Das letzte Worumwillen

Platon ist schuld Theologie entwertet den Eigensinn menschlichen Handelns - sie ist nicht die Bekämpfung, sondern die Quelle des Nihilismus. Eine Säkularschrift zur Weihnachtszeit

Der verstorbene Theologe und Herausgeber des Freitag, Wolfgang Ullmann, hat einmal die starke These vertreten, dass allein die Theologie dazu in der Lage sei , "den Nihilismus" kritisch zu überwinden. Wir haben darüber Diskussionen geführt, denn meine grundlegende Intuition in dieser Frage geht in die entgegengesetzte Richtung: dass die christliche Theologie den Nihilismus hervorgebracht hat und immer wieder zum Nihilismus führen wird. Wer nicht in den "Strudel des Nihilismus" geraten will, sollte daher daran arbeiten, sich aus dem Einflussbereich dieser Theologie herauszuarbeiten.

Um dies zu erhärten, werde ich einen Begriff des "Nihilismus" verwenden, der sich nicht auf ein geistesgeschichtliches und intellektuelles Phänomen des 19. Jahrhunderts (vor allem in Russland) reduzieren lässt; ich werde einen Exkurs zur antiken Philosophie machen, um den inneren Zusammenhang zwischen Theologie und Nihilismus aufzudecken. Und ich werde nähere Angaben darüber machen, was es heute bedeuten kann, sich in einer emanzipatorischen und nicht etwa regressiven Weise aus dem Einflussbereich der christlichen Theologie herauszuarbeiten.

Die Nihilismusthese

Der Nihilismus als historische Bewegung war - im Unterschied zu eher ausgedachten philosophischen Konzepten im Hinblick auf den Atheismus, wie sie in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert aufgetreten sind - zunächst eine Erscheinung unter russischen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts. Turgenjew (Väter und Söhne, 1862) berichtet von jungen Anarchisten, die sich auf ihren Nihilismus berufen. Der deutsche "Anti-Philosoph" Friedrich Nietzsche hat diesen Impuls aufgegriffen und zugleich in eine bestimmte Richtung umgebogen: "Gott ist tot und alles ist erlaubt!" - das heißt "Wenn Gott tot ist, ist alles erlaubt", sowie "Wenn alles erlaubt ist, hat nichts einen Sinn!" Im 20. Jahrhundert haben dann "Philosophen der Existenz" wie Jaspers, Heidegger und Sartre ein verallgemeinertes Konzept des Nihilismus als Instrument der Zeitdiagnose eingesetzt - womit sie in der "Nacht des Jahrhunderts", in der jede emanzipatorische Alternative aus der Menschheitsgeschichte verschwunden schien und zudem eine Perspektive der Selbstvernichtung der Menschheit immer bedrohlichere Formen anzunehmen begann, durchaus überzeugungskräftige Effekte erzielen konnten.

Die ganz reale "Dialektik der Aufklärung" schien darin zu liegen, dass menschliche Wissenschaft, Technologie und Organisationsvermögen nicht zum "größten Glück der größten Zahl" (Franklin) und zum Heraustreten der Menschen aus "selbstverschuldeter Unmündigkeit" (Kant) geführt hatten, sondern zu einzigartigen Verbrechen und Gefährdungen - und das gab der existenzialistischen Zeitdiagnose zusätzliches Gewicht.

Wer sich nicht die Kraft zu einem heroischen Humanismus zutraute, der selbst im völlig Absurden am selbst gesetzten Sinn als einziger Lebensgrundlage festhielt (Sartre), musste daher versucht sein, die Frage neu aufzurollen, ob die Tatsachenbehauptung vom Tode Gottes wirklich alternativlos Geltung beanspruchen kann oder ob Gott doch irgendwie wieder "auferstehen" kann. Oder ob zumindest ein Künftiges (Heidegger), ein zu erwartender "Mythos" (Bröcker) den Menschen die Aufgabe abnehmen könne, eine Grundlage für tragfähigen Sinn zu finden.

Ein Fehlschluss

Doch ist das alles notwendig? Es muss zunächst festgehalten werden, dass der Diagnose des Nihilismus ein alter philosophischer Fehlschluss zugrunde liegt, der bis auf Platon zurückgeht: Es ist der durch gar nichts begründete Übergang von der richtigen Aussage, dass jedem Handeln ein "letztes Worumwillen" zugrunde liegt, ein Oberzweck, ohne den es als Handeln gar nicht zustande käme, zu dem Postulat, es müsse ein "höchstes Gut" geben, das jedem menschlichen Handeln einen Sinn gibt. Der Denkfehler in Platons höchst einflussreicher Theorie vom "höchsten Gut", die dann über die Behauptung seiner Göttlichkeit zur Grundlage einer ganzen Philosophentheologie geworden ist, liegt in der Unterstellung, alle anderen, nicht auf dieses "höchste Gut" gerichteten menschlichen Handlungen seien offensichtlich bloß instrumentell - und daher sinnlos, ohne eigenen Sinn. Wir könnten diese Auffassung auch umgekehrt positiv formulieren: "Alles bezieht seinen Sinn daraus, dass das höchste Gut existiert."

Das entspricht jedoch keineswegs der unverstellten menschlichen Alltagserfahrung: Dort bilden "Handlungen, deren Sinn in ihnen selber liegt", wie schon Aristoteles betont hat, vom guten Kochen über das Tanzen bis zur guten Rede, von der Liebe über die Dichtung bis zur Politik, unbestreitbar einen großen Teil der menschlichen Tätigkeiten. Das platonische Postulat, soweit es mehr als ein Denkfehler ist, verlangt also zunächst einmal die Entwertung solcher einfachen Handlungen - wie sie in der Spätantike etwa von Augustinus als Wertlosigkeit alles Säkularen gegenüber einem höheren, jenseitigen Sinn artikuliert worden ist und worauf in der Neuzeit bereits Rousseau und der junge Hegel mit innerweltlichen Konzepten von Entfremdung und Entzweiung reagiert haben.

Wer die Zeitdiagnose "Nihilismus" anstellt, geht von der bereits vollzogenen Zerstörung alles derartigen "Eigensinnes" von Handlungen aus, ohne überhaupt noch die Frage zu stellen, wie überhaupt eine derartige Verfehlung menschlicher Möglichkeiten zustande kommen kann. Damit wären wir aber nicht mehr bei der Frage nach Gott, sondern bei der nach der Analyse historischer Herrschaftsstrukturen.

Es geht also gar nicht so sehr um die Frage, ob Gott wirklich tot ist, sondern um die Frage, in welchem Zusammenhang konkreter menschlicher Handlungssinn und ein behauptetes "höchstes Gut" zu einander stehen. Der Nihilismus bringt nur die Entwertung menschlichen Eigensinnes zum Vorschein, die bereits zu den Voraussetzungen jedenfalls dieses philosophischen Theismus gehört. In Kulturen, die eine derartige theistische Entwertung des menschlichen Sinnes nicht kennen, kann dagegen kein Nihilismus funktionieren.

Das Problem der Autorität

Bisher ist deutlich geworden, dass der Nihilismus in Nietzsches Formulierung an durchaus problematische Voraussetzungen anknüpft, die ihm die platonisch inspirierte Theologie der Philosophen bietet. Im Christentum, wie in den anderen "abrahamitischen" Religionen des jüdischen Glaubens und des Islam, geht es erst einmal nicht um den Gott der Philosophen, der als höchstes Gut den Sinngrund und die höchste Norm für die Lebenstätigkeiten aller Menschen abgeben soll, sondern um einen Gott, der sich mit Geboten und Verboten an seine Gläubigen richtet. Nur ein Bildungschristentum ist immer wieder gleichsam von der philosophischen Linie der Theologie erobert worden - bis hin zu dem an Thomas von Aquin anknüpfenden "Thomismus" als der bis heute innerhalb der katholischen Kirche vorherrschenden Theologie.

Die nietzscheanische Formel des Nihilismus knüpft aber auch an diesen anderen Aspekt des Christentums an, indem er das Verbot in den Vordergrund rückt: Wenn alles erlaubt, weil nichts verboten ist, dann ist auch alles sinnlos und nichts sinnvoll. Das setzt ein autoritäres Verständnis von menschlichem Sinn voraus: Ohne autoritative Unterscheidung zwischen Verbotenem und Erlaubtem, zwischen Gebotenem und Freigestelltem können individuelle Menschen keinen Sinn in ihren Handlungen finden.

Der nietzscheanische Nihilismus übernimmt die Prämisse, dass ohne eine "von oben" gegebene Rangfolge sinnvolles menschliches Handeln unmöglich ist - demokratische Selbstbestimmung wäre dem gemäß als solche ein illusionäres Unterfangen. Nur "Übermenschen" kann es gelingen, individuell für sich noch Sinn zu stiften. Die Frage der demokratischen Konstituierung, Selbstbestimmung und Sinnfindung einer gegebenen "Menge der Vielen" wischt der nietzscheanische Nihilismus ungeprüft beiseite.

An der Art der Institutionalisierung von Autoritäten kann man die Anfälligkeit von Kulturen für den Nihilismus zu beurteilen. Im Christentum blieb die Autorität der Gottesinstanz immer gegenwärtig, aber auch immer latent: Sie wird von Stellvertretern ausgeübt und bleibt - zumindest nach Ort und Zeit wechselnd - umstritten. Das hochgradig zentralisierte absolutistische Russland produzierte nicht zufällig als erstes ein Phänomen des Nihilismus als Protestbewegung innerhalb seiner Elitenjugend inmitten der Modernisierungskrise des frühen 19. Jahrhunderts - sicherlich gefördert durch die cäsaropapistische Einheit von Staat und Kirche in der orthodoxen Tradition. Es folgte die vom deutschen Idealismus enttäuschte Elitenjugend des Bildungsprotestantismus unter der preußischen Staatskirche nach dem Debakel der demokratischen Revolution von 1848. Und schließlich die junge Generation der "Nacht des 20. Jahrhunderts" im gallo-katho-laizistischen Frankreich und im geschlagenen post-faschistischen Nachkriegswestdeutschland. Die Frage, ob und wie weit das stalinistische "Staatskirchentum" entsprechende Effekte auslösen würde, wenn es zusammenbricht, ist uns historisch erspart geblieben - der Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer Blockhegemonie fand bereits unter Verhältnissen statt, die von einer staatskirchlichen Analogie weit entfernt waren, in sich pluralisiert und von konkurrierenden Ideologien durchdrungen.

Außerhalb dieser besonderen Konstellationen religiöser und kultureller Autoritätskrisen blieb der Nihilismus eine marginale Erscheinung, so, wie er es in seiner nietzscheanischen Artikulation auch durchaus verdient hat.

Diesseits der christlichen Tradition

Der junge Herder hat es bereits mit aller wünschenswerten Klarheit ausgesprochen: Gesellschaften oder Kulturen, die für ihre Orientierung darauf angewiesen sind, von ihren Traditionen zu leben, weil sie keinen neuen Sinn mehr für sich "(er)finden" können, stehen bereits kurz vor dem Untergang. Dass ein großer Teil unserer Debatten derart traditionsfixiert geführt wird, sollte als ein ernstes Alarmzeichen gewertet werden. Es geht aber auch heute nicht um die Frage, welchen Traditionslinien wir uns anstelle der dominanten christlichen Tradition anschließen können - hier hätte, neben dem literarischen Humanismus und der philosophischen Aufklärung, die Linie des jüdischen Glaubens als "minoritäre Religiosität" eine besondere Attraktivität. Schon gar nicht geht es um eine ganz unsinnige Wiederaneignung vergangener Vorstellungswelten und Kultpraktiken, um ein "Neuheidentum" oder einen Neo-Schamanismus. Es geht schlicht um die Frage, welche Orientierungen sich für eine gemeinsame Zukunft der Menschheit finden lassen. Angesichts der offensichtlichen Wahrheit, dass sich auf der Grundlage des Christentums - oder einer der anderen Weltreligionen - keine gemeinsame Orientierung für die gesamte Menschheit ergeben wird, bleiben nur noch Nuancen: Kann ein ein plural religiös unterfüttertes Weltethos à la Hans Küng eine solche Orientierungsgrundlage abgeben? Oder brauchen wir vernünftig begründbare Prinzipien eines friedlichen und produktiven Zusammenlebens der Menschheit, deren Befolgung von allen verlangt werden kann, die an diesem Zusammenleben beteiligt sein wollen? Angesichts der anhaltenden Existenzkrise der Menschheit bleibt mehr als genug dringlich zu tun, über das eine Verständigung möglich ist. Wer hierin einen Sinn für das eigene Handeln findet, der wird sich darauf verlassen können.

Daneben bliebe es dann von bloß noch privater Bedeutung, welche kleinen oder großen Götter jemand verehrt, welche Ängste er oder sie glaubt hegen zu müssen, welchen Identitätsgemeinschaften sich jemand verbunden fühlt. Oder ob man eben ohne etwas derartiges auszukommen glaubt und sich mit Feiern im Freundeskreis, mit mäßigem Alkoholgenuss und autogenem Training begnügt, um die eigene Subjektivität zu pflegen.


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00:00 23.12.2005

Ausgabe 39/2020

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