Das ist mir Lachs

Berliner Staatsoper Peter Eötvös’ neue Komposition „Sleepless“ führt uns in den Körper eines filetierten Fisches – dort wird in finsterer Atmosphäre gemordet

Ein riesiger Lachs füllt die gesamte Drehbühne aus. Seine Schuppen schimmern wie der Fjord, aus dem die Salme herausspringen. Doch auf der Rückseite ist das Beutetier filetiert, die Gräten liegen blank. Auch in seinem Körper agieren Menschen wie Raubtiere. Der Fisch der Bühnenbildnerin Monika Pormale ist Schauplatz und zugleich Objekt, das sich neben Musik und Wort als eigene Kraft glänzend behauptet – als Ort einer realen Tragödie am Rande der Gesellschaft. Und als surreales Symbol einer dysfunktionalen Gemeinschaft.

Diese gönnt Alida und Asle keine Ruhe. Sleepless heißt deshalb auch die Geschichte, die gerade an der Berliner Staatsoper uraufgeführt wurde. Sie beginnt beinahe biblisch: Ein minderjähriges Paar, die Frau hochschwanger, auf Herbergssuche in eisiger und stürmischer Nacht. Überall wird es abgewiesen, niemand hilft. Fremde sind sie im eigenen Dorf. Anders als in der Weihnachtsgeschichte macht die Not den Vater jedoch zum Mörder. Animalische Instinkte retten das Kind, Asle aber ziehen seine Verbrechen in den Abgrund. Alida lebt in einer Traumwelt, Asle landet am Galgen der Selbstjustiz. Alidas Liebe bleibt bestehen, des Kindes wegen geht sie fortan mit einem anderen Mann. Es ist eine Moritat ohne Moral. Die Armut der Protagonisten lässt keinen Raum für ethische Motive.

Ohne Schuld ist hier keiner

Das Stück gibt keine Antwort auf die Frage der Schuld. In dieser Dunkelheit ist niemand, der schuldlos wäre. Der ungarische Film- und Theaterregisseur Kornél Mundruczó ist für die Inszenierung verantwortlich. Er hält Fisch und Figuren zwischen Abgestumpftheit, Sehnsucht und Illusion meisterhaft in Bewegung. Sleepless ist ein Auftragswerk der Staatsoper. Sein Schöpfer, der Ungar Peter Eötvös, bezeichnet das Melodram als „Opera-Ballad“. Eine Ballade wird im Unterschied zum Drama erzählt. Es ist ein einfacher, durchweg traurig-fließender Klang. Eine Marimba symbolisiert den stets präsenten Tod. Aus den Seitenlogen beschreibt ein wunderbares Sextett weiblicher Stimmen das Geschehen: „Asle ist das Blau des Himmels, und Alida watet ins Meer, während die Wellen sie willkommen heißen und über sie hinwegrollen.“ Danach nur noch eine einsame Geige. Eine Wolke schwebt tief über der menschenleeren Szene. So poetisch verklingen die zwölf den Tönen der Tonleiter zugeordneten Szenen, jede in einer eigenen Farbe. Doch die effektvollen dramatischen Momente vermögen es nicht, die Düsternis des nordischen Küstenkaffs zu sprengen.

Und selbst die komischen Szenen wie das Trinklied der Fischer halten die aggressive Stimmung aufrecht, die sich zu einem Ausbruch zügelloser Mordlust steigert: „Let him hang!“ Mari Mezei, die Ehefrau von Peter Eötvös, hat eine Erzählung des norwegischen Bestsellerautors und Dramatikers Jon Fosse zum Libretto geformt, die Szenen einer existenziellen Suche in einen Bewusstseinsstrom verwandelt. Die Zeit des Geschehens spielt keine Rolle. Der Ort durchaus: Die norwegische Volksmusik verleiht der Trostlosigkeit mitunter einen Hauch von Wärme. Asle ist Geiger, der auf einer landestypischen Hardangerfiedel spielt. Eötvös hat versucht eine „norwegische“ Mischung aus Dreiklängen zusammenzustellen, das gibt dem Ganzen einen naturhaft-ländlichen Ton, ohne ins Folkloristische abzugleiten. Die junge Norwegerin Victoria Randem ist eine anrührende Alida. Ihr lyrischer Sopran hat in der Mitte viel Schmelz, wird jedoch in der Höhe etwas eng. Außerdem mangelt es an Textverständlichkeit. Auch der niederländische Tenor Linard Vrielink (Asle) steht am Anfang seiner Karriere. Er meistert den schwierigen Charakter seiner Rolle, weiß aber nicht wirklich zu überwältigen.

Zeitgenössische Oper hat es nicht leicht, konkurriert sie doch mit der vierhundertjährigen Geschichte dieser Kunst. Die Avantgarde macht es sich zusätzlich schwer, wenn ihr Publikum in intellektuell konstruierten Klanglabyrinthen verloren geht. Eötvös begegnet dieser Gefahr. Schließlich hat er auch in den vielen Jahren an der Seite der Komponisten Karlheinz Stockhausen, Bernd Alois Zimmermann oder Pierre Boulez kein Experiment gescheut. Seine Opernproduktion floriert, obwohl er nie ins Populäre ausweicht. Er will nicht unterhalten; zunächst einmal sollen seine Zuschauer verstehen.

Da hilft, dass er nicht nur ein gefragter Komponist ist, sondern zugleich ein Dirigent, der am Pult der großen Orchester der Welt steht. Das Publikum stets in seinem Rücken, weiß er, wie man mit ihm im Dialog bleibt. Er glaubt, dass seine Musik in 200 Jahren noch gespielt werden wird. Sein Anspruch ist es deshalb, dem Publikum in ferner Zukunft etwas über unsere Zeit zu erzählen. Das hilft schon heute. Ist es größenwahnsinnig, von der Zukunftsfähigkeit der Oper auszugehen? Am Ende gibt es jedenfalls Standing Ovations für Sleepless. Das ist unter den herrschenden Bedingungen keine Selbstverständlichkeit: „Die Vibrationen der Musik nehmen wir mit dem ganzen Körper auf, die Rhythmen beeinflussen unsere Atmung“, meint Eötvös. Nur funktioniert das hinter Masken nicht wirklich gut. Deshalb sollte man diese Behinderung niemals als neue „Normalität“ akzeptieren.

Sleepless Musik: Peter Eötvös, Text: Mari Mezei nach „Trilogie“ von Jon Fosse , Staatsoper Unter den Linden, Berlin

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 04.12.2021

Kommentare