Das Leben hat sich verändert

10. Filmfestival in Sarajevo In den neuen Filmen aus Südosteuropa zeichnet sich eine Abkehr von der Sprache der Gewalt ab

Als das Sarajevo Film Festival 1994 mit Unterstützung ausländischer Produzenten, Regisseure und Filmverleiher aus der Taufe gehoben wurde, befand sich Ex-Jugoslawien im dritten Kriegsjahr, und die bosnisch-herzegowinische Hauptstadt wurde bereits von serbischen Truppen belagert. Mit dem Kulturereignis, zu dem Gäste wie die Schauspielerin Jane Birkin und der Regisseur Léos Carax in die unter Granatenbeschuss liegende Stadt reisten, wurde nicht nur der Anschluss Sarajevos an das internationale Kulturleben sichergestellt. Als Akt des Widerstandes gegen die ethnischen Säuberer stand das Filmfestival von Anfang an in der Tradition des "Geistes von Sarajevo", jenem multiethnischen Gepräge, das der südosteuropäischen Metropole sein zivilisatorisches Gesicht gibt. Heute gehören die damals geknüpften Kontakte - etwa zu französischen Koproduzenten oder zum Filmfestival Rotterdam - zu den Grundpfeilern der quantitativ bescheidenen bosnischen Filmindustrie, die inzwischen erstaunlich viele internationale Festivalerfolge produzierte.

So boomt im wirtschaftlich angeschlagenen Bosnien-Herzegowina immerhin das Filmfestival, wie nicht zuletzt an der Anzahl und Prominenz der internationalen Gäste - den diesjährigen Juryvorsitz führte der englische Regisseur Mike Leigh, zur Preisverleihung kam Gérard Depardieu - zu erkennen war. Seit Kriegsende haben sich auch zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern wieder filmwirtschaftliche Kontakte entwickelt, schließlich stehen die dortigen Länder vor vergleichbaren wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und historischen Fragestellungen. Sinisa Dragin, Regisseur des rumänischen Pharaoh, der seinen Film als "Fresko über das moderne Rumänien" bezeichnete, sprach denn auch von der "Unmöglichkeit, solch einen Film zu machen, ohne die Vergangenheit zu berühren." Dragins Diskurs kreist um den Zustand der politischen Kultur in seinem Land, zeigt, wie die ältere Generation an ihrer verinnerlichten Unfähigkeit scheitert, die Fragen der jüngeren nach der stalinistischen Vergangenheit zu beantworten.

Immer wieder dringt die Vergangenheit an die Oberfläche, etwa in dem albanischen Dear Enemy, der die kurzfristige Abfolge italienischer und deutscher Besetzung und den anschließenden Sieg der kommunistischen Partisanen als Groteske beschreibt, in deren Verlauf sich ein von den Italienern verfolgter Partisan, ein vor der Wehrmacht geflohener italienischer Deserteur und ein Jude im Kellerversteck des Geschäftsmannes und Gelegenheitsschmugglers Harun zusammenfinden. Am Ende, noch während die Dorfbewohner Befreiung feiern, wird Harun, in dessen Obhut die ungleiche Gruppe den Krieg überlebte, von den Kommunisten als Kollaborateur verhaftet. Die Geschichte, die sich so auch in anderen Ländern des Balkans hätte abspielen können, beruht auf realen Erlebnissen des Großvaters des Regisseurs Gjergj Xhuvani. Ljubisa Samardzic, im früheren Jugoslawien populärer Partisanendarsteller und noch heute bejubelt, wenn er an die Öffentlichkeit tritt, hat sich mit seiner vierten Regiearbeit ebenfalls der Vergangenheit angenommen. Sein Goose Feather über eine Gruppe junger Leute, die sich nach Ende des Ersten Weltkriegs im gesellschaftlichen Chaos in der nordserbischen Vojvodina zurechtfinden müssen, kann durchaus als Allegorie auf die problematischen Nachkriegsverhältnisse im gegenwärtigen Serbien und Montenegro verstanden werden.

Im selben Land, aber ein Dreivierteljahrhundert später, spielt Aleksandar Davics The Party. Am Vorabend des Kriegsausbruchs Anfang der neunziger Jahre trifft sich eine Gruppe junger Leute in einem Ferienhaus an der serbisch-kroatischen Grenze. Während in Belgrad die ersten Einberufungsbefehle vollstreckt werden, knallt man sich auf der Datsche vorsätzlich mit Alkohol und verschiedenen Drogen zu. Am Ende findet sich die Spaßgesellschaft im Auge des Taifuns wieder - draußen donnern die Kanonen, drinnen dröhnt der Kopf. Ein Abgesang auf die viel beschworene Rock´n´Roll-Ära im ehemaligen Jugoslawien, als die Jugend die Vorboten der sich bereits abzeichnenden politischen Krise wegzutanzen versuchte.

Um die zwischenmenschlichen Abgründe zu bebildern, die sich zwischen seinen Protagonisten auftun, greift der serbische Regisseur mitunter zu derben Stilmitteln. Womit er nicht alleine steht: gerne wird im südosteuropäischen Film zu Gewalt- und Kotzszenen gegriffen, wenn andere dramaturgische Mittel nicht ausreichen, um die Verzweiflung der Leinwandhelden auszudrücken.

Zwei Produktionen im Wettbewerb des Sarajevoer Filmfestivals jedoch trugen mit ideenreichem Erzählrhythmus fernab jeglicher konstruierter Gewaltästhetik den Keim einer sich langsam formulierenden Veränderung in der balkanischen Filmsprache in sich. Beide stammen von jungen Regisseurinnen, beide lassen vor allem eines erkennen: den Spaß der Filmemacherinnen am Filmemachen. Für den bulgarischen Mila from Mars, in dem eine 16-jährige Ausreißerin in einem abgelegenen Grenzort strandet, dessen ausnahmslos alte Bewohner vom Marihuana-Anbau leben, ließ sich die Jury sogar einen Extra-Preis für die charmante Ensemble-Leistung der Laiendarsteller einfallen, die als Dorfbewohner auftreten. Zornitsa Sophias No Budget-Film - er wurde mit einem Etat von 40.000 Euro realisiert - bekam auch den mit 25.000 Euro dotierten Hauptpreis des Festivals zugeteilt.

Mit den nationalistischen Absonderlichkeiten in ihrer Region befaßt sich Teona Strugar-Mitevska in How I killed a saint. Ihr Film beschreibt den inneren Teufelskreis des jungen christlich-orthodoxen Mazedoniers Kokan, der, von halbgaren Kriegsgewinnlern motiviert, zum Terroristen wird. Mitevska versucht sich weder an psychologischen noch politischen Erklärungen. How I killed a Saint schildert den Irrweg ihres Protagonisten als Charakterstudie, gespiegelt an der Fassungslosigkeit, mit der Kokans vor kurzem aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrte Schwester Viola ihre alte Heimat wie unter einer Käseglocke wahrnimmt und vergeblich versucht, das Geheimnis hinter Kokans Veränderung herauszufinden. Doch da ist kein Geheimnis, sondern vor allem undefinierter Frust - punktgenauer kann man die Nicht-Motivation moderner Polit-Hasardeure kaum beschreiben.

Auf dem zweiten Platz der Publikumspreisträger in Sarajevo fand sich - knapp hinter Michael Moores allgegenwärtigem Fahrenheit 9/11 - ein Film, der die Traumata, die der Krieg in Bosnien hinterlassen hat, mit faszinierender Behutsamkeit angeht. Days and Hours beschreibt den Besuch eines jungen Mannes bei seiner Onkel und seiner Tante in einem Außenbezirk von Sarajevo, dort, wo die Stadt bereits ins Ländliche übergeht. Idriz und Sabiras Leben hat sich verändert, seitdem ihr Sohn im Krieg gefallen ist. Der Besuch des Neffen wird da zur willkommenen Abwechslung. Regisseur Pjer Zalica ist vor einem Jahr mit "Gori Vatra", einer schwarzhumorigen Farce über serbisch-bosniakische Versöhnungsversuche in der Provinz, hervorgetreten. Sein zweiter Langspielfilm geht leiser vor, beschreibt mit psychologischem Feingefühl, detailgenauer Beobachtung und liebevoller Personenzeichnung den Alltag der vom Leben gezeichneten Eheleute, die in einem fort Grantigkeiten, Sticheleien und Fürsorglichkeiten austauschen. Hier könnte sich eine Filmsprache entwickeln, die der mentalen Gemengelage im Balkan-Raum eher entspricht als kurzgedachte, auf vorgefertigte Klischees zielende Gewaltmetaphern.


00:00 03.09.2004

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