„Das kann helfen“

Interview Der Religionswissenschaftler Alexander-Kenneth Nagel erklärt, warum apokalyptische Erzählungen so faszinieren

Alexander-Kenneth Nagel hat ein Buch über Corona und andere Weltuntergänge geschrieben – etwa die Klimakrise: Angesichts der Unübersichtlichkeit moderner Gesellschaften eröffne die „Apokalypse“ neue Möglichkeitsräume.

der Freitag: Herr Nagel, was verstehen Sie unter „Apokalypse“?

Alexander-Kenneth Nagel: Ich meine damit ein Deutungsmuster, das die Gegenwart als zutiefst krisenhaft charakterisiert. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Offenbarung durch Wissende oder Eingeweihte und eine ausgeprägte Naherwartung, also die Aussicht auf einen baldigen Umschwung.

Wie lässt sich das wissenschaftlich untersuchen?

Ich unterscheide zwischen apokalyptischer Semantik, Syntax und Pragmatik. Die Semantik meint zum Beispiel die Bilder der apokalyptischen Erzählung. Bilder von Naturkatastrophen, Epidemien oder dem Auseinanderbrechen der Gesellschaft. Die Syntax beschreibt die Dramaturgie, die Strukturierung der Krise, das darauffolgende Gericht und die anschließende Erlösung. Die apokalyptische Pragmatik fragt nach der Wirkungsabsicht: Sollen Hoffnung und Durchhaltevermögen bis zur Erlösung aufrechterhalten oder vielmehr zum aktiven Eingreifen in die Geschehnisse animiert werden?

Woher kommt die Faszination für apokalyptisches Denken?

Als Reaktion auf die Pandemie tauchen zahlreiche Deutungsmuster auf, die sich je nach Kontext unterscheiden. Ein Dualismus findet sich beispielsweise, wenn von „Leben und Tod“ die Rede ist, wenn das Virus als „Antiform des Lebens“ bezeichnet wird. Auf der Ebene der Bilder sind auch Warnungen vor einer Spaltung der Gesellschaft zu beobachten, beispielsweise im Zusammenhang mit den Hamsterkäufen oder dem globalen Kampf um Masken und Impfstoffe. Weiterhin können wir verschiedene Zukunftsvisionen für die Zeit nach der Krise beobachten: Die Pandemie wird als Wendepunkt in der Geschichte gedeutet, der die Mangelhaftigkeit der bestehenden Gesellschaftsordnung offenlegt.

Sind wir immer anfälliger für „apokalyptisches Denken“?

Dazu gibt es unterschiedliche Auffassungen. Eine geht davon aus, dass apokalyptische Deutungen in Situationen der Bedrohung Trost und Orientierung stiften. Hier wird vor allem die Ordnungsfunktion der Apokalypse angesichts der Unübersichtlichkeit moderner Gesellschaften betont. Eine andere Lesart vermutet die Ursache für die Faszination der Apokalyptik eher in einem Zustand der Abstumpfung und Übersättigung: Apokalyptische Erzählungen reißen uns kurz aus unserer Lethargie und eröffnen neue, eskapistische Möglichkeitsräume.

Zur Person

Alexander-Kenneth Nagel, geb. 1978, ist Professor für sozialwissenschaftliche Religionsforschung an der Uni Göttingen. Corona und andere Weltuntergänge – Apokalyptische Krisenhermeneutik in der modernen Gesellschaft (212 S., 30 €) ist bei Transcript erschienen

Also eine Art Coping-Strategie?

Interessanterweise haben die Debatten im Feuilleton vor allem die Coronakrise als Chance gesellschaftlicher Transformation betont. Im Unterschied dazu legten die Verlautbarungen der Bundeskanzlerin den Akzent auf gesellschaftliche Resilienz. Hier überwiegt der ermutigende Aufruf zum Durchhalten. Impfen ist das zentrale Erlösungsmoment. Entsprechend eignet es sich für nationale Heldenerzählungen, etwa zu Biontech als Speerspitze der deutschen Wissenschaft. Dabei kann die Idee vom Impfen als Erlösung nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in erster Linie um die Wiederherstellung der „Normalität“ geht.

Ist Apokalyptik noch ein Thema in den Religionen?

Obwohl die Apokalypsen in der öffentlichen Wahrnehmung offenbar einen großen Resonanzraum haben, scheinen zumindest die großen Kirchen in Deutschland mit dem Thema zu fremdeln. Zugleich interpretieren einige evangelikale Strömungen oder etwa die Zeugen Jehovas die Pandemie durchaus als Zeichen der Endzeit.

Gibt es einen Zusammenhang von Verschwörungsideologie und Apokalyptik?

Verschwörungsideologische Reaktionen auf die Pandemie haben mit der klassischen Apokalyptik vor allem den Gestus der Offenbarung gemein. Hier orchestrieren „dunkle Mächte“ die Pandemie; den Unwissenden müssen zunächst die Augen geöffnet werden, damit sie dann den Kampf gegen ihre vermeintliche Unterdrückung aufnehmen können. Ebenso die dualistische Zuspitzung in „Gut gegen Böse“. Die klassische biblische Apokalyptik stellt zudem einen Endkampf zwischen guten und bösen Mächten in Aussicht, an dessen Ende die Errichtung eines neuen Gottesreiches steht. Ähnliche Vorstellungen finden sich zum Beispiel bei Qanon. Hier sollen die korrupten Eliten vom rechtschaffenen Volk hinweggefegt werden, um einer besseren Welt den Weg zu bereiten.

Wie rechts ist die Apokalyptik?

Im Grunde genommen ist die klassische Apokalyptik überhaupt nicht rechts im Sinne von konservativ, da sie ja nichts weniger als eine neue Zeit anstrebt. Zugleich treten seit dem 19. Jahrhundert immer wieder Narrative auf, die nationalistisch und rassistisch gefärbt sind. Besonders häufig zeigt sich dabei das Motiv des Kampfes zwischen den Völkern, wie es zurzeit im Mythos vom „Großen Austausch“ gepflegt wird. Ich beschreibe im Buch eine „konservative Unterströmung“, die von dem Wunsch geprägt ist, die Apokalypse aufzuhalten und bis zu den Anfängen der apokalyptischen Ideengeschichte zurückverfolgt werden kann. Charakteristisch sind hier die Idealisierung des Vorzustands, eine Abstiegsdiagnose und die Bemühung darum, den Untergang abzuwenden.

Was machen Apokalyptiker:innen, wenn sich ihre Vorhersagen als haltlos erweisen?

Dazu gibt es spätestens seit Leon Festingers Buch When Prophecy Fails von 1956 eine umfangreiche Debatte. Festinger fand heraus, dass das Ausbleiben der Endzeit zu einer massiven kognitiven Dissonanz führt. Einige wenden sich dadurch womöglich von der Bewegung oder Weltanschauung ab, andere radikalisieren sich. In der langen Geschichte nicht eingetretener Prophezeiungen haben sich auch Immunisierungsstrategien herausgebildet: Vielleicht haben sich die Verantwortlichen einfach verrechnet? Vielleicht ist das endzeitliche Geschehen auch schon eingetreten, aber nur die Auserwählten vermögen es zu erkennen?

In Ihrem Buch plädieren Sie für eine „nicht-populistische Anschlusskommunikation“. Wie müsste diese beschaffen sein?

Aus meiner Sicht ist die Apokalyptik strukturell populistisch, da sie mit Übertreibungen und dualistischen Zuspitzungen arbeitet und auf grundstürzende Veränderung drängt. Im besten Fall kann die Analyse helfen, die apokalyptischen Elemente als das zu sehen, als was sie in aller Regel gemeint sind, nämlich als Chiffren von Dringlichkeit und Besorgnis. Dadurch ergibt sich womöglich ein Ansatzpunkt zur Versachlichung. Ein gutes Beispiel ist die Klimakrise. Aus meiner Sicht verfehlt die Notstandsrhetorik, etwa bei Extinction Rebellion, am Ende ihr Mobilisierungsziel und verhallt in Aktionismus. Demgegenüber könnten junge Klima-Aktivist:innen über die etablierten Parteien wichtige neue Impulse geben, wie man es zuletzt in Baden-Württemberg gesehen hat.

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06:00 16.06.2021

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