Das Kinn auf der Brust

Nordirland Ehemalige politische Gefangene - ob Loyalisten oder Republikaner - werden bis heute wie Kriminelle behandelt

In der Innenstadt von Belfast erinnert fast nichts mehr an den Bürgerkrieg von einst. Die Straßensperren sind verschwunden, in der Shopping-Meile reiht sich ein teures Geschäft an das andere. Statt der grauen fahren nun gelb-blau-weiße Polizeiwagen umher, die wie bunte Eiswagen aussehen. An jeder Ecke gibt es Papierkörbe, die man früher vergebens suchte, galten sie doch als ideales Versteck für Sprengbomben.

Nur zwei Straßenzüge von der City entfernt, in den Belfaster Arbeitervierteln Falls oder Shankill, ändert sich das Bild schlagartig. Die so genannte Friedensmauer - ein teilweise bis zu zehn Meter hoher Metallzaun - trennt das katholische Falls vom protestantischen Shankill. Martialische Wandgemälde zitieren aus dem Glauben, der Hoffnung und Weltsicht der Bewohner. Während des Bürgerkrieges, an dem in Nordirland bis zum Karfreitagsabkommen von 1998 über 3.000 Menschen starben, lag hier eine der Kampfzonen, suchten Scharfschützen Deckung, gab es Straßenkämpfe zwischen Republikanern, Loyalisten und britischen Militärs.

Anfang 2005 verharrt die Arbeitslosigkeit in Nordirland bei fünf Prozent, in Quartiers wie Shankill und Falls ist sie allerdings weitaus höher. In diesen Bezirken leben viele der einstigen politische Gefangenen, die dank der Amnestie nach dem Karfreitagsabkommen irgendwann entlassen wurden und nun - fünf oder sechs Jahre danach - noch immer mit der Erfahrung zurecht kommen müssen, auf dem Arbeitsmarkt unerwünscht zu sein.

Eine von ihnen ist Carál Ní Chuilín von der republikanischen Ex-Gefangenen-Liga Tar Anall an der Falls Road. Die 40-Jährige saß fünf Jahre im Gefängnis, weil sie an einem Sprengstoff-Anschlag der IRA beteiligt war. Über ihre Zeit zwischen Zellentrakt, Arbeitsdienst und Hofgang redet sie kaum. "Über zehn Jahre sind seither vergangenen, und man erinnert sich nicht gern. Weniger als fünf Prozent der politischen Gefangenen waren Frauen. Auf die gab es im Zuchthaus manche Übergriffe, aber ich ließ mich davon wenig beeindrucken, weil ich fühlte, du bist es dir als Republikanerin schuldig, auf jeden Fall durchzuhalten."

Seit zehn Jahren kümmert sich Tar Anall um die Leute in Falls, und Carál Ní Chuilín ist schon seit längerem dabei: "Als ich ins Gefängnis musste, hat sich die Community sofort um meine beiden Kinder gekümmert." Das sei für sie neben ihrer politischen Überzeugung ein Grund gewesen, sich nach der Haftzeit im Viertel zu engagieren und 1993 für die Sinn Féin-Partei ins Belfaster Stadtparlament zu gehen.

Heute unterhält Tar Anall ein rege frequentiertes Stadtteil-Zentrum mit immerhin 13 Mitarbeitern. Der Eingang im Hinterhof eines Wohnhauses ist videoüberwacht, die Pforte zusätzlich mit Gittern gesichert. Wer nicht dazu gehört, soll draußen bleiben. Im ersten Stock zeigen Fototafeln die Arbeit der Jugend- und Seniorengruppen, die sich regelmäßig im Zentrum treffen, da auch Arbeits- und Sozialberatungen angeboten werden.

Ob sie Taxi fahren wollen oder einen Job im Öffentlichen Dienst suchen, sie werden gnadenlos abgewiesen

Auf der anderen Seite des Metallzaums, im protestantischen Viertel Shankill, arbeitet Tom Roberts (53) für die loyalistische Ex-Gefangenen-Organisation Ex-Prisoner Interpretive Centre (EPIC), die der paramilitärischen Ulster Volunteer Force (UVF) nahe steht. Ebenfalls Mitte der neunziger Jahre gegründet, wirkt bei EPIC alles ärmlicher als bei Tar Anall, das Mobiliar ist verschlissen und alt, stumpfe Farben verdüstern das Büro, ein Hauch von Resignation und Endzeitstimmung. Neben Projektmanager Roberts arbeiten bei EPIC nur drei Angestellte, entsprechend bescheidener sind die Angebote für die Ex-Gefangenen und ihre Familien. Die auffallend spartanischen Verhältnisse sind nicht zuletzt der Zerstrittenheit im loyalistischen Lager geschuldet. Hinter den Kulissen toben heftige, oft gewalttätige Konflikte zwischen Paramilitärs der Ulster Defence Association (UDA) und der bereits erwähnten UVF. Dabei geht es seltener um Politik, häufiger um Macht und Pfründe.

Verurteilt wegen Mordes, saß Tom Roberts 13 Jahre im Zuchthaus, die meiste Zeit davon in den berüchtigten Sicherheitsblocks von Long Kesh. "Ich bin seinerzeit in die UVF gegangen, weil die britische Regierung gegen die Irisch-Repulikanische Armee machtlos schien", erzählt er, "damals war ich der Überzeugung, man müsste der IRA auf gleicher Augenhöhe - eben als Untergrundkämpfer - entgegentreten." Eine Auffassung, die im protestantischen Milieu stets umstritten blieb, haben die loyalistischen Paras doch nicht nur gegen die IRA, sondern auch gegen den britischen Staat gekämpft.

Der frühere Telefontechniker Roberts konnte sich im Gefängnis zum Computerfachmann qualifizieren, doch ein Job danach blieb ihm versagt. "Ehemalige Gefangene - ob sie nun Loyalisten oder Republikaner sind - werden bis heute wie Kriminelle behandelt. Mit dieser Vorstrafe haben Sie keine Chance, einen halbwegs gut bezahlten Job zu finden. Ob Sie Taxi fahren wollen oder eine Anstellung im Öffentlichen Dienst suchen - Sie werden gnadenlos abgewiesen."

Ausgrenzung und erzwungener Müßiggang verbreiten frostige Kälte an der Shankill Road, oft kommen private Sorgen hinzu. Jahrelang durch das Zuchthaus von der Familie getrennt zu sein, das hat viele Beziehungen zerbrochen. "Als wir raus kamen, standen viele von uns vor dem Nichts", meint Tom Roberts. Er selbst hatte Glück, seine Ehe hat 13 Jahre Haft überdauert. "Trotzdem war es nicht leicht", erinnert er sich, "als ich mit 41 entlassen wurde, waren meine beiden Kinder mittlerweile Teenager, sie kannten mich nur von Besuchen im Gefängnis. Auch meine Frau, die all die Jahre allein für die Familie sorgte, musste sich erst wieder an mich gewöhnen."

Folgen der jahrlangen Trennung sind nicht selten Gewalt, Alkohol- und Drogenabhängigkeit. Ehemalige Häftlinge dürfen weder Kinder adoptieren noch in Pflege nehmen. Versicherungen weigern sich, ihre Häuser zu versichern. In Nordirland, wo das eigene Haus die übliche Wohnform ist, eine Diskriminierung sondergleichen. Die Ex-Gefangenen-Verbände hier und da reagieren darauf, indem sie sich nicht allein um die Resozialisierung der Ex-Sträflinge, sondern auch um deren Familien kümmern. "In den früheren Bürgerkriegsvierteln sind viele enttäuscht von der Politik", meint Carál Ní Chuilín. "So sehr sie auch um einen beruflichen oder sozialen Aufstieg kämpfen - sie treten auf der Stelle." Das ergibt ein Leben im Wartestand, nicht stehend, sondern sitzend, das Kinn auf der Brust, die Augen halb geschlossen, das Ohr wach, aber nichts geschieht. So stumpft man ab.

Plötzlich waren sie zerworfenen Fensterscheiben, Schmierereien und Schikanen nicht mehr gewachsen

Selbst für die Kinder von Ex-Gefangenen ist es schwierig, einen Job zu finden. Im überschaubaren, nur 1,6 Millionen Menschen zählenden Nordirland bleibt potentiellen Arbeitgebern wenig verborgen. Carál Ní Chuilín: "Sobald die Adresse eines Arbeitssuchenden mit der des Vaters, der im Gefängnis war, identisch ist, kann ein Bewerber aus dem Verfahren fliegen, ohne offiziell zu erfahren, warum." Gefährlich ist diese Praxis besonders deshalb, weil viele desillusionierte Jugendliche - ob protestantisch oder katholisch - bei paramilitärischen Gruppen Zuflucht suchen. Viele loyalistische, aber auch republikanische Ex-Militärs sind zwischenzeitlich in Drogen- und Waffengeschäften unterwegs. Entsprechend groß ist ihr krimineller Einfluss im jeweiligen Viertel. Bei manchen Konflikten wenden sich die Bewohner lieber an die Paramilitärs nebenan als an die Polizei eine Straße weiter, die sowieso machtlos ist.

Das Leben ist friedlicher und friedfertiger geworden in Nordirland, aber es knirscht unter den Fußsohlen, die soziale Frustration lähmt. Jeder hilft sich selbst, so gut er kann. Während die gut Betuchten im Süden von Belfast unabhängig von jedem religiösen Hintergrund residieren, bevorzugen viele andere wieder das konfessionell eindeutig imprägnierte Terrain. Nicht jeder tut das freiwillig. Im Spätsommer verließen einige protestantische Familien ihre Häuser in dem von Katholiken dominierten Viertel Torrens im Norden der Stadt. Trotz des Bürgerkrieges konnten sie hier seit Generationen leben. Plötzlich aber waren sie zerworfenen Fenstern, Schmierereien und Schikanen nicht mehr gewachsen und zogen weg.

Bei allen Ähnlichkeiten zwischen Falls und Shankill - es gibt einen gravierenden Unterschied: Trotz der Ungeduld über die politische Stagnation Nordirlands herrscht in den katholischen Vierteln eine verhaltene Aufbruchstimmung: Bei adäquater Ausbildung können erklärte Republikaner heute Jobs bekommen, die früher Protestanten vorbehalten waren. Selbst in der nordirischen Polizei, die früher stets auf der anderen Seite stand.

Die Diskriminierung von Katholiken gehört der Vergangenheit an, gerade deswegen empfinden sich viele Protestanten als Verlierer des Friedens nach dem Krieg. "Einst fanden die meisten von uns gut bezahlte Arbeit an den Quais", erzählt Roberts, "sie hatten Arbeitsplätze, die heute vielfach nicht mehr existieren." Auf der legendären Schiffswerft Harland and Wolff zum Beispiel, deren mächtige gelbe Kräne das Stadtbild prägen und auf der die Titanic gebaut wurde, schufteten einmal ausschließlich Protestanten. Katholiken, die hier einen Job ergattern wollten, wurden mit Waffengewalt vertrieben. Erst ein paar Jahre ist das her.


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00:00 28.01.2005

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