Das Lachen der Materie

Innsbrucker Abend Kolumne

Ich war spät dran, was an meinem Hund lag, der die Schwelle zum Zeughaus nicht überschreiten wollte. Ähnlich widerwillig reagiert er auf Friedhöfe, wo ihn die vielen Knochen irritieren. Er sträubt sein Fell, knurrt und fletscht mit den Zähnen, als ich versuche, ihn über die Schwelle zu hieven. Eine Zeitlang sehen wir uns schweigend an. Dann setzen sich seine vier Beine, dicht am Boden gedrängt, in Bewegung und stoppen, als die Leine sich nicht mehr länger ausfahren lässt. Da richtet er sich auf und beginnt, an der Luft entlang empor zu klettern, Richtung Himmel. Ungerührt trabt er dem Himmel zu und steht bald direkt über mir. Versöhnlich wedelt er mit dem Schwanz. Ich stehe da wie eine Frau mit Luftballon. Dann binde ich die Leine an den Baum, lasse meinen Hund in der Luft stehen und trete ein. Drei Eintragungen im Besucherbuch fallen mir auf: "Der Mensch besteht aus mehr denn nur aus Knochen." Daneben: "Lasst uns Knochen sein!" Und die dritte: "Langweilig und interessant". Auch die Wärterin lächelt und sogleich beginne ich, nicht mehr den Menschen, sondern das Skelett in ihr zu sehen.

Vereinzelt liegen die Teile menschlicher Körper hinter den Vitrinen und erinnern an eine römische Ausgrabungsstätte, wo zwischen den steinernen Backenzähnen einer früheren Arena das Gras wächst. In derselben Gelassenheit ist hier der Gehörknöchel ein Gehörknöchel ein Gehörknöchel - nichts als schweigende Materie. Die einander gleichgültigen Exponate sind von der gleichen Beziehung, die ich zu meinem Skelett hege: Außer der Gewissheit, dass ich nichts bin und nichts machen kann ohne mein Skelett, und umgekehrt mein Skelett ist, was es ist auch ohne mich, besitze ich kaum Kenntnis von meinem Skelett und habe insgesamt auch kaum mit ihm zu tun. Genau genommen weiß ich nicht, wie ich das Skelett denken soll, nur so viel ist klar, dass ich es jetzt überall sehe, in den Vitrinen, in den Gängen, in der Cafeteria, in den Wärterinnen, in den Besuchern - von denen gerade keiner mehr zu sehen ist, was mir erst in diesem Moment auffällt. Dabei hatte ich eben noch das Skelett neben mir als Besucher geglaubt. Doch offenbar: das Skelett neben mir ist ein Skelett und nicht mehr oder weniger ... als ein Skelett. Ich bemerke aber auch keine der Wärterinnen mehr, eile zur Tür, wo ich feststelle, dass sie verschlossen ist - und ich eingeschlossen mit dem Skelett in der Ecke. Vermutlich hielt die Wärterin auch mich für ein ausgestelltes Skelett. Der blankgelegte Schädel lacht, er lacht immer, der Totenschädel ist ein ewig lachender, doch jetzt lacht er ganz besonders. Er wirkt dabei jung, alterslos, irgendwie naiv, sein Lachen unterstreicht seine knöcherne Ignoranz, seine unbeteiligte Kälte, als ob ihn die menschliche Welt nicht interessiere.

Joseph Haidl, der Burgriese, lacht über die Vitrine hinaus, die ihm nur bis an die Schulter reicht. Auch die Standgefährtin an seiner Seite, die Zwergin, lacht. Sie reicht ihm bis zu den Beckenknochen. Beide strahlen sie bis über die Backenknochen, beide stehen sie hier als Auffälligkeiten, als Anomalien. Dem einen trieb die Überproduktion des Wachstumshormons in die Höhe, die andere band eine Schilddrüsenunterfunktion an die Erde. Ihr Lachen riecht nach Verrat. Verrat an dem Menschen, dessen Leben durch ein auffälliges Knochengerüst gezeichnet war, und von dem diese Totenschädel nichts zu wissen vorgeben. Doch wem will ich eigentlich das Grinsen der Skelette zum Vorwurf machen? Zeigt nicht gerade die luftige Leere ihrer Schädel, dass ihr Architekt sich davongemacht hat?

Neben dem alterslosen Strahlen der Schädel wirken Embryo, erst recht Fötus alt, greisenhaft, wie vom Elend selbst ausgespuckt; faltig, voller Runzeln, als ob er vorher schon alles Grauen wüsste, was er im folgenden noch zu erfahren hat, was er im folgenden noch zu erfahren gehabt hätte. Dazu zusammengerollt, wie ein Igel, der sich vor dem Feind schützt.

Wie meistens sehe ich in den neun formalingefüllten Einweckgläsern nicht neun einzelne Föten, die nichts miteinander zu tun haben, die sich nicht vorgestellt wurden und die ihr Leben durch unglückliche Umstände nie erreicht haben. In den neun Einweckgläsern sehe ich ein kleines Menschlein und seine Entwicklung in Richtung Welt, un piccolo esserino, - als ob es nach der Ausstellung aus dem Formalin gehoben und auf die Beine gestellt würde.

Als ich aus dem Fenster schaue, erblicke ich eine weiße, kleine Raumfähre in der Dunkelheit der Nacht. Sie sieht aus wie das Gebilde eines liegenden Skeletts: eine weiße, runde Kapsel - gleich dem Schädel - führt einen kleinen langgestreckten, aus einzelnen Wirbeln bestehenden Körper an, die Antenne am hinteren Ende erinnert an einen hochgestellten Hundeschwanz. Dann erst erkenne ich das kleine Raumschiffskelett als meinen Hund im dunklen Himmel der Nacht.


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00:00 04.02.2005

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