Uwe Pörksen
11.12.2012 | 15:21 48

Das kann geradezu Mut machen

Rhetorik Peer Steinbrücks Rede war inhaltlich klar und glaubwürdig. Das ist kein schlechtes Vorzeichen für den Wahlkampf. Eine Kritik

Das kann geradezu Mut machen

Überzeugend: Steinbrücks Rede in Hannover

Foto: Adam Berry/Getty Images

„Politik ist Machterhalt“, liest man in einem Buch, das vor zehn Jahren das Verschwinden der politischen Rede zum Thema machte, „aber Machterhalt ist noch nicht  Politik. Was ist Politik dann?“ Und die Antwort am Schluss des Buches lautet: „Freie Rede“.

Die freie politische Rede sei das geeignetste Instrument, den Selbststand der Politik sichtbar zu machen, ihren Primat zurückzugewinnen, heißt es da. Die Rhetorik sei gar nicht in erster Linie ein Wirkungsinstrument, wie es gut bezahlte Institute nahelegten und die Coacher wollten. Wer sich auf die Bauelemente der Rede verstehe, verfüge über ein Suchgerät, mehr noch, eine Findekunst.

Die Rede ist demnach ein Klärungsinstrument, in dem eine Situation entfaltet, ein Für und Wider erörtert, ein neuer Blick und Ausweg gefunden und verteidigt werden kann. Der Aufbau der Rede kann ein Entdeckungsvorgang werden, ihr Bauprinzip ein Konzept erzwingen. Reden in diesem Sinn heißt: im öffentlichen Raum etwas Neues anfangen.

Kein Allerlei

Am Sonntag in Hannover war eine politische Rede zu hören. Peer Steinbrücks Vorstellung als Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten kann geradezu Mut machen vor dem heraufziehenden Wahlkampf. Es ist ihr Sachgehalt und ihre Glaubwürdigkeit, die aufhorchen lassen.

Das war nicht das Allerlei einer Beschwichtigungsrede, kein Bad in der Mitte und keine Anbiederung an den Zeitgeist, nicht der Entwurf einer bedrohlich ernsten Lage, in der ein Heilsbringer sich anbietet, und auch nicht das halb- oder viertelpolitische Hickhack der moralisch empörten Herabsetzungen des Gegners. Es war eine politische Entscheidungsrede von einem enormen handwerklichen Format.

Er nannte die politischen Maßstäbe seiner Partei, die bekannt sind, zeigte ihre Grundsätze vor einem erkennbaren historischen Hintergrund und begrenzte sich auf diese Eckpfeiler, um von ihnen aus einen Durchgang durch die Themen anzutreten, die anstehen oder erst zu entdecken sind – große Themen wie die soziale Stadt, die Energiewende, das aufgestörte Europa. Er unterbrach die großen Schritte durch den Blick auf sehr konkrete Details und Begegnungen, die erkennen ließen, wo der Schuh drückt.

Gelegentlich drastisch

Es war eine durch und durch sozialdemokratische Rede, die deren Handwerkszeug und Begriffswelt als zeitgemäß aufdeckt und sich vollständig davor hütet, das Revier des anvisierten grünen Regierungspartners zu umreißen. Die Sprache war klar, konkret und gelegentlich drastisch.

An solchen in Arbeitsstufen entwickelten Reden fehlt es seit den achtziger Jahren. Es fehlt an entwickelter Politik. Die Wende in der Energiepolitik, die wir vor unlanger Zeit erlebt haben, beruhte auf keinem Konzept und wurde auch kein Thema einer eingehenden grundsätzlichen Rede – sie vollzog sich als Bekehrung mit schweren Nachwehen, um nur ein Beispiel zu nennen.

Glaubwürdigkeit ist der  vorherrschende Eindruck. Diese Rede ist glaubwürdig, weil sie auf die gegenwärtige Situation antwortet. Sie hat die Chance der Glaubwürdigkeit, weil sie entschiedene Thesen hat und die Konturen der Person des Redners, seine Position und Zuständigkeit erkennbar macht. 

Zwingende Schlüsse

Sie gewinnt an Glaubwürdigkeit, weil sie in der Sache wie der Sprache so konkret, und ihr Blick für die Situation wie für die Menschen, zu denen sie redet, so genau ist. Sie wird auch deshalb glaubwürdig, weil sie auf die tragfähigen Erfahrungen und Augenblicke in der Geschichte der eigenen Partei hinweist und die Erfahrungen der Gegenwart in diese Geschichte einzuordnen vermag.

Sie wird da besonders glaubwürdig, wo ohne ihn herabzusetzen, der gegnerische Standpunkt plastisch und klar wird, gewinnt Vertrauen, weil sie nicht nur den Verstand, sondern die Gefühle der Zuhörer erobert und zu Herzen geht –  zumal der Redner eigene Fehler zugibt. Diese Rede überzeugt, weil sie frei, klar und  mutig  zwingende Schlüsse zieht.

Uwe Pörksen ist emeritierter Professor für deutsche Sprache und Autor des Buchs Die politische Zunge. Eine kurze Kritik der öffentlichen Rede (Stuttgart 2002)

Kommentare (48)

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Ehemaliger Nutzer 11.12.2012 | 16:11

Nach abgeschlossenen Lesen dieses komplett Argument- und Inhaltsbefreiten, aber unumstritten glaubwürdigen Beitrages, glaube ich behaupten zu dürfen, dass Uwe „die Zunge“ Pörksen (einer) der aktuelle(n) Redenschreiber dieses sozialdemokratischen und begnadeten Spitzenrhetorikers ist…

Dr. Satori 11.12.2012 | 16:42

Steinbrück glaubwürdig? Herr Pörksen, was ist mit Ihrem Kurzzeitgedächtnis los? Haben Sie etwas schon vergessen, dass der Kanzlerkandidat Steinbrück als Ministerpräsident in NRW die milliardenschwere Zockerei der WestLB mitgetragen hat und später als Finanzminister die Finanzmarktaufsicht zusammenstrich? Dieser Kanzlerkandidat, der die SPD vor einem "Heulsusen-Image" warnte, soll nun ein Garant für "soziale Wärme" werden/sein? Ne, dann lieber nochmal 4 Jahre Merkel, als solch einen cholerisch veranlagten Hitzkopf, der sich für sein luftiges Geschwurbel von vorgestern maximal bis gestern interessiert.

Zitat Steinbrück:
"Die SPD, die mich aufstellt, muss erst noch erfunden werden"

Geierwally 11.12.2012 | 17:43

noch ein guter artikel

http://www.nachdenkseiten.de/?p=15427

ich wette fast herr Pörksen ist herr augstein☺

für mich war die rede eine wahlkampf- und parteitagsrede, nicht mehr und nicht weniger um über 90% zu kommen, das war nicht herr steinbrück der dort redete, sondern herr gabriel.

glaubwürdigkeit erlangt man aus handeln und dem, was man in der vergangenheit getan und gesagt hat und nicht nach einer einzigen rede und wenn man das alles revue passieren läßt, dann kann man das nicht für glaubwürdig halten. so kurzfristig kann niemand sein ganzes weltbild auf den kopf stellen und zufällig kam das auch noch rechtzeitig zur ennennung zum kanditaten. glaube nicht das gabriel mit hypnose arbeitet☺ glaubwürdigkeit hätte er erlangen können, wenn er gesagt hätte, wir dei spd sind schuld an der ganzen misere, wir haben die büchse der pandorra geöffnet, die agenda war schuld und wir wollen es zurücknehmen. aber das traut er sich nicht vor den augen seines vorbildes, warum auch, er hat ja selbst mir daran gewirkt, die agenda politik passt eher zu ihm, als über soziale gerechtigkeit zu reden.

schröder hat 98 auch solche reden gehalten und ich habe mich davon verleiten lassen, weil ich es glaubte, aber nun, wo der gleiche typ politiker wieder von der spd aufgestellt wird und alles irgendwie nach einer kopie ausschaut, lasse ich mich nicht mehr verulken.

ich wähle die linke, die haben 4 jahre lang die linke seite würdig vertreten und haben es verdient wiedergewählt zu werden..

klonkifanko 11.12.2012 | 17:48

"Es war eine durch und durch sozialdemokratische Rede."

Glaubwürdig wäre sie, wenn der Mann, der sie gehalten hat, selbst Sozialdemokrat wäre - das ist das definiens der Glaubwürdigkeit. Für diese Bestimmung genügt es nicht, dass er selbst sich für einen hält.

Sein Wahlergebnis war für einen Wahlparteitag geradezu peinlich. Gern wüsste ich, wie er bei einer Urabstimmung abschneiden würde... Ich denke, rein zufällig, an C. Roth.

WillyOskarGregor 11.12.2012 | 18:10

„Beurteile einen Menschen lieber nach seinen Handlungen als nach seinen Worten; denn viele handeln schlecht und sprechen vortrefflich.“ Dieser Mann ist ein Profiteur seiner neoliberalen Politik. Er ist mitverantwortlich für die Deregulierung des Finanzmärkte. Danach wurde er von breit grinsenden Lobbyisten und Banken zu Vortragsreden eingeladen und steckte sich ohne Schamgefühl viel Geld in die Taschen.

Vor der letzen Wahl warnte er eindringlich vor der Erhöhung der Mehrwertsteuer. Als Minister verhinderte er nicht, dass ein noch höheren Satz zustande kam.

Steinbrück hat sich schon so oft widersprochen, das man ihm jede Glaubwürdigkeit absprechen muss.

Was ist der "Freitag" für ein Blatt? Wieso lässt man solche Schreiberlinge zu Wort kommen? Ich kann's nicht fassen...

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Ehemaliger Nutzer 11.12.2012 | 18:32

Ich mache mich über den Artikel her und erwarte irgendwann dann, dass der Autor das, was er uns mitteilt, als Satire offenbart, durch welche er uns klug aufs Glatteis geführt hat - muss aber feststellen: ALLES FALSCH, DER MANN MEINT DAS TATSÄCHLICH ERNST.

Da ist man schon einigermaßen fassungslos.

Das, was uns Herr Steinbrück da verkündet ("in Zukunft muss es in Deutschland weniger ich und mehr wir geben"), schreit ja geradezu nach Satire - wenigstens, wenn man noch nicht allzu frustriert und schockiert über den Zustand dieser Partei ist - und bereit, TROTZDEM noch zu lachen.

Zum Thema SPD kann ich nur sagen: Wer sich einmal hinter´s Licht führen lässt, den kann ich noch bedauern, wem das aber wieder und wieder passiert, der tut mir nicht einmal mehr leid. (Und dieses Mal ist es zudem noch WESENTLICH leichter zu merken, mit wem man es zu tun hat als bei Münti und Schröder.)

Ich darf einmal an zwei Sätze erinnern: Aus die Frage, warum der Kandidat der neuen sozialen Gerechtigkeit antrete, erwiderte er nicht etwa, weil ihm etwas an den sozialen Verhältnissen im Lande liegt sondern: "aus Eitelkeit".

Der Satz, der mir von Schröder hängengeblieben ist, lautet: "Mir geht es gut und dafür kämpfe ich!". Braucht es wirklich mehr? (Außer das BISSCHEN Erinnerungsfähigkeit, z.B. an die großartigen Errungenschaften der Sozialdemokraten wie: Ausweitung der Leiharbeit, Senkung des Spitzensteuersatzes und Liberalisierung der Banken und Märkte, nebst Kriegsbeteiligung in Afghanistan....)

Als die Kamera bei Steinbrücks Rede ab und an ins partiell regelrecht euphorisierte Saalpublikum blendete, musste ich meine Brillengläser putzen. Konnte das sein? Da gab es tatsächlich Menschen, die selbst bei den plattesten rhetorischen Spielchen glänzende Augen kriegen. (Man fühlt sich wirklich peinlich an andere Veranstaltungen erinnert.)

Wenn das, was der Kandidat der Glaubwürdigkleit da abgeliefert hat, eine Meisterleistung der Redekunst gewesen sein soll, dann verstehe ich wirklich die Welt nicht mehr..... Schlussatz: Die Aufstellung des Kandidaten Steinbrücks ist, meiner Ansicht nach, nichts weiter als ein bewusster und vorsätzlicher Wahlbetrug an den treuen (oder sagen wir besser treudoofen) Sozis - wie gesagt, ich habe da kein Mitleid mehr.

Helmut Eckert 11.12.2012 | 18:45

Das abendliche Gebet eines P.S.

Lieber Gott ich danke dir,

dass ich so bin, so wie ich sei.

Alles stimmt jetzt hier bei mir,

Tadellos sind nur wir zwei.

Ich seh gut aus und bin in Schuss,

steh voll in Saft und Kraft.

Weil ich jetzt täglich kämpfen muss,

ist mit dem Tingeln Schluss.

Jetzt bin ich für euch nur Genosse,

ein Kämpfer für das Recht.

Die Feinde sind ab jetzt die Bosse,

ein Lob dem Berthold Brecht.

Ich schwinge Reden vor den Massen,

verspreche Heil auf Erden.

Wenn ich erst Kanzler werden darf,

auch Arme reich dann werden.

Als ich noch war bei Schröder Stift,

tat ich was mir befohlen.

Agenda 10 den Armen trifft,

bei mir war nichts zu holen.

Das Damals, das ist lange her,

ich hab mir selbst verziehen.

Das Lügen fiel mir niemals schwer,

das macht mir keine Mühen.

Ich habe Geld in Überfluss,

kann teuren Wein mir leisten.

Bei Miete ich nicht sparen muss,

das ärgert mich am meisten.

Ich zeige Mitleid mit dem Manne,

der für ein Hungerlohn sich quält.

Die Ausbeutung ich dann verbannne,

wenn ich im Herbst erst bin gewählt.

Leiharbeit fand ich so Klasse,

weil es den Bossen reicher machte.

Jetzt ich vor meinem Irrsinn passe,

weil sie nur noch mehr Armut brachte.

Die letzte Wahl ging mir verloren,

das ist jetzt ein paar Jahre her.

Ich bin zu Höheren geboren,

als Bundeskanzler bin ich wer.

Ihr Mägde und ihr Knechte alle,

wählt mich im Herbst zu eurem Fürsten.

Ich führe Euch zu dem Wallhalle,

ihr sollt nicht hungern oder Dürsten.

Ich bin das Heil von Gott gesendet,

bin eure Rettung in der Not.

Im Herbst wird Deutschland neu gewendet,

ich sicher Arbeit euch und Brot.

Ich führ das Land nach Kanaan,

wo Milch und Honig fließt für immer.

Ich habe viel bis jetzt getan,

in Zukunft wird mein Tun noch schlimmer…..

Wenn einem Leser das Gedicht gefällt, kann er es gerne einem SPD Genossen seines Heimatkreises schicken. Der Genosse wird es freudig für seine Wahlkampfarbeit verwenden können. Da bin ich mir ganz sicher!

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Ehemaliger Nutzer 11.12.2012 | 18:47

…das mit der "unumstrittenen Glaubwürdigkeit" oben war kein Witz von mir.

Die mögliche Beleg- und Überprüfbarkeit der Aussagen dieser Figuren, macht doch die Einforderung einer Glaub- und Vertrauenswürdigkeit an ihre Adresse so überflüssig wie eine Fistel am Allerwertesten.

Was ist das denn für ein unterwürfiges Bedürfnis – dieser elendige Glaubwürdigkeitsantrag von Unten nach Oben?

Und wie kommt so was trostloses denn überhaupt zustande?

Steinbrück ist definitiv glaubwürdig!...

H.Hesse 11.12.2012 | 19:18

Steinbrück hat also "glaubwürdig" geredet? Selten so gelacht! Der wusste doch, was von ihm erwartet wurde und was er "liefern" musste, um seine Delegierten für sich zu gewinnen. Das war doch alles Taktik und Strategie, wohlüberlegte PR in eigener Sache und der Versuch, seine potentiellen WählerInnen zu täuschen.

Sollte er an die Regierung kommen, wird er es dann mit Müntefering halten, der gesagt hatte, es sei "unfair", an im Wahlkampf gemachte Versprechen erinnert zu werden. Das zur Glaubwürdigkeit...!

Wollte Steinbrück das umsetzen, was er am Wochenende verkündet hat, müsste er für eine rot-rot-grüne Regierung plädieren, aber der beisst sich eher die Zunge ab. Nein, dieser SPD etwas zu glauben, fällt mir schwer. Erstaunlich, dass ein so kluger Kopf wie Jakob Augstein in seinem heutigen SPON-Beitrag auf Spiegel-online auf ihn hereingefallen ist.

Hans Springstein 11.12.2012 | 19:57

An seinen Taten, nicht an seinen Worten sollt Ihr ihn erkennen:

a) "Unter Steinbrück schrieben Banken selbst das Steuergesetz"

b) "Gesetzesbegründung aus der Feder des Bankenverbandes erleichterte Steuerhinterziehung"

c) "Steinbrück und sein Staatssekretär Asmussen haben die Krise befördert und dann nichts gegen die Folgen für Deutschlands Volkswirtschaft getan"

d) "Steinbrück ist zusammen mit der Bundeskanzlerin verantwortlich dafür, dass wir mit Hunderten von Milliarden belastet werden, mit denen die Wettschulden der Spieler im Finanzkasino beglichen werden."

e) "Wenn es nach Steinbrücks Neigung zur prozyklischen Konjunkturpolitik gegangen wäre, säße Deutschland in einer noch tieferen Wirtschaftskrise." (Quelle für c bis e)

"Steinbrück plant den Ausstieg aus der Politik und den Umstieg in die Finanzwirtschaft"

poor on ruhr 11.12.2012 | 20:45

Ohne Zweifel ist Steinbrück ein sehr guter Redner. Auch die Witze in der Rede über die Länge seiner Rede waren gut. ;) Es gibt aber sehr viele gute Redner.

Bei vielen politischen Reden geht mir das so , dass ich auch bei gegnerischen Parteien erst mal den Eindruck habe: "Mensch, der hat aber recht. Das stimmt aber wirklich." ;)

Man muss sich schon selbst ein Urteil jenseits der Redekunst der politischen Akteuere bilden.

Was die Glaubwürdigkeit von Herrn Steinbrücks Rede angeht, schließe ich mich den mit vielen Argumenten untermauerten Zweifeln und Negierungen in den vohergehenden Kommentare aus vollem Herzen an.

blog1 11.12.2012 | 21:22

Nun, zum Thema Glaubwürdigkeit folgender Blog von mir:

https://www.freitag.de/autoren/waschi/brandt-und-wehner-2013-gruesse-aus-dem-orbit-2

Der SPD gehen die Kandidaten aus. Nach der verlorenen Bundestagswahl in 2013 geht Steinbrück in die Wirtschaft. Vielleicht ist dann ein weiterer Posten in der Finanzbranche frei oder u.U. klappt es auch bei Gazprom. Aber Putin kauft nur Personen ein, die schon einmal Wahlen gewonnen haben.

Mir blutet das Herz, wenn ich sehe, wohin die SPD mutiert ist.

blog1 11.12.2012 | 22:24

Nun, jede Person, auch ein Bundestagsabgeordneter hat einen Marktwert. Als ehemaliger Finanzminister ist dieser Marktwert höher als beispielsweise bei einem Mitglied des Finanzausschusses oder gar bei einem Hinterbänkler, der zwar laufende Tantiemen für seine Tätigkeit als Lobbyist erhält, ansonsten aber eher uninteressant ist.

Bei Steinbrück wurde sein Marktwert maßgeblich dadurch bestimmt, welchen Wert er künftig für seine Gönner haben könnte, wenn er dann schlussendlich tatsächlich Kanzler wird. Es handelt sich sozusagen um eine Wette in die Zukunft mit ungewissem Ausgang. Aber damit ist dieser Personenkreis dem Grunde nach vertraut. Nun, zur Not übernimmt die Verluste dann der Steuerzahler. Auch Vortragshonorare sind Betriebsausgaben und sind insofern von der Steuer absetzbar.

Die Honorarhöhe von Vorträgen bemisst sich also primär an dem zukünftigen Potential, das dem Redner zugemessen wird. Hinzu kommen dann weitere Merkmale, wie Originalität, Ausstrahlung, Unterhaltungswert etc., die dann das am Potential orientierte Grundhonorar nach oben aber auch unten beeinflussen können. Nun, ich will Herrn Steinbrück gerne zugestehen, dass sein Grundhonorar bei ca. 15.000 € lag und dann je nach Ausgangslage etwas draufgepackt wurde.

Alles in allem eine runde Sache, finden Sie nicht auch?

danki 11.12.2012 | 22:47

Erst Jakob Augstein im spiegel.online,jetzt Uwe Pörksen im Freitag.Ist denn hier die journalistische Recherche auf der Strecke geblieben?Was soll die Lobhudelei auf Steinbrück?Der Mann steht u.a. mit Schröder,dem Blender,für die Entsozialisierung der SPD,für die Deregulierung der Banken,eisern für die Agenda 2010,etc.Sein I-Tüpfelchen seiner Politik gab er in H zum Besten.Man solle die Rendite der "Reformpolitik" der SPD nicht verschweigen.Ja sind denn Augstein und Pörksen mit dem Klammerbeutel gepudert worden,dass sie nicht einmal bei so einer Aussage,ihre journalistische Tätigkeit,ein objektives Meinungsbild zu vermitteln,schlichtweg ignorieren?Das ist jämmerlicher Journalismus,den ich sowohl in der Blödzeitug-hat das vielleicht in den Diskussionen mit Blome bei Augstein abgefärbt?-oder im spiegel.online lesen kann!

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Ehemaliger Nutzer 12.12.2012 | 00:07

danki

Ich kann die Empörung gut verstehen, die sich in Ihrer Mail Bahn bricht! Mein Vorschlag: Man lese den Artikel einmal auf der psychologischen Ebene:

Augstein hat also einen Text für den "Spiegel" verfasst, bei dem er Steinbrück überschwenglich lobt. Bei Augstein, der sich irgendwie links verortet wissen will, hat das wohl damit zu tun, dass er die Nase voll hat von Merkel und durch Steinbrück (leicht verzweifelt) hofft, sie könne abgelöst werden.

Ich schätze ihn dabei für so klug ein, dass er weiß, dass Steinbrück alles andere ist als ein glaubwürdiger Kandidat und dass er obendrein alles andere ist als links (ob Augstein selbst dies ist, lassen wir einmal dahin gestellt).

Ja, und was macht nun jemand, der für ein Blatt schreibt, dessen Chef Augstein heißt? Er schreibt eben das, was sein Chef auch schreibt (oder vielleicht geschrieben haben will.). Nur eben NOCH weniger differenziert und ......... - e voilá - schon hat man diesen Artikel - das unmittelbare Resultat eines Schusses Opportunismus, einiger Teelöffel Gedankenlosigkeit, mindestens eines halben Liters Vergesslichkeit und einer hohen Dosis Desinteresses an der Sache selbst (jemand, der sich wirklich für Politik interessiert und seine Gedanken zusammenhält, kann sowas einfach nicht schreiben - davon bin ich absolut überzeugt.).

Leider kann sowas alles andere als "Mut machen"

Sieht man sich einmal die Verwerfungen der letzten Jahre und Jahrzehnte an, so haben die damit zu tun, dass keiner laut Halt zu sagen wagte und dass die, die es doch (zaghaft) einmal taten, als Querulanten beschimpft und abgeräumt wurden. (Ich sehe in diesem Land bald nur noch Opportunisten am Werk!)

Eines muss doch einmal konstatiert werden dürfen:

Eine SPD, die sich nach all dem Basisdemokratiegesäusel der Nach-Schröder-Zeit (á la Nahles und Gabriel) einen Kandidaten vorsetzen l ä s s t , der sich über J a h r e hinweg über die einfachen Parteimitglieder und Funktionäre lustig macht und sie allenfalls behandelt wie arme Trottel, ein Kandidat also, dem die Partei erwiesenermaßen außerhalb ihres Potentials zu eigenen Marktwertsteigerung (25 große Scheinchen für ein Plauderstündchen bei den Genossen von den Stadtwerken) völlig am Allerwertesten vorbei geht, besitzt nicht einmal Selbstachtung!

(Und, bitte, mir komme danach keiner der sog. Linken und erkläre, er habe die Faust in der Tasche geballt - das haben die schon bei Schröder gesagt. Das wirkt jetzt nicht eben glaubwürdiger!)

koslowski 12.12.2012 | 00:25

Gute Redeanalyse: klar in Aufbau, Methodik und Sprache und ohne Anspruch auf Objektivität ihrer Urteile. Das unterscheidet sie angenehm von Beiträgen aus der Community, die es sich mit der Rede leicht machen, weil sie wissen, dass der Kandidat die logische Konsequenz aus der Zustimmung seiner Partei zu den Kriegskrediten im Juli 1914 ist.

Ich hoffe, von Herrn Pörksen noch mehr im FREITAG lesen zu können.

ThLindenmeyer 12.12.2012 | 00:40

Eine Rede ist eine Rede ist eine Rede. Steinbrück spielt den Sozialdemokraten mehr schlecht als recht, man spürt, hört und sieht es förmlich, dass sein Auftritt alles ist, aber nicht authentisch. Wer sich schon als Kandidat so verbiegt, wie soll er dann als Kanzler eine Regierungspartei SPD führen? Und das mit dem 'Heulsusenthema'?? Ich habe nichts gegen Herrn Steinbrück und auch nichts gegen die SPD, ich habe aber etwas gegen die verlogene Show dieses Parteitages: Hier soll zusammenwachsen, was einfach nicht zueinander passt. Und alle wissen es, alle: die Delegierten, die Parteiführung und auch die Kommentatoren der Zeitungen. Steinbrück ist ein kühler, etwas egozentrischer, konservativer Sozialdemokrat der alten, hanseatischen Schule. In seiner mokanten Besserwisserei erinnert er an den späten Stoiber oder auch Herrn Öttinger. Parteien ertragen solche Personen nur eine gewisse Zeit, aber sicher nicht für die Dauer eines langen und mühsamen Bundestagswahlkampfes. Das wird ein einziger Krampf. Warum dann diese ebenso krampfige Lobhudelei?

Andreas Schlüter 12.12.2012 | 13:17

Angesichts der ziemlich deutlichen Ergebnisse der Sonntagsfrage zeichnet sich die Große Koalition als Flammenschrift an der Wand ab. da wirkt Steinbrücks vollmundige Erklärung, er stünde als Minister in einer solchen Koalition nicht zur Verfügung wie die Ankündigung zu etwas Anderem: http://wipokuli.wordpress.com/2012/12/10/bundestagswahl-2013-der-steinige-weg-zur-grosen-koalition/ !

Andreas Schlüter

Diplom-Soziologe

Berlin

Syskri 12.12.2012 | 15:21

Wenn Menschen, die man nicht einfach der Dummheit und Unwissenheit bezichtigen kann, sich zu Steinbrück äußern wie Pörksen oder J.Augstein (nicht zu verwechseln mit Rudolf Augstein) muss man sich als informierter Politik-Betrachter fragen, was bezwecken die mit dieser bewussten Leser-Täuschung?! Die hier gelesenen Kommentare beweisen, dass auch die Leser nicht bereit sind, diese bewussten Fehlinformationen zu akzeptieren. Steinbrück ist nicht nur von gefährlicher Arroganz und Selbstüberschätzung getragen, sondern m.E. auch entscheidend an der Krise BRD/Europa beteiligt gewesen und hat nun, der SPD zuliebe, zentnerweise Kreide gefressen, bis nach der Wahl...

Mühlenkamper 12.12.2012 | 21:32

Der Knackpunkt war das Thema Rente, denn daran eskalierte der Flügelkonflikt, der die vorzeitige Nominierung erzwungen hat. Mit dem Rentenkonzept von Gabriel wird der Konflikt mit den Finanzdienstleistern vermieden, zudem wird die Rentenformel - nachdem Steinbrück sie zuvor zum Tabu erhoben hatte - nicht angetastet. Was hat nun der Kandidat zu diesem zentralen Thema mitzuteilen?: "Ich will aus Zeitgründen nicht so stark auf das Thema Rente eingehen, sondern schlicht und einfach bestätigen, dass die SPD die einzige politische Kraft in Deutschland ist, die ein
schlüssiges Rentenkonzept vorgelegt hat." Das ist weniger als Null. Und zwar am Kernpunkt der Rede.

Lapis 12.12.2012 | 23:10

>>Glaubwürdigkeit ist der vorherrschende Eindruck. Diese Rede ist glaubwürdig, weil sie auf die gegenwärtige Situation antwortet. Sie hat die Chance der Glaubwürdigkeit, weil sie entschiedene Thesen hat und die Konturen der Person des Redners, seine Position und Zuständigkeit erkennbar macht. <<

Sehr schön.

Erinnert ein bisschen an Loriot.

I.D.A. Liszt 13.12.2012 | 00:06

@ blog1 (11.12.2012; 22:24):

In der Tat eine runde Sache.

>Es handelt sich sozusagen um eine Wette in die Zukunft mit ungewissem Ausgang.< -

>Die Honorarhöhe von Vorträgen bemisst sich also primär an dem zukünftigen Potential, das dem Redner zugemessen wird.< -

Das sind dann sozusagen die Optionsscheine oder sogar Futures auf P.Steinbrück.
Paßt ja.

Im übrigen sichert sich der Freitag mit Artikeln wie dem vorliegenden die Optionen oder Futures auf Nischen im Zeitungsmarkt, jetzt, da der Platz der Finacial Times Deutschland vakant geworden ist.

pam 13.12.2012 | 00:14

Nee, wirklich, eine Rede reicht aus, um Steinbrück zu rehabilitieren?

Der Mann ist und bleibt ein neoliberaler, egomanischer Wichtigtuer! Zuviel Agenda 2010 mit seinen Kumpels Schröder und dem anderem Steini. Zuviel bezahlte Reden mit Lobbyanbiederungen. Dann der Aufsichtsrat bei Thyssen-Krupp, alle seine sonstigen Posten hat er ja gar nicht veröffentlicht, gibt es noch weitere (?), mit überbezahlten Tagestantiemen, die jeweils dem Jahresgehalt eines Niedriglohnempfängers entsprechen! Der Mann ist selbst für die FDP untragbar, ein neuzeitlicher Gollum. Dieser Mensch denkt nur an sich und an sonst niemanden. Für SPD-Wähler ist er ein Alien!

Grundgütiger 13.12.2012 | 09:09

Einer geht noch:

"Nun steht auch bei der Wochenzeitung „Der Freitag“ ein gravierender Einschnitt in Haus: Auf einer Betriebsversammlung in dieser Woche ist die Streichung von etwa einem Viertel der Stellen in Verlag und Redaktion angekündigt worden."

Gerade gefunden im ND.

"Die Zeitung wächst zu langsam", so der Herausgeber.

Wohin sie wächst hat er nicht gesagt, vielleicht zu Autoren wie von diesem Blog?

Tiefendenker 13.12.2012 | 13:28

Ich finde Steinbrück genau wie die jetzige Kanzlerin Frau Merkel sehr authentisch. Leider bedeutet das inhaltlich nichts Gutes.

Beide sind auf ihre Art tolle Redner und große politische Manipulateure und Demagogen.

Egal wer von beiden weiter regieren wird - beide haben das Zeug, Deutschland und Europa endgültig gegen die Wand zu fahren.

Wir sollten ihnen die Daumen drücken dafür!!! ;o)

rioges 13.12.2012 | 14:08

Irgendwie empfinde ich mich seit Sonntag wie auf der Autobahn als Geisterfahrer - alle kommen mir entgegen.

Woher kommt denn diese nahezu unpolitische Naivität den Steinbrück plötzlich für glaubwürdig zu halten? Nur weil die gesamte SPD-Linke keinerlei Gewicht mehr mitbringt? Nee,nee ihr Artikelschreiber, etwas sollte man schon bei den vergangenen Schweinereien verharren.

Ich plädiere für Wahlboykott!

Oberham 13.12.2012 | 17:29

Steinbrück ist ein Mustervolksvertreter, er vertritt das Volk, sprich er verkauft es gegen Provision an die Kundschaft - jetzt macht er wohl auch Hausbesuche - bei den Kunden? - nö, da läuft er ja schon immer auf, nein, er besucht sein Volk, das hebt ihn von den Versicherungsvertretern ab, die können ihre Ware nicht besuchen.

Aber ansonsten ist er ein klassischer Struki - der den Baum erklommen hat und praktisch in der Krone sitzt, unten saugen die Basisfuzzis verzweifelt nach Stimmen - ja wer darf sein Kreuzchen noch für diesen Vertreter machen?

Ich mach keine Kreuzchen mehr, mir ist die Lust am Waresein vergangen - und ausser Volksargenturen, mit Volksvertretern gibt es leider nix zu wählen (obschohn, ich schau mal wer als Direktkandidat bei mir im Wahlkreis kandidiert - ich fürchte da gibt es keinen......).........

namreH 13.12.2012 | 23:43

Satire ist der Kommentar von Prof. a.D. Pörksen eher objektiv als subjektiv – er meint es wirklich so. Denn er hat ja 2oo2 ein Buch zum Thema geschrieben. Uwe Pörksen Die politische Zunge

Das kenne ich zwar nicht, aber es gibt von damals eine Rezension in der FR.

Der Freiburger Literaturprofessor Uwe Pörksen mache die Politische Rede zu einem Instrument, das es nicht ist, tadelt Rezensent Kersten Knipp. "Eine Rede", so zitiert der Rezensent den Autor, "ist niemals nur eine Präsentation. Wer redet, trifft eine Entscheidung, und sein Wort bewirkt etwas, es ist eine zukunftsoffene Tat". Der Rezensent hält dagegen, die politische Rede käme aus dem "Bannkreis des leeren Worts kaum heraus" und sei in der Praxis nicht mehr als "auffällige Routine" - ein "im voraus berechenbares, in den seltensten Fällen überraschendes Ereignis". Denn die tatsächlichen Hemmnisse politischen Handelns sieht Rezensent Knipp nicht im mangelnden Talent zur Rede, eher schon im Lobbyismus. Die "außerpolitischen "Großmächte" spreche Pörksen in den ersten Kapiteln zwar an, doch die Missstände, "die Wissenschaft, Technik, Ökonomie, Medien, die Demoskopie und vor allem die Parteien selbst" in das politische Machtgefüge hineintragen, blieben ohne Einfluss auf die Thesen des Professors. Nach Pörksen sei die Aufgabe der Rhetorik "das Bessere, Vernünftigere herauszufinden". Für den Rezensenten scheitert diese Theorie am Außersprachlichen - "der Interessen- und Machtsicherung".

Passt eigentlich ganz schön zum vorliegenden Fall

ibn klaus 15.12.2012 | 13:23

Zumindest war die Rede von Herrn Steinbrück flüssig, gut vorbereitet und auch unterhaltsam, was man von Merkels hohlen Phrasen und heißer Luft nicht behaupten kann . Es kommt auch gar nicht darauf an, ob er das, was er sagt, ernst meint oder gar versuchen will, umzusetzen. Es kann dem Bürger auch egal sein. Denn regieren tun dieses Land schon lange nicht mehr die Parlamentarier, sondern die Konzerne. Das würde sich auch unter Peer Steinbrück nicht ändern. Aber wir würden schönere Regierungserklärungen hören !