Das Kino als Rätsel

Nachruf Zum Tod des französischen Regisseurs Alain Resnais
Gerhard Midding | Ausgabe 10/2014

Vor einigen Jahren, als es noch nicht in Mode war, erzählte Alain Resnais, mit welch großer Begeisterung er und sein Freund Chris Marker amerikanische Fernsehserien verfolgten. Die zwei unermüdlichen Kinogänger seien sich einig, dass einige von ihnen, etwa Millennium oder The Shield, die Grammatik des Kinos wagemutiger veränderten als die meisten Hollywoodfilme. Diese neuen Formen des Erzählens und der Montage hätten sie in gleicher Weise überrascht wie Louis-Ferdinand Célines Roman Reise ans Ende der Nacht, den beide in den 1930er Jahren verschlungen hatten.

Dass Alain Resnais für Herzen (2006), Vorsicht Sehnsucht (2009) und Ihr werdet euch noch wundern (2012) Mark Snow verpflichten konnte, den Komponisten von Millennium, erfüllte ihn mit einem Stolz, der eher einem jungen Debütanten anstand. Darin mochte Koketterie liegen, aber eine sehr gelenkige. Es wird Resnais selbst nicht entgangen sein, dass er seit Hiroshima mon amour (1959) und Letztes Jahr in Marienbad (1961) zu den weltweit angesehensten Filmemachern zählte.

Aber wenn es etwas gab, das man sich und seinem Publikum auch im siebten Karriere-Jahrzehnt noch beweisen wollte, dann unermüdliche Neugierde. „Ich drehe“, sagte Resnais, „um zu sehen, was beim Drehen passiert.“ Eine Hierarchie der Künste schien für ihn nicht zu existieren: Als Stoff schätzt er das Boulevardtheater, die Operette und den Comic nicht geringer als die Experimente des Nouveau Roman. In jedem seiner Filme, behaupten zumindest Forscher, kommt ein Walzer vor.

Wie souverän dieser Filmemacher das Heterogene zusammenführte und mit welch nobler Vorurteilslosigkeit er nach den unverbrauchten Alternativen des filmischen Erzählens forschte! Auf der diesjährigen Berlinale erhielt der 91-Jährige für seinen letzten Film Boire, aimer et chanter passenderweise den Preis für ein Werk, das dem Kino neue Perspektiven eröffnet.

Der Bogen, den Resnais Werk spannt, ist schwer zu fassen. Die leichtfüßige und fast kulinarische Freude an den Ausdrucksmöglichkeiten seines Mediums, die Resnais’ Spätwerk prägt, lässt sich auf den ersten Blick kaum in Einklang bringen mit einer Auseinandersetzung mit den großen Menschheitskatastrophen des 20. Jahrhunderts, die am Anfang von Resnais’ Arbeit steht. In Guernica (1950) interpretiert er Picassos Fresko über die spanische Stadt, deren Zerstörung Vorspiel des Zweiten Weltkriegs war. Nacht und Nebel (1955) handelt von der Vernichtung der Juden in den KZ, Hiroshima mon amour von den Nachwirkungen des Abwurfs der Atombombe.

In einer Zeit, in der sich das Kino neu zu erfinden schien, boten seine Filme Diskussionsstoff. Sie eroberten der Avantgarde einen Platz im Erzählkino. Nicht nur die Sujets von Resnais’ Filmen lösten Debatten aus, auch ihre Form erregte Aufsehen. Die Verschachtelung der Zeitebenen, die eigenwillige Montage von Hiroshima mon amour und Letztes Jahr in Marienbad haben die Sprache des Kinos verändert. Die Filme geben den Zuschauern Rätsel auf, die bis heute nicht vollends gelöst sind. Das größte Rätsel war freilich Resnais selbst: Was verbindet nur die widersprüchlichen Teile seines Werks? Der Filmemacher selbst gab einen wertvollen Hinweis, als er einmal sagte: „Ich hatte immer den Wunsch, in meinen Filmen Sardinen und Konfitüre zusammenzubringen.“

Am Samstag ist Alain Resnais in Paris gestorben. Den Tod hat er in seinen Filmen seit Providence (1977) regelmäßig geprobt; seine letzten beiden Werke enden vorsichtshalber auf einem Friedhof. Nur hielt das Leben in seinen Filmen immer noch eine überraschende Wendung parat. Das Leben im richtigen Leben schließlich nicht.

Alain Resnais wurde am 03. Juni 1922 in Vannes geboren und verstarb am 01. März 2014.

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06:00 19.03.2014

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