Das letzte Gefecht

Währungsreform 1948 Der Kampf um die deutsche Wirtschaftseinheit

Die Einführung der D-Mark im Juni 1948 wird in der Regel mit dem westdeutschen Wirtschaftswunder in Verbindung gebracht. Die Währungsreform gab aber auch das Signal für die deutsche Teilung. Selten wird daran erinnert, dass es - zumindest in Berlin - auch möglich gewesen wäre, den gemeinsamen Wirtschaftsraum zu erhalten.

Die am 18. Juni 1948 von den drei Westalliierten verkündete Währungsreform für die Trizone wird - zusammen mit der eine Woche später in Kraft getretenen weitgehenden Freigabe der Verbraucherpreise - gern als Auftakt des westdeutschen Wirtschaftswunders betrachtet. Die Rolle, die die wirtschaftliche Separierung der Westzonen für die Teilung Deutschlands spielte, findet in den Publikationen mancher bundesdeutschen Historiker dagegen kaum Beachtung. Sie sind eher geneigt, die Reaktion im Osten - die Verkündung einer eigenen Währungsreform am 23. Juni 1948 - als Akt der "wirtschaftlichen Abspaltung" zu werten und damit die Verantwortung für den ersten wesentlichen Schritt zur Spaltung Deutschlands dem Osten zuzuschreiben. Kaum berücksichtigt wird bei derartigen Schnellschüssen, dass für die Viersektorenstadt Berlin eine Sonderregelung vorgesehen war, um die Drei-Millionen-Stadt nicht nur aus der wirtschaftlichen Aufspaltung in ein westliches und östliches Wirtschaftsgebiet herauszuhalten, sondern auch einen Nukleus für die Wiederherstellung der deutschen Währungseinheit zu haben. Denn so festgezurrt wie es heute im Rückblick scheint, war die Aufteilung "Potsdam-Deutschlands" im Sommer 1948 noch nicht.

Drei Szenarien

Als die Militärgouverneure für die amerikanische, britische und französische Besatzungszone, Clay, Robertson und Koenig am Abend des 18. Juni im Rundfunk die "Neuordnung des deutschen Geldwesens" bekannt geben ließen und verkündeten, dass "das alte Geld vom 21. Juni an ungültig" werde, verloren sie kein Wort darüber, wie die Sowjetische Besatzungszone mit der von ihnen geschaffenen Tatsache fertig werden sollte. Allerdings schlossen sie auch aus, die Deutsche Mark (DM) in ihren Sektoren im unter Viermächtekontrolle stehenden Berlin einzuführen.

Damit blieb in Westberlin die Reichsmark gesetzliches Zahlungsmittel Mit der Bekanntgabe vom 18. Juni war aber auch die von Berliner Politikern aller Parteien bis dahin befürwortete, alle Gebiete Deutschlands umfassende Währungsreform vom Tisch. Am 19. Juni sah der ausflagenstarke Westberliner Telegraf für Berlin noch drei Lösungswege aus dem Währungsproblem:

"Günstiger Fall: Die Russen führen in ihrer Zone eine solche Währungsreform durch, die wirtschaftlich und finanztechnisch der westdeutschen so ähnlich ist, dass es im Grund doch nur eine Währung in Deutschland gibt."

Im zweiten Fall wurde angenommen, "die Russen tun nichts". Es bliebe bei der Reichsmark im Osten. Dann würde allerdings viel Geld vom Westen nach Berlin hereinfluten. "Denn immerhin mögen einige Milliarden Reichsmark, die das Licht der Umtauschämter und Finanzstellen scheuen, den Weg nach Osten suchen."

Der dritte Fall ging davon aus, dass die sowjetische Militärmacht eine eigene Währungsreform durchführen werde. "In diesem Falle wäre der groteske Zustand geschaffen, dass die alte Reichsmark ausschließlich in den Westsektoren Berlin gilt. Wenn also auf die Währungsreform der Westzonen die der Ostzone folgt, dann müsste automatisch der Anschluss Westberlins an die Westmark erfolgen."

Als die Ausgabe des Telegraf in Druck ging, wusste die Redaktion noch nicht, dass die sowjetische Seite bereits reagiert hatte. Diese war erst am Nachmittag des 18. Juni, in allerletzter Minute, von der unmittelbar bevorstehenden Währungsreform in den Westzonen unterrichtet worden. Als erste Reaktion wandte sich Marschall Sokolowski mit einem noch vom selben Tag datierten Aufruf "An die Bürger und Bürgerinnen Deutschlands". Darin wurde mitgeteilt, dass die D-Mark in Ostberlin und der SBZ nicht zugelassen werde und die Einfuhr alten Geldes (der Reichsmark) aus den Westzonen ab sofort verboten sei. Um die SBZ vor der zu erwartenden Flut entwerteter Reichsmark aus den Westzonen zu schützen, ordnete die SMAD Beschränkungen des Interzonenverkehrs an, die am 19. Januar 0.00 Uhr in Kraft traten. Eine formelle Antwort Sokolowskis erhielten die Westalliierten am 20. Juni.

Doch noch weigerte sich die Politik in Berlin, die Konsequenzen aus den Ankündigungen der Militärgouverneure zu akzeptieren und klammerte sich an immer unrealistischer werdende Hoffnungen. Am 21. Juni erschienen in der Westberliner Presse Spekulationen darüber, dass mit der zu erwartenden Währungsreform in der sowjetischen Besatzungszone der Geldbestand von 20 Milliarden D-Mark auf 2,8 Milliarden D-Mark zusammengeschnitten würde. "Damit wäre eine weitgehende Übereinstimmung mit der Währungsreform in den Westzonen erzielt."

Hoffnung auf Berlin-Lösung

Das für Berlin alles noch glimpflich abgehen könnte, entnahmen die Berliner einem am gleichen Tag veröffentlichten Schreiben von Marschall Sokolowski an General Clay, in dem es hieß: "Ich nehme mit Befriedigung davon Kenntnis, dass im amerikanischen Sektor von Berlin die separate Währungsreform nicht durchgeführt wird." Es sei schließlich jedem verständlich, dass die Einführung von zwei Währungen in Berlin die Wirtschaft Groß-Berlins untergraben würde.

Was damit gemeint war, wussten zumindest die Verantwortlichen für Wirtschaftspolitik im Magistrat genau: Eine andere Währung würde Berlin von seinem wirtschaftlichem Umland trennen. Im vergangenen Jahr (von Mitte 1947 bis Mitte 1948) hatte Berlin zu 70 bis 100 Prozent viele wichtige Rohstoffe und Fertigwaren wie Braunkohle und Rundholz, Strümpfe und Schuhe aus der sowjetischen Besatzungszone bezogen, von verderblichen Lebensmitteln ganz zu schweigen. Gleichzeitig war die sowjetische Besatzungszone das Hauptabsatzgebiet für die Erzeugnisse der sich gerade wieder aufrappelnden verarbeitenden Industrie Berlins.

Hoffnung schöpften die Berliner auch aus der Einwilligung Sokolowskis in den Vorschlag seiner westlichen Kollegen, kurzfristig die Finanzberater der Besatzungsmächte mit der Erörterung des Berliner Währungsproblems zu beauftragen. Das Finanzdirektorat des Kontrollrates sollte am 22. März in Berlin zusammentreten. Seit dem Auszug des sowjetischen Vertreters aus der Kontrollratssitzung am 20. März 1948 war das die erste Zusammenkunft eines Organs der Vier-Mächte-Verwaltung,

Der Währungskrieg beginnt

Am Vorabend dieser Tagung, am 21. Juni, appellierte der Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung, Otto Suhr (SPD), an die Alliierten. Nachdem er noch einmal betont hatte, eine umfassende Währungsreform für ganz Deutschland sei allen anderen Lösungen vorzuziehen, gab er zu bedenken, "dass Berlin seinen Aufgaben als Hauptstadt nur dann gerecht werden könne, wenn es eine eigene Währung bekäme". Damit spielte er auf Überlegungen für die Ausgabe einer "Bärenmark" (B-Mark) für die vier Sektoren an.

Der am 22. Juni von den Finanzexperten der drei Westmächte schließlich vorgebrachte Vorschlag für eine eigene Berliner Währung stieß auf entschiedene Ablehnung des sowjetischen Vertreters. Die sowjetische Seite bestand vielmehr darauf, die DM (Ost) in allen vier Sektoren einzuführen, was die Vertreter der Westmächte wiederum entschieden ablehnten.

Nach fünfeinhalb Stunden, um 22.30 Uhr, ging man auseinander, ohne ein Übereinkommen erzielt zu haben. Damit waren die letzten Hoffnungen auf eine zumindest Berlin-verträgliche Lösung der deutschen Währungsprobleme begraben.

Zwei Stunden später, am 23. Juni 0.30 Uhr, erließ Marschall Sokolowski den Befehl Nr. 111, der die Durchführung einer Währungsreform für den Osten Deutschlands zum Inhalt hatte. In einem an die amtierende Berliner Bürgermeisterin Louise Schröder gerichteten Schreiben befahl Marschall Sokolowski, die Währungsreform auf ganz Berlin auszudehnen.

Darauf reagierten die westlichen Besatzungsmächte für ihre Sektoren mit einem Gegenbefehl, der eine Reihe von Notmaßnahmen vorsah. Keine Bank in Westberlin durfte öffnen, sämtliche Geschäfte hatten zu schließen, Ausnahmen galten nur für Lebensmittelläden und Apotheken. Sämtliche Schuldzahlungen waren einzustellen. Ebenso wie die sowjetische Seite im Befehl 111 drohten die Westmächte an, Zuwiderhandlungen strafrechtlich zu verfolgen.

Am 24. Juni gaben die Westalliierten die "Verordnung zur Neuordnung des Geldwesens" heraus. In dieser "Währungsverordnung" (WVO) wiesen die drei westlichen Stadtkommandanten die Stadt an, die "Noten und Münzen, die von der Bank deutscher Länder ausgegeben werden", auch in ihren Sektoren als gesetzliches Zahlungsmittel einzuführen. Zwar erhielt das mit amerikanischen Militärmaschinen zuvor aus Frankfurt am Main nach Berlin-Tempelhof eingeflogene Geld den Aufdruck "B". Dieser verwies jedoch nicht auf eine separate Berliner Währung, sondern sollte lediglich ermöglichen, das Berliner Westgeld gegebenenfalls vom westdeutschen zu unterscheiden.

Mit dem 24. Juni begann der Geldumtausch in Ostberlin, einen Tag später wurde in Westberlin umgetauscht. Die für Berlin ungünstigste der im Telegraf genannten drei Varianten hatte sich durchgesetzt. In der Westberliner Presse sprach man vom "Währungschaos", gar vom "Währungskrieg".

Letzte Chance: Die Doppelwährung

Auch wenn die Westalliierten gegenüber der sowjetischen Seite zu keinen weiteren Kompromissen bereit waren - Zeichen für den Willen der westlichen Alliierten, eine endgültige Währungsspaltung in Berlin - ungeachtet der Zulassung der D-Mark (West) - zu verhindern, gab es dennoch. Als in Westberlin alle Geschäfte nach zweitätiger Schließung am 26. Juni wieder öffneten, hatten deren Inhaber gemäß WVO Anweisung, auch "Kuponmark", das heißt die mit einem Kupon versehenen Reichsmarkbanknoten, die in Ostberlin als provisorische D-Mark (Ost) dienten und erst am 24. Juli durch neue Banknoten ersetzt werden konnten, anzunehmen. Generell war es erlaubt, Geschäfte in den Westsektoren in Westmark oder Ostmark zu vereinbaren. Für bestimmte Güter und Leistungen - von bewirtschafteten Lebensmitteln und Medikamenten bis hin zu BVG-Fahrkarten wurden die Zahlungsempfänger zur Annahme von D-Mark (Ost) im Verhältnis 1 : 1 verpflichtet.

Hinter dieser Maßnahme der Westalliierten stand unzweifelhaft das Bestreben, den Gegebenheiten einer bisher noch weitgehend ungeteilten Stadt und ihren wirtschaftlichen Verflechtungen mit dem Umland Rechnung zu tragen. Konnten so doch auch diejenigen Westberliner, die in Ostberlin arbeiteten - ihre Zahl wurde auf 200.000 geschätzt - ihren Lebensunterhalt in Westberlin mit dem im Ostsektor empfangenen Lohn bestreiten. Ohne eine solche Regelung wären viele "Ostgänger" bereits nach kurzer Zeit zahlungsunfähig geworden. Denn in den rasch entstehenden Wechselstuben mussten bereits im Juli zwei D-Mark Ost für eine D-Mark West gezahlt werden, im Oktober 1948 waren es bereits vier D-Mark (Ost). Am 31. März 1949 verlor die Ostmark in Westberlin ihre Zulassung als gesetzliches Zahlungsmittel.

Wenn die Westalliierten mit einigen Bestimmungen der Währungsverordnung vom 24. Juni 1948 beabsichtigt haben sollten, eine Hintertür für eine einheitliche Währung - wenn auch nicht mehr für die vier Besatzungszonen, so doch innerhalb Groß-Berlins - aufrecht zu erhalten (dazu wurde im Spätsommer noch einmal in Moskau verhandelt), so war diese Chance von allen vier Besatzungsmächten bis März 1949 vertan worden. Das letzte Gefecht im Kampf um die Bewahrung der deutschen Wirtschaftseinheit hatte mit einer Niederlage für Berlin geendet. Westberlin wurde für 40 Jahre eine weitgehend vom Westen subventionierte "Insel", zur "Frontstadt" und zum "Pfahl im Fleische" der DDR.

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