Das Klischee als Barriere

Arbeitslos mit Handicap Mit falschen Zuschreibungen sind Hochqualifizierte bei der Jobsuche konfrontiert

Rollifahrern ist die Szene vertraut: Im Kaufhaus wendet sich die Verkäuferin nicht an den Kunden im Rollstuhl, sondern verlegen an dessen Zivi: "Welche Größe braucht er denn?" Auf eine ähnliche Hemmung wie die der Verkäuferin treffen Menschen mit Behinderung auch in den Personaletagen, wenn sie auf Stellensuche sind. Als wichtige Einstellungsvoraussetzung gilt in der Regel die Motivation eines Stellenbewebers, eine Eigenschaft, die Handlungsbereitschaft einschließt und eine gewisse Beweglichkeit verlangt. Die jedoch wird behinderten Menschen regelmäßig abgesprochen. Ein Klischee, das nicht nur von Hochschulabsolventen widerlegt wird, die trotz Handicap manchmal entschiedener zum Ziel gelangen als ihre Kommilitonen.

Im Jahr 2004 betrug die Arbeitslosenquote von Menschen mit Schwerbehinderung 16,4 Prozent. In Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen mit mehr als 20 Mitarbeitern ist zwar ein Beschäftigungsanteil an schwerbehinderten Mitarbeitern in Höhe von fünf Prozent vorgeschrieben - Arbeitgeber, die dem nicht nachkommen, haben eine Ausgleichsabgabe zu entrichten. Doch in den vergangenen Jahren lag die bundesweite Quote nur zwischen 3,7 und 4,1 Prozent. Während im öffentlichen Dienst ein knappes Soll erreicht wurde, hinkte die Privatwirtschaft deutlich hinterher. Mehr als dreiviertel der beschäftigungspflichtigen Arbeitgeber bevorzugen die Abgabe.

Reiner Schwarzbach, zuständig für Hochschulabsolventen mit Behinderung bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung in Bonn, führt diese Zahlen auf eine falsche Einschätzung der Leistungsfähigkeit von Bewerbern zurück. "Oftmals stehen auch rechtliche Bedenken, zum Beispiel bezüglich des Kündigungsschutzes im Raum", so der Soziologe, viele Unternehmen seien unzureichend informiert. Schwarzbachs Team beschäftigt sich besonders mit der Jobvermittlung von Akademikern, die einen Behinderungsgrad ab 50 besitzen. Derzeit umfasst die Liste ungefähr 800 Personen. Überwiegend handelt es sich hier um Absolventen der Geistes- und Sozialwissenschaften aber auch Ärzte und Ärztinnen sind darunter. In Bonn sieht man durchaus Vermittlungschancen auf den ersten Arbeitsmarkt. Erfolgsgeschichten sind jedoch überwiegend von staatlichen Eingliederungszuschüssen abhängig, die neben Zuschüssen zu Gehältern auch die behindertengerechte Einrichtung des Arbeitsplatzes beinhalten. Bis zu 70 Prozent der Lohnkosten, zumeist für ein Jahr, können von den Arbeitsagenturen getragen werden.

Staatliche Zuschüsse für schwerbehinderte Mitarbeiter müssten für Arbeitgeber ökonomisch interessant sein. Doch wenn Betriebe überhaupt einstellen, dann unabhängig vom Bildungsgrad in der Regel befristet. Bei einer Festanstellung befürchten Arbeitgeber nicht nur das Zugeständnis von Mehrurlaub, sondern auch ein erschwertes Kündigungsverfahren. Dieses ersparen sie sich bei befristeten Arbeitsverträgen, die einfach auslaufen. Im günstigsten Falle profitiert der Arbeitgeber zusätzlich von den finanziellen Zuwendungen. Für einen kontinuierlichen Berufsweg sind dies keine guten Voraussetzungen.

Integration ist ein populäres Wort. Die Medien tragen durch holzschnittartige Betroffenheitsberichte nicht selten zu einem Image bei, mit dem sich viele Behinderte nicht identifizieren können. Eigenschaften wie Selbstständigkeit, Durchsetzungsvermögen, Flexibilität oder Innovation werden behinderten Menschen nur im Kontext ihrer Schicksale zugestanden oder bleiben ganz auf der Strecke. Angesichts der Arbeitgebertendenz zum Personalabbau möchte sich so mancher Erwerbslose selbst einstellen. Als die "Ich-AG" vor einigen Jahren aufkam, wurde kaum über behinderte Existenzgründer gesprochen.

Birgit Drolshagen ist Mitinitiatorin des Dortmunder Projektes "Go! Unlimited", das sich die Förderung des Gründergeistes und die Unterstützung bei der Überwindung von Barrieren auf die Fahnen geschrieben hat. Drolshagen ist blind und weiß um die Schwierigkeiten in der Berufsfindung. Sie glaubt, dass Selbstständigkeit eine Alternative zur Arbeitslosigkeit sein kann. Aber gerade bei Akademikern sei dieser Gedanke noch nicht sehr verbreitet. Neben den üblichen Vorurteilen und Selbstzweifeln sind es dabei auch formale Aspekte, die einem Geschäftsgedanken im Wege stehen, wie zum Beispiel die Versicherungsabwicklung oder die Bewilligung von Fördermitteln. Ein konkreter Markt existiert bereits auf dem Sektor der Beratungsstellen und der Hilfsmittel für Behinderte. Birgit Drolshagen nennt das Beispiel eines blinden Geschäftmannes, der sich im Bereich "barrierefreies Webdesign" selbstständig gemacht und durchgesetzt hat. Zahlreiche Firmen seien nun an diesen Diensten interessiert, um sowohl ihren behinderten Mitarbeitern als auch den Kunden einen besseren Zu- und Umgang mit dem Computer zu ermöglichen.

Von einer Befangenheit gegenüber behinderten Menschen können sich wohl nur wenige Nichtbehinderte freisprechen. Wenn Befangenheit zur pauschalen Fehleinschätzung von Arbeitgebern wird, ist dies meist ihrer Unwissenheit geschuldet. "Behinderung ist ein Klischee", sagt Jobvermittler Reiner Schwarzbach. Dieses zu entlarven, bleibt eine gemeinsame Aufgabe.


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00:00 20.10.2006

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