Das lange Elend

Porträt Michael Preetz muss dabei zusehen, wie seine Hertha in der Corona-Krise die Weichen zum Hyperkommerz stellt
Das lange Elend
Eigentlich ist der einstige Vizepräsident der Gewerkschaft der Spieler nicht so: Aber Preetz arbeitet nun für einen Verein, der ganz offen englische Verhältnisse anstrebt

Foto: Bernd König/Imago Images

„Wir lassen auch nichts aus.“ Mit einem tiefen Seufzer kommentierte Michael Preetz vor zwei Wochen ein Video, das Salomon Kalou, einer der Stürmer von Hertha BSC, in den Vereinsräumlichkeiten aufgenommen hatte. Es ließ einen reichlich lockeren Umgang mit den Regeln erkennen, mit denen in Deutschland die Verbreitung des Coronavirus eingedämmt werden soll. Seit dem vergangenen Wochenende wird trotz Kalou wieder gespielt, Hertha gewann 3:0 in Hoffenheim, und neuerlich ließ sich „Berlins Fußballteam Nummer eins“ die Gelegenheit zu einem Fettnäpfchen nicht entgehen. Der Torjubel war deutlich intimer, als von der Deutsche Fußball Liga GmbH gewollt. Einige wollten sogar gesehen haben, dass der Verteidiger Boyata seinen Vordermann Grujic geküsst hatte, was umgehend mit einem Video auf Instagram dementiert wurde. Die Tiefe des Seufzers von Michael Preetz muss man sich in diesem Fall ausmalen, und eigentlich müsste das Seufzen an diesem Freitag sogar in ein Stöhnen und Zähneknirschen übergehen, denn dann bestreitet die Mannschaft, deren Geschäftsführer Sport Michael Preetz ist, zum ersten Mal in der Geschichte ein Derby mit Union Berlin in der obersten deutschen Spielklasse im eigenen Stadion. Nur leider mit der Einschränkung, dass das Heimpublikum zu Hause bleiben muss. „Hahohe“ gegen „die Eisernen“ wird ein Geisterspiel.

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Es hätte ein Höhepunkt in der Karriere von Michael Preetz werden können: Der „Big City Club“ gegen das kleine köpenicksche Dorf, und die ganze Welt sieht zu. Doch das Spiel wird nicht nur von Corona überschattet, sondern auch von der neuen Konstellation, in der Preetz sich seit einem Jahr vorfindet. Seit Hertha durch den geschäftlichen Einstieg des Spekulanten Lars Windhorst zu einem Investorenclub wurde, ist „dem Langen“, wie die Fans den 1,92 großen, nach wie vor die Gardemaße aus seiner aktiven Zeit als Stürmer aufweisenden Manager nennen, eine neue Rolle zugewachsen: Preetz gibt sich als Ruhepol in einem Chaosclub. Windhorst treibt das häufig bieder wirkende Hertha-Establishment unter dem Vorsitz des Unternehmers Werner Gegenbauer vor sich her.

Windhorst setzt vollmundige Ziele und spekuliert in Interviews unverhohlen über die Abschaffung der 50+1-Regel, die für Proficlubs in der Bundesliga vorsieht, dass sie an Gesellschafter immer nur Minderheitsanteile verkaufen dürfen. Hertha muss also weiterhin noch mehrheitlich sich selbst gehören, während etwa in England die ganze Welt Schlange steht, um sich Premier-League-Clubs zu kaufen. Die oligarchischen Strukturen der englischen Liga wären in der deutschen Szene nicht durchzusetzen. Nun ist aber ausgerechnet Hertha zu einer Versuchsstation des Ausverkaufs geworden. Windhorst spricht schon von weiteren dreistelligen Millionenbeträgen, mit denen er Hertha aufrüsten will.

Für Preetz ist das ein Versprechen, bei dem er nie erkennen lassen darf, dass es für ihn auch eine gefährliche Drohung enthält. Denn es gefährdet den Weg eines organischen, gemäßigten Wachstums, auf den er Hertha nach den turbulenten frühen Jahres seiner Amtszeit gebracht hat. Als er 2009 von dem eher patriarchalisch wirkenden Dieter Hoeneß die Agenden der sportlichen Geschäftsführung übernahm, folgten vier Saisons eines teilweise grotesken Auf und Abs: Zweimal ging es für Hertha hinunter in Liga zwei, zweimal gelang der unmittelbare Wiederaufstieg. Danach lautete die Parole für eine Weile erst einmal: Konsolidierung. Die gelang sportlich so halbwegs, blieb aber auch in einem langweiligen Mittelmaß stecken. Finanziell aber fand Hertha, trotz eines ersten Kapitalismus-Experiments mit der Private-Equity-Firma KKR, nie Boden unter den Füßen.

Das änderte sich im Sommer 2019 mit Windhorst und seiner Beteiligungsgesellschaft Tennor BV. In der vergangenen Winterpause trat Hertha als Big Spender auf. Da war der von Preetz zu den Profis beförderte Nachwuchstrainer Ante Covic schon wieder Geschichte, stattdessen hatte der schwäbisch-kalifornische Visionär Jürgen Klinsmann das Heft in der Hand. Klinsmann, dessen Erfolge als Profi (Weltmeister 1990, Sommermärchenonkel 2006) die von Preetz (erfolgreichster Torschütze in der Vereinsgeschichte von Hertha BSC) deutlich überstrahlen, verlor jedoch den Machtkampf, der nie als solcher benannt werden durfte. Es sieht jedoch vieles danach aus, dass die absurden Umstände von Klinsmanns Rückzug Preetz allenfalls einen Pyrrhussieg beschert haben.

Der Manager und sein Präsident Gegenbauer sind zwar ein verschworenes Team. Aber Windhorst hat neue Leute in den Aufsichtsrat entsandt: Der Ex-Torhüter Jens Lehmann ist da eher für das Schillern zuständig, der Berater Marc Kosicke aber ist eine seriöse und kompetente Figur. Man kann davon ausgehen, dass er Windhorst auch den einen oder anderen Hinweis geben wird, wie sich das Management bei Hertha BSC optimieren ließe.

Michael Preetz, der mit einem eher ausgleichenden Temperament an die Dinge herangeht und der mit der schöpferischen Zerstörung, auf die sich viele Wachstumsfanatiker gern berufen, wohl weniger im Sinn hat, ist bei vielen Fans der Sündenbock dafür, dass Hertha in den letzten Monaten tatsächlich wenig ausgelassen hat. An einer Nebenfront hat er sich noch dazu mit dem Social-Media-Mann Paul Keuter so stark assoziiert, dass ihm offensichtlich der Blick für die Lächerlichkeit von dessen Imagekampagnen abhandengekommen ist. An diesem Freitagabend gibt es nun zumindest die Gelegenheit, eine nächste Peinlichkeit zu vermeiden. Eine Derbypleite gegen Union sollte Hertha besser auslassen.

06:00 22.05.2020

Ausgabe 22/2020

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