Das Lachen in den Zeiten der Merkel-Ära

Vision Von politischer Satire ist hierzulande leider nur die Politiker-Verarschung übrig geblieben. Das kann nur besser werden. Aber wie geht das?
Klaus Raab | Ausgabe 42/2013 18
Das Lachen in den Zeiten der Merkel-Ära
They wanna have fun
Montage: der Freitag; Material: AFP/ Getty Images, Fotolia

Ein Beispiel für gute politische Satire? Nehmen wir Dirk Niebel. Die Geschichte, die vor vier Jahren in allen Zeitungen stand, dass Niebel, der Fallschirmjäger von der FDP, das Entwicklungsministerium übernehmen würde, die war doch wirklich großartig.

Ihr Makel bestand allerdings darin, dass sie stimmte und demnach also nur als Unterart der Satire durchgehen konnte, als Realsatire. Die Liberalen hatten vor der Bundestagswahl 2009 noch gefordert, das Ministerium ganz abzuwickeln. Als ihr Generalsekretär, also Niebel, dann selbst Minister wurde, schuf er eine neue Abteilung und verteilte, zum Teil am Personalrat des Hauses vorbei, diverse Posten an zum Teil fachfremde Parteifreunde. Um noch den Rest der Berichterstattung über seine Amtszeit zusammenzufassen: Er setzte sich auf Auslandsreisen eine Reservistenmütze auf und vergaß unglücklicherweise, einen in Afghanistan gekauften Teppich zu verzollen.

War Dirk Niebel als Entwicklungsminister demnach ein Glücksfall für Satiriker? Wenn man sich die politische Satire der vergangenen Legislaturperiode anschaut, war er eher ein Unglück. Alles, was zum Quietschen oder wenigstens zum Verzweifeln war, stand bierernst im Politikteil. Und die Komikproduktion beschränkte sich weitgehend darauf, das medial vermittelte Geschehen zu reproduzieren und hinterher einen Tusch zu spielen. Die Volte war immer die gleiche: Der Niebel gehört nicht dahin, wo er ist, weil er früher Bürokratieabbau gefordert hat und Soldat war, statt, wie ein ordentlicher Entwicklungshelfer, Zivi. Eine hängende Schallplatte, und niemand hob die Nadel auf.

Eine Niebel-Satire, die über den von den Medien beschriebenen Ist-Zustand hinausging, hat dagegen seit vier Jahren niemand hingekriegt. Und wie der war auch die ganze FDP in der vergangenen Legislaturperiode kein gutes Satirethema. Das klingt nach einer steilen These, aber im Ernst: Die Liberalen machten die Komikarbeit doch selbst. Was FDP-Satire genannt wurde, war Fleißarbeit. Man musste die Kamera draufhalten und die Nummern zur Revue zusammenschneiden.

So war es bisher

Ähnliches lässt sich auch über die Merkel-Satire sagen. Eine hübsche parodistische Verarztung der Kanzlerin gelang Kurt Kister von der SZ, der im Jahr 2009 Namen für typische Merkel-Gesten fand und damit die Mechanik ihres Auftretens in goldene Worte fasste: die „Sanfte Faust“, die „Halbe Segnung“, „So-groß-ist-der-Fisch“, das „Fingerzelt“. Erst parodistisch gebraucht, wurde das Fingerzelt bald in Raute umbenannt und schließlich zum Markenzeichen der Kanzlerin, das von ihrer Partei sogar groß in den Wahlkampf eingespeist wurde. Darüber hinaus gab es Teflon-, Mutti- und andere Küchen-Scherze. Alle, die damit ihren Spaß haben, mögen ihn haben. Aber Fakt ist doch, dass diese Scherze direkt aus der Humorhölle kommen.

Dieter Hildebrandt erklärte dem Freitag einmal, was so schwierig an einer Merkel-Satire sei: Man dürfe sich aufgrund ihrer teflonartigen Art nicht auf ihre bloße Person beschränken, sondern „muss vielmehr aufzeigen, was sie nicht tut, und aussprechen, was von ihr verschwiegen wird.“ Kabarett über Merkel sei wie der Tatort, man suche ständig nach Beweisen. Kann es sein, dass die Ermittlungsakte vor einiger Zeit stillschweigend geschlossen wurde?

Nun ist in Deutschland die Klage, dass die Satire der jeweiligen Zeit schlecht sei, ziemlich alt. Der Humorkritik-Kritiker Robert Gernhardt, der auch noch ein paar andere Berufe hatte, hat einmal festgestellt: „Offensichtlich gibt es überhaupt keine deutsche Satire, es hat sie immer nur gegeben.“ Und weil Gernhardt, ganz ohne Ironie, so gut wie immer recht hatte, kommt hier erst mal ein freundlicher Brückenschlag, bevor es gleich ziemlich ekelhaft pessimistisch wird. Also: Keine gute FDP- und Merkel-Satire, das heißt natürlich nicht, dass nicht gelacht werden durfte. Es wurde viel gelacht, und „wenn wo gelacht wird, dann liegt Komik vor“, wie Oliver Maria Schmitt mal geschrieben hat. Aber man lachte halt eher so aus Gewohnheit, nicht weil man so baff war. Worüber? Rainer Brüderle reckt während einer Rede unbewusst die Mittelfinger? Tusch! Philipp Rösler redet über einen Frosch? Tusch! Angela Merkel macht eine unbeholfen wirkende Grimasse? Tusch!

Es gibt eine populäre Zeichentrickfigur, die hier Pate steht: Nelson Muntz, der Knabe aus den Simpsons, der nur darauf wartet, dass einem anderen die Hose in die Kniekehlen rutscht. Nelson Mutz ruft dann schadenfreudig in absteigender Tonfolge: „Ha ha!“ Ob Schadenfreude schlecht ist? Keine Ahnung. Ob früher weniger davon war? Sicher nicht. Ein Unterschied zu früher ist aber die Allgegenwart der Kameras.

Mit der Ausschlachtung des aktuellen Fernsehens hatte Stefan Raab im Jahr 1999 für seine Sendung TV Total begonnen. Heute ist das längst zu einer Satire-Norm geworden: Aus einem großen Repertoire an Bewegtbildern schöpfen zu können, zeitigt große Fernsehmomente: Als in der heute-show vom ZDF Redeszenen von Karl-Theodor zu Guttenberg und von Franz-Josef Strauß gegeneinandergestellt wurden, um damit den Nachweis zu führen, dass beide eine Marotte teilen – sie wippen beim Reden gestelzt –, war das ein Moment der Enttarnung. Aber in vielen Fällen sieht und hört man einen Politiker nur über seine Füße oder seine Zunge stolpern. Brüderle verspricht sich? Ha ha! Na ja.

Ob hier Comedy oder Kabarett vorliegt, ist eine Frage, die Deutschlehrer erörtern mögen, die vorm Zubettgehen ihren Branntwein rezipieren und sich mit Tucholsky einreiben. Aber was sagt das nun über die politische Satire? Zunächst einmal, viel, was politische Satire genannt wird, ist eigentlich Mediensatire. Die fernsehhandwerklich hervorragende heute-show zum Beispiel, die ihrer Popularität wegen zum Maßstab der politischen Satire geworden ist, ist zunächst eine Parodie auf einen Polit-Journalismus, der sich nur mit Personalfragen beschäftigt. Ihre Themen sind die politische Inszenierung und deren mediale Vermittlung, nicht der politische Inhalt.

Musterbeispiel auch hier: Dirk Niebel, der auch in der heute-show auftauchte. Hauptthemen: seine Mütze und die Teppich-Affäre. Bei einem Interview im Mai wurde ihm ein Teppich angeboten, er wurde auf die Postenverteilerei in seinem Ministerium angesprochen, und dann setzte man ihn angesichts der schon damals für seine Partei desaströsen Stimmungslage vor dem Arbeitsamt ab. Man ging mit ihm noch mal genau jene Themen durch, die hundertfach durchgekaut worden waren.

Was oft fehlte, wenn es um die FDP ging, war, dass jemand ein Fenster aufmacht und der Blick nach draußen geht: auf die große, weite Welt jenseits der kleinen, engen Medienagenda. Die Satire, vor allem im Fernsehen, hat vornehmlich zwei Richtungen: Sie ist entweder Alltagssatire über Frauen und Männer, dann dürfen Einparkwitze nicht fehlen (mittlerweile gibt es auch vorzügliche Witze über Leute, die Einparkwitze machen, etwa im Satire Gipfel). Oder sie variiert die mediale Berichterstattung.

Nun gibt es eine gute Nachricht: Dem Land droht eine Große Koalition. Das bedeutet eine kleine Opposition, und kleine Oppositionen werten die Satire auf. Es ist so, als würde eine Immobilie vom Stadtrand auf den Marktplatz verpflanzt. Wer soll sich denn über die Regierung auf unseriöse Art lustig machen, wenn die Opposition nur aus ein paar Hanseln besteht?

So muss es werden

Politische Satire muss in einer solchen Situation die Waffen satteln, die Pferde laden und ab an die Front. Sie muss Krisenberichterstattung ohne journalistische Zurückhaltung sein, und der Satiriker, so hat ihn der Zeichner Chlodwig Poth charakterisiert, muss ein Berufsärgerer werden. Dummerweise hat man, wenn man das Wort Berufsärgerer hört, sofort einen gern anonym bleibenden Internetstänkerer aus dem ländlichen Raum vor Augen, dessen Lösung für alle Weltprobleme lautet: Politiker aufhängen! Es bietet sich daher an, sich den Satiriker als Berufsgetriebenen vorzustellen, der an etwas glaubt, zum Beispiel an die nahe Vernichtung, vielleicht nur nicht ausgerechnet an Gott. Am zielgenauesten ist die Satire derzeit, wenn es um die Kirche geht. Vor einer Weile hat die Titanic es geschafft, vom Vatikan verklagt zu werden. Da kann man nur gratulieren.

Das politische Personal ist leider zu cool, um sich öffentlich zu beklagen. Es erwartet nichts anderes mehr, als durchgenommen zu werden. Beim Starkbieranstich in München, zum Karneval und zu festen Uhrzeiten in den bekannten Satireformaten. Man amüsiert sich ja gerne über die kritische Überzeichnung seiner Person, solange sie nur mit roter Clownsnase stattfindet.

Daher müssen jetzt erst mal die Nasen runter. Am besten wäre es, die heute-show und das heute-journal würden manchmal unangekündigt die Sendeplätze tauschen und eine brüllende Kunstfigur wie Gernot Hassknecht würde den Tagesthemen-Kommentar sprechen. Moralische Entgrenzung, missverstandene Ironie, heftige Entgleisungen zu jeder Uhrzeit. Da wäre was los. Dass man sich das partout nicht vorstellen kann, liegt nicht daran, dass es nicht denkbar wäre, sondern daran, dass es dem heiligen Ernst zuwiderläuft, mit dem alles eingezäunt wird, was komisch ist.

Satire muss, nein, sie muss nicht, aber sie ist freundlich eingeladen, bei einem weißen Blatt Papier anzufangen. Gängige Assoziationen abschneiden. Assoziationen manifestieren die Dinge, statt den Blick zu weiten. Will jemand noch an Mutti denken müssen, wenn der Name Merkel fällt? Satire soll ja immer alles dürfen. Aber Mutti darf sie nicht mehr.

Eines ist bei dieser ungefragten Tippgeberei klar: Dass ausgerechnet ein Journalist von der Satire mehr Inhalt und alternative Wege jenseits ausgelatschter Medienwege fordert, das ist der größte Witz von allen. Der könnte sich ja ebenso gut selber eine reinhauen. Ist richtig. Trotzdem. Einer Großen Koalition braucht man nicht mit der mangelhaften Verrichtung von Verwaltungstätigkeiten und Angela Merkels Jackettfarben zu kommen.

Der Twitterer „Nein“, hinter dem der bis oben hin mit deutschen Philosophen, Umlauten und Aphorismen aufgefüllte US-amerikanische Germanist und große Unterhalter Eric Jarosinski steckt, ist schon mal in eine gangbare Richtung vorausgegangen: Er holt seine Leser nicht bei den Themen ab, die auf der Agenda stehen, sondern beantwortet alle Fragen erschöpfend mit einem klaren Nein, der einzig möglichen Antwort auf eine Große Koalition. „Nur ein Wort: nein.“ Und: „Es gibt keine guten Optionen. Nie.“ Oder: „Ich habe die Hoffnung verloren, bevor es cool war.“

Das Nein als Utopie. Kein Nein zu Personen. Nein zu allem. Ja, das ist die Zukunft.

 

06:00 31.10.2013

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