Das Huhn als Würfelbecher

Vogelgrippe Ob sie kommt, ist nicht bekannt. Ob sie dem Menschen gefährlich wird, ebenfalls nicht. Aber einige Nachbarländer reagieren gelassen

Die Natur würfelt nicht nur, sie spielt auch gern mit LEGO. Viren sind dabei eine ihrer leichteren Übungen, Grippeviren zum Beispiel. Hier ein Bausteinchen ausgetauscht, da ein Klötzchen verändert und schon sieht das Gebilde etwas anders aus, funktioniert etwas anders, infiziert etwas anders. Häufig funktioniert und infiziert es gar nicht mehr, doch das interessiert dann sowieso niemanden länger.

Kaffeesatzleserei

Hin und wieder aber entsteht ein ganz besonders effizientes Grippevirus, das so neu ist, dass es viel mehr Krankheitsfälle und schwerere Krankheitsverläufe auslöst als andere Grippeviren, denn es trifft auf völlig unvorbereitete Immunsysteme. Das ist es, was die so genannte Vogelgrippe gefährlich macht. Die etwa 15 Stämme von Aviärer Influenza können sich in Geflügel, Schwein oder Mensch mit anderen Grippeviren treffen und neue genetische Varianten bilden. Das geschieht nicht nur durch winzige Veränderungen, die Punktmutationen, sondern durch genetischen Austausch mit anderen Virusstämmen. Mehrere Virenbausätze werden quasi im Würfelbecher Huhn oder Mensch geschüttelt und neu kombiniert. Dass dabei etwas extrem Gefährliches herauskommt, ist nicht gesagt, aber es könnte passieren. Möglich ist alles. Wie wahrscheinlich es ist, ist nicht in Zahlen zu fassen, doch nie war das Risiko so groß wie heute.

Auch die Übertragung von Mensch zu Mensch ist nach wie vor nicht sicher nachgewiesen, die Infektion von Menschen an erkrankten Vögeln ist dagegen seit 1997 bekannt, damals erkrankten in Hongkong bei einem Ausbruch von Geflügelpest 18 Personen, sechs davon starben. In den Folgejahren kam es immer wieder zu Geflügelpestepidemien in Asien, bei denen auch vereinzelt Menschen betroffen waren. 2003 brach die Krankheit in 255 Betrieben in den Niederlanden aus, dabei kam es zu nachgewiesenen Infektionen beim Menschen und zu einem Todesfall.

Aussagen zu den Risiken seien "Kaffeesatzleserei" und das Thema sei "politisch zu brisant", man wolle sich dazu nicht äußern, waren sich einige Veterinärmediziner aus verschiedenen europäischen Staaten einig, die vergangene Woche an der Internationalen Wildbiologentagung IUGB (International Union of Game Biologists) in Hannover teilnahmen. Gefährlich oder nicht? Hohes Ansteckungspotenzial oder nur Panikmache? Neben dem nicht zu beziffernden Risiko einer Übertragung der Geflügelgrippe auf den Menschen birgt das Virus auch wirtschaftliche Unwägbarkeiten. Beim Hausgeflügel verursacht die Krankheit unter Umständen hohe Verluste. Zum einen, weil Tiere sterben oder - wenn sie erkranken - getötet werden müssen, zum anderen, weil vorsorglich auch gesunde Bestände unter Quarantäne gestellt oder vernichtet werden.

Unser Geflügel bleibt frei

Angesichts der aktuellen Fälle im Ural und einer am 26. August in Finnland entdeckten - und wie sich einige Stunden später herausstellte doch nicht mit dem gefährlichen H5N1-Typ infizierten - Möwe, gibt es Befürchtungen, dass die Krankheit von Zugvögeln verschleppt wurde und in Folge dessen auch von Zugvögeln bis nach Europa gebracht werden könnte. Daher greifen einige Staaten zu Vorsichtsmaßnahmen, andere sehen die Problematik eher gelassen. "Es gibt in Dänemark keine solchen Pläne", stellt Ole Roland Therkildsen vom dänischen Nationalen Umweltforschungsinstitut auf die Frage, ob in Dänemark ähnlich wie in Deutschland über das Einsperren des Freilandgeflügels nachgedacht würde, fest. Therkildsen präsentierte auf der Wildbiologentagung die Ergebnisse einer Studie über das Vorkommen des Aviären Influenza Virus in verschiedenen Vogelarten.

Zwar zeigen seine Resultate, dass die Krankheit natürlicher Weise in Wassergeflügel, zum Beispiel Enten, häufiger vorkommt als bei anderen Arten, doch seine Arbeitsgruppe hat außerdem beobachtet, dass sich das Wassergeflügel, egal ob ständig in Dänemark ansässig oder nur auf der Durchreise, gar nicht dort aufhält, wo sich Haustiere anstecken könnten. Wie also kommt die Krankheit - wenn sie denn kommt - von Hof zu Hof? Oder gar von Land zu Land? Eberhard F. Kaleta fasste das Problem beim Zoonosesymposium 2004 in Hannover trocken zusammen: "Hat man einen betroffenen Stall geräumt, muss man sich Gedanken machen, wer noch da lebt: Mäuse, Ratten, Spinnen. Nimmt man ihnen das Futter, dann gehen sie auf Wanderschaft und bringen das Virus auf die Nachbarfarm."

Schon der normale Handel mit lebendem Geflügel kann zur Verbreitung der Krankheit führen. Auch Touristen könnten das Virus aus betroffenen Gebieten mitbringen, ähnlich wie es die Verbreitung des SARS-Virus gezeigt hat. Oder ein Landwirt, der auch Jäger ist, bringt in der Saison eine geschossene, infizierte Gans mit auf seinen Hof. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Auch das ist ein Grund, warum über die Wahrscheinlichkeit nicht viel gesagt werden kann. Weder darüber, wann in Europa wieder ein Ausbruch beim Geflügel stattfindet, noch darüber, ob auch Menschen betroffen sein werden.

Impfstoff für Tiere

Einen Impfstoff für Tier und Mensch herzustellen, ist schwierig, da es den Virus, der womöglich irgendwann eine Pandemie auslöst, noch gar nicht gibt und er aus verschiedenen Bausteinen der aggressiveren Varianten zusammengesetzt sein kann. Das Friedrich-Löffler-Institut auf der Insel Riems, an dem das Nationale Referenzlabor zur Aviären Influenza ansässig ist, arbeitet mit gentechnisch veränderten Geflügel-Herpesviren, die die geimpften Tiere zwar gegen Virussubtypen, wie sie die aktuelle asiatische Geflügelgrippe aufweist, schützen, jedoch nur ganz bestimmte Reaktionen im Immunsystem der Tiere bewirken.

Generell ist die Impfung gegen Nutztierkrankheiten wie auch bei der Schweinepest rechtlich schwierig, da geimpfte Tiere analytisch nicht von ehemals erkrankten unterschieden werden können. Das hat Folgen für den internationalen Handel mit Produkten, die von diesen Tieren stammen. Ein so spezifischer Stoff wie der in Riems entwickelte könnte dieses Problem umgehen, weil er im Tier nachweisbar ist. Allerdings ist der Weg zum fertigen Produkt noch nicht beendet: Ob der Impfstoff effizient produziert werden kann und wann er eine Zulassung erhält, ist noch nicht bekannt. Die "normale" Grippeimpfung für Menschen dagegen gibt es jedes Jahr in aktualisierter Zusammensetzung, da die Verbreitung bestimmter Erreger sich stetig verändert. Gegen Grippe geimpfte Personen sind nicht gegen alle Formen geschützt, aber die Krankheit verläuft leichter, falls sie sich dennoch mit einer Grippe infizieren.

Ausführliche Information zum Thema Aviäre Influenza bietet die Internetseite des Robert Koch Instituts (www.rki.de), eine Übersicht über die in den vergangenen Wochen bei Kindern vorkommenden Auslöser von Erkältungskrankheiten gibt es auf der Seite www.pid-ari.net


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