Das Leben hinter Glas

Im Kino Der spanische Regisseur Daniel Sánchez Arévalo begibt sich in seinem Kinofilm-Debut "Dunkelblaufastschwarz" auf die Suche nach dem roten Faden im Leben junger Erwachsener

Der Mittzwanziger Jorge ist nicht zu beneiden: Mit seiner Freundin läuft es nicht so gut, sein älterer Bruder sitzt im Knast und in der wenigen freien Zeit, die ihm seine Hauswartstätigkeit lässt, muss er den geistig behinderten Vater pflegen, der nach einem Hirnschlag im Rollstuhl sitzt. Außerdem gerät sein bester Freund in eine sexuelle Identitätskrise, nachdem er seinen Vater mit dem Teleobjektiv vom Dach des Nachbarhauses aus dabei beobachtet, wie der sich regelmäßig von einem schwulen Masseur verwöhnen lässt. Und damit noch nicht genug: Trotz eines hart erkämpften Wirtschaftdiploms in der Tasche, gelingt es Jorge einfach nicht, einen besseren Job zu bekommen.

Trotz all der widrigen Umstände macht er jedoch keinen wirklich deprimierten Eindruck. Quim Gutiérrez spielt Jorge sehr überzeugend als einen zwar eher introvertierten, aber ehrlichen und sympathischen Typen, der hartnäckig einen Weg sucht, seinem Leben eine neue Wendung zu geben. Sein aufopferungsvolles Engagement wird in der harten Businesswelt nämlich nicht honoriert. Für seine Berufserfahrung als Hauswart und Pfleger erntet er in den eleganten Büros beim Vorstellungsgespräch stets nur ein mildes Lächeln. Seit er vor sieben Jahren, aus einer Mischung von Schuldgefühl und Pflichtbewusstsein heraus, die Pflege seines Vaters übernommen und gleichzeitig dessen Hauswartsjob geerbt hat, träumt er nun schon davon, aus diesem vorbestimmten Käfig von Verpflichtungen auszubrechen. Immer mehr überkommt ihn das Gefühl, dass hauptsächlich andere Menschen über sein Leben bestimmen und er dabei gleichzeitig die Verantwortung für alle mit zu tragen hat. Im Grunde genommen ist sein Problem jedoch, dass er, wie viele junge Erwachsene seiner Generation, wohl selber nicht so recht weiß, was er mit seinem Leben eigentlich anfangen will.

Die Schmerzgrenze seines Pflichtgefühls wird erreicht, als ihn sein Bruder Antonio, ein Tunichtgut vor dem Herrn, um einen ungewöhnlichen Gefallen bittet: Antonio hat sich beim Gefängnis-Theaterworkshop Hals über Kopf in die schöne Paula verliebt. Um sie an sich zu binden, will er ihr sogar den Wunsch erfüllen, ein Kind zu bekommen, damit sie in den begehrten Mutter-Kind-Trakt umgesiedelt werden kann und so nicht länger den Attacken ihrer Mitinsassinnen ausgesetzt ist. Da Antonio jedoch zeugungsunfähig ist, soll Jorge nun Paula schwängern. Dieser heikle Deal zieht erwartungsgemäß einige Komplikationen nach sich und wirbelt besonders Jorges Leben gehörig durcheinander.

Obwohl das alles auf den ersten Blick verdächtig nach einem klassischen Almodóvar-Szenario klingt, zeichnet sich der Film nicht hauptsächlich durch die überspitzte Gegenüberstellung von Plot-Skurrilitäten und Melodramatik aus, sondern vielmehr durch den gleitenden Übergang zwischen tragischen und komischen Elementen. Dunkelblaufastschwarz kommt dabei längst nicht so schwermütig daher, wie der Titel vermuten lässt. Ganz im Gegenteil, der Ton der Erzählung ist heiter. Dem 1970 geborenen Regisseur gelingt es unterhaltsam zu erzählen, ohne seine Figuren der Lächerlichkeit preis zu geben. Das Coming-out von Vater und Sohn, die sich bald gegenseitig die Termine beim adretten Erotik-Masseur wegschnappen, ist gleichzeitig komisch und anrührend: aus Slapstick wird so etwas wie die Utopie eines neuen Vater-Sohn-Verhältnisses.

Die titelgebende Farbkombination beschreibt übrigens nicht die Stimmung des Films, sondern einen von Jorge heiß begehrten, ultra-schicken Anzug, der in einem Schaufenster ausgestellt ist und für ihn den Schlüssel zum sozialen Aufstieg bedeutet. Dieser scheint zum Greifen nah und ist hinter der Glasscheibe doch unerreichbar, während er je nach Lichteinfall mal dunkelblau, mal eher schwarz schimmert. Der Anzug in der Vitrine steht so auch für Jorges Gefühl der Ohnmacht, für seine Unfähigkeit aus seinem Zwangsgeflecht von Verpflichtungen auszubrechen und die eigenen Träume zu verwirklichen. Erst nach und nach wird Jorge entdecken, dass der Weg zum Glücklichsein nicht notwendigerweise über das Erreichen des Erträumten führt und dass es sich nicht unbedingt lohnt, immer weiter gegen die Glasscheibe anzurennen.

Dunkelblaufastschwarz, der auch durch sein frisches und lebendiges Schauspielerensemble besticht, wurde beim diesjährigen Spanischen Filmpreis mit insgesamt drei Goyas ausgezeichnet.


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00:00 22.06.2007

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