Das Licht von Ha-Neu

Alltag Wer in den Achtzigern mit dem Zug aus Berin nach Jena fuhr, kam durch Halle. Schwärzliche Fassaden, notnackte Neubauten, riesige Anlagen, rostrot, ...

Wer in den Achtzigern mit dem Zug aus Berin nach Jena fuhr, kam durch Halle. Schwärzliche Fassaden, notnackte Neubauten, riesige Anlagen, rostrot, zischend, Buna, Leuna, ein scharfer Geruch nach Chemie. Ich bin in Thüringen aufgewachsen und fuhr die Strecke oft. Es gefiel mir nicht, aber ich dachte, wir leben davon. Dann gab es ein Halle-Neustadt, in dem bald 98.000 Einwohner lebten, das ständig wuchs, und die Altstadt verkam, bis aus den Fenstern bröckelnder Fassaden zerfetzte Gardinenreste dem Untergang winkten.

Jetzt ist viel Bausubstanz "rückgebaut" oder saniert, und ein zerbrechliches Fachwerkhäuschen, das noch auf die Restaurierung wartet, sieht inzwischen wie eine verwunschene Prinzessin aus. Die Luft ist reiner, die Saale fließt sauberer, im "Saalekahn" schmeckt der Fisch.

Die meisten Arbeitsplätze der Chemiearbeiter sind weg, in Halle-Neustadt, ist die Einwohnerzahl um die Hälfte gesunken, die Jugendgewalt ist gestiegen. Ha-Neu, wie es die Bewohner nennen, kannte ich bisher nur aus Dokumentarfilmen, im neuen Film von Thomas Heise Kinder, wie die Zeit vergeht sagt ein Junge von hier in die Kamera: "Ich will ein Nazi sein."

Am 8. Mai 2008, am "Tag der Befreiung", stehe ich vor der ARGE (Arbeitsagentur) in Ha-Neu und höre Sprachfetzen. "Die hat rumgebrüllt in der Werkstatt, die will ihre zehn Euro!" "Und wir sind wie immer am A..." "Entweder alle oder keiner zehn Euro!" ARGE, das klingt wie arg, im Dialekt, "arch".

In den Neustadtpassagen erklärt mir ein junger Bauarbeiter neben seiner Baustelle: "Da kommen wieder die Figuren hin, die hier standen und der Brunnen auch." Er nickt zufrieden, erstens Arbeit und zweitens die "künstlerisch wertvollen Plastiken werden erhalten, das hat die Bürgermeisterin versprochen". Aber was wird mit dem Denkmal weiter vorne? Zerbrochene Platten, überwucherter Kies, Scherben, Müll, die Stümpfe wild gewachsener Bäume, wild gekürzt, Gussbeton, Reliefs, Inschriften von 1975 "Rat und Tat der sowjetischen Freunde ließen unsere Stadt schneller wachsen." Wird da ab- oder aufgeräumt?

Vor der Suppenküche "Sonnenschein" zwischen KIK und Norma sitzen die "Berechtigten", nach Paragraph drei der Hausordnung: bedürftige Bürger, ALG II Empfänger, Rentner mit Rentenbescheid für niedrige Bezüge, Halle-Pass. Es gibt Schweinebraten mit Rotkohl, 1,50, Möhrensuppe, ein Euro.

Im Maisonnenschein treiben die Küchengerüche über die Kaufmeile. Ich esse nicht, habe keinen Schein. Es bedienen vier freundliche Harz-IV-Frauen "zehn Euro Mindestlohn, das wär´ was!" Nur der Chef hat eine Stelle. "120 Essen am Mittag, 60 am Abend, wir werden gefördert. Dann gibt´s noch die Tafel, aber die Ketten liefern nicht gerne, weil sie Buch führen müssen, schmeißen es lieber weg. Es heißt, unsere Kundschaft hier störe das Geschäft. Wir bleiben, aber es werden ja immer mehr."

Am Ende der Passage sitzen die auf den Bänken, die nicht mal ins "Sonnenschein" gehen, graubraun, die Flaschen in den Händen.

Ich fahre noch in den elften Stock des Bürohauses, dort gibt´s ein "Reisecafé Skyline GbR", es ist leer, aber voller Reklameplakate: "Besuchen Sie Neuseeland!" Gegenüber, an einem unsanierten Hochhaus, hängt die Werbefläche: Zu verkaufen. 01805-025025. Auf dem Dach stehen Leute, Verkäufer? Käufer? Lebensmüde? Von oben überblicke ich die unzählbaren, immer gleichen Wohnblöcke, hohe Bäume hüllen sie heilsam ein. Aber eine Skyline ergibt das nicht. Nur die Altstadt Halle mit ihren Kirchtürmen hat solche Linien, die das Auge sich merkt. Halle-Neustadt ist eine Vorstadt wie andere, wo Wohnungen und Parkplätze billiger sind. Aber "keine gute Adresse", wie die Hiesigen sagen.

Nahe der Brücke über die Saale, die die Neustadt mit der Altstadt verbindet, steht der Kaufhauskasten, ehemals Centrum-Warenhaus, später Karstadt, jetzt leer, keine Käufer mehr. An der Fassade oben rundum grellrote Signalfelder, die aufmerksam machen auf Schleef, der Maler, eine Ausstellung zum Festival "Theater der Welt". Manchesagen heute, Einar Schleef hätte deutlicher als andere erkannt, was das war, die deutsche Teilung und die DDR. Hier in Halle, in der Stadt der Chemiearbeiter, von wo ganz in der Nähe der "Bitterfelder Weg" ausging, wo man die Widersprüche des Sozialismus zu lösen glaubte und sie am meisten verstärkte, ist hier der Ort, wo seine Kunst wirken könnte?

Hier, wo die Mansfelder Straße in die Stadt hineinführt, wo das Kaufhaus noch allen vertraut ist, kommen Leute hin, die sonst nicht in Kunstausstellungen gehen. Drei 13-jährige Jungen, die gerade vom Baden kommen, sagen. "Wir wollten mal sehen, was das jetzt hier ist."

Drinnen lehnen Bilder, ohne Rahmen, gegeneinander gelehnt. In der Zeit geht es zurück bis in die sechziger Jahre. Die Farben sind so mager und heftig wie die Farben der DDR-Chemie. Sie bekommen im Dämmerlicht des leeren Kaufhauses ein unheimliches Leuchten. Da malt ein Ich, was es sonst nicht aushält, die Bildsprache ist direkt. 1976 verließ Einar Schleef die DDR, an deren kulturpolitischen Grenzen er sich wund gestoßen hatte. 2001 stieß er wieder an innere und äußere Grenzen. Er starb, erst 57 Jahre alt. Man sagte, am Herzen. Auf einem seiner Bilder kann man lesen: "Nicht wieder weglaufen, das geht jetzt nicht mehr."

Das Schicksal der Einwohner von Halle- Neustadt, von denen heute so viele nicht mehr gebraucht werden, der "soziale Sprengstoff", wird in den Theatern von Halle zum Thema. Was passiert mit denen, die "übrig" sind? In Sterne über Mansfeld von Fritz Kater im Thalia Theater bringen sich diese "Übrigen" mehr oder weniger selber um.

Am Abend sehe ich mir auf der Bühne des Spielorts Werft Exit an, ein Stück von Mitgliedern des Jugendklubs "Neues Theater". Vier Mädchen, vier Jungen spielen acht unterschiedliche Existenzen von Jugendlichen, vom egoistischen Schnösel bis zur Traumtänzerin. Sie sprechen in jener knappen Sprache, die zusammen geschnurrt ist zu Formeln, deren Werteskala von Porsche bis Muschi reicht. Zwei haben eine Stelle, vier arbeiten "ab und zu", einer ist Dealer und einer Straßenmusiker aus Albanien. Sie führen die Tragödie der Ausweglosigkeit vor, und sie zeigen dabei ihre Begabungen als Nachwuchstalent. Salto rückwärts, Songs zur Gitarre, Pantomime, Tanzen, Gemeinschaft im rhythmischen Krachschlagen.

Diese Jugendlichen träumen von einer Zukunft als Schauspieler. Im Spiel aber hält der Zug, der Bus, der sie hinausfahren soll aus ihrer Hoffnungslosigkeit, gar nicht an. Sie schreien ihre Formel: "Auf was für einem beschissenen Planeten leben wir eigentlich?" Viel Beifall. Die Spieler umarmen ihren Lehrer Yves Hinrichs. Sie gehören zu den Glücklichen, die zum Endausscheid eines Jugend-Theater-Wettbewerbs fahren dürfen.

Der Ausweg für die Jugend ist auch Thema im Programm des Festivals "Theater der Welt". Die grausamen Erzählungen der Jugend, ein Auftragswerk für die Gruppe Rimini aus Italien, wird uraufgeführt. "Jugendliche Halles machen mit", heißt es im Programm.

An den Banken und Hotels von Halle hängt die Werbung für das Festival mit dem schönen Motto "Komm ins Offene, Freund" aus einem Gedicht von Hölderlin. Das Thalia Theater produziert AusFlugHafenSicht, die Zukunft Mitteldeutschlands. "Das Terminal wird zur Bühne", heißt es. "Reisebüros werden zu Ateliers, ein Acker zum Labor."

Ein Taxifahrer, der mich in die Südstadt bringt, interessiert sich weniger für Kunst, mehr für Ökonomie: "Halle hat jetzt die Flugplatzanteile verkauft, kriegen sie neun Millionen, bei 300 Millionen Schulden ist das ein Tropfen auf den heißen Stein. Das war ein Fehler, der Flugplatz entwickelt sich, die Anteile werden eines Tages hohe Gewinne bringen, alle Investitionen gehen nach Leipzig, hier gibt es wenig, was wirklich Werte schafft." Um welche Werte aber soll es gehen?

In der leeren Karstadthalle an der Saale wird an einem anderen Abend Caliban an die Zuschauer von W.H. Auden gespielt. Im poetischen Exkurs wird erörtert, ob die Befreiung des menschlichen Geistes mit der Befreiung der Ausgebeuteten zusammengehen kann. Shakespeares Gestalten aus dem Sturm, Caliban und Ariel, reden darüber aus einem Munde. Calibans Drang, sich von seinen Ketten zu befreien, ist unvereinbar mit Ariels Idee von Freiheit.

Caliban: "Nein, wir wollen keinen Ariel, der unsere Zäune einreißt wegen der Brüderlichkeit, unsere Frauen verführt wegen der Romantik und unsere Spareinlagen stiehlt wegen der Gerechtigkeit ... bring uns nach Hause ..., wo der Minotaurus der Autorität ein mopsrunder Wiederkäuer ist und nichts auf dem Spiel steht für uns."

Es ist so. Auch draußen in Ha-Neu ist es so.

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00:00 27.06.2008

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