Das Lachen der Plebejer

Jokus und Belehrung Thomas Ebermann und Rainer Trampert reißen dem Zeitgeist die Maske vom Gesicht

Im Jahr 1984 veröffentlichten Thomas Ebermann und Rainer Trampert eine illusionslose Analyse des gegenwärtigen Kapitalismus, seiner sozialen Zumutungen und ökologischen Gefahren, und sie rieten zur radikalen Praxis mithilfe einer politischen Partei: der Grünen. Trampert war einige Zeit Vorstandssprecher, Ebermann Co-Vorsitzender der Bundestagsfraktion. Die ökosozialistische Position der beiden hatte nie eine Mehrheit bei den Grünen, da diese aber, um im Parteiensystem der Bundesrepublik anzukommen, zunächst einmal ihre Andersartigkeit darlegen mussten, kamen ihnen die beiden Plebejer aus dem Hamburger Schanzenviertel gerade recht.

1988 aber war Schluss mit Lustig: die Realos stürzten den linken Vorstand, darunter auch Jutta Ditfurth.

Thomas Ebermann und Rainer Trampert haben dann zusammen mit anderen (darunter auch der Verfasser dieser bescheidenen Zeilen) versucht, eine "Radikale Linke" zu gründen, wurden daran jedoch durch die Wiedervereinigung und durch Zwist über den Golfkrieg gehindert. Die "Grünen" hatten sie da längst verlassen und ihr Engagement in dieser Partei selbstkritisch und schonungslos bereut. Sie waren zu dem Ergebnis gekommen, wider Willen lediglich an einer Sanierung des Kapitalismus mitgewirkt zu haben. Jetzt analysierten sie die Veränderungen, die an ihren bisherigen Mitstreiterinnen und Mitstreitern und deren gesellschaftlichem Umfeld zutagetraten. Sie entdecken "die Verwandlung linker Theorie in Esoterik, Bocksgesänge und Zivilgesellschaft". Hiervon handelte 1996 ihr zweites Buch, das den Titel Die Offenbarung des Propheten trug. Als sie es bei Lesungen vorstellten, erlebten sie eine Überraschung: ihr Publikum wollte nicht diskutieren, sondern Spaß haben und vor allem viel lachen.

An dieser Erwartung waren die beiden nicht unschuldig, besonders Thomas Ebermann nicht. Er war in den achtziger Jahren auch ein Medienstar gewesen, und seine Kunst der zugleich jovialen wie radikalen Selbstdarstellung erklärt auch ein wenig, weshalb er in einer Partei, ja einer Gesellschaft zumindest zeitweise reüssieren konnte, die seiner Meinung nach gar nicht zu ihm passten. Unvergessen bleibt für alle jene Talkshow mit dem damaligen Wirtschaftsminister Jürgen Möllemann, in der der Grüne gefragt wurde, was er denn von dem neben ihm sitzenden FDP-Politiker halte. Er antwortete: Och, der passe doch ganz ausgezeichnet in das Kabinett Kohl. Mimik, Körpersprache und bärenhafte Gutmütigkeit brachten die Leute vor den Bildschirmen zum Lachen, während sein Nachbar den Kopf einzog, als habe man ihm eine undefinierbare Flüssigkeit darüber gegossen.

Als Ebermann und Trampert bei ihren Lesungen nun merkten, dass die Leute keine Politik mehr wollten, sondern Jux, beschlossen sie, ihr Publikum zu unterwandern. Sie entwickelten eine Form der Kleinkunst, die sie "Lesebühne" nennen. Das ist in Wirklichkeit das beste linke Kabarett, das gegenwärtig zu haben ist, aber nicht im Fernsehen. Um es zu erleben, muss man sich in die alternativen Sperrmüll-Etablissements zwischen Flensburg und Zürich begeben. Dort bemühen sich Ebermann und Trampert, "dem Zeitgeist die Arglosigkeit zu nehmen", indem sie ihn ohne Unterlass zitieren. Das geht so:

Einer von den beiden - meist Trampert - fasst den Inhalt unterschiedlichster Lesestoffe trocken und korrekt zusammen: die Memoiren von Edzard Reuter, Erklärungen von Jürgen Trittin, einen Bestseller des Motivationstrainers Jürgen Höller, Heimwerker-Reklamen, Selbstdarstellungen der Stadt Furtwangen im Schwarzwald. Die wörtlichen Zitate steuert mit sonorer Stimme Thomas Ebermann bei. Und plötzlich merken wir, in welcher irrwitzigen Welt wir leben: erfüllt von Leistungsbereitschaft, positivem Denken, Pseudokritik, High-Sein, Symptompfuscherei, Selbstunterdrückung, die aber ein Außen und Unten braucht, gegen das man sich abgrenzen und wohin man treten kann. Wir lachen und haben zugleich den Eindruck, am manisch-depressiven Irresein einer Gesellschaft teilzunehmen.

Wenn es am schönsten ist, beschließen Ebermann und Trampert, ihr Publikum zu quälen: sie lesen Analysen vor, die sie anderwärts schon veröffentlicht haben, zum Beispiel in Jungle World und konkret. Hier gehen sie von dem Verdacht aus, dass modische Neubegriffe: Zivilgesellschaft, Globalisierung, Empire - leicht durch andere, ältere und bessere ersetzt werden können, zum Beispiel: Imperialismus. Es funktioniert. Zugleich aber wehren sich die Autoren dagegen, sich mit - bestenfalls - populistischen Oppositionsvarianten gemein zu machen: "Furchtbar ist die Vorstellung, mit Oskar Lafontaine, Attac, schlesischen oder baskischen Heimatkampfgruppen, Islamisten, Volkstanzfanatikern oder französischen und deutschen Sprach- und Musikquoten-Nationalisten gegen Anglizismen und den ‚kulturimperialistischen´ Rock und Pop aus den USA zu fechten."

Das Publikum beginnt zu leiden, und Ebermann/Trampert wollen das. Erst wenn sie vorgetragen haben, was ihrer Meinung nach gesagt werden muss, gibt es wieder Witze, das Auditorium kommt sich vor wie in einem Wechselbad und ist zuletzt auch dankbar für die Geißelung.

Eine CD mit dem Titel Verpaßt Deutschland den Anschluß?, erschienen im Verlag "Die Brotsuppe", dokumentiert einen Ausschnitt aus diesen Darbietungen. In größerer Vollständigkeit sind sie jetzt in einem umfangreichen Band mit dem Titel Sachzwang Gemüt nachzulesen.

Seit Ende August sind die beiden wieder auf Lesereise. Studieren Sie das Kleingedruckte im Veranstaltungskalender Ihrer Ortszeitung oder gleich im alternativen Stadtanzeiger! Es wäre wirklich schade, wenn Sie etwas versäumen müssten.

Rainer Trampert/Thomas Ebermann: Sachzwang Gemüt. Sarkastische und analytische Texte über die Republik, die Welt und unsere Nachbarn. Hamburg: Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2002, 319 S., 19, 90 EUR

00:00 27.12.2002

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