Das Land ihrer Väter

Ost-Jerusalem Mehr als 1.000 Wohnungen müssten in Ost-Jerusalem Jahr für Jahr gebaut werden. Doch die israelische Stadtverwaltung verweigert den Palästinensern die Genehmigung

Abed Shlode fischt sich eine Zigarette aus der Packung, seine Augen wandern unruhig zwischen den Stuhlreihen umher. Die Sonne brennt an diesem Vormittag über dem staubigen Platz im Osten Jerusalems. Man hat zum „Protesttag“ in Al-Bustan gerufen, dem palästinensischen Viertel unweit der Klagemauer. Abed Shlode, ein hagerer Mann mit kantiger Brille, hat ihn organisiert. Blickt Abed den Hügel hinauf, kann er mit bloßem Auge sein Elternhaus erkennen. Dicht an dicht wie Bienenwaben hängen die Gebäude dort am Hang. Keine schönen Häuser, aber Häuser immerhin, die es schon bald nicht mehr geben könnte. Abed Shlode gehört zum Bürgerkomitee des Quartiers. „Alles hat vor drei Jahren angefangen“, erzählt er, „als wir Abrissbefehle für etwa 90 Häuser erhielten.“ Die Bewohner sollen wegziehen. „Doch freiwillig“, sagt Shlode, „geht hier niemand.“

Keine Baugenehmigungen mehr

Die meisten palästinensischen Familien leben seit Generationen in Al-Bustan und kamen hierher, lange bevor 1948 der Staat Israel gegründet wurde. Andere, wie Shlodes Eltern, flohen im Unabhängigkeitskrieg 1948/49 nach Ost-Jerusalem. Das Land, auf dem sie bauten, stellten die jordanische Verwaltung und die UNO zur Verfügung. Als Jerusalem dann 1967 mit dem Sechs-Tage-Krieg vollends durch die israelische Armee besetzt wurde, erhielten die Nachkommen keine Baugenehmigungen mehr – und bauten fortan ohne. „Wenn die Menschen heiraten und Kinder bekommen, müssen sie doch irgendwo leben“, klagt Shlode. „So haben wir eben auf unserem Land gebaut. Wir hatten keine Wahl.“

Für Stephen Miller aus der israelischen Stadtverwaltung sind viele Häuser in Al-Bustan schlichtweg illegal – egal, aus welchen Motiven heraus sie gebaut wurden. „Wir lassen auch in Westjerusalem Synagogen abreißen“, wirft er ein und wirbt um Verständnis. „Die sind genauso illegal wie die Häuser der Palästinenser.“ Eine Position, die Judith Oppenheimer von der israelischen Nichtregierungsorganisation Ir Amim mitnichten billigt. Die zarte Frau mit dem Kurzhaarschnitt zeigt in ihrem Büro in der Innenstadt auf eine politische Karte Jerusalems. „Die palästinensischen Viertel Ost-Jerusalems sind seit der Besatzung stark vernachlässigt worden. Die Politik tut alles, um neue Häuser mit palästinensischen Bewohnern in Ost-Jerusalem zu verhindern“. Dies, so Oppenheimer, erreiche die Stadtverwaltung vor allem dadurch, indem sie für die östlichen Stadtteile jedwede Stadtplanung verweigert habe – und ohne Stadtplanung keine Baugenehmigungen. Mehr als 1.000 Wohnungen, so rechnen die Vereinten Nationen vor, müssten allein in Ost-Jerusalem Jahr für Jahr gebaut werden. Was sollen die Menschen anderes tun, als sich selbst auf illegale Weise zu helfen? Mehrere tausend Palästinenser wachen demzufolge in diesen Teilen Jerusalems jeden Tag von Neuem mit der Angst auf, im Morgengrauen könnten die Bagger anrücken.

König-David-Garten

Für Al-Bustan haben die Israelis besondere Pläne. Hier, in der Nähe des Tempelbergs, soll ein Nationalpark entstehen, eine historische Gartenlandschaft, die „Gärten Königs Davids“ - so die Vision der Stadt. „Hier im Königstal wurde das Hohe Lied geschrieben“, sagt Stephen Miller. „Es ist der Ursprung Jerusalems“. Miller, der den Bürgermeister Nir Barkat berät, spricht mit Nachdruck, und es scheint, als sei das Projekt auch ein klein wenig seine persönliche Mission. Weil der sagenumwobene König David dem Alten Testament nach in Al-Bustan residierte, will die Stadt genau hier eine historische Parkanlage kreieren: Ein biblisches Disneyland, mit Restaurants, Cafés und Tunneln, die in die Altstadt führen. Nur die Gegenwart, so scheint es, hat in dieser Vision keinen Platz.

Über die Pläne kann Jawad Siyam, der ebenfalls zum Bürgerkomitee von Al-Bustan gehört, nur milde lächeln. Der hagere Mittdreißiger wirkt erschöpft und hat die Sonnenbrille in das stoppelkurze Haar geschoben. Vielleicht hat Siyam seine Geschichte schon zu oft westlichen Journalisten erzählt; vielleicht ist er nach drei Jahren einfach nur resigniert. Während Siyam früher mit Steinen gegen die Besatzung kämpfte, versucht er es heute mit Argumenten. Palästinenser wie er, die in Ost- Jerusalem leben, haben keinen israelischen Pass. Ihr blauer Ausweis berechtigt sie nur dazu, in diesem Teil der Stadt zu wohnen und zu arbeiten. „Doch auch das“, sagt Siyam, werde schwieriger.

Einige seiner Freunde arbeiten bereits im Westjordanland, pendeln täglich über einen der Checkpoints und schicken die Kinder auf der anderen Seite der Mauer zur Schule. Auch öffentliche Schulen sind in Ost-Jerusalem Mangelware. Doch am meisten frustriert den jungen Mann, dass man die Bewohner seines Viertels niemals einbezieht. „Wir werden nie gefragt“, klagt er und macht seinem Ärger Luft. „Hier leben 55.000 Menschen, doch es gibt nicht einmal einen Spielplatz hier, kein Stadtteilzentrum. Gar nichts.“ Dabei könnte es in Al Bustan auch anders aussehen. Mehr als 80.000 Dollar haben die Bewohner investiert, um gemeinsam mit einer israelischen Stadtplanerin einen alternativen Stadtteilplan vertreten zu können: Schulen sollten gebaut werden, ein Gemeindezentrum und der archäologische Park in friedlicher Nachbarschaft existieren. Doch der Plan wurde im Februar vom Stadtrat in nur einer einzigen Sitzung abgelehnt.

Siyam resigniert nicht

Es ist nicht nur ein Kampf um Land, der in Ost-Jerusalem seit Jahren zwischen der Stadt und ihren palästinensischen Bewohnern gefochten wird. Auch ein Kampf um die Vorherrschaft bei der Geschichtsschreibung. „Die Geschichte Jerusalems hört nicht mit der Ära des zweiten Tempels auf“, kritisiert Judith Oppenheimer. So finden die Archäologen in Al-Bustan neben Judaica auch christliche und muslimische Relikte. „Die Archäologie“, meint Judith Oppenheimer, „wird jedoch bewusst eingesetzt, um die palästinensischen Bewohner aus ihren Stadtvierteln zu verdrängen“. Doch sie kämpft gegen Windmühlenflügel. Erst kürzlich hat die Regierung Netanjahu 100 Millionen Dollar bereitgestellt, um jüdische Gedenkstätten im so genannten „Heiligen Becken“ rund um die Altstadt auszubauen. Versuche, die israelische Vorherrschaft zu sichern, glaubt Judith Oppenheimer: „So schafft man Fakten, bevor überhaupt über den endgültigen Status Jerusalems verhandelt wird“. Siyam und die anderen werden trotzdem weitermachen mit ihrem Komitee. Eine Wahl haben sie nicht.

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09:00 08.08.2009

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