Das Jaulen ist einem Wabern gewichen

Musik Kim Gordon von Sonic Youth kommt solo daher. Der übliche Krach dient ihr als Basis für höhere Aufgaben
Das Jaulen ist einem Wabern gewichen
Ohne das Gegengewicht der Bassistin und Sprechsängerin wären Sonic Youth vielleicht schon früher in einer Gitarrenkrachorgie ihres Ex-Manns Thurston Moore verloren gegangen

Foto: Beggars Group

Kim Gordon füllt Leinwände mit Geräuschen und Rockclubs mit Pinselstrichen. Sie macht also alles falsch. Bald sind es 40 Jahre, seit denen sie sehr gut damit fährt. Als Mitglied von Sonic Youth stellte die Artschool-Absolventin Beziehungen zwischen Rockmusik und jener Konzept- und Performancekunst her, die sie Mitte der ’70er in kalifornischen Seminarsälen und Aushilfsgalerien kennengelernt hatte. Gordon war die einzige Anti-Vollblutmusikerin bei Sonic Youth und deshalb immer cooler als der Rest der Band. Ohne das Gegengewicht der Bassistin und Sprechsängerin wären Sonic Youth vielleicht schon früher in einer Gitarrenkrachorgie ihres Ex-Manns Thurston Moore verloren gegangen.

Es kam erst 2011 zur Auflösung, nach 30-jähriger Pionierarbeit im Namen von Rock ’n’ Roll, Störgeräusch und deren Vereinbarkeit. Gordon malt seitdem vornehmlich, etwa die Namen alter Punkbands in einer Serie namens Noise Name Paintings. Wo sie früher Musik von der bildenden Kunst her dachte, macht sie es nun andersherum – oder sucht in den Gitarren- und Textimprovisationen ihrer Band Body/Head Mittelwege. No Home Record heißt das erste Album unter eigenem Namen. Gordon lebt wieder in den Bergen über L. A. Die Platte aber reagiert zwiegespalten auf das Konzept der Rückbesinnung.

Die Künstlerin will raus

Anders als in ihrer übellaunigen Autobiografie Girl in a Band scheint Gordon diesmal Spaß an der Arbeit zu haben. Gleich zum Einstieg macht sich der Song Sketch Artist über die Selbsterklärten und Möchtegerns im Zirkus der Vernissagen her. Ein Drumcomputer donnert erwartungsgemäß dissonant los, zur Mitte des Stücks aber erklingen zärtliche Zwischenmeldungen von Klavier und Akustikgitarre. 30 Sekunden reserviert Gordon dafür, dann wieder Lagerhallenkrach und vergiftete Worte für die Ich-Überhöhungen zahlloser Kunstschaffender. Natürlich bleibt das Stück über den „Sketch Artist“ selbst eine notdürftig zusammengebastelte Geräuschskizze.

Schon immer hat der höhnische Blick auf jede Form von Artschool-Eifersüchtelei zu ihrem Repertoire gehört. Diesmal bleibt er eine Aufwärmübung, mit der sich Gordon für höhere Ziele in Form bringt. No Home Record will raus aus Szenen und Kreisen, es ist eine Platte, die in lange nicht gehörter Klarheit mit der Außenwelt kommuniziert. Der Song Air BnB ist so catchy wie die gnädigsten Sonic-Youth-Stücke und so gemein wie die ungnädigsten: eine Abrechnung mit der Sharing Economy und anderen amerikanischen Träumereien, aus jaulender Gitarre und Textzeilen, die echten Wohnungsanzeigen entstammen könnten. Superhosts wie Gehostete werden sich darin wiedererkennen.

Neu ist der Trick nicht. Gordon wendet ihn sogar mehrmals an. Auch Get Yr Life Back schöpft Konsumkritik aus Werbesprache und Plakatwandslogans – diesmal jault der Song aber nicht, er wabert. Gitarre, Drumcomputer, gefundene Worte: So hat Gordon schon Musik gemacht, bevor sie Anfang der 80er Sonic Youth mitbegründete. No Home Record schließt also einen Kreis und schottet die Eingeweihten darin doch wieder von den Außenstehenden ab. Man kennt die Techniken und Sounds, die hier aufeinanderprallen, und man hat im Lauf der Jahre gelernt, sich nicht davor zu fürchten. Das schmälert die Wirkung von No Home Record, macht seine Beobachtungen aber auch nicht weniger wahr.

Info

No Home Record Kim Gordon Matador Records 2019

06:00 10.10.2019
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