Das kann geradezu Mut machen

Rhetorik Peer Steinbrücks Rede war inhaltlich klar und glaubwürdig. Das ist kein schlechtes Vorzeichen für den Wahlkampf. Eine Kritik
Das kann geradezu Mut machen
Überzeugend: Steinbrücks Rede in Hannover
Foto: Adam Berry/Getty Images

„Politik ist Machterhalt“, liest man in einem Buch, das vor zehn Jahren das Verschwinden der politischen Rede zum Thema machte, „aber Machterhalt ist noch nicht  Politik. Was ist Politik dann?“ Und die Antwort am Schluss des Buches lautet: „Freie Rede“.

Die freie politische Rede sei das geeignetste Instrument, den Selbststand der Politik sichtbar zu machen, ihren Primat zurückzugewinnen, heißt es da. Die Rhetorik sei gar nicht in erster Linie ein Wirkungsinstrument, wie es gut bezahlte Institute nahelegten und die Coacher wollten. Wer sich auf die Bauelemente der Rede verstehe, verfüge über ein Suchgerät, mehr noch, eine Findekunst.

Die Rede ist demnach ein Klärungsinstrument, in dem eine Situation entfaltet, ein Für und Wider erörtert, ein neuer Blick und Ausweg gefunden und verteidigt werden kann. Der Aufbau der Rede kann ein Entdeckungsvorgang werden, ihr Bauprinzip ein Konzept erzwingen. Reden in diesem Sinn heißt: im öffentlichen Raum etwas Neues anfangen.

Kein Allerlei

Am Sonntag in Hannover war eine politische Rede zu hören. Peer Steinbrücks Vorstellung als Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten kann geradezu Mut machen vor dem heraufziehenden Wahlkampf. Es ist ihr Sachgehalt und ihre Glaubwürdigkeit, die aufhorchen lassen.

Das war nicht das Allerlei einer Beschwichtigungsrede, kein Bad in der Mitte und keine Anbiederung an den Zeitgeist, nicht der Entwurf einer bedrohlich ernsten Lage, in der ein Heilsbringer sich anbietet, und auch nicht das halb- oder viertelpolitische Hickhack der moralisch empörten Herabsetzungen des Gegners. Es war eine politische Entscheidungsrede von einem enormen handwerklichen Format.

Er nannte die politischen Maßstäbe seiner Partei, die bekannt sind, zeigte ihre Grundsätze vor einem erkennbaren historischen Hintergrund und begrenzte sich auf diese Eckpfeiler, um von ihnen aus einen Durchgang durch die Themen anzutreten, die anstehen oder erst zu entdecken sind – große Themen wie die soziale Stadt, die Energiewende, das aufgestörte Europa. Er unterbrach die großen Schritte durch den Blick auf sehr konkrete Details und Begegnungen, die erkennen ließen, wo der Schuh drückt.

Gelegentlich drastisch

Es war eine durch und durch sozialdemokratische Rede, die deren Handwerkszeug und Begriffswelt als zeitgemäß aufdeckt und sich vollständig davor hütet, das Revier des anvisierten grünen Regierungspartners zu umreißen. Die Sprache war klar, konkret und gelegentlich drastisch.

An solchen in Arbeitsstufen entwickelten Reden fehlt es seit den achtziger Jahren. Es fehlt an entwickelter Politik. Die Wende in der Energiepolitik, die wir vor unlanger Zeit erlebt haben, beruhte auf keinem Konzept und wurde auch kein Thema einer eingehenden grundsätzlichen Rede – sie vollzog sich als Bekehrung mit schweren Nachwehen, um nur ein Beispiel zu nennen.

Glaubwürdigkeit ist der  vorherrschende Eindruck. Diese Rede ist glaubwürdig, weil sie auf die gegenwärtige Situation antwortet. Sie hat die Chance der Glaubwürdigkeit, weil sie entschiedene Thesen hat und die Konturen der Person des Redners, seine Position und Zuständigkeit erkennbar macht. 

Zwingende Schlüsse

Sie gewinnt an Glaubwürdigkeit, weil sie in der Sache wie der Sprache so konkret, und ihr Blick für die Situation wie für die Menschen, zu denen sie redet, so genau ist. Sie wird auch deshalb glaubwürdig, weil sie auf die tragfähigen Erfahrungen und Augenblicke in der Geschichte der eigenen Partei hinweist und die Erfahrungen der Gegenwart in diese Geschichte einzuordnen vermag.

Sie wird da besonders glaubwürdig, wo ohne ihn herabzusetzen, der gegnerische Standpunkt plastisch und klar wird, gewinnt Vertrauen, weil sie nicht nur den Verstand, sondern die Gefühle der Zuhörer erobert und zu Herzen geht –  zumal der Redner eigene Fehler zugibt. Diese Rede überzeugt, weil sie frei, klar und  mutig  zwingende Schlüsse zieht.

Uwe Pörksen ist emeritierter Professor für deutsche Sprache und Autor des Buchs Die politische Zunge. Eine kurze Kritik der öffentlichen Rede (Stuttgart 2002)

15:21 11.12.2012

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