Das Kind im Brunnen

Hypnotisierte Hühner Der frühere US-Vizepräsident Al Gore beklagt in einem neuen Buch "Der Angriff auf die Vernunft" die Gefahren der totalen Fernsehgesellschaft

Während das gedruckte Wort zu Reflexion und Partizipation einlade, versetze das Fernsehen den heutigen Zuschauer mit einem immer raffinierteren Großangriff auf die Sinne in einen quasi hypnotischen Zustand der Passivität, schreibt Al Gore in seinem gerade erschienenen Buch The Assault on Reason (Der Angriff auf die Vernunft). Zweifellos eine wichtige und zutreffende Erkenntnis, doch ein bisschen spät kommt sie schon, denn der ehemalige Vizepräsident war schließlich selbst jahrelang Teil dieses Systems und Nutznießer der über die Medien angebotenen Selbstdarbietung. Werden Leute wie Al Gore immer erst wach, wenn wichtige Bedingungen demokratischer und sozialer Verhältnisse zerstört sind, findet das zwar großes publizistisches Interesse, ist aber gesellschaftspolitisch nicht sonderlich relevant. Was dieser Autor jetzt formuliert, wissen wir seit mehr als 30 Jahren. Seither sind die Weichen immer wieder falsch gestellt worden und zwar so, dass angesichts der Konzentration von Medienmacht die Verhältnisse inzwischen nur noch schwer zum Besseren gewendet werden können.

Im Jahr 1980 kandidierte der gemäßigte Republikaner John Anderson als unabhängiger Präsidentschaftskandidat gegen Ronald Reagan. Ich erinnere mich noch gut eines Gesprächs mit ihm im Januar 1981. Er beklagte bitter, dass die Wahl eindeutig dadurch entschieden worden sei, dass Reagan und die ihn steuernden konservativen Kreise über unendliche Mittel verfügten, um Fernsehspots in kommerziellen Sendern zu finanzieren und die dortige redaktionelle Arbeit zu beeinflussen. Das sei entscheidend und ein Verstoß gegen demokratische Regeln gewesen.

Zu jener Zeit, zwischen 1978 und 1982, hatte die Planungsabteilung des Bundeskanzleramtes in etlichen Analysen für den damaligen Kanzler Schmidt beschrieben, was auch auf unser Land zukommen würde, sollten wir die totale Fernsehgesellschaft der USA übernehmen. Ich war damals Leiter der Planungsabteilung, die ziemlich präzise vorhersagte: Wenn wir das Fernsehangebot vermehren und zugleich die Sender kommerzialisieren, wird das die personale Kommunikation verringern, der Manipulation mehr Spielraum verschaffen und dem wachsenden Einfluss großer kommerzieller Interessen zugute kommen - sprich: eine wirkliche Gefahr für die Substanz unserer Demokratie heraufbeschwören.

Bei diesen Analysen beriefen wir uns auf die seinerzeit schon erkennbaren Trends in den USA und warnten vor einer Fernsehgesellschaft wie in Nordamerika. Wo war Al Gore damals, als das Kind zumindest bei uns noch nicht in den Brunnen gefallen war? Wo war der Vizepräsident, als sein Präsident Clinton so gut mit einer der Symbolfiguren der Medien-Kommerzialisierung wie Rupert Murdoch konnte?

Mit Neil Postman und anderen US-Autoren gab es genug kritische Stimmen. Hätte es von potenter Seite an Warnungen nicht gefehlt, hätte bei uns oder in Italien, Großbritannien, Frankreich oder Polen vielleicht das Schlimmste verhindert werden können. Dann wäre es Kanzler Kohl und seinem Telekommunikationsminister Schwarz-Schilling nach der konservativen Wende von 1982 nicht so leicht gefallen, mit dem Widerstand des Vorgängers Helmut Schmidt gegen die Kommerzialisierung aufzuräumen. Der wurde in jener Zeit von den Profiteuren dieses Vorgangs in Regierung und Medien als "Kulturpessimist" und "Investitionshindernis" beschimpft. Denn Schmidt hatte Nein dazu gesagt, die absehbar kritische Entwicklung auch noch mit öffentlichem Geld zu subventionieren, wie das dann Kohl und sein Postminister mit Milliarden zu Gunsten privater Interessen taten.

Es ist verdienstvoll, heute vor den Gefahren des kommerzialisierten Fernsehens und Vielfernsehens zu warnen und das mit der kommunikativen Kraft eines Al Gore zu tun. Aber sollten wir uns nicht für die Zukunft wünschen, dass Meinungsführer wie er nicht erst aufbegehren, wenn es zu spät ist? Ein rechtzeitiger Verweis auf kommende Gefahren und darauf, was man tun sollte, diese zu meiden, ist notwendiger denn je: Künftig werden wir uns - um nur ein Beispiel zu nennen - mit den psychischen Folgen des Elends herum zu schlagen haben, das die neoliberale Bewegung angerichtet hat. Die Kommerzialisierung aller Lebensbereiche und die spürbare Entsolidarisierung bleiben keineswegs folgenlos. Die systematische Zerstörung des Vertrauens in die solidarische Altersvorsorge und der damit verbundene Schaden für die Gesetzliche Rente wird im Verein mit langer Arbeitslosigkeit viele Menschen grassierender Altersarmut aussetzen. Und so weiter.

Auch die von Al Gore beklagte Gefährdung der Demokratie durch Kommerzialisierung und Konzentration der Medien wird uns auf Dauer begleiten.

Albert Gore, The Assault on Reason, Penguin Press. New York.


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00:00 15.06.2007

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