Volkmar Sigusch
07.04.2010 | 23:05 16

Das Kind begehrt, aber nicht den Erwachsenen

Immer neue Enthüllungen schockieren die deutsche Öffentlichkeit. Ist zur Missbrauchsdebatte schon alles gesagt? Zehn Thesen von Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch

1. Vor lauter Missbrauch und Traumatisierung wird vergessen: Die Sinnlichkeit, die sich zwischen einem Kind und einem Erwachsenen spontan entfaltet, ist etwas Wunderschönes. Nichts vermag intensiver an die Paradiese der Kindheit zu erinnern. Nichts ist reiner und harmloser als diese Erotik des Leibes und des Herzens. Im Grunde ist nichts humaner. Alle Erwachsenen, die sinnlich lieben, versuchen unwillkürlich, wieder zu Kindern zu werden. Sie ahnen, dass sie sich nur dann erotisch begegnen können, wenn sie die Kalkulationen der Erwachsenenwelt hinter sich lassen. Die kindliche Erotik ist aber nicht nur voller Wonnen, sie ist auch notwendig. Sie ist eine Bedingung der Möglichkeit der Menschwerdung. Als wesentliche Quelle der Individuation tariert sie Nähe und Distanz aus und jene Gefühle, ohne die Liebe unmöglich ist: Wohllust und Wollust, Vertrauen in sich selbst und in andere.

2. Wer nie im Paradies der kindlichen Erotik gelebt hat, wird sich nur sehr mühsam in einen anderen Menschen einfühlen und sich selbst der Drangliebe ohne Angst überlassen können. Ein solches Menschenkind wird oft grau, starr und stumpf. Ihm fehlt der Glanz im Auge und in der Seele. Wird die kindliche Erotik vorzeitig sexualisiert, wächst die Gefahr, dass Sinnlichkeit im Erwachsenenalter plötzlich in Destruktivität umschlägt, weil dieser Mensch nie gelernt hat, mit den Erregungen, Versagungen und Aggressionen umzugehen, die Liebe und Sexualität immer begleiten.

3. Gegen Pädophilie im Sinne des Wortes, das heißt dagegen, Kinder zu mögen, ja zu lieben, ist nichts einzuwenden. Problematisch wird es erst dann, wenn das Machtgefälle zwischen dem Kind und dem Erwachsenen vom erwachsenen Pädosexuellen ausgenutzt wird. Dank der sexuellen Revolution in den Jahren um 1968 hat bei uns heute die sexuelle Selbstbestimmung einen hohen Rang. Über diese reflektierte Selbstbestimmung verfügt ein vorpubertäres Kind aber noch nicht. Allein aus diesem Grund ist das Verhältnis eines Pädosexuellen zu einem Kind auf Sand gebaut, drastischer gesagt: auf eine (Selbst-)Täuschung des Erwachsenen. Er hat seine sexuelle Entwicklung hinter sich, weiß in der Regel, was er transpubertär, das heißt jenseits der Pubertät, begehrt. Das Kind dagegen ist noch zispubertär, diesseits der Pubertät, weiß es in der Regel nicht. Es herrscht eine Disparität der Entwicklung und der Fantasien, die der Erwachsene durch große Verführungen und das Kind durch kleine Gefälligkeiten zu überwinden sucht – bis der Tag der Offenbarung und der Missachtung erreicht ist. Im Protokoll eines Pädosexuellen hieß das, bezogen auf den ersten Samenerguss des bis dahin begehrten Jungen: „Erster Schuss. Schluss!“

4. Diesseits dieser Tragik leben pädophile und pädosexuelle Männer sehr different. Viele verhalten sich aus verschiedenen Gründen, darunter moralischen und religiösen, insofern leibhaft abstinent, als sie vielleicht Bilder im Internet anschauen, aber nicht ein vorpubertäres Kind sexuell berühren. Sehr wenige wenden Gewalt im üblichen Sinn an. Andere bedürften wegen des süchtigen Verlaufs ihres Begehrens einer Behandlung; sie wenden Tricks und Verführungen an, denen so gut wie kein Kind widerstehen kann. So liest ein beruflich sehr erfolgreicher und in seiner Umwelt außerordentlich angesehener, verheirateter Pädosexueller den Kindern der Nachbarschaft ihre Wünsche von den Augen ab; die Eltern sind froh, die Kinder reißen sich um seine Nähe; alle sind glücklich. Nur der Mann war nicht so gut, wie es die Eltern hofften. Er stürzte die Kinder in eine Abhängigkeit, die insofern inakzeptabel war, als sie sich ihr nicht entziehen konnten. Doch auch das vermochte sein Begehren nicht zu stillen; er betäubte die Kinder, um über sie in diesem Zustand „frei“ verfügen zu können, um sie auch sexuell penetrierend zu „gebrauchen“.

5. Die gegenwärtigen öffentlichen Bekenntnisse einiger Opfer sexueller Übergriffe in geschlossenen Anstalten sind ein Befreiungsschlag. Er wird hoffentlich dazu dienen, mit den Gefährdungen in Zukunft realitätsgerechter umzugehen und Kinder in die Lage zu versetzen, bei drohenden Übergriffen nein sagen zu können. Bisher haben wir wohl alle die Wirksamkeit des Abwehrvorganges, der Verleugnung genannt wird, erheblich unterschätzt. Eindrucksvoll die Kartelle des Schweigens, wenn es um Missbrauch in angesehenen Anstalten geht. Wie gewaltig müssen die Gefühle der Scham und des Ekels, der Angst und Isolation gewesen sein, dass nicht einmal sexuelle Revolutionen sie hinwegfegen konnten. Erst mit einer Verzögerung von bis zu vier Jahrzehnten haben die sexuelle und die neosexuelle Revolution einzelne katholische Geistliche erreicht, die nun nicht mehr über den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in ihrer Institution schweigen wollen. Unbelehrbare wie der Bischof Mixa dagegen drehen den Spieß einfach um. Schuld seien die 1968er-Ideologen und eine nazihaft hetzende Presse: là-bas.

6. Geradezu makaber ist es, wenn kindliche Seelen von Seelsorgern zerstört werden. Der Zölibat produziert zwar keine Pädophilen und Pädosexuellen, er lockt sie aber an, ebenso wie sexuell Unreife, nicht zu sich gekommene Homosexuelle und Perverse. Für die katholische Kirche ist die gegenwärtige Missbrauchsdebatte nur auf den ersten Blick ein paradoxes Geschenk, jedenfalls dann, wenn sie zur Folge haben wird, historisch abgestorbene Auffassungen und Praktiken der Kirche zu beseitigen: die sexualfeindliche Sexualmoral, die Entrechtung der Frauen, die Menschen in den Tod treibende Verteufelung des Kondoms in AIDS-geplagten Ländern, den Zwangszölibat, die Diskriminierung der Homosexuellen usw. Machtkomplexe wie die katholische Kirche können nur durch Katastrophen in eine andere Richtung geschoben werden, wenn überhaupt.

7. Noch abstoßender als verwirrte, sexuell unreife Priester sind jene großartigen Reformpädagogen, die Kinder traumatisierten, aber bis zur Stunde von ihren ebenso großartigen Gefährten durch obszönes Vernebeln oder kräftiges Verleugnen gedeckt werden. Hier agiert offenbar immer noch eine so genannte Elite, die in Westdeutschland aus vordemokratischen, adeligen oder nazihörigen Familien hervorgegangen ist, männerbündische und vor allem verschwiemelt-ephebophile Züge hat und ihre oft mittelmäßig begabten Sprösslinge nicht nur schützte, sondern auch beförderte, sodass man als ein solcher Elite-Jungmann Professor wurde ohne Habilitation oder sogar ohne Promotion. Ralf Dahrendorf soll diese Elite „prostestantische Mafia“ genannt haben. Deren Annahme, 10-jährige Kinder könnten sexuelle Handlungen eines Erwachsenen an sich oder an ihnen ohne Angst und Scham erleben, ist ein Abgesang auf Aufklärung. Das heißt nicht, Kinder hätten keine sexuellen Regungen. Sicher ist aber, dass sich diese Regungen nicht auf Erwachsene richten und schon gar nicht auf verehrte oder gefürchtete Respektspersonen. Oft wird die moralisch-seelische Vergewaltigung verheerender sein als die körperlich-sexuelle. Ein Priester, ein Reformpädagoge – das waren Moralinstanzen, Vorbilder, die das missbrauchte Kind trotz der damals üblichen Züchtigung durch eine physische Zuwendung auszeichneten: eine perfide Falle, der Kinder nicht entweichen konnten.

8. Die Missbrauchsfälle, die jetzt aufgedeckt worden sind, stellen nur einen Bruchteil dessen dar, was jahrein, jahraus in unserer Kultur an sexuellen Übergriffen geschieht, vor allem in der Familie und im Bekanntenkreis. Sexualforscher haben übrigens längst nachgewiesen, dass ein hoher Prozentsatz unauffälliger heterosexueller Männer mit einer messbaren sexuellen Erregung auf Bilder vorpubertärer nackter Mädchen reagiert, zum Beispiel mit einer Zunahme des Penisvolumens, die gar nicht bewusst zu werden braucht. Das Inzesttabu samt seiner Verstrickungen in der familiären Entwicklung muss also nicht einmal bemüht werden, wenn erkannt werden soll, dass keine andere sexuelle Aktion so sehr ins Schwarze verdrängter und zensierter, aber jeder Zeit herauslockbarer sexueller Sehnsüchte trifft wie der Umgang mit einem Kind, der die Grenze zwischen Erotik und Sexualität berührt. Deshalb die anhaltende Kriminalisierung der Pädophilie und die anhaltende Tabuisierung der kindlichen Sexualität, die bei uns nach wie vor ein dunkler Kontinent ist. Kommt die Tabuisierung kindlicher Erotik hinzu, entsteht das, was wir alle verhindern wollen: sexuelle Gewalt.

9. Wird danach gefragt, warum es bei uns so viel sexuelle Gewalt gibt, müssen wir uns eingestehen, dass unsere Kultur keine Ars erotica entfaltet hat. Bei uns gibt nicht Eros den Ton an, sondern sein Gegenspieler Anteros. Dessen Manifestationen begegnen uns auf Schritt und Tritt, ob es nun um die halbnackt präsentierten Mädchen bei Heidi Klum geht oder die Lockrufe abgetakelter „Damen“ im nächtlichen Fernsehen. Hinzu kommt, dass Kinder bei uns weitgehend schutz- und rechtlos sind. Grundsätzlich können Erziehungsberechtigte mit Kindern machen, was sie wollen. Sie können sie ungestraft seelisch und sozial vernachlässigen, quälen und demütigen. Viele Kinder leben familiär nicht in Paradiesen, sondern in Höllen. Selbst sexuelle Übergriffe und Misshandlungen bleiben in der Regel unentdeckt und ungeahndet. Es ist ein Armutszeugnis ersten Ranges, dass weggelaufene oder geistig zurückgebliebene Kinder von Amts wegen pädosexuellen Männern anvertraut wurden – weil sich niemand fand, sie ins Leben zu begleiten. Und es ist eine gesellschaftliche Gleichschaltung, wenn sich auch die Pädosexualität nach marktwirtschaftlicher Logik pluralisiert. So entstand bereits aus dem einsamen skupulösen Pädophilen der globale Sextourist, dem von Staaten wie bitterarmen Eltern mehr oder weniger direkt gestattet wird, Kinder sexuell zu gebrauchen.

10. Ein Mensch, der pädophile Neigungen hat, kann so wenig dafür, wie der, der erwachsene Frauen begehrt. Außerdem hat, psychoanalytisch gesprochen, sein Begehren die seelische Funktion, einen unbewussten Konflikt einzudämmen oder abzuwehren, der den Zusammenhalt seiner Person bedroht, beispielsweise durch schwere Depressionen. In einer wirklich liberalen, um nicht zu sagen freien Gesellschaft könnte auch der Pädophile offen und ohne Sanktionen zu seinem Begehren stehen; es auszuleben, könnte aber selbst dann nicht toleriert werden. Erkannt würde jedoch das große Unglück dieser Menschen, die ein Leben lang trotz greifbarer Nähe auf das Ersehnteste verzichten müssen. Heute ist ja das kulturell Skandalöse an der Pädophilie, dass der Pädophile Kindern jene Zuwendung und Liebe geben will, die generell versprochen, aber kaum vermocht wird. Pädophile pflegen nicht auf ihren Fetisch Auto „Ein Herz für Kinder“ zu kleben, nachdem sie es ihnen auf ganz normale Weise herausgerissen haben. Ihren Fetisch, das Kind, nehmen sie so ernst, wie es kein Fernsehapparat fertigbringt. Das erfreut ein Kind. Und das sollte uns zu denken geben.

Volkmar Sigusch, Jahrgang 1940, Prof. Dr. med., war von 1973 bis 2006 Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft am Klinikum der Universität Frankfurt am Main.