Das Leben als Leerstelle

Schreiben Seine Arbeit ist preisgekrönt, er gehört zu den erfolgreichsten deutschen Autoren. Und das völlig zu Recht. Über Friedrich Ani
Eva Erdmann | Ausgabe 46/2015

Als ich Friedrich Ani im Stadtcafé neben der Synagoge treffe, habe ich Der namenlose Tag noch nicht gelesen. Erst zu Hause wird mir klar, dass das vermutlich ein „faux pas“ gewesen ist. Schließlich steht Anis aktueller Krimalroman auf dem ersten Platz der ZEIT-Krimi-Bestsellerliste, was liegt also näher, als vor allem darüber zu sprechen. Aber selbst jetzt nach dem Lesen fällt mir nicht eine Frage ein, die ich zu diesem Buch hätte stellen können. Der namenlose Tag ist glasklar, in dieser typischen Friedrich-Ani-Manier erzählt, nah an den Figuren.

Seit jeher gehören die Krimis von Ani zu München wie der Christkindlmarkt und der Tanz der Marktweiber. Der dienstälteste Kommissar Tabor Süden kam bisher kaum über die Stadtviertel hinaus. Ebenso Polinius Fischer. Nun ermittelt wieder ein Außenseiter im schnellen, cleveren Hightech-Alltags-Krimi. Weicht Süden von den Regeln allein dadurch ab, dass er nach vermissten Personen sucht, also nicht für Leichen zuständig ist, so ist Fischer als ehemaliger Mönch ohnehin nicht von dieser Welt. Jakob Franck nun ist eine gewollt gestrige Figur, ein „Rentner, aber mit Manieren“. Wichtiger als die äußere Erscheinung – er kleckert manchmal beim Essen – ist die lange Berufserfahrung aus dem Morddezernat. Noch als Pensionär wird er wieder zur „Geduldsbestie eines Beschatters“, wenn es darauf ankommt, eine böse Tat zu durchschauen.

Der namenlose Tag beginnt in Aubing und im Westend. Franck wird gebeten, einen abgeschlossenen Fall aufzugreifen. Die siebzehnjährige Esther wurde an einem Strick hängend im Park aufgefunden, ein Jahr später folgte ihr die Mutter in den Tod. Seinerzeit reichte es aus, „Verzweiflung“ in die Akten zu schreiben, um zur Tagesordnung überzugehen. Jahrzehnte später jedoch leben noch immer Menschen, die dazu widersprüchliche, aufschlussreiche Dinge zu sagen haben, wenn man (d.i. Franck) im richtigen Moment und mit den richtigen Mitteln (d.i. Bier oder Wodka) nachfragt. Auch die Toten leben weiter, sitzen ungebeten am Kaffeetisch; die Erinnerung ermittelt mit. Eine Woche bekommt Franck Zeit und Rückendeckung und bald wird das Blickfeld enger, München verschwindet am Horizont. Typisch lokales Kolorit wird ignoriert, der Roman interessiert sich nicht für die Hauptstadt der Stenze und der aparten Frauen. Es sind die immer gleichen Arbeits- oder Kinderzimmer geputzter Eigenheime, in denen sich die Wahrheitssuche wiederholt, die Stüberl, die hie wie da stehen könnten, und in denen immer jemand sitzt, der etwas weiß.

Epische Dialoge und Verzicht

In der Woche nach Allerheiligen, dem Tag als der zerstörte Vater den ehemaligen Ermittler aufsucht, werden die Betroffenen noch einmal angehört. Der Leser begegnet ihnen das erste Mal. Scheinbar sind alle gleich, meint man, zum Beispiel teilen sie das Schicksal eines überflüssigen Buchstabens (Franck mit ck, Winther mit th und Waldt mit dt). Wann immer sie sich persönlich vorstellen, sie müssen nacherklären. Und scheinbar gehören manche irgendwie zusammen, einer das „Alter Ego“ des anderen. Spiegelbildlich sitzen sich Franck und Winther am Tisch gegenüber, dieselben Gläser vor sich, denselben Durst, beide von ihren Frauen verlassen, suchtgefällig, ob für den Alkohol oder das virtuelle Spiel, Franck spielt Online-Poker. Dann aber machen sich die Unähnlichkeiten bemerkbar ... Man beginnt zu ahnen, Ludwig Winther will nicht seine Unschuld neu beweisen – da will jemand schuldig sein.

Wie alle Ani-Krimis ist auch der neueste nicht spannend im üblichen Sinne einer „Krimi-Action“. Er ist beachtlich langatmig, humorlos, beklemmend. Nicht eine kleinste Spurenfährte wird ausgelegt, alles wird ausgesprochen: wann der Feiertag der Toten ist, dass man mancherorts die Wege zu Fuß geht und andernorts ein Taxi braucht.

Im Café erklärte Friedrich Ani, er sei ein genuiner Autor. Man versteht, was gemeint ist: kein Regionalkrimi-Buchautor, kein Drehbuchfilm-Romanautor, kein freier Autor, kein Epigonat. Ja, dass Der namenlose Tag poetisch komponiert ist, wird deutlich im Verzicht: auf Dialekt, auf Sprachregister, auf lustige Einfälle, auf Ticks à la Monk, auf überraschende Wendungen. Alle sprechen eine gleiche ebenmäßige Sprache, ohne etwas von dem zu sagen, was Franck interessiert. Das einzige, zweimalige Schmunzeln wischt sich der Vater mit der Serviette sofort aus dem Mund. Er steht sowieso schon unter Verdacht.

Zur Person

Friedich Ani wurde 1959 als Sohn eines Syrers und einer Schlesierin in Kochel am See geboren. Nach dem Zivildienst in einem Heim für schwer erziehbare Jungen arbeitete er als Polizeireporter und Drehbuchautor. Er erhielt u.a. sechs Mal den Deutschen Krimi Preis, Anis Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. 2012 gewann er den Bayrischen Filmpreis für das „Das unsichtbare Mädchen“.

„Wer schreibt, handelt“, sagt mir Friedrich Ani. Auch das versteht man gleich. Franck kann noch so viele direkte Fragen in den „mundtoten Wohnungen“ stellen, wie er es über lange Dialoge tut. Es ist ein Tagebuch, das, längst in einer Schublade entdeckt, ihn schließlich voranbringt. Auch dort: keinerlei Rätsel für denjenigen, der es zu lesen versteht.

Diese Kunst, das bange Leben abzubilden, ist wichtig für die Anmutung der sicher versiegelten Gehäuse, in die der Leser sich wagen muss, ohne vorab zu wissen, was darin stattfinden wird: nackte Gewalt? Achtsamkeit? Liebe? Er muss sich darauf einlassen – und wird dafür belohnt. Denn mit hermetischen Regionen und ihren Menschen gibt der Autor sich nicht zufrieden. Die unmerkliche Verschiebung der Romane Anis kündigte sich an in M, dem jüngsten Tabor-Süden-Fall, der die heutige rechtsradikale Szene ausleuchtet. Mit der Initiale schlug M einen mehrfachen Bogen, in die Zeit der ersten Tonfilme, zu Fritz Lang, in den Norden, oder eben in das alte, neue Zentrum der Nation, je nach Perspektive. Diese Mehrdeutigkeit hat Methode, wie man in Der namenlose Tag erkennt. Die „große Freiheit“, die das Mädchen Esther in Berlin suchte, ist dieselbe, auf welche die Münchner unweit hinter dem Siegestor stolz sind. In Wahrheit aber ist sie eine cineastische Hommage an Hamburg und an die See.

Mögen die Tatorte noch so dicht in ein verschwiegenes Lügengespinst verpuppt worden sein, Ani gelingen immer neue Verbindungen. Das ganz konkret: jedem Protagonisten sein eigenes Spielfeld, schon über die Verlage (Drömer Knaur, Zsolnay, Suhrkamp). Sowie abstrakt: So überschaubar die erzählten Innenkammern sein mögen, so deutlich geht es um das Panorama unserer Zeit – und die Macht der Sprachlosigkeit.

Kleine Feldforschungen

Die grobe Untiefe der Figuren – die Männer sind auf Fortbildung, die Frauen backen Kuchen – hat hier Methode. Sie dient den Miniaturstudien, die zum Roman gehören, um jene kleinen Feldforschungen über das Winken, über Gastlichkeit und die Umarmung. Wie viele Stunden sollte ein Beamter, im Dienst, eine unbekannte Frau dicht an sich halten und wie viele Sekunden sollte man die Hand der Geschiedenen halten? Ist das Winken nicht ein verlängerter Blick, ein Zwinkern mit dem Arm? Muss man sich wirklich jedem Gast mimetisch anverwandeln? Darin ist Ani nicht nur meisterhaft episch breit, sondern einfach nur genau: in der Beschreibung des Möglichen, das Menschen verbindet, wenn die Sprache versagt. Offen bleibt, ob dieses ihre letzten oder die ersten Mittel sind.

Die Anthropologie der Geste bestimmt den schwer zugänglichen Grundton der Figuren. Sie benötigen keine empathischen Großmomente, weder um über die Liebe noch über den Glauben zu sprechen, und auch die Hoffnung ist ihnen nicht Strohhalm in drängender Not. Mit diesen dreien leben sie, lassen sich von den Toten nicht bedrängen, noch ihre Kindergebete in Vergessenheit geraten.

Die abgründig undenkbaren Seelenwinkel gemeiner Menschen sind es nicht, die dieser Krimi als „Thrill“ bemüht. Es ist die leise Neugier, zu erfahren, was aus dem Jungen wird, der auf den ersten Seiten hinter dem Sofa sitzt, und sich nicht hervortraut, bevor man ihn im Weiteren erst mal aus den Augen verliert. Es ist die Empathie des Lesers mit diesem einen kleinen versteckten Menschen, auf die er sich verlässt; dieser seidene Faden hält.

Die Krimi-Geschichten von Friedrich Ani bilden eine hausväterliche und altmütterliche, vergangene, gar tote Welt ab. Anis Romane zeigen, was diese Welt mit uns heute an vielen verschiedenen Orten noch immer zu tun hat, mit dem NSU, Fremdenhass oder traurigen Männern. Es sind keine Anklagen. Ani begnügt sich und reduziert auf die Diagnosen der Details. Schließlich liegt dort die Spannung: zu entdecken, wo der Unterschied vom alten zum neuen (Krimi-)Alltag liegen könnte.

Info

Der namenlose Tag Friedrich Ani Suhrkamp 2015, 310 S., 19,95 €

Eva Erdmann ist Romanistin und lebt in München. Zu ihrem Porträt über Friedrich Ani schrieb sie uns, eine Beschreibung, „wie-der-so-is“, würde ihr nicht gelingen

* Bilder der Beilage

Wenn es Nacht wird. Verbrechen in New York zeigt Fotografien von realen Verbrechen im New York der Nullerjahre des vergangenen Jahrtausends. Um 1900 revolutionierte die noch junge Fotografie die Aufklärung von Kriminalfällen. Die Tatortfotografie hatte zu dokumentieren, was vorgefallen war. Die Angehörigen der Opfer, Täter und die beteiligten Ermittler sind verstorben, die Akten vernichtet. Zu einigen der etwa 200 Schwarz-Weiß-Fotografien und original Zeitungsartikel finden sich noch Notizen.

Herausgeber sind der Kölner Filmproduzent und Kameramann Wilfried Kaute und Joe Bausch, der Rechtsmediziner aus dem Kölner Tatort. Die Autoren recherchierten die Kriminalfälle in den Archiven, schrieben die Geschichten dazu und ergänzten so die eigentümliche Dramatik der Bilder. Der Band ist bei Emons erschienen und kostet 39,95 Euro.

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06:00 14.11.2015

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