Das ist kein Spiel

Winterspiele Im kanadischen Vancouver ringen Sportler aus aller Welt um Medaillen. Viele Bewohner müssen dagegen um ihre Lebensbedingungen kämpfen

„End poverty – it’s not a game“ – das alternative Logo der Olympischen Spiele zieren statt fünf Ringe fünf Handschellen. Das Banner vereint all jene, die von den offiziellen Wettkämpfen so gar nichts halten. Ganz Kanada und auch die Provinz British Columbia müssen für die Spiele bezahlen, so lautet der Kern der Kritik. Dabei wird das Geld doch dringend für andere Dinge benötigt, ärgert sich Bruce Triggs, einer der tausenden Obdachlosen der Stadt.

Vancouver bemüht sich in diesen Tagen sehr, das Bild eines glanzvollen Wintermärchens abzugeben. Doch da steht nicht nur das regnerische Wetter dagegen. Mit den Olympischen Winterspielen hat man – so glauben zumindest die Veranstalter – einen Coup gelandet, von dem die westkanadische Metropole noch lange profitieren wird.
Andere sind da aber gegenteiliger Meinung: Noch bevor die Spiele offiziell eröffnet wurden, hatten die „olympischen Wettkämpfe“ der Kritiker stattgefunden.

Dabei ging es nicht um Medaillen, sondern um Gehör für die sozialen Anliegen der Bewohner der Stadt – bei den kommunalen Behörden und womöglich in der ganzen Welt, die jetzt nach Kanada blickt. „Poverty Olympics“ nennen sie die Aktion, bei der sozial Schwache auf ihre schwierigen Lebensumstände aufmerksam machten. Während der offiziellen Wettbewerbe müssen die Teilnehmer an Disziplinen wie dem „Wohlfahrtshürdenlauf“ fürchten, von der Bildfläche verdrängt zu werden: Drogenabhängige, Obdachlose oder einfach nur sozial Schwächere passen nicht ins Schema einer Olympia-Stadt, die vom britischen Economist als die lebenswerteste weltweit bezeichnet wurde.

Doch in der Vancouver gibt es eine ganze Reihe von Problemen. Das Viertel rund um die Downtown Eastside ist das Vexierglas der Missstände: Obdachlosigkeit, Kriminalität, Wohnungsmangel und eine hohe Aids-Rate sind hier Alltag. Seit sich die kanadische Regierung mit der finanziellen Planung für die Olympischen Spiele ordentlich verschätzt und das veranschlagte Budget weit überzogen hat, hat die Kritik an der Kommerzmaschine „Olympia“ noch einmal zugenommen.

Es gebe, sagen die Organisatoren der „Poverty Olympics“, viele drängende Probleme: Kanada habe als einziges G8-Land kein nachhaltiges Programm für sozialen Wohnungsbau, moniert Wendy Pederson, eine der Hauptorganisatorinnen der Poverty Olympics. Allein in der Downtown Eastside leben 18.000 Menschen, mindestens 3000 davon sind obdachlos. Und es werden mehr. Im Zuge der Olympiabewerbung wurde die Infrastruktur noch einmal runderneuert. Vor allem der billige Wohnraum der Stadt sollte neu renovierten und wesentlich teureren Appartements und Hotels weichen. Jene, die ausziehen mussten, können sich aber kaum etwas anderes leisten – sie sind womöglich die Nächsten auf der Straße.

Vielleicht finden sie sich ja auf der „Olympic Lane“ wieder, einer jener Straßen Vancouvers, die eigens für die Spiele umbenannt wurden. Bürgermeister Gregor Robertson beurteilt die Situation naturgemäß anders. Seine Stadt habe in den letzten beiden Jahren enorm investiert, um Wohnraum zu schaffen. Nur ließen sich die Probleme nicht in so kurzer Zeit lösen. Dafür machte er mit einigen unwirtlichen Gegenden seiner Stadt kurzen Prozess: Ganze Quartiere sind gesperrt, einige Ladenbesitzer müssen für die Dauer der Spiele sogar die Rollläden dicht machen.

Der Olympia-Tross bringt nicht nur Sportler, Investoren, Touristen und Fans mit - sondern bestimmt mit seiner Event- und Überwachungskultur für mehr als zwei Wochen auch die Lebensweise der Menschen. Vancouver liegt während Olympia unter einer Käseglocke, mehr als 15.000 Sicherheitsbeamte, Militärs und Polizisten riegeln das Gelände ab und sorgen für hermetische Sicherheit. Und auch das verschlingt Geld: Über eine Milliarde Dollar lässt sich Robertson den Überwachungswahn kosten. Kanada erlebt in diesen 17 Tagen Olympia die größte Militärpräsenz seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Olympia ist ein Fluch für die Städte

Vancouver ist kein Einzelphänomen. Die Nebenwirkungen von Olympische Spiele sind auch anderswo zu beobachten: Verdrängung von sozial Schwächeren, Verteuerung von Stadtgebieten oder finanziell zu kurzsichtig realisierte Megabauten. Zuletzt warfen die Sommerspiele 2008 in Peking Fragen über die Sinnhaftigkeit der gesamten olympischen Veranstaltung auf. Um Platz für den Bau der Sportstätten zu schaffen, gab es damals großflächige Zwangsumsiedelungen und Wohnungsräumungen. Die Diskussion über eine Nachnutzung der riesigen Stadien hält nach wie vor an.

Als 1993 die Vergabe der prestigeträchtigen Milleniumspiele im Jahr 2000 anstand, war auch Berlin ins Rennen gegangen: Schnell wurde aber damals klar, dass ein Großteil der Bevölkerung die Bewerbung nicht unterstützen würde. Eine „NOlympia“-Bewegung kämpfte vehement gegen das Großereignis an – und war erfolgreich. Olympia 2000 wurde an Sydney vergeben, aber Berlin baute trotzdem: Unter anderem die Max-Schmeling-Halle, die nach wie vor ein klaffendes finanzielles Loch im Senatshaushalt ist. Auch gegen die Bewerbung Münchens für die Winterspiele 2018 hat sich bereits ein Netzwerk gegründet. Die Kritikpunkte: finanzielle Überbelastung, Zerstörung der Umwelt und ein fehlendes Konzept für die Nachnutzung der Olympia-Bauten.

Zunächst aber stehen die Sommerspiele 2012 in London an. Nach Bekanntwerden des Austragungsorts vor fünf Jahren schnellten die Immobilienpreise der Stadt teilweise kräftig nach oben. Die Bewohner müssen fürchten, dass sich die „olympischen Phänomene“ auch in der britischen Hauptstadt wiederholen. Es ist kein Spiel, sagen die Betroffenen in Vancouver. Sie erfahren es in diesen Tagen am eigenen Leibe: Olympia, das sind zwei Wochen sportliche Sonne – und viele Jahre sozialer Schatten.

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10:00 15.02.2010

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