Das hört nicht auf

1984 Edgar Reitz schreibt schon mit dem ersten Teil ­seiner Trilogie „Heimat“ mehr als Fernsehgeschichte. Das Familien­epos aus dem Hunsrück lässt ein Zeitalter besichtigen

Als das Film-Epos Heimat von Edgar Reitz vor gut 25 Jahren erstmals von der ARD ausgestrahlt wird, gibt es zuvor Gerüchte, die 13 Folgen könnten etwas mit der damals von Helmut Kohl propagierten „geistig-moralischen Wende“ zu tun haben. Es gehe um ideologische Nachrüstung im Geist des Kalten Krieges. „Heimat“ gehörte seinerzeit zu den Wörtern mit verkorkster Geschichte und trostloser Gegenwart, geprägt durch die Heimatlieder-Sendungen im Funk, die Heimatfilme im Kino oder den militanten Heimatbegriff der Vertriebenen. Selbst den unverdächtigen Schlusssatz von Ernst Blochs Das Prinzip Hoffnung – „So entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat“ – hatten Feuilletonisten und gutmeinende Dramaturgen in ihren Theaterprogrammen zu Tode zitiert. Reitz fiel mit seinem Film nicht in die Falle – man habe sich zu entscheiden zwischen „Heimat“ als Ort sentimental unterlegter Gefühligkeit und einer Rückkehr zur angeblich „normalen“, aber unterdrückten Heimatverbundenheit, wie dies als „überfällige Enttabuisierung“ von konservativer Seite propagiert wurde.

Der 1932 geborenen Edgar Reitz war 1962 Mitinitiator des Oberhausener Manifests unter dem Motto Papas Kino ist tot. Er gehörte zusammen mit Alexander Kluge zu den Gründern und Dozenten der Regieklasse an der legendären Filmhochschule Ulm – diese Vita war dazu angetan, Befürchtungen zum Heimat-Projekt umgehend zu besänftigen.

Reitz wuchs als Sohn eines Handwerkers im Hunsrück-Ort Morbach auf, doch drehte er mit dem Heimat-Epos keinen autobiographischen Film, obwohl es zwischen dem Autor und der zentralen Filmfigur Hermann Simon Verbindungen gibt. Wie dieser die Enge des Dorfes verlässt („Ich bin nicht wie die anderen“) und in Heimat 2 nach München geht, um Musik und Komposition zu studieren, so kehrte auch Reitz nach seinem Abitur dem Hunsrück den Rücken und studierte in München Theaterwissenschaft und – autodidaktisch – Film-Regie.

32 Kilometer Film

Dass die Trilogie Heimat in 25-jähriger Arbeit entstehen konnte, ist auch eine einzigartige kulturpolitische Meisterleistung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Es hielt an Reitz fest, auch wenn die Produktionskosten stiegen oder die Produktion des Films vorübergehend ins Stocken geriet. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen bewies damit, dass es seinen Auftrag, für Kunst und Information, Bildung und Aufklärung auf hohem Niveau zu sorgen und nicht nur für Sport und Vorabendserien, ernst nahm und erfüllte. Dennoch erforderte es vom Autor und Regisseur viel Geduld und eine gute Portion Hartnäckigkeit, um seine Erzählweise bei den maßgeblichen Fernsehleuten durchzusetzen.

Heimat 1 wurde zwischen 1979 und 1984 gedreht. Reitz verbrauchte 32 Kilometer Filmmaterial, arbeitete mit 32 Schauspielern, 159 Laien und 3.683 Statisten. Der Aufwand an Darstellern und Material war für den zweiten Teil etwa gleich, für den dritten etwa halb so groß. Allein die Abspielzeit des ersten Teils der Trilogie betrug 15, diejenige von Teil 2 rund 25 und die von Teil 3 etwa elf Stunden. Die 31 Filme der ganzen Trilogie beanspruchten eine Sendezeit von 54 Stunden.

Entstanden war ein monumentales Œuvre, vergleichbar mit dem literarischen Riesenwerk Suche nach der verlorenen Zeit (4.000 Seiten) des Romanciers Marcel Proust. In einem Interview sagte Reitz einmal, dass er diese Filme niemals in Angriff genommen hätte, wäre ihm klar gewesen, was er sich damit auflud. Die erste Skizze entstand, während er Mitte der siebziger Jahre wegen Eis und Schnee auf Sylt festsaß, und umfasste zunächst 100 Seiten. Diese enthielten bereits alle wichtigen Figuren und Motive einer Familiengeschichte aus der Provinz, die ein Intellektueller verlassen muss, um der Enge einer Herkunft zu entfliehen. Fern der Heimat beginnt er, über diese nachzudenken und eine Familiensaga vor dem Hintergrund der Geschichte des 20. Jahrhunderts zu rekonstruieren. Das Drehbuch für die beiden ersten Teile schrieb Reitz zusammen mit dem Historiker Peter Steinbach. Regie führte er wie bei anderen Filmen mit dem Co-Regisseur Robert Busch.

Die neuen Zeiten hören nicht auf

Zu keinem Zeitpunkt trieb die Macher ein nostalgisch imprägniertes Heimatgefühl an. Immer dominierte eine kritische und selbstkritische Distanz, wenn auch bei Reitz die Empathie mit seinen Filmfiguren und die Vertrautheit mit „seinen“ Schauspielern unverkennbar waren. Der zweite Teil der Trilogie, der von 1985 bis 1992 gedreht wurde, macht das deutlich. Er endet damit, dass das Leben in der Heimat – im fiktiven Dorf Schabbach, in dem der erste Teil der Chronik spielte, definitiv zur Vergangenheit wird – es verglüht und wird versteinert. Heimat lebt nur noch in gleichsam gasförmigen Illusionen weiter, die keinen realen Bezug mehr haben zur politischen und sozialen Gegenwart und zur emotionalen Befindlichkeit der in ihren Biografien handelnden Personen.

Der dritte Teil, an dem als Drehbuch-Autor der aus Ostberlin stammende Thomas Brussig mitschrieb, macht den Bruch mit der Vergangenheit der Heimat auch filmästhetisch deutlich. Der Fall der Mauer Ende 1989 und die damit verbundene Brechung von Lebensläufen kehren im Erzähl-Fluss wieder als diskontinuierliche, zerhackte Zeit (Reitz). Die ruhige Familienchronik im ersten und die Turbulenz der Ereignisse im zweiten Teil werden im dritten Teil abgelöst von einer wilden Fragment-Collage mit Bildern aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Reitz’ Film ist großartig, gerade weil er die Familien- und Dorfchronik als Almanach deutscher Geschichte zwischen 1919 und 2000 nicht melodramatisch monumentalisiert, sondern ruhig aus der Perspektive, aus den Erfahrungen und Erwartungen der kleinen Leute erzählt. Er meint damit die unbekannten Opfer, die opportunistischen Täter, kurzum alle Mischformen des realen Lebens. Diesem Duktus verdankt der Film unvergessliche Szenen. Katharina Simon – die Schwiegermutter der Hauptfigur Maria Wiegand – hat den Ersten Weltkrieg, die Inflationszeit, den Aufstieg der Nazis und deren Untergang erlebt – sie kommentiert die Währungsreform von 1948 mit dem lapidaren Satz, aus dem die Erfahrung eines Lebens spricht: „Das hört überhaupt nicht mehr auf mit den neuen Zeiten.“

Dokument ästhetischer Barbarei

Der Film zeigt, wie das Leben auf dem Dorf durch alle Krisen und Katastrophen hindurch nie verebbt. Alle Umschwünge und „neuen Zeiten“ können dem Bild des Ortes nichts anhaben. Erst das Wirtschaftswunder der fünfziger Jahre verwandelt die Dörfer im Hunsrück in jene Ansammlungen von unsäglicher Profanität, Talmi-Reichtum und Kitsch, die auch heute noch als Kollateralschäden eines ökonomischen Aufstiegs nach dem Krieg zu besichtigen sind. Reitz dokumentiert in unerhörten Aufnahmen Auswüchse ästhetischer Barbarei: vom Einbau bunter Glasbausteine in Hausfluren, über „moderne“ Plastikfenster und „schmiedeeiserne“ Beschläge an Hausfronten und -türen bis hin zu Gartenmobiliar aus Kunststoff. In dieser Hinsicht ist der Film ein Dokument selbstverschuldeter Zerstörung pastoralen Lebens im Namen des vermeintlichen Fortschritts.

Schon die Ausstrahlung von Heimat 1 brachte Reitz 1984 den verdienten Publikumserfolg. Der Spiegel widmete der Premiere eine umfangreiche Titelgeschichte, und die gesamte Presse berichtete euphorisch. Die Trilogie erhielt mehrere Preise – zuletzt 2007 den Konrad-Wolf-Preis zum 75. Geburtstag von Edgar Reitz. Die Schauspieler des ersten Teils sprechen ausschließlich, diejenigen der anderen Teile oft den Hunsrücker Dialekt. Das hatte die einen ignoranten Kulturbetrieb beschämende Folge, dass etliche dieser hervorragenden Darsteller als Komödienstadl-Knallchargen registriert wurden und später keine Angebote mehr für anspruchsvolle Rollen in Filmen und Theatern erhielten.

Rudolf Walther ist Historiker und Autor des Lexikons Geschichtliche Grundbegriffe

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11:00 01.12.2010

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