Das Kapital als Täufer

New Economy Was tun im "Zeitalter des Zugangs"? Eine Durchsicht von Jeremy Rifkins Buch "Access"

Findet eine Revolutionierung der Eigentumsverhältnisse statt? Das ist Jeremy Rifkins Behauptung, und sie lohnt eine Debatte. Worum geht es? Zur Einführung eignet sich das Phänomen des franchising; es ist nicht mehr ganz neu, erscheint aber nun als zugespitzt typisch für viele vergleichbare Fälle. Franchising heißt, dass ein Unternehmen ein Produkt- und Verkaufs-Konzept in allen Einzelheiten festlegt und so an eine Vielzahl interessierter Nutzer verkauft. Das Schulbeispiel ist McDonald´s. Nicht nur die Zusammensetzung der Hamburger, sondern auch die Restaurant-Ausstattung, ja das Muster der Verkäuferkleidung ist in allen Filialen der ganzen Welt das Gleiche. Aber es sind keine Filialen im klassischen Sinn, da das Unternehmen McDonald´s weiter nichts tut, als die Erlaubnis zur Konzept-Nutzung zu verkaufen. Der Käufer muss von den Möbeln über das Fleisch bis zur Kleidung und Bezahlung der Angestellten alles selbst aufbringen - und darf sich kein Jota vom Konzept entfernen. Das ist hier mit "Zugang" gemeint. McDonald´s gewährt Zugang zum Firmenkonzept und damit verbunden zum Firmennamen. Es gibt aber kein dingliches Firmeneigentum, das verkauft würde.

Wir sehen gleich, dass deshalb natürlich nicht "das Eigentum verschwindet", wie der deutsche Untertitel des Rifkin-Buchs verheißt. Würde McDonald´s nicht wenigstens über das Konzept und den Namen als Eigentümer verfügen, ja, und auch über ein bisschen Geld, es könnte sicher keinen Zugang zu irgendetwas eröffnen. Man darf nicht einmal sagen, das Eigentum habe sich hier total "vergeistigt" und außerdem noch "immaterialisiert" - das sind so Modewörter, von denen sich Rifkin gelegentlich faszinieren lässt. Selbst wenn man vom Geld absieht, das weder geistig noch immateriell ist, bleiben noch die Produktionsanlagen, die Verkaufsstätten, die Waren-Ingredienzien; ohne sie würde es weder zum Verkauf eines Hamburgers noch, sagen wir, zur Absendung einer Mail oder zum Erlebnis eines Kinoabends kommen. All diese Waren-Elemente und Produktionsvoraussetzungen sind in letzter Instanz Eigentum irgendeiner natürlichen oder juristischen Person. Und vergessen wir nicht, der Hamburger selbst ist so dinglich, dass er sogar BSE-infiziert sein könnte; er wird in der Fülle seiner Substanzen und Akzidenzien als Eigentum übertragen. Rifkin kann aber doch zeigen, dass zunehmend nicht nur Waren-Konzepte, sondern auch Produktionsanlagen, Verkaufsstätten und Objekte des Endkonsums nur noch vermietet statt übereignet werden. Gerade beim franchising wird das Warenkonzept oft nur zusammen mit der Verkaufsstätte vermietet, weil der Eigentümer die Konzept-Ausführung anders nicht wirkungsvoll kontrollieren könnte. Bei Abweichungen setzt McDonald´s den Konzept-Nutzer einfach vor die Tür.

Franchising ist der zugespitzte Fall eines breiteren Phänomens, das von linken Beobachtern seit Jahren diskutiert wird: der Produktionsauslagerung (outsourcing). Hierbei kann ein Unternehmen die gesamte Produktion, die zur Ware führt, oder Teile davon in andere Hände geben. Der Unterschied zum franchising ist, dass diese anderen Hände nicht so in den Einzelheiten gebunden sein müssen wie die McDonald´s-Filialen. Es geht vielmehr um ganz normale Bestellungen: so und so viel beiges Blech fürs Auto-Fließband. Wie beim franchising kann der Auftrag von einem mächtigen Unternehmen kommen, das den Zulieferer über die Auftragsvergabe in Abhängigkeit hält. Rifkin stellt dieses Phänomen in ein neues Licht. Die Produktionsauslagerung erschien bisher als "dasselbe in Grün" - alte Konzernstruktur, jetzt eigentumsmäßig umfrisiert. Womöglich nur, um das Finanzamt auszutricksen. Aber das wäre schon deshalb eine falsche Verallgemeinerung, weil outsourcing nicht immer eine Strategie mächtiger Konzernzentralen ist. Nehmen wir das Turnschuh-Unternehmen Nike: Es produziert nichts selbst, besitzt auch keine Immobilien wie McDonald´s, sondern vergibt nur Aufträge; es hält aber dadurch kein Wirtschaftsimperium zusammen.

Und dann gibt es ja noch die Beispiele, in denen zwei Unternehmen füreinander wechselseitig sowohl Zulieferer als auch Konzeptgeber sind, ohne jedes Machtgefälle. Und noch ein anderes Beispiel: ein Projekt des Unternehmens A führt zu Produktionsaufträgen für B, C, D und E; später oder gleichzeitig verfolgt Z ein zweites Projekt mit Aufträgen für D, E und M; möglich, dass auch A sein erwähntes "Netz" von Auftragnehmern oder Teile davon für noch weitere Projekte gebraucht, oder dass er seinerseits von D oder sogar von Z einen Auftrag entgegennimmt ... Wechselnde Netze von Fall zu Fall. So kommen Hollywood-Filme zustande, man kann aber auch Bücher, Reisen und vieles andere so produzieren. Wir lernen: Das hierarchische Modell, in dem outsourcing seit Jahren überwiegend erörtert wurde, ist keine taugliche Verallgemeinerung. Rifkin schlägt "Zugang" als übergreifende Beschreibung vor - keine hierarchische Kategorie, sondern eine horizontale -, weil er meint, Hollywood sei jetzt tendenziell überall. Damit wird nicht bestritten, dass mächtige Hierarchien immer mächtiger werden, aber sie müssen - oder können - sich der neuen horizontalen Logik bedienen.

Vielleicht bringt die Kategorie "Zugang" dem Fachökonomen nichts. Wir sehen es ja an den Beispielen: alles schon da gewesen und rein ökonomisch längst analysiert. Aber als soziologische Beobachtung führt es weiter. Wir stoßen in unterschiedlichen Kontexten auf eine radikale Vereinzelung, Isolierung und flexible Neukombination verschiedener ökonomischer Funktionen, die bisher nur in vermischter Form Gestalt annahmen. Diese Funktions-Vereinzelung ist das Neue. Der Eine gibt Geld, der Andere beschränkt sich auf Konzepte, der Dritte auf Marketing, der Vierte auf Fertigung, der Fünfte verleiht Arbeitskräfte, der Sechste Produktionsanlagen, und so weiter. Je nach Ware werden diesem Feld der Funktionen wechselnde Transversalen eingeschrieben, und alle, die ein Funktions-Vermögen zu Markte tragen, stehen und fallen dann mit dem Entscheid, ob sie Zugang zum jeweiligen Netz haben oder nicht oder ob sie gar in der Lage sind, anderen den Zugang zu öffnen oder auch zu verschließen. Wenn Rifkin vom "Zeitalter des Zugangs" spricht, ist das sicher ein schönfärberischer Begriff. Man könnte mit demselben Recht vom Zeitalter der Ausgrenzung sprechen. Aber die aktuelle Vervielfältigung von Phänomen der Funktions-Isolation zeigt doch, dass eine neue Stufe dessen, was Soziologen Ausdifferenzierung nennen, die Wirtschaft und mit ihr die ganze Gesellschaft erfasst. An uns ist es, die Folgen zu ermessen. Fatale und optimistisch stimmende Folgen stehen bei Rifkin gleichgültig nebeneinander. Was fangen wir damit an?

Fatal ist zum Beispiel die Aneignung des Saatguts der ganzen Welt durch ein paar Life-Science-Unternehmen, die ihre Ware, statt sie noch zu übereignen, tatsächlich nur noch ausleihen. Denn die Saat wird so manipuliert, dass die aus ihr hervorgehende Pflanze nicht selbst wieder Saat abwirft. Der Bauer muss jedes Jahr neue Saat kaufen. Rifkin meint, dass auch eine Aneignung des menschlichen Körpers im Gange ist. Ein Unternehmen, das im Körper eines Kranken ein anderswo nicht anzutreffendes krebsresistentes Blutprotein entdeckte, ließ sich diese Entdeckung patentieren. Der Kranke klagte, weil er fand, das Blutprotein gehöre ihm selbst; aber statt ihm Recht zu geben, revolutionierte das Gericht bei dieser Gelegenheit das Patentrecht - es warf den Grundsatz über Bord, dass nur Erfindungen, nicht Entdeckungen patentiert werden können. Rifkin warnt: Würde auch die Patentierung von Stammzellen gestattet, hätte das patentbesitzende Unternehmen "die unerhörte Macht, die Bedingungen für zukünftige medizinische Fortschritte zu diktieren und sogar die zukünftige evolutionäre Entwicklung der menschlichen Spezies zu steuern".

Optimistisch stimmt die ökologische Anwendbarkeit des Verleihprinzips. Wenn Waren für die Übereignung hergestellt werden, herrscht Verschleißproduktion vor, weil der Hersteller dieselbe Ware möglichst bald noch einmal verkaufen will. Werden dieselben Waren aber nur vermietet, muss der Hersteller ein Interesse an ihrer Nachhaltigkeit haben, weil er sie nur dann sehr lange vermieten kann. Das ist die Logik der Wohnungs-Vermietung, und sie könnte auf vieles ausgedehnt werden, zum Beispiel auf Autos. Rifkin beobachtet, dass heute auch viele reiche Leute gerade in den USA ihre Autos und Wohnungen lieber mieten als erwerben. Sie wollen ihr Geldvermögen in nichts stecken, das sie auch nur mittelfristig festlegt.

Um das Bild vom "Zeitalter des Zugangs" zu komplettieren, müssen wir mit Rifkin noch zwei Faktoren einbeziehen, die einer anderen Ordnung angehören: das Internet und die Erlebnisgesellschaft. Hier spätestens sehen wir, dass Rifkins Szenario nicht rein wirtschaftstheoretisch, sondern nur soziologisch zu fassen ist. Internet und Erlebnisgesellschaft sind ja keine ökonomischen Phänomene, sondern das erste ist eine Kommunikationstechnik, das zweite eine Kulturbeschreibung. Allerdings lassen sich beide vermarkten, und Rifkin kann zeigen, dass auch ihr Konsum in eine Frage der Zugangsberechtigung und (nicht einmaligen, sondern permanenten) -bezahlung verwandelt wird. Zwischen Zugangs-Ökonomie, Internet und Erlebnisgesellschaft gibt es eine Reihe kausaler Wechselbeziehungen, die so stark sind, dass man fast - aber doch nur fast - sagen kann, sie hätten einander wechselseitig hervorgebracht.

Dabei wirkt die Beziehung von Zugangs-Ökonomie und Erlebnisgesellschaft entschieden fatal. In den USA bahnt sich eine Privatisierung nicht nur des Saatguts, sondern auch des elektromagnetischen Frequenzbands an. "Als Eigentümer der globalen Frequenzen", schreibt Rifkin, "können die Unternehmen den Zugang zu Kommunikationskanälen, in denen Millionen von Menschen ihren Alltag erleben, ungehindert kontrollieren." Sie stehen selbst unter Druck, denn außer Erlebnissen gäbe es bald nichts Neues mehr zu vermarkten beim zahlungskräftigen Publikum.

Die Beziehung von Zugangs-Ökonomie und Internet stimmt eher optimistisch. Das Internet wie überhaupt der Personal-Computer haben einerseits die Entwicklung zur Zugangs-Ökonomie beschleunigt. Software-Programme teuer zu produzieren, selten zu verkaufen und dann zuzusehen, wie sie umsonst kopiert werden, macht wenig Sinn: nicht zuletzt deshalb werden von Programmen ständig neue "Versionen" produziert, die man nur kaufen kann, wenn man die Lizenz für die ganze Reihe erworben hat. Die Erstversion bekommt man manchmal schon geschenkt, der Preis wird unter "Produktionskosten" abgebucht. Hier muss sich tatsächlich das Käuferinteresse vom Eigentum zum Zugang verschieben. Andererseits können Computer-Nutzer auch die auf Zugangsbezahlung setzende Unternehmerstrategie immer wieder durchkreuzen, weil sich das Internet nur schwer kontrollieren lässt. Die Unternehmen, die Napster zu Fall brachten, haben der Hydra nur einen von vielen Köpfen abgeschlagen.

Man kann auch die Beziehung von Internet und Erlebnisgesellschaft für sich betrachten und stößt dann auf ein Phänomen, das Rifkin gar nicht behandelt. Im Februar dieses Jahres wollte Die Woche wissen, nach welchen Sujets deutsche Internet-Nutzer am häufigsten suchen. Als Hitliste der eingegebenen Suchbegriffe kam heraus: 1. Sex, 2. Porno, 3. Hardcore, 4. Erotik, 5. Erotic, 6. Lolita. Das wirft die Frage auf, was von der "Erlebnisgesellschaft" noch übrigbleibt, wenn man die Pornografie abzieht, die sich nun gerade vom Internet leicht und anonym herunterladen lässt. Welche Rolle spielt hier die Zugangs-Ökonomie? Sie kann sich ankoppeln: indem sie versucht, Menschen von virtuellen Hyper-Sexualerlebnissen so zu begeistern, dass sie von realer Erotik gar nichts mehr wissen wollen; sind sie derart enteignet, kann ihnen ihre Sexualität in Scheibchen zurückverkauft werden.

Rifkins großes Gemälde, das man als Leser zuende denken muss, weil es in vieler Hinsicht zu unentschieden bleibt, wirft dennoch eine Reihe präziser Fragen auf. Erstens bleibt zu prüfen, wie relevant und zukunftsträchtig die Rifkinsche New Economy wirklich ist. Zweitens fragt man sich, ob die Gesellschaft es sich gefallen lassen kann, dass das Recht der Erteilung und Verwehrung des Zugangs in immer mehr Bereichen vom Kapital vergeben wird, statt von ihr selbst über ihre öffentlich-politischen Organe. Je mehr es vom Kapital vergeben wird, desto mehr erscheint dieses als das eigentliche Gemeinwesen. Am Ende wäre die Gesellschaft in die Kirche des Kapitals verwandelt - dessen Manager stünden am Portal, um zu taufen oder zu exkommunizieren. Den Anspruch haben sie ja vielleicht schon lange, aber jetzt scheinen sie ihn ganz offen anmelden zu können. Das wäre neu. Drittens, wie kann man sich wehren? Das ist nicht nur eine Frage der Aushebung von Truppen. Man muss zuerst klären, wogegen überhaupt zu kämpfen ist und wogegen nicht. Kann man Autoleasing ökologisch fruchtbar machen, ohne die kapitalistische Usurpation gesellschaftlicher Zugangsvergabe-Rechte zu unterstützen?

Jeremy Rifkin, Access. Das Verschwinden des Eigentums. Warum wir weniger besitzen und mehr ausgeben werden. Campus Verlag, Frankfurt/M. New York 2000, 49,80 DM

00:00 29.06.2001

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