Das letzte Aufgebot

Kanzlerkandidat Die SPD setzt auf Risiko – in den eigenen Reihen ist Olaf Scholz nicht beliebt. Dieses Kalkül kann trotzdem aufgehen
Das letzte Aufgebot
Für eine schöne Kakophonie in der SPD ist bis zur Wahl noch Zeit genug

Foto: Snapshot/Imago Images

Nun also tatsächlich Olaf Scholz, das letzte Aufgebot der alten SPD. Und natürlich hat die Partei nicht plötzlich die Leidenschaft für den spröden Hanseaten gepackt, der bei den Parteitagswahlen stets bescheidene Ergebnisse erzielte. Nein, es war die schlichte Einsicht in die Notwendigkeit, die zur Nominierung des Finanzministers geführt hat. Weil, auch das gilt es festzuhalten, sich alle anderen potenziellen Kandidaten längst in die Büsche geschlagen hatten. Olaf Scholz ist last man standing. „Sein schwerster Gang“, titelt denn auch sarkastisch der Tagesspiegel.

Allerdings gibt es zumindest einige Punkte, die aufhorchen lassen. Zunächst einmal hätten viele der SPD-Führung eine derart konzertierte Aktion gar nicht mehr zugetraut, nach dem Hauen und Stechen der letzten Jahre. Die Reihen dicht geschlossen, lautet jetzt das Motto. Getreu der Devise: Du hast keine Chance, also nutze sie. Immerhin ist die SPD nun als erste Partei startklar für den Wahlkampf. Damit liegt der Ball erst einmal in den Reihen der anderen. Union und Grüne wurden an ihrem schwächsten Punkt erwischt, der ungeklärten eigenen Spitzenkandidatur.

Primär auf die Schwäche des Gegners zu setzen, ist aber noch kein Ausdruck eigener Stärke. Diese gilt es jetzt zu entwickeln. Aber wehe, dem ungeliebten Scholz gelingt das nicht. Dann dürfte die unverwüstlich uneinsichtige Hilde Mattheis beileibe nicht die Einzige bleiben, die ihren Unmut über den Kandidaten zum Ausdruck bringt. Längst laufen sich einige ihrer Genossen in der NOlaf-Kampagne warm. Schon die nächsten Wochen dürften darüber entscheiden, ob sich dieser Coup gelohnt hat – und ob die starken persönlichen Umfragewerte von Scholz endlich auf die Partei ausstrahlen. Bisher kann davon keine Rede sein. Nur dann aber wird sich Scholz in der eigenen Partei behaupten und auch seine zahlreichen Gegner an Bord holen können.

Sollte dagegen weiterhin nur die Union vom Corona-Krisenmanagement der Bundesregierung profitieren, dürfte sich die neue Geschlossenheit der SPD schnell als Simulation erweisen. Denn 14 Monate bis zur Wahl sind eine lange Zeit – und für eine schöne Kakophonie in der SPD allemal Zeit genug. Dann greift die große „Eierschleifmaschine“, wie Scholz-Vorvorgänger Peer Steinbrück den Wahlkampf genannt hatte, der noch jeden SPD-Kandidaten der letzten Jahre wund- und rundgeschliffen hat. „Wer bei mir Führung bestellt, der kriegt sie auch“, hat Scholz einst verkündet. Das aber setzt voraus, dass die Genossen sich tatsächlich führen lassen wollen. Dafür wird es entscheidend darauf ankommen, dass der Kandidat auch inhaltliche Führungskraft demonstriert. Nur so kann aus dem Überraschungsmoment eine überraschend konsistente Strategie werden.

Während andere Parteien sich noch um Personalfragen streiten, könne sich die SPD nun „auf das konzentrieren, was wichtig ist“, so Scholz zu Recht. Dann aber wird er genau jenes Wichtige jetzt definieren müssen. Auch wenn etwa Kevin Kühnert die neue programmatische Übereinstimmung von Scholz und SPD, die Jusos inbegriffen, hervorhebt: Die Bevölkerung hat von diesen Positionen bisher keinen blassen Schimmer. Was etwa ist Scholz‘ konkrete Position in der Klimapolitik, jenseits des auch von ihm verhandelten dürftigen Kohlekompromisses? Und was ist seine außenpolitische Strategie in einer geopolitisch hoch angespannten Weltlage? All das will man jetzt von einem Kandidaten Scholz wissen, der speziell außenpolitisch ein unbeschriebenes Blatt ist. Ein bloß ausgerufener „Wumms“-Kandidat macht noch keine Strategie. Das hat die Nicht-Kampagne von Martin Schulz vor drei Jahren bewiesen, als mangels Inhalten der anfängliche Hype wie ein Soufflé in sich zusammenfiel.

Immerhin, so Scholz’ „Glück“, wird man von einem Scholz-Hype bisher nicht sprechen können. Und dennoch gilt: Jetzt braucht es „Butter bei die Fische“. Partei, Programm, Person, so lautet die Trias jeder erfolgreichen Kampagne. Am Ende kommt es natürlich auch – und nicht zuletzt – auf die Ausstrahlung des Kandidaten an. „Sind Mikrofone und Kameras abgeschaltet, kann Scholz vor Ironie und Witz nur so sprühen“, hat FAZ-Redakteur Jasper von Altenbockum soeben zur Überraschung des Publikums festgestellt. Wenn man das doch nur einmal sehen könnte! Denn als dröger Techniker der Macht wird Scholz schwerlich Leidenschaft im Wahlkampf entfachen.

Angesprochen auf Max Webers klassische Voraussetzungen des erfolgreichen Politikers, hat er sich soeben das „Charisma des Realismus“ bescheinigt. Doch leider wird man Charisma bei Scholz wohl auch weiterhin vergeblich suchen. Realismus ist dagegen durchaus vorhanden, auch bei seinen neuen Zielsetzungen: Bislang hatte Scholz „30 Prozent + x“ versprochen. Jetzt ist immerhin nur noch von einem Ergebnis von „deutlich mehr als 20 Prozent“ die Rede. Der kluge Mann baut vor. Denn „deutlich mehr“ ist bekanntlich relativ. Und selbst wenn am Ende nur die dürren 20,5 Prozent von 2017 gehalten würden, wäre das zum gegenwärtigen Zeitpunkt schon ein Erfolg. Eine SPD unter 20 Prozent, und womöglich deklassiert von den Grünen, wäre dagegen ein Desaster. Aus dem last man standing der SPD würde dann dead man walking – und das definitive Ende der SPD als Volkspartei.

Albrecht von Lucke ist Politologe und Redakteur der Blätter für deutsche und internationale Politik

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06:00 13.08.2020

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