Erhard Schütz
Ausgabe 1414 | 16.04.2014 | 06:00

Das Jubiläumsausnahmejahr

Sachlich richtig Ulrich Deppendorf lässt Peter Scholl-Latour schön grüßen

Das Jubiläumsausnahmejahr

Illustration: Otto

Im Juli 2014 wird es sein, dass der Große Führer und Ewige Präsident Kim II-sung 20 Jahre lang von den Zwangsseinen gegangen sein wird. Und 25 Jahre ist es her, dass Christian Eisert in der DDR zu Ehren einer Gästedelegation aus Pjöngjang Arbeiterkampflieder sang. Im vergangenen Jahr machte er Ferien in Nordkorea. Fazit: So fremd ist das alles gar nicht. Es gibt Zuckersäckchen, auf denen „Kaffeekultur“ steht, und Mercedes-Limousinen und U-Bahnen, wie sie leider auch heute noch in Berlin fahren müssen. In Pjöngjang gibt es keine Tauben, dafür Hotelzimmer mit Softeisautomaten, einen Vergnügungspark, ein Museum, in dem die siebzigtausend Geschenke aus aller Welt an Kim Jong-il gebunkert und zu besichtigen sind. Gut ist schließlich, dass Eisert nicht nur Kuriositäten nennt, sondern auch aus der Historie zu erzählen weiß, und das nüchtern und verständig. Nicht so gut, dass man die dort überall hängenden Lautsprecher nicht abschalten, besser, dass man die plattflotten Dialoge zwischen Autor und Fotografin überblättern kann. Sehr gut, unterm Strich: die ordentliche Mixtur aus Unterhaltsamen und Belehrendem.

Wie kommt man da nur auf China? Ach ja, nach 65 Jahren, wo andere jubelnd in Rente gehen, haben die VR China und Taiwan erstmals direkte Verhandlungen aufgenommen. Guter Anlass, denen mal näher auf die Finger zu sehen. Dazu muss man gar nicht hinreisen, weil sie bereits hier sind. Nicht nur als Touristen oder schickes Lenovo-Ding, sondern – wie nahezu überall auf der Welt inzwischen – durch Rohstoff- und Landaneignung, Firmenübernahmen und Finanzbeteiligungen, aber auch Schmuggel und Korruption. Nur mit der Unterstützung von Diktatoren hapert es hierzulande mangels selbiger einstweilen noch etwas. Dafür unterstützen zum Beispiel die finanziell eigentlich klammen Griechen die chinesische Staatsreederei COSCO mit drei Milliarden Euro dafür, dass die sich auf 30 Jahre exklusiv den Hafen von Piräus gesichert haben. Schwarzafrika und ein Gutteil der arabischen Welt, Südamerika, so Heriberto Araújo und Juan Pablo Cardenal, zwei versierte Journalisten, in ihrem Buch mit dem etwas reißerischen Titel, sind offene Areale für den „großen Beutezug“, während es in Europa einstweilen etwas dezenter zugeht. Eine neue Version des seit Kaisers Zeiten wiederkehrenden Ideologems von der „gelben Gefahr“? Das auch, aber mehr noch – und darin instruktiv – ein Einblick in die rabiate Dynamik eines globalen, nicht nur chinesischen Neo-Imperialismus, vor dem sich die hiesigen Diskussionen um Armutseinwanderung, Onanie oder Zweitpass ein wenig zipfelmützig ausnehmen.

Die letzten hundert Jahre im Liveticker. So richtig viele Chinesen kommen da (noch) nicht vor. Immerhin durchschwimmt am 16. Juli 1966 Mao den Jangtse, den er schon 1957 durchquert hatte. Viel häufiger hingegen haben wir es mit Günter Jauch, Ulrich Deppendorf, Guido Knopp oder Peter Scholl-Latour zu tun – die Viererbande der medialen Welterklärung. Unter dem 2. Mai 1957 finden wir zum Beispiel: „Peter Scholl-Latour kauft sich im Fachhandel einen Krisenherd.“ 27. Januar 1950: „In Essen ist heute Ulrich Deppendorf zur Welt gekommen. Hören Sie dazu einen Kommentar von Ulrich Deppendorf vom Westdeutschen Rundfunk.“ Oder nehmen wir den 23. Dezember 1918: „Helmut Schmidt (SPD) kommt mit einer Zigarette im Mund zur Welt. Nur er darf im Kreißsaal rauchen.“ Was aber soll das alles? Auf den ersten Blick erscheint es wie ein Pennälervergnügen. Indes ist diese furiose Achterbahnfahrt durch das zurückliegende Jahrhundert viel mehr. Die drei Gründer der Zeitschrift 11 Freunde liefern zwischen lustigen Sottisen, bösen Kalauern und manchem Geschmacksunsicherheitsverstärker eine geradezu dadaeske Kritik der medialen Vernunft. Meistens eine Wucht!

Shakespeare hätte der geradezu shakespearische Witz jener drei Autoren bestimmt gefallen. Indes ist das alles nichts gegen die Spekulationen, ob es ihn, Shakespeare, gab, wieviele er war und wie er genau aussah. Da ist es tröstlich zu wissen, dass sich wahre Gelehrte geduldig ans solide Sichten, Sortieren und Sinnen machen. Hans-Dieter Gelfert ist so jemand. Zwar kein intellektueller Feuerwerker wie der unersetzliche Stephen Greenblatt, dafür jedoch von rundum bedachtsamer Gediegenheit. Ein wirklicher Kenner schreibt hier für alle, die nicht an Fehden, sondern schlicht am Werk Shakespeares interessiert sind (siehe auch Seite 20). Abwägend, manchmal auch ein wenig umständlich, führt Gelfert verlässlich und verständlich durch Geschichte und Kultur des damaligen England, durch das, was man einigermaßen fundiert über die Person und ihre Umstände sagen kann (eskortiert durch einen Stammbaum der Familie) – und eben ausführlichst durchs Werk, obendrein – unvermeidlich und quasi die Voraussetzung – durch den seitherigen Kult, durch Vergötzung und Vergötterung. Ganz nebenbei muss, wer heute über die Komplexität von Shakespeares Sprachmacht jammert, sich sagen lassen, dass die seinerzeitigen, meist analphabetischen Zuschauer eben darauf besser trainiert waren. Auch das noch angemerkt: „War je ein Buch, so arger Dinge voll, so schön gebunden?“ Julias rhetorische Frage läßt sich hier profanieren: Dies Buch, guter Dinge voll, ist sehr ordentlich gebunden. Sein Satz jedoch, so nett er sich ansieht, ist dem abendlichen Aug’ nicht eben hold. So lesen wir’s wie Hamlet, mit einem heitern, einem nassen Aug’.

Kim & Struppi. Ferien in Nordkorea Christian Eisert Ullstein extra 2014, 320 S., 15,50 €

Der große Beutezug. Chinas stille Armee erobert den Westen Juan Pablo Cardenal, Heriberto Araújo Hanser 2014, 390 S., 24,90 €

Und nun zum Wetter. 100 Jahre Weltgeschichte im Liveticker Gieselmann/Jonas/Vogelsang Rowohlt 2014, 240 S., 9,99 €

William Shakespeare in seiner Zeit Hans-Dieter Gelfert C.H.Beck 2014, 471 S., 26,95 €

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 14/14.