Das kalifornische Taschenmesser

Internet Google heißt jetzt Alphabet. Mit dem Umbau ist der Konzern innerhalb kürzester Zeit zum teuersten Unternehmen der Welt geworden
Alex Hern | Ausgabe 08/2016

Das Silicon Valley und die Wall Street haben eine neue Königin: Alphabet, die Firma, die eben noch Google hieß. Kaum hatte sie ihren Namen geändert, schnellte ihr Aktienkurs in die Höhe und machte sie zum größten börsennotierten Unternehmen der Welt. Voraus gingen besonders gute Jahresergebnisse und der Entschluss, offenzulegen, womit die Firma ihr Geld verdient und wie sie es investiert.

Seit Google letzten Sommer begann, sich zu dem umzubauen, was nun Alphabet heißt, ist der Handelswert des Konzerns um 200 Milliarden Dollar gestiegen, hat sich also fast verdoppelt. Das ist umso erstaunlicher, als Alphabet weitgehend dieselben Produkte anbietet wie zuvor. Keine große Erfindung, kein Coup hat den Höhenflug befeuert. Bloß die soliden, beständigen Milliardenumsätze Jahr für Jahr.

Alphabet ist fürs Erste im Wesentlichen ein anderes Wort für Google. Die alte Firma besteht als Tochtergesellschaft fort und erbringt den größten Teil der Einnahmen. Das Hauptgeschäft – die Suchmaschine, der Kartendienst, Youtube, Android und die Werbeabteilung – ist nach wie vor der Google Inc. zugeordnet und untersteht deren neuem Geschäftsführer Sundar Pichai.

Der Rest von Alphabet sind Zukunftsprojekte. Google macht den Umsatz. Genauer gesagt dessen älteste Teile. Auf gut 74,5 Milliarden Dollar beliefen sich letztes Jahr die Einnahmen der Google Inc.; 23,4 Milliarden betrug der Gewinn. Zwar floriert auch das Netzwerk, mit dem der Konzern Reklame auf auswärtigen Websites unterbringt. Doch den Großteil seiner Werbeeinahmen, über 13 Milliarden Dollar, bezieht er immer noch über seine eigenen Seiten. Darin zeigt sich, wie stark die Fundamente sind, die Larry Page und Sergey Brin bei Gründung gelegt haben. Die größte Geldmaschine ist bis heute die Google-Suche.

50 Dollar für jeden Klick

Das hat zwei Gründe, einen viel diskutierten und einen unauffälligen. Beide liegen in der Frühzeit der Firma. Der erste ist der Algorithmus Pagerank, der Google überhaupt ins Rollen brachte. Wo die ganz frühen Suchmaschinen das Internet manuell durchkämmten und die nächste Generation Websites danach sortierten, wie oft der gesuchte Begriff auf ihnen auftauchte, behandelt PageRank Links wie Wählerstimmen. Je mehr Links auf eine Seite verweisen, desto höher wird sie eingestuft. Das Verfahren war der Konkurrenz haushoch überlegen. Im August 1998 startete Google, einen Monat später verzeichnete es schon 10.000 Suchanfragen pro Tag. Ein halbes Jahr nach Gründung waren es 500.000, drei Jahre später 150 Millionen. Heute sind es Tag für Tag etwa 3,5 Milliarden.

Der zweite Grund für Googles Erfolg aber wurde erst sichtbar, als der Konzern seine Vorherrschaft schon erlangt hatte: Platz für Werbung ist nirgendwo kostbarer als auf einer Seite mit Suchergebnissen. Wenn jemand eine Suchanfrage eingibt, dann weil er über das Gesuchte etwas erfahren will. Werbekunden indessen wollen ihr Produkt bekannt machen – vor allem aber wollen sie es verkaufen. Wer zum Beispiel „Urlaub“, „Penisverlängerung“ oder „Fake-Facebook-Freunde“ sucht, zeigt deutlich, dass er bereit ist, Geld auszugeben. Entsprechend hohe Summen zahlen die Werbekunden: bis zu 50 Dollar für jeden Klick.

Gerade weil Google den Wert der Suche erkannte, ist seine eigene Startseite bis heute so aufgeräumt. Die Verantwortung dafür übertrugen Page und Brin frühzeitig auf Marissa Mayer, die ihren Job als den einer Torwächterin beschrieb: „Ich muss zu vielen Leuten Nein sagen. Google hat eine Menge Funktionen, wie ein kompliziertes Schweizer Taschenmesser, die Homepage ist sozusagen die eingeklappte Form. Schlicht, elegant, handlich, aber du kannst alles ausklappen, was du brauchst. Die meisten unserer Konkurrenten treten von vornherein wie ausgeklappte Taschenmesser an, und das kann abschreckend wirken.“ Inzwischen ist Marissa Mayer allerdings selbst Chefin bei einem der ausgeklappten Messer – bei Yahoo.

Fast 20 Jahre hat die Google-Homepage in ihrer klassischen Form schon überlebt, und noch immer bringt sie dem Konzern viel Geld. Doch der große Werbemarkt der Zukunft sind Mobilgeräte und Videoplattformen. Auch auf diesen Trend hat Google früh reagiert. 2006 erwarb es für 1,65 Milliarden Dollar Youtube. Obwohl erst gut anderthalb Jahre im Netz, hatte sich die von Chad Hurley, Steve Chen und Jawed Kari gegründete Website bereits als führendes Portal für Online-Videos etabliert. 100 Millionen Mal täglich wurden Youtube-Inhalte abgerufen. Heute sind es Milliarden.

Ehe Google die Firma kaufte, verfolgte Youtube kein echtes Geschäftsmodell. Laut Mitgründer Hurley waren „etliche Optionen“ im Gespräch. Sowohl er als auch Chen stiegen kurz nach der Übernahme aus, Kari war schon vorher weg gewesen. Das Geschäftsmodell steuerte nun Google bei: Umsatz durch Werbung. Daher die nervigen Clips vor den Videos, die Pop-up-Reklame – und das Bezahl-Abo für die, die davon verschont bleiben wollen. 4,28 Milliarden Dollar hat Youtube im vergangenen Jahr mit Werbung eingenommen, das ist gegenüber 2014 ein Plus von über 40 Prozent.

Einen noch wichtigeren Zukauf tätigte Google schon 2005: Für 50 Millionen Dollar wurde Android erworben, ein Betriebssystem für Mobilgeräte, das ein Team aus vormaligen Apple-, Microsoft- und Philips-Mitarbeitern entwickelte. Seit 2003 saßen sie daran, Premiere hatte Android aber erst 2007. Heute sind Google und Android kaum noch ohne einander vorstellbar.

Im Vergleich zu Youtube mag Android wie eine mittelprächtige Investition wirken. Seit seiner Markteinführung hat das Betriebssystem gerade mal 31 Milliarden Dollar Umsatz angesammelt, durch Werbung auf Mobilgeräten und Verkaufsanteile bei Apps und Medien. Das liegt allerdings daran, dass Google Android gratis anbietet und nicht versucht, mit dem Verkauf der Endgeräte Profit zu machen wie Apple oder mit Lizenzgebühren für die Software wie Microsoft, das sich so ins Abseits des Smartphone-Zeitalters manövrierte. Die Dividende: Heute sind weltweit 1,8 Milliarden Mobilgeräte mit Android in Gebrauch – viermal so viele wie iPhones.

Wenn Google vor zehn Jahren Firmen kaufte, um für die Marktschlachten von heute gerüstet zu sein, so verfolgt es diese Strategie auch weiterhin. Im Januar 2014 übernahm es für 400 Millionen britische Pfund das Londoner Start-up Deep Mind. Das kleine Unternehmen, gegründet von dem Neurowissenschaftler und einstigen Schach-Wunderkind Demis Hassabis, hat sich das bescheidene Ziel gesetzt, Computer zu entwickeln, die genauso denken wie Menschen. Allmählich findet die Art von Technologie, an der Deep Mind bastelt, schon ihren Weg in die Google-Dienste: von einer Bildersuche, die Bildinhalte versteht, bis zu einer Stimmerkennung, die nicht mehr bloß Schlüsselwörter, sondern die Bedeutung ganzer Sätze erfasst. Im Januar 2016 erregte Deep Mind Aufsehen mit dem ersten Computerprogramm, das einen Profi im Brettspiel Go schlagen konnte, zehn Jahre früher als erwartet.

Deep Mind ist in der Alphabet-Hierarchie Google selbst unterstellt, doch andere Konzernzweige können frei schwingen. Unter ihnen Nest, die Firma für lernfähige Thermostate und Rauchmelder.

Nest verhilft Google einerseits zu einer Reputation als Hardware-Entwickler, die bisher gefehlt hatte. Zudem scheint es taktisch dringend geboten, dass die Teile des Konzerns, deren Erzeugnisse zum Einsatz in heimischer Privatsphäre bestimmt sind, nicht unter dem Namen Google auftreten.

Codename Nest

Noch ein Faktor hat Anteil daran, dass Alphabet das größte Unternehmen der Welt werden konnte: der Niedergang von Apple. Die 200 Milliarden Dollar, die Alphabet an Marktwert zulegte, hat Apple zur selben Zeit verloren. Der Grund sind Befürchtungen, dass bei iPhone, iPad und Mac die Verkaufszahlen schwächeln könnten, während die vierte große Produktlinie, Apple Watch, bisher nicht in Schwung kommt.

Ob Alphabet dauerhaft Apple ausstechen kann, hängt nicht nur davon ab, was die jeweiligen Bosse sich einfallen lassen, sondern auch von der notorischen Wankelmütigkeit des Silicon Valley. Noch macht Apple weit mehr Gewinn als Alphabet. Doch der Konsens darüber, wem die Zukunft gehört, hat sich verschoben. Fürs Erste.

Alex Hern schreibt für den Guardian über Technik

Übersetzung: Michael Ebmeyer

06:00 29.02.2016

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