„Das killt den Humor“

Interview Elias Hauck und Dominik Bauer mögen es, wenn ein Cartoon Fragen aufwirft, die der Leser sich nie gestellt hat

Elias Hauck und Dominik Bauer sitzen nebeneinander auf Plastikstühlen vor dem Römer in Frankfurt. Es ist kalt, außer den beiden frieren hier noch knapp 100 weitere Personen vor einer Bühne, auf der Anke Engelke eine Laudatio hält. Es läuft die Eröffnung ihrer großen Einzelausstellung – die Strichmännchen des Cartoonisten-Duos haben es endlich in die Frankfurter Caricatura geschafft.

der Freitag: Corona will man allgemein schnell hinter sich bringen, darum fangen wir gleich damit an. Wie ist es eurem Duo im Quasi-Lockdown des Frühjahrs ergangen?

Dominik Bauer: Wir praktizieren ja schon seit 17 Jahren Social Distancing, Elias arbeitet in Berlin, ich in Frankfurt. Also, wir hatten im Gegensatz zu anderen Humorkollegen keinen Grund zur Klage, der Cartoon hat sich als krisensichere Nische herausgestellt.

Elias Hauck: Ich habe den Corona-Zuschuss im September wieder zurückgezahlt.

Ihr habt also die ganze Ruhe des Jahres auch genossen?

Bauer: Ja, schon. Weiße Seiten im Kalender sind etwas Herrliches.

Und habt ihr, wie wir uns das alle erträumten, in der Extra-Zeit neue Fähigkeiten erlernt?

Hauck: Ich gebe jetzt im Internet mein ganzes Geld für Kartentricks aus, na ja, dafür spare ich mir aber auch die Jahreskarte der Berliner Bäderbetriebe.

Bauer: Ich hatte kurz die Idee, mir Bauchreden beizubringen, nachdem ich im Internet gelesen habe, dass das jeder Mensch lernen kann. Vielleicht mache ich das noch. Hilft im Herbst und Winter bestimmt, Aerosole zu vermeiden.

Corona war und ist auch ein Thema für Cartoons – fällt es euch leicht, dazu etwas zu machen, oder ist es eher lästige Pflicht und völlig überlaufen?

Hauck: Was mir wichtig war: den ersten Weihnachtsmann-mit-Maske-Cartoon zu machen.

Bauer: Witztechnisch ist das ein Thema wie jedes andere. Im März und April kam man ja wirklich nicht drum herum. Inzwischen sind, glaube ich, sowohl Zeichner als auch Betrachter froh, wenn es auch mal um andere Themen geht.

Wie läuft die Auswahl bei euch? Manchmal sind die Cartoons sehr anschlussfähig an ein gesellschaftliches Momentum, manchmal gönnt ihr euch auch völlig Abseitiges, das aus dem Nichts zu kommen scheint. Wägt ihr da ab?

Hauck: Ich glaube, diese Mischung ist wichtig, wir wollen uns ja auch noch gegenseitig überraschen. Aber wir haben keine To-do-Liste mit Themen. Außer für die Titanic, wo wir mit Rattelschneck und Rudi Hurzlmeier immer ein Thema für unsere gemeinsame Doppelseite vereinbaren müssen.

Bauer: Ja, sonst ist das nicht die Herangehensweise. Oft hab ich nur einen Satz notiert, zum Beispiel „Wenn wir Ulli einladen, müssen wir auch Hanna einladen.“ Das ist ein Super-Anfang für einen Dialog, aber ich weiß dann noch nicht, wo das hingeht.

In eurer Ausstellung, die vor allem aus sehr vielen Hauck-&-Bauer-Cartoons besteht, fällt auf, dass einem weit mehr davon bekannt sind, als man vielleicht denken würde. Der Grund ist simpel: Viele eurer Gags sind „viral gegangen“, haben sich also im Netz verbreitet. Kann man das planen, beziehungsweise verwirft man in Zeiten von Social Media auch Witze, weil man weiß, die „funktionieren“ nicht im Netz?

Hauck: Wir arbeiten ja in erster Linie für Print, FAS, Titanic und andere. Nach der Veröffentlichung posten wir die Cartoons dann noch, und wenn da ein Witz „funktioniert“, ist das ein Bonus.

Bauer: Ich bin immer wieder überrascht, welche Witze viral gehen und welche nicht, ich würde da sehr oft danebentippen. Wir haben also gar keine andere Wahl, als das zu machen, was wir selbst lustig finden.

Apropos Ausstellung ... wie gefällt euch eure?

Hauck: Ich hab die noch gar nicht in Ruhe gesehen ...

Bauer: Ich kannte leider alles schon. Aber sie ist wirklich sehr schön geworden. Danke an der Stelle noch mal an unseren Kurator Mark-Stefan Tietze.

Hauck: Den kongenialen Mark-Stefan Tietze, wie er in der Presse richtig genannt wurde!

Zu den Personen

Dominik Bauer, 42, lebt in Frankfurt am Main. Neben dem Schreiben von Cartoons für Hauck & Bauer ist er unter anderem auch als regelmäßiger Gag-Autor für die Online-Ausgabe der heute-show des ZDF tätig

Elias Hauck, 42, lebt in Berlin. Neben dem Zeichnen von Cartoons für Hauck & Bauer organisiert er immer wieder außergewöhnliche Kultur-Events, wie ein Comic-Festival, das 24 Stunden ohne Pause läuft, oder auch Kneipen-Lesungen nach den Hörspielfassungen der Serie Alf

Das Ergebnis ist sehr unterhaltsam, auffällig ist aber, dass es wenig „Abseitiges“ gibt neben dem Cartoon-Parcours. Vermisst ihr nicht zum Beispiel eine Skulptur aus Eisstielen, eine Installation aus 20 TV-Geräten – oder entspricht dieser begehbare Comic-Band euch letztlich am besten?

Bauer: Es soll ja eine Werkschau sein. Also ich finde, es bildet sehr gut ab, was wir machen. Wir hatten schon noch ein paar Sonderideen, aber die haben es aus verschiedensten Gründen nicht ins Museum geschafft.

Hauck: Zum Beispiel ist ein Pulli auf mysteriöse Weise verschwunden. Das Motiv: „Hard Rock Cafe Tschernobyl“ ...

Ihr seid Freunde, noch aus Schulzeiten. Wie waren so die allerersten Einschätzungen, die ihr damals von dem anderen hattet?

Hauck: Angeber!

Bauer: Arsch!

Hauck: Philosoph! Lyriker!

Gab es in all den Jahren der Zusammenarbeit Krisen, die euer Duo ins Wanken gebracht haben?

Bauer: Ich glaube, in den 17 Jahren gab es zwei, drei grundlegende Meinungsverschiedenheiten. Aber auch da haben wir nicht mit den Türen geknallt.

Hauck: Beziehungsweise konnte man das Berliner Türenknallen von Frankfurt aus nicht so gut hören. Noch ein weiterer Vorteil der Zusammenarbeit!

Lob ist erfahrungsgemäß leicht zu verarbeiten, weit schwieriger wird’s bei Kritik. Gibt es das, dass der eine eine Idee oder der andere eine Umsetzung liefert, die das Gegenüber nur so halb gut findet? Habt ihr da eine Möglichkeit gefunden, das zu äußern?

Bauer: Haha, ja, das gibt es ständig. Das wird auch nicht vorsichtig formuliert, sondern sehr direkt. Wäre auch wahnsinnig anstrengend, wenn wir ständig einen Eiertanz aufführen müssten, um den anderen nicht zu kränken.

Hauck: Die Angeber-Antwort wäre: Wir haben so viel Stoff, dass man sich da nicht über die eine oder andere Pointe streiten muss. Es gibt eigentlich keinen nicht veröffentlichten Witz, dem ich hinterhertrauere.

Also ist es jedes Mal nicht dramatisch, das Gefühl von Zurückweisung durch den anderen kein Problem?

Bauer: Okay, ja, doch!

Bauer: Das Gute an der Zusammenarbeit ist ja, dass wir uns gegenseitig regulieren. Jeder H&B-Cartoon gefällt ja schon mal vor der Veröffentlichung zwei Leuten. Das können die meisten Kollegen von uns nicht von sich behaupten.

Bauer: Bis auf Katz und Goldt ...

Hauck: Ja.

Bauer: ... Greser und Lenz ...

Hauck: Ja.

Bauer: … und Schilling und Blum.

Hauck: Ja, gut!

Wie viel verwerft ihr überhaupt? Gibt es eine Art Hauck-&-Bauer-„Giftschrank“ oder könnt ihr quasi alles nutzen, was entsteht?

Hauck: Gute Frage! Es gibt sogar zwei Giftschränke. In Giftschrank 1 liegen die Strips, die die FAS abgelehnt hat. Kommt aber superselten vor, und dann wird auch nicht rumgebastelt oder über Pointen diskutiert.

Bauer: Da kommt dann typischerweise eine Mail von unserem Redakteur: „Männer, den fanden wir nicht so witzig.“ Dann hakt man den ab.

Hauck: Wichtig: nie auf redaktionelle Pointenänderungswünsche eingehen!

Bauer: Nie! Und in Giftschrank 2 ist der Stapel mit den sogenannten „Rolltreppenwitzen“. Das sind Witze, die wir uns selbst nicht erklären können oder anderen nicht zumuten wollen. In Vorbereitung zur Ausstellung sind wir den Rolltreppen-Ordner mal durchgegangen. Was da für Sachen dabei sind!

Hauck: Manchmal erschrickt man richtig darüber, was man vor ein paar Jahren mal lustig fand. Andere Zeichnungen bleiben für uns immer witzig, wir können uns aber selbst nicht erklären, warum. Zum Beispiel ein Mann beim Friseur, der in den Spiegel schaut und dabei schreit: „Sie haben mich ja kahl geschoren!!!“

Bauer: Herrlich, seit über 15 Jahren. Warum ist das so lustig?

Hauck: Ich weiß es nicht.

Aber warum „Rolltreppe“?

Bauer: Ach so, der namensgebende Cartoon zeigte einen Großvater und seinen Enkel auf einer Rolltreppe. Großvater: „Hast du keine Angst vor dem Ding?“ – Enkel: „Nein.“ – Großvater: „OBWOHL ES DEINEN NAMEN RUFT?“

Hauck: Rätselhaft.

Gibt es Dinge, Themen, Richtungen, bei denen ihr schon wisst, das mag der andere nicht so – und das muss ich ihm irgendwie geschickt unterjubeln?

Hauck: Trump zeichne ich erst wieder, wenn er tot ist. Bis dahin wünsche ich ihm aber alles Gute.

Bauer: Ist mir recht, dann muss ich mich nicht mit ihm beschäftigen. Aber sonst? Nö.

Könnt ihr eigentlich vom „reinen“ Cartoon-Geschäft leben? Ihr arbeitet ja auch noch anderen Humor-Medien zu wie der „heute-show“ oder der Comedy-Sendung „Ringlstetter“.

Hauck: Mittlerweile geht’s. Früher war Dominik in der Werbung, ich bewirtete Klaus Wowereit in einer Bar am Nollendorfplatz. Die Geschichte mit dem Zigarettenautomaten, den 18 großen Bieren und dem Touristenpärchen, das sich zuraunte: „Yes, he is the mayor of this city“, erzähle ich gerne mal privat an anderer Stelle. Hier ist dafür nicht der richtige Ort.

Die Aufarbeitung von News und gesellschaftlichen Entwicklungen durch Humor hat in der letzten Dekade sehr an Einfluss gewonnen – wie bewertet ihr die damit einhergehende „ideologische Bedeutung“ eines Cartoons?

Hauck: Es ist schwierig, in Cartoons „Botschaften“ rüberbringen zu wollen, das killt auf die Dauer den Humor.

Bauer: Ich mag es eigentlich lieber, wenn ein Cartoon eine Frage aufwirft, die sich der Leser so vielleicht noch nie gestellt hat. Ja, ich sage bewusst „der Leser“, denn die Leserin hat sich die Frage wahrscheinlich doch schon mal gestellt.

Fühlt ihr euch um Punchlines gebracht durch eine sensiblere Öffentlichkeit? Martin Sonneborn äußert sich besorgt über Comedy, wenn sie nicht mehr über jeden, also auch über Minderheiten, witzeln „dürfe“. Wie seht ihr das?

Hauck: Diese Sorge teilen wir nicht. Man darf doch alles.

Bauer: Der ehemalige Titanic-Redakteur Bernd Zeller macht sogar Cartoons für die AfD. Kann man alles machen – die Frage ist immer nur, ob man es machen will.

Comedy wird zunehmend zum Schlachtfeld – man denke nur an die jüngsten Kontroversen um Dieter Nuhr, Serdar Somuncu, Lisa Eckhart. Habt ihr das verfolgt, was sind da eure Gedanken gewesen?

Bauer: Ächz. Gibt es da noch einen Gedanken, der noch nicht formuliert wurde? Ich hoffe, dass jeder das Publikum bekommt, das er verdient.

Hand aufs Herz: Wie unangenehm ist es für euch, dass solche Figuren hier jetzt überhaupt erwähnt wurden?

Hauck: Na ja, man darf sie ja nicht canceln.

Jetzt aber noch ein Blick in die Zukunft: Eine eigene Ausstellung, Preise und Cartoons, die jeder kennt und schätzt. Was wollt ihr eigentlich noch?

Hauck: Ein Hauck-&-Bauer-Musical wäre schön.

Bauer: Für unser allererstes Buch haben wir laut Vertrag tatsächlich die Musical-Rechte abgegeben, aber für alle Bücher bei Kunstmann sind sie noch frei!

Also, ich meine natürlich: Was ist das nächste Projekt, das für Hauck & Bauer ansteht, wisst (oder ahnt) ihr das schon?

Bauer: Um es mit Lotti Huber zu sagen: „Diese Zitrone ...“

Hauck: Bitte nichts mit Lotti Huber sagen!

Info

Hauck & Bauer: Cartoons Caricatura Museum, Frankfurt am Main, bis 7. März 2021

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06:00 11.11.2020

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