mono im Gepäck, so dass er sich nur einseitig auf die Unterbelichtung seiner Figurskizze konzentrieren kann. Pilot Alan ist zum Nuancieren noch zu perplex, teils, weil dem düsteren Ruiz das bedrohliche Grinsen nicht vergehen will. Contract Killer Serge spielte sich gerne um Kopf und Kragen, doch auch seinen psychologischen Ansätzen fehlen die Gegner. Nur Hauptfigur Torn (Marco Albrecht) entsteigt dem langatmigen Elend lange vor der Himmelfahrt. Den Dreiteiler eines zeitgereisten Dandys trägt er mit rauchiger Nonchalance über die Sandbänke banaler Statements.
Ansonsten permanentes Andeutungsflimmern: Kino, Fiktion, Kokain, CNN, MTV. Wo ist die Regie, die nicht immer mit der Erkenntnis kokettierte, dass in Vielfliegerkreisen viel gekokst wird? Regisseur Ulrich Hüni versteht Ostermaiers Stück als etwas zu wirren Whodunnit und verleimt ihn bündig zum Wer-wen-warum.
Wenn der Osten den Luxus-Blues des bayerischen Dichters nicht versteht, in München durfte er hoffen, mit seinen jargongesättigten Kassandrarufen die Wunden zu treffen. Hier haben die Jungaktionäre und Fotomodels ihre Konsumfreiheit ausgereizt. Die New Economy schwächelt. Zweifel steigen auf. Kein Spaß mehr an der Spaßgesellschaft. Was nun? Politische Ideale, die den Individualismus befrieden könnten, sind von den Eltern verbraucht. Bei den Gefühlen hat man sich freizügig verschuldet, seit Sex biologisch folgenlos wurde. Die nervösen Wohlstandsmüden verlangt es nach Haltbarkeit. Ostermaier hat Verständnis dafür.
99 Grad klickt sich in 24 Szenen zum "Hitzetod des Sozialen inmitten der Coolness dieser Zeit." Chemiker (und Start-up-Unternehmer) Nolk hat, frei nach Shakespeare, eine Treue-Pille erfunden. Wer sie schluckt, entsagt der sexuellen Wahlfreiheit. Sein schmieriger Manager Dean glaubt nicht an den Wert von Treue, hat aber vor, sich mehrheitlich an der Wertabschöpfung der Erfindung zu beteiligen. Nolks Geliebte Ness spielt ein klassisches Doppelspiel und spioniert für Dean. Journalist Jorn wittert eine Enthüllungs-Story oder ein entsprechendes Ausfallhonorar. Seine Druckmittel sammelt er beim Techtelmechtel mit Theresa, die ihre Gesundheit zu Testzwecken an die Pharmaindustrie verkauft. Dass sie vor Xaviers Füssen kollabiert, handelt diesem Schwierigkeiten mit Theresas Freund, Nolks Wachhund Vadim, ein. Und, pillenbedingt, eine weitere Frau, die nach Zuneigung lechzt. Dabei vernachlässigt er schon Boutiquenbesitzerin Evelyn. Die verzehrt sich nach Xaviers Zärtlichkeiten und ganze Einkaufswagenladungen Gefriergemüse. Taxifahrer Kolja ist ein depressiver Idealist, liiert mit der solariengebräunten Event-Agentin Vera, was einmal mehr gegen die Zufälligkeit von Gefühlen spricht.
Das Personenverzeichnis bündelt alle Klischees zu einem hinreichend vollständigen Bild. Nach Houellebecqs sozialatomistischer Teilchenlehre, bei der Ostermaier sich bedient, sind die letzten Reste Romantik und Ehrgefühl aufgebraucht. "Gefühle verzögern deine Reaktionsgeschwindigkeit". Es wird alles gesagt, was niemanden mehr bewegt. Regisseurin Karin Beier findet das grotesk und macht es grell. Die Schauspieler haben Lizenz zum Karikieren. Sie bekommen Silikon und Analdrainagen. Umstellt mit Kühlschränken, an denen sie ihre überhitzten Köpfe kühlen können, feiern die Kammerspiele Replikantenstadl.
Ostermaiers Welt? Flughäfen und Ätherwellen. Flüchtig und kühl. Haltlos gleiten die Klone aneinander vorbei und was sie in den Blick bekommen, scheint mit Spiegelflächen überzogen. Keine Chance für Perspektivenwechsel; sie sehen nur sich; hören nur ihr eigenes Echo. Die Kontoverbindung ist die letzte Nabelschnur zur Außenwelt. Was will man machen, alles ist käuflich. Es lässt sich leicht behaupten, man habe schonungslos die antiutopische Wirklichkeit bloßgestellt. Der Zweifel bleibt, ob die rasante Plattitüde nicht eher eine uneingestandene Kapitulation ist.

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00:00 14.06.2002

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