Das ist für sie der Wendepunkt

Bronwyn Keenan Eine New Yorker Galeristin will mit dem Komitee "Downtown for Democracy" die Wiederwahl von George Bush verhindern

Nach den Fernsehdebatten zwischen George Bush und seinem Herausforderer zeichnet sich für die Entscheidung am 2. November ein Kopf-an-Kopf-Rennen ab. Unbestritten ist, dass John Kerry im direkten Schlagabtausch mit dem Präsidenten seinen schon bedrohlichen Rückstand aufgeholt hat. Doch gelang ihm vor den Kameras nicht der entscheidende Durchbruch, wie das 1980 dem Republikaner Ronald Reagan gegenüber Jimmy Carter möglich war.

Das Café Lebovitz im New Yorker Neighbourhood NoLIta (North of Little Italy) ist einer jener Orte, an dem man sich in Europa wähnt: Gediegen, ohne übertrieben chic zu sein, Wiener Atmosphäre mit französischer Snack-Küche. So mögen es die Intellektuellen von Downtown Manhattan. Sie wollte sich hier treffen, und als sie reinkommt, ist klar: Das muss Bronwyn Keenan sein. Die zierliche Frau mit der großen Schiebermütze hat die selbstverständliche Aura einer Galeristin, die von hungernden Künstlern bis zu millionenschweren Sammlern manchen Umgang gewohnt ist.

Politik, sagt sie, habe sie nie besonders interessiert. Mag sein, dass ein wenig Understatement anklingt, denn im nächsten Satz zitiert sie den Linguisten und Philosophen Noam Chomsky. Ja, sie hat "ein bisschen Philosophie studiert", im College damals. Aber Politik, das war für sie eher eine kulturelle Frage wie für viele Amerikaner. Für sie kam nie etwas anderes in Betracht, als die Demokraten zu wählen - das ist Familientradition. Ihre Eltern sind irische Einwanderer und haben sich mühselig in die Mittelschicht emporgearbeitet. Da gelten eigentlich nur die Demokraten als wählbar.

Ein Außenposten von Metro-America

Nicht, dass sie mit der Partei immer glücklich wäre. Auf der Suche nach den heiß umworbenen Wechselwählern aus der Mitte haben die Demokraten die Gewerkschaften und andere Basisorganisationen verprellt. Ein bisschen steht die Partei nun da wie die Frau ohne Unterleib. Die Republikaner dagegen sind - vor allem im bible belt - fest verwurzelt: Ihre Basis sind die Kirchen, ihre politische Mobilisierung findet jeden Sonntagvormittag statt.

Bronwyn Keenan hat eine Kunstgalerie, nebenbei betreibt sie Kreativberatung für Großunternehmen. Sie fördert junge, unbekannte Künstler, aber nie wäre sie auf die Idee gekommen, den schwächelnden Demokraten unter die Arme zu greifen - wenn George W. Bush nicht wäre.

Mit ein paar Freunden aus der Kunst- und Werbeszene gründete sie das politische Aktionskomitee Downtown for Democracy (D4D). Die Doppeldeutigkeit ist gewollt: democracy könne sowohl die Demokratische Partei bezeichnen als auch die Demokratie als solche, die durch Bush in Gefahr geraten sei. Wenn es wirklich die viel beschworenen "two Americas" gibt, den traditionellen, bibelfesten, waffennärrischen Südwesten der Republikaner und die modernen, liberalen, säkularen Küstenstreifen und Seenregionen der Demokraten - dieses Retro-versus-Metro-America - dann ist Downtown for Democracy ein Außenposten von Metro-America.

"Der kreative Sektor ist der Motor der US-Wirtschaft", glaubt Bronwyn selbstbewusst. 30 Prozent, schätzt sie, tragen die kreativen Branchen zur US-Wirtschaftsleistung bei. Nur politisch haben sie kein adäquates Gewicht, weil sich nur die wenigsten aus dieser Klientel engagieren. Dabei hängt die überwältigende Mehrheit liberalen Werten an. "D4D" hat sich nun zum Ziel gesetzt, die kreative Szene in die Politik hinein zu ziehen.

Und Downtown - das ist nicht nur jener Teil Manhattans, in dem zu leben auch Bronwyn sich schon lange nicht mehr leisten kann. "Für mich ist das mehr eine Geisteshaltung als ein physischer Ort", sagt die Galeristin. "Downtown kann überall existieren, wo es diesen Impuls für kreative Leute gibt. Für mich ist es der Ort, an dem ich mich völlig frei ausdrücken kann." - Immerhin, ihre Galerie liegt noch immer an diesem mythischen, viel besungenen Ort, in einem Loft in SoHo, wenigstens bis zur nächsten Mieterhöhung. Bronwyn Keenan Gallery steht schlicht am Klingelschild neben dem Fahrstuhl. Wenn die Fahrstuhltür sich oben wieder öffnet, stolpert man unversehens in den Ausstellungsraum. Das Schlafzimmer mit Bad, das den Raum beherrscht, ist keine Kunstinstallation. Bronwyn hat einen Teil des Appartements als Fotostudio untervermietet, um Kosten zu sparen. "Meine Galerie bleibt bis nach der Wahl geschlossen", erklärt sie. So lange lebt sie von ihren Ersparnissen. Für ihr Geschäft ist keine Zeit, weil sie rund um die Uhr für "D4D" im Einsatz ist.

"Max Fish" in der Lower East Side

Gleich um die Ecke von Bronwyns Galerie liegt Opening Ceremony, einer der In-Klamottenläden von SoHo. Auf über 200 Quadratmetern verlieren sich ein paar ausgesuchte Kleidungsstücke unter gigantischen Kronleuchtern. Hier gibt es kein T-Shirt unter 80 Dollar, außer denen von "D4D". Die Message-T-Shirts, gestaltet unter anderem von der Stardesignerin Libertine, erleben in diesem Wahlkampf eine Renaissance als modisches Accessoire. "Wer sie in die Hand nimmt", sagt Inhaberin Olivia Kim, "zieht sie auch über und kauft sie." Und spült damit Geld in die Kasse von Downtown for Democracy. Die füllt sich außerdem durch Kunstauktionen, Lesungen, Konzerte, exklusive Filmpremieren und Dinnerpartys bei prominenten Künstlern.

New York spielt nur als Geldquelle eine Rolle - die Wahlmänner des Bundesstaates sind John Kerry so gut wie sicher. Deswegen schickt "D4D" an den Wochenenden ganze Busse voll junger Leute ins umkämpfte Ohio, die dort potenzielle Kerry-Wähler abklappern. Im Fokus der Bemühungen stehen die 60.000 Studenten: Weil sie bis kurz vor den Wahlen Ferien hatten, bleibt für ihre Registrierung kaum Zeit. Aber "D4D" hat sich vorgenommen, jeden Zehnten von ihnen für Kerry an die Urnen zu bringen. Damit wäre der Vorsprung aufgeholt, mit dem George Bush im Staat Ohio bei der letzten Wahl triumphiert hat. "Und kein Republikaner ist je Präsident geworden, ohne Ohio zu gewinnen", orakelt Bronwyn. Deshalb haben die Werbefachleute bei "D4D" mit einem Mini-Budget eine Anzeigenkampagne für College-Magazine entwickelt. Deshalb bringt "D4D" renommierte DJs aus New York in die Provinz und registriert dabei en passant ein paar neue Wähler. Jetzt, in der finalen Phase des Wahlkampfes, wird auch in den air war, den Krieg der Frequenzen, eingegriffen: Gerade hat Hollywood-Regisseur Richard Linklater ("After Sunset") in Florida einen Wahlspot gedreht - ohne Honorar, versteht sich. Und "D4D" hat ihn in den am härtesten umkämpften battleground states auf Sendung gebracht.

Die Kneipe Max Fish in der Lower East Side ist eine Institution in New Yorks Künstlerszene. Der düstere Raum ist brechend voll. Nur dank des Rauchverbots von Bürgermeister Bloomberg ist überhaupt zu sehen, dass die Wände mit Anti-Bush-Plakaten behängt sind. Bronwyn hat über 150 Künstler aus dem ganzen Land für die Ausstellung A more perfect union gewonnen. "Das war nicht schwer, viele haben sich von selbst gemeldet und wollten dabei sein." Für 100 oder 200 US-Dollar kann man einen Kunstdruck erwerben. Aber es wechselt kein Bargeld den Besitzer: Die Käufer hinterlassen diskret ihre Kreditkartennummer und versichern, dass sie Amerikaner sind, wie es die Spendengesetze verlangen. Die Plakate werden dann nach Bestellung gedruckt und verschickt. "D4D" kommt so in den Besitz der Adressen und kann die potenziellen Sympathisanten später wieder ansprechen. "Von vorherigen Benefiz-Ausstellungen wissen wir, dass 80 Prozent der Käufer zum ersten Mal bei einer politischen Kampagne dabei waren", sagt Bronwyn, "ein enormer Erfolg!"

Als Amerikanerin der ersten Generation hat es Bronwyn Keenan geschafft, dem amerikanischen Traum zu folgen und durch harte Arbeit, ja bis in die kulturelle Elite vorzudringen. "Nun sehe ich, wie unsere Grundrechte abbröckeln. Die Mittelschicht löst sich auf. Wir haben ein Klima von Angst und Intoleranz, und ich will nicht, dass meine siebenjährige Schwester darin aufwächst." Deshalb kämpft sie so leidenschaftlich gegen Bush. Sie ist davon überzeugt, dass Amerika und die Welt an einem Wendepunkt stehen: "Das ist die Wahl meines Lebens." Schon seit Monaten kann sie abends nicht mehr normal ausgehen, keine Alltagsgespräche mehr führen über Filme oder andere Belanglosigkeiten. Sie findet es selbst absurd. "Mein ganzes Privatleben ist auf den 2. November ausgerichtet."

s. auch www.downtownfordemocracy.org


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00:00 22.10.2004

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