Das komplizierte G-Wort

Reizthema Warum nicht nur Rechtspopulisten so gern gegen den Begriff Gender polemisieren
Das komplizierte G-Wort
„Women’s March on Washington“ im Januar: Der Kampf gegen Diskriminierungen ist eben keine Nebensache
Bild: Matt Stuart/Magnum Photos/Agentur Focus

Fünf Frauen in Stringtangas präsentierten ihre Hintern. Unter dem Slogan „Gleichberechtigung statt Gleichmacherei“ warb die Junge Alternative, die Jugendorganisation der AfD, so für die letzte Europawahl. Vor dem Urnengang in Sachsen wünschte sich Parteichefin Frauke Petry mit rassistischem Unterton, „dass eine normale deutsche Familie drei Kinder hat“. Björn Höcke wetterte gegen „schädliche, steuerfinanzierte Gesellschaftsexperimente, die der Abschaffung der natürlichen Geschlechterordnung dienen“. Und Hans-Thomas Tillschneider, frisch gewählter AfD-Abgeordneter im Landtag von Sachsen-Anhalt, war sich mit der maskulinistischen Initiative MANNdat schnell einig. Auf der Homepage des Vereins, der Männer in nahezu allen Lebenslagen für benachteiligte Opfer hält, keilen Fragesteller und Gesprächspartner gemeinsam gegen eine „ideologisch verblendete“ Gender-Politik.

Der Antifeminismus hat sich in den vergangenen Jahren zu einem programmatischen Schwerpunkt der Neuen Rechten entwickelt. AfD, Pegida und die Talkshow-Dauerbesucherin Birgit Kelle machen Front gegen „Gender-Ideologie“, gegen „Genderismus“ oder gleich gegen: „Gender-Gaga“. Das komplizierte G-Wort eignet sich bestens für populistische Polemik.

Bei der Zeichnung eines stimmigen Feindbilds werden dabei unterschiedliche Dinge ständig vermischt: die von der Europäischen Union lancierte gleichstellungspolitische Strategie Gender Mainstreaming, wissenschaftliche Forschung wie die Gender Studies und die Kritik an der Neufassung schulischer Lehrpläne, die das Thema sexuelle Orientierung stärker berücksichtigen sollen.

Posts mit Morddrohungen

Im Sommer 2014 geriet die Kasseler Soziologin Elisabeth Tuider in einen Shitstorm. Netzkommentatoren hetzten gegen ihre Person, einzelne Posts drohten gar mit Vergewaltigung und Mord. Tuider ist Mitverfasserin eines sozialpädagogischen Buches zur Arbeit mit Jugendlichen, das Methoden zur Diskussion von sexueller Vielfalt vorstellt. Über manche, auch in Zeitungsberichten genüsslich zitierte Textpassagen („Ist es möglich, dass deine Heterosexualität nur eine Phase ist und dass du diese Phase überwinden wirst?“) lässt sich sicher streiten. Es ging aber nicht um eine fachliche Kontroverse, sondern um einen Generalangriff auf die Geschlechterforschung.

Diese werde von Männerhasserinnen betrieben, halte wissenschaftliche Standards nicht ein und gehöre deshalb abgeschafft: So argumentieren nicht nur homophobe Rechtspopulisten. Diffamierungen durchziehen immer wieder auch die bürgerlichen Feuilletons von Spiegel oder Frankfurter Allgemeine. Besonders hervor tut sich hier der Tagesspiegel-Redakteur und Zeit-Kolumnist Harald Martenstein („Schlecht, schlechter, Geschlecht“), der sich in der Rolle des spottenden und arroganten Besserwissers gefällt. Erwähnung finden in solchen ironischen Texten dann gern Nebenaspekte wie „Transgendertoiletten“ oder die Anrede „Professx“.

Wenn sich eine genderbewusste Linguistik um geschlechtergerechte Sprache bemüht, mag das manchmal tatsächlich lächerlich klingen. Vor allem wenn man die Beispiele aus dem Kontext der Debatte herausreißt. Leider bilden solche Beispiele aber Einfallstore für boulevardeske Kampagnen gegen die Gender Studies an den Hochschulen.

Die Schelte kommt dabei auch nicht nur von der politischen Rechten, sondern in letzter Zeit vermehrt auch von links. Nach dieser Lesart verzetteln sich abgehobene Akademiker in theoretischen Diskursen, statt sich für die alltäglichen Sorgen der einfachen Leute zu interessieren. Wie kommt es bei den sozial Abgehängten an, wenn eigentlich Privilegierte in elaboriertem Duktus über Erfahrungen von Ausgrenzung und Randständigkeit berichten? Wenn sie die Deutungshoheit über Sprache und kulturelle Codes beanspruchen – und jede Abweichung als unkorrekt brandmarken? „Man kämpft tapfer gegen Diskriminierung, aber nicht mehr für die unteren Schichten“, kritisiert etwa Sighard Neckel, der an der Universität Hamburg Gesellschaftsanalyse lehrt.

In den USA hat Mark Lilla eine heftige Debatte unter Intellektuellen ausgelöst. Hillary Clinton und die demokratische Partei, so schrieb der Professor für Ideengeschichte in der New York Times, seien wegen ihrer Fixierung auf das Thema Diversität gescheitert. Das ständige Ansprechen der Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe oder sexueller Orientierung habe Wähler irritiert und Donald Trump den Weg geebnet. Lilla bescheinigt dem liberalen Milieu „eine Art moralische Hysterie in Identitätsfragen“. Jede Raumschiffbesatzung in Hollywood müsse „nach den Farben des Regenbogens besetzt werden“. Genauso schräg seien „die Debatten über verletzte Gefühle in Universitätsseminaren“. Er teile zwar die Grundsätze, aber nicht die Priorität, die diesen Fragen in der Öffentlichkeit eingeräumt werde.

Beliebt bei Studierenden

Wie in den USA hat sich das Forschungsfeld Gender auch an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten in Deutschland eine gewisse Bedeutung erkämpft. Es gibt zwar kaum eigenständige Lehrstühle, aber immerhin gut 150 Professuren mit einem entsprechenden Schwerpunkt innerhalb einer Kerndisziplin. (Dass männliche Forscher darunter eklatant unterrepräsentiert sind, ist ein anderes Thema.) Seminare und Vorlesungen zu Geschlechterrollen oder sexueller Orientierung sind meist gut besucht, sie üben auf Studierende eine große Faszination aus. Tritt gar Judith Butler auf, die Theorie-Ikone des „konstruierten Geschlechts“ von der Universität Berkeley, können die Hörsäle den Andrang der Interessierten kaum bewältigen.

Doch sind die Gender Studies tatsächlich „überideologisiert“? Werden Themen wie soziale Gleichheit und Gleichstellung hier wirklich nur nachrangig behandelt? Ilse Lenz widerspricht. Die emeritierte Professorin, die lange an der Universität Bochum Soziologie gelehrt hat, plädiert für ein differenziertes Betrachten der unterschiedlichen deutschen und amerikanischen Situation. „Die Geschlechterforschung hierzulande hat die soziale Frage nie ignoriert, sondern meist integriert.“ Selbstverständlich sei Kritik an Gender-Theorien wichtig und willkommen, aber sie „sollte auf ernsthafter inhaltlicher Auseinandersetzung beruhen“.

Ähnlich argumentieren auch die Stellungnahmen der akademischen Fachgesellschaften. Lenz wundert sich „über selbsternannte Hassprediger“, die eigenmächtig festlegen, was „unwissenschaftlich sein soll“. Geschlecht bilde an deutschen Hochschulen eine zentrale „Strukturkategorie für soziale Ungleichheit“. Es werde verknüpft mit anderen Kriterien wie Klasse und Ethnie. Die Frage nach wechselwirkenden Ungleichheiten, in der Fachsprache Intersektionalität genannt, sei „leitend in der Geschlechterforschung“.

Was ist also dran an der These vom Ende des Identity-Liberalismus, die der US-Ideenhistoriker Mark Lilla vertritt? Auf jeden Fall ist es verkehrt, angesichts der Wahl von Trump die Bemühungen um Antidiskriminierung pauschal zu bashen. Die Interessen von Minderheiten müssen weiterhin geschützt werden – selbst wenn die Mehrheit diese Position nicht teilt. Diversität ist eben keine Nebensache, sondern Teil eines wichtigen Inklusionsprozesses. Der verstärkte Blick auf gesellschaftliche Spaltungen und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich täte den Gender Studies dennoch auch in Deutschland gut.

Spätestens wenn die AfD ab Herbst im Bundestag sitzt, dürften rückwärts gewandte Männer- und Frauenbilder wieder stärker die parlamentarischen Debatten prägen. In den Medien sind sie jetzt schon wieder präsenter. Solide Forschung, die mit Fakten dagegenhält, wäre hilfreich, zum Beispiel in der Gleichstellungs- und Familienpolitik. Gerade erst hat eine OECD-Studie festgestellt, dass deutsche Mütter besonders häufig Teilzeit arbeiten und im europäischen Vergleich am wenigsten zum Haushaltseinkommen beitragen. Was sind die tieferen Ursachen für diesen Gender Pay Gap, für die viel beklagte Einkommenslücke zwischen den Geschlechtern? Und warum sterben Männer im Schnitt fünf Jahre früher als Frauen, warum begehen sie viel häufiger Selbstmord?

Das sind nur einige Beispiele für anwendungsorientierte Fragestellungen in den Gender Studies. Die zu erwartende polarisierte Auseinandersetzung um geschlechterpolitische Fragen braucht mehr praxisbezogene Unterstützung aus der Wissenschaft. Das könnte helfen, die emotional aufgeladenen Debatten zu versachlichen.

Thomas Gesterkamp ist Publizist und in mehreren männerpolitischen Initiativen aktiv

06:00 06.03.2017

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