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Neo-Boheme Die Ruinen-Cafés von Budapest waren das Refugium für Kreative – inzwischen feiern dort aber zu viele Touristen

In der ersten Etage kann man eine Ausstellung sehen, im Erdgeschoss spielt eine Band, auf der Leinwand läuft ein Stummfilm, in der Mitte des Hofes legt ein DJ auf. Es ist Dienstagabend, das Café Szimpla Kert ist um acht Uhr so voll, dass man sich nicht mal ans Lenkrad eines hier abgestellten Trabants im Innenhof des baufälligen Gebäudes setzen kann. Ausrangierte Polski Fiats dienen als Stammtisch, eine Badewanne als Sitzgelegenheit. An den Wänden hängen Fahrräder und entrümpelte Thonet-Stühle. Auf dem Boden stehen Topfpflanzen, die Stehlampen in den Ecken tauchen die Szenerie in gedämpftes Licht.

Was hier aussieht, als sei es wahllos zusammengesucht, ist ein durchdachtes Konzept. Stühle, Möbel und Objekte entsprechen strengen Sicherheitsvorschriften, und sind mobil. Das Design ändert sich täglich. Immer nachts, nach der Sperrstunde, werden die Möbel neu platziert und arrangiert.

In der aktuellen Ausgabe des Lonely Planet wurden zwei Lokale aus Budapest auf die Liste der zehn besten weltweit gewählt, eines davon ist das Szimpla Kert. Aber wofür stehen diese Cafés? Geht es um eine neue kommunale Kulturgruppierung oder nur um eine Belebung leerstehender Immobilien in der Stadt? Oder hat sich einfach kein Investor für die Sanierung gefunden?

Wer besitzt die Wohnungen?

Die Ruinen-Kneipen im siebten und sechsten Bezirk von Budapest befinden sich zwischen den zwei Ringstraßen, ein wertvolles Gebiet für Makler. Das Areal umfasst das einstige Judenviertel, in der Nähe befinden sich drei Synagogen. Die Ruinen-Cafés in Budapest sind mehr als kreativ zwischengenutzte Räume. Als Resultat einer organischen Entwicklung der Stadt symbolisieren sie auch deren unverantwortlichen Umgang mit alten Gebäuden.

„Von einer bewussten Städteplanung ist gar nicht die Rede“, sagt Nóra Somlyódy, Journalistin und Expertin für Stadtplanung. Die Entwicklung der Viertel sei den Entscheidungsträgern egal. „Sie lassen etwas zu oder verbieten einfach, was ihnen missfällt.“

Die Gebäude, in denen Ruinen-Kneipen entstehen, waren vor der Wende staatliche Wohnhäuser. Danach standen sie leer, zum Abriss und Verfall verdammt – obwohl es Pläne gab, die nicht realisiert werden konnten. Denn die verwirrenden neuen Gesetze ließen nicht zu, dass die Bewohner ihre Wohnungen kaufen können. Also zogen sie aus. Und überließen die Gebäude den Kommunalverwaltungen. Denen jedoch fehlte das Geld, um sie zu erhalten. Ganze Wohnblocks wurden mit Abrissoption verkauft. Das darauf folgende Denkmalschutzgesetz hat den Abriss verboten. So ist in den Nullerjahren eine Schachmatt-Situation entstanden, die bis heute andauert. Nun sind die Wohnblocks häufig im Besitz von Offshore-Gesellschaften, die ihre Bauprojekte nicht realisieren konnten – leere Geisterblocks mitten in der Stadt.

Dass Ruinen-Cafés daraus wurden, hat noch einen weiteren Grund: Akademiker zwischen 20 und 35 wollten alternativ leben. Sie wollten Fahrrad fahren, im Freien rauchen und trinken, nachts etwas anderes als Schmalzbrot essen. So begann die Gentrifizierung der Stadt. Der Mittelschicht wurde das damalige Vergnügungsviertel Liszt Ferenc Platz zu teuer, zu touristisch, zu stillos. Es blieb nur die Stehweinbude um die Ecke. „Als Antwort auf diese Marktlücke entstand die erste Ruinen-Kneipe Szimpla, und dann der Reihe nach schließlich die anderen ... Kuplung, Szóda, Tűzraktér und Mumus“, sagt Gábor Kátai, der Leiter der Informationsbar im Szimpla.

Es waren drei Philologen – Márk Gauder, Gábor Bertényi und Attila Kiss, die das erste Café ins Leben riefen. Sie wollten ihre Kultur-, Film- und Kunstprojekte aus dem Markt finanzieren. Da es an staatlicher und privater Förderung fehlte, kamen sie auf die Idee, ein Café zu eröffnen und ihre Projekte aus den Einnahmen einer Kneipe zu decken, in der Menschen jeden Alters sich treffen.

Nun ziehen auch Touristenströme vorbei, der Besucherrekord liegt bei knapp 5.000 am Tag. Das Café will sich seinen kommunalen Charakter trotzdem bewahren und die Umgebung im Bezirk mitgestalten. Die Cafébetreiber als Quartiersmanager?

Visionen fürs eigene Viertel

„In den vergangenen zwei Jahren beschäftigten wir uns mit den sozialen und kulturellen Dienstleistungen, und haben ein Informationsbüro für die Bewohner eröffnet, um unsere Visionen für die Gegend zwischen dem Bürgermeisteramt, Zivilisten, Zivilorganisationen, Bewohnern und Investoren offen zu vermitteln“, erzählt Gábor Kátai an einem Freitagnachmittag, an dem fast nur Einheimische im Café sitzen, bei Limonade oder Kaffee. Die Leute in der Gegend seien nicht mobil. „Sie wollen da sterben, wo sie geboren sind.“ Die meisten wohnen seit mehr als 30 Jahren da.

15 Ruinen-Cafés findet man in den zwei Bezirken, viele kopieren Szimpla in Stil, Einrichtung und Ambiente und sind wenig innovativ. Aus einst kommunalen Räumen werden gewinnorientierte Unternehmen, die den ökonomischen Gesetzen folgen und mit dem Party-Budapest konkurrieren, mit seinem Hostel-Netz und den Clubs.

„Touristen kommen für ein Wochenende und wandern von Ruinen-Kneipe zu Ruinen-Kneipe um zu saufen“, erzählt Indrarto Indajanto. Er besitzt das Kertem (Mein Garten) – zur Retrokneipe des Jahres gewählt – im Budapester Stadtwäldchen. Er macht wenig Werbung und hält die Preise niedrig, damit die Einheimischen auch abends kommen. „Für uns ist Beständigkeit das höchste Prinzip. Wir arbeiten seit fünf Jahren mit demselben Personal. Es ist die größte Freude, wenn wir jeden Abend dieselben Gesichter wiedersehen“, sagt er.

Agnes Szabó, freie Journalistin in Ungarn, lebt in der Nachbarschaft mehrerer Ruinen-Kneipen und ist dort auch regelmäßig zu Gast

09:00 16.09.2012
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