Das Loch im Dach, den Himmel vor Augen

Nachdenken über Cuba Der Karibikstaat zeigt der Welt seit langem, der Mensch lebt nicht vom Brot allein - auch nicht von einer Idee allein

Viele Möglichkeiten zur Nach-Castro-Ära sind in den vergangenen Monaten durchgespielt worden. Alle Überlegungen drehen sich um den politischen Überbau. Um einen möglichen Nachfolger, eine kollektive Führung, eine Übergangsregierung, um die Stärke der Exilorganisationen und so weiter. Was ist mit dem Volk? Mit dem durchschnittlichen Cubaner? Was könnte man aus seinem Alltag für die Zukunft schlussfolgern?

Ich erinnere mich an einen Sonntag im März 1990, einen Wahlsonntag in der DDR. An den Augenblick am frühen Abend vor dem Fernseher und das entgleiste Gesicht des CDU-Spitzenkandidaten, Lothar de Maizière, angesichts einer gänzlich unerwarteten, fast absoluten Mehrheit für das Wahlbündnis Allianz für Deutschland mit etwa 41 Prozent allein für die CDU. Ich erinnere mich an meine Sprachlosigkeit. Es war die erste wirkliche Erfahrung damit, was die Sehnsucht nach Westgeld, nach Konsum und Reisefreiheit bewirken kann. Dabei ging es den DDR-Bürgern finanziell und was die Versorgung, das Warenangebot anging - im Vergleich zu Cuba - nicht so schlecht. Aber viele Wünsche waren offen und waren so stark. Zwar fand man sich mit 60 Mark der DDR im Monat gegen alle Gesundheitsrisiken versichert, die Mieten betrugen in der Regel nicht einmal zehn Prozent des Einkommens. Bildung war natürlich gratis. Für ein Studium gab es wohl Zulassungsbeschränkungen, aber dann, bei Bedarf, auch ein bescheidenes, nicht zurückzuzahlendes Stipendium. Doch ein großer Teil der Bevölkerung stimmte an jenem 18. März 1990 gegen jenen relativ bescheidenen Wohlstand und die ideologischen Einengungen.

In Cuba gibt es seit 44 Jahren die libreta. Das ist eine Zuteilungskarte für Lebensmittel, für Kleidung, für Wäsche, für Schuhe, für Spielzeug, für Toilettenpapier, für alles. Pro Monat erhält ein Cubaner über diese Zuteilung theoretisch rund sechs Pfund Reis, 300 Gramm Bohnen, vier Pfund weißen und zwei Pfund dunklen Zucker, zehn Eier sowie Öl und einiges andere. Praktisch bekommt er nie alles. Immer gibt es irgendwelche besonderen Engpässe innerhalb der generellen Engpässe. Zusätzlich existieren seit Jahren "Freie Märkte", auf denen jedoch die Preise - gemessen an den Einkommen - horrend sind. Und manche Produkte kann man nur für Devisen kaufen.

Als die libreta 1961 eingeführt wurde, kündigte man sie als vorübergehende Notwendigkeit an, um die Grundversorgung für alle, auch die Ärmsten, zu sichern. Und es gab viel Verständnis für diesen Schritt. Da die Preise für die rationierten Artikel sehr niedrig gehalten waren - das sind sie auch heute noch -, ermöglichte die bewusste Karte vielen Familien erstmals eine zwar bescheidene, aber doch ausgewogene Ernährung.

Anfang der siebziger Jahre, während meines ersten Aufenthalts auf der Insel, schockierten mich die Geschäfte trotzdem. Gähnende Leere in den einfachen Holzregalen, von ein paar Konserven abgesehen. Später, bei weiteren Besuchen, habe ich die kleinen Fortschritte gesehen: eine neue Käsefabrik, eine Brauerei - die Freude, den Stolz. Aber nie war der Standard der DDR erreicht, bei weitem nicht. Tägliche Stromsperren, Wasserabschaltungen, Ausfall öffentlicher Verkehrsmittel haben Verhalten und in gewisser Weise sogar Kultur der Cubaner geprägt. Selbst bei Besuchen in Berlin, in meiner Wohnung, haben sie die Toilettenspülung beispielsweise zumeist nicht betätigt; sie hatten verinnerlicht, dass kein Wasser zur Verfügung steht. Wenn ich nach Havanna gereist bin, dann kamen Lippenstifte, Strumpfhosen, Seife, Nähnadeln, Küchenmesser, Bleistifte und Kugelschreiber und viele andere Alltagsdinge mit in den Koffer.

Damit es kein Missverständnis gibt, niemand hat mich je um etwas gebeten, schon gar nicht geschnorrt. Dazu waren die Menschen, denen ich begegnet bin, einfach zu stolz; auch auf das, was das Land unter Schwierigkeiten erreicht hatte.

Aber Ende der achtziger Jahre waren im Straßenbild von Havanna diejenigen, die Ausländer wegen einer Uhr oder einem Jackett ansprachen, nicht mehr zu übersehen. Auch die Mädchen am Straßenrand nicht ... Ich habe zwar manchmal gehört, wie sie ihre Dienste mit der Überlebensnotwendigkeit für die Familien begründeten. Obwohl die Wirtschaftslage besonders in der ersten Hälfte der neunziger Jahre extrem kritisch war, nach dem Wegfall der Unterstützung durch das sozialistische Lager, habe ich Zweifel an dieser Begründung. Es scheint mir eher, dass Prostitution zu einem Weg wurde, um sich Annehmlichkeiten leisten zu können. Mit welchem Recht könnte jemand aus einem Land, das Konsum im Überfluss bietet, dies verurteilen?

Raúl Rivera, ein seit 2004 in Europa lebender Dissident, kritisierte in einem Interview für die Deutsche Welle Teile der europäischen Linken, die mit Cuba sympathisieren: "Für diese Linken ist Cuba ein Traum, den sie nicht aufgeben wollen. Es ist ein Traum, den sie einmal im Jahr leben können, wenn sie die Insel besuchen. Doch deren Traum ist unser Albtraum. Sie kommen hierher für einen Monat (...) und kehren dann in ihre bequemen Häuser zurück, die zu bauen ihnen die Zivilisation und der Kapitalismus ermöglicht haben. Doch die Cubaner bleiben in ihrer Armut zurück. Viele dieser Linken hassen die USA und treiben sich ihren Hass aus, indem sie Cuba unterstützen. Sie hassen die USA, dabei wohnen sie selbst dort und steigen dort in ihr amerikanisches Auto, essen bei McDonalds oder rauchen Winston-Zigaretten. Es ist sehr bequem, einen Traum in der Karibik zu haben, den man einmal im Jahr besuchen kann."

Die Tatsache, dass das geringe Warenangebot, über das Cuba verfügt, nahezu gerecht an alle verteilt wird, ist eine Genugtuung angesichts perverser Zustände in der Welt, in der - wie in Deutschland - einzelne 15 Millionen Euro im Jahr, also mehr als eine Million im Monat, als Einkommen erhalten, und andere mit 345 Euro im Monat auskommen sollen. Trotzdem ist das für den einzelnen Cubaner, der heute - und nicht irgendwann - Zahnpasta kaufen möchte, Waschpulver und Toilettenpapier, der Jeans braucht und einen neuen Fernseher - nicht zu reden von einem Auto - kein Trost. Es gab eine Zeit, da sagte Fidel Castro sehr oft in seinen Reden "diese Generation muss sich opfern". Es schien eine unglaubliche Forderung. Wie kann man das von einem ganzen Volk verlangen? Wenn die politische Elite dazu bereit ist, gut - aber die Masse?

Ich brauche nicht an die jahrzehntelange Blockade der USA zu erinnern, jeder, der sich für das Thema Cuba interessiert, kennt die Verantwortung der USA dafür, dass der Karibikstaat fast ganz und gar vom normalen Welthandel ausgeschlossen blieb und teilweise noch immer bleibt. Hier geht es mir nicht um die USA und ihre Verantwortung für die Armut und die Sorgen der cubanischen Bevölkerung. Es geht nur um die Bevölkerung und ihr mögliches Verhalten, wenn Fidel Castro nicht mehr lebt. Er hält die Gesellschaft bisher - auch vom Krankenbett noch - im Wesentlichen zusammen. Sein eigenes anspruchsloses materielles und finanzielles Leben und andererseits sein anspruchsvolles ideelles Konzept sind wie eine Vorgabe. Wer wollte ihm gegenüber schon laut bekennen, dass er die Gelder, die für Arzt- und Lehrer-Einsätze an vielen Orten der Welt draufgehen, doch lieber im Interesse des Lebensstandards in Cuba eingesetzt sehen möchte? Fidel würde das als einen nicht akzeptablen Egoismus zurückweisen. Er bestätigt im Interviewbuch mit Ignacio Ramonet, dem Direktor von Le Monde Diplomatique zwar, dass der Mensch auch materielle Güter brauche, dass man sie sogar an die erste Stelle setzen müsse, um studieren zu können und ein anderes Leben zu erreichen, aber "die Lebensqualität liegt im Bewusstsein, in der Kultur. Die Werte sind es, die eine wirkliche Lebensqualität ausmachen, die höhere Lebensqualität, die über der Nahrung, dem Dach über dem Kopf und der Kleidung steht."

Ich bin sicher, dass nicht alle Cubaner diese Auffassung teilen. Ich glaube sogar, dass viele nicht so denken. Doch sie sitzen in einer Falle. Das System der USA wollen sie nicht, die alte Abhängigkeit vom nördlichen Nachbarn erst recht nicht. Aber Wohlstand, ja. Natürlich wissen sie, dass es selbst im Gelobten Land erdrückende Armut gibt. Auch, dass die USA bisher nirgendwo in Lateinamerika einem "bekehrten" Volk den versprochenen Wohlstand gebracht haben; ein drastisches Beispiel dafür war Nicaragua vor fast 17 Jahren, als die Sandinisten um Daniel Ortega im Februar 1990 abgewählt waren, dann alle Sozialleistungen verloren gingen und das Elend dramatische Ausmaße annahm. Aber so, wie es manchmal fast gesetzmäßig scheint, dass der Mensch Vorteile - auf Cuba sind das unter anderem ein anständiges und kostenloses Gesundheitswesen, Bildung gratis bis hin zur Universität, symbolische Mieten beziehungsweise fast geschenktes Wohneigentum oder, grundsätzlicher gesagt, eine weitgehende soziale Gerechtigkeit - schnell als selbstverständlich nimmt, während das Fehlende übermächtig wird; so scheint es auch weit verbreitet, dass er sich bestimmte Konsequenzen der gewünschten Veränderungen seines Lebens nur schwer vorstellen kann.

Die Cubaner kennen natürlich den seit Jahrzehnten laut verkündeten Anspruch der US-Regierung auf den gesamten ehemaligen Besitz von US-Firmen und US-Bürgern auf der Insel bis hin zu deren Drohungen, Firmen anderer Staaten, die heute auf einstigem amerikanischen Besitz Investitionen tätigen, ohne Entschädigung zu enteignen. Wenn es denn erst einmal anders kommt. Zum großen Teil haben sie auch von den massenhaften Rückübertragungen an Grund und Boden oder Eigenheimen etwa auf dem Gebiet der DDR gehört. Das macht den einen oder anderen zwar nachdenklich, durchaus; aber die Sehnsucht bremst es kaum. Und nicht nur einmal hat man mir entgegengehalten, das sei auf Cuba ja gar nicht möglich. Dagegen gäbe es ja immerhin Gesetze ... !

Cuba zeigt der Welt seit langem, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt. Fidel Castro hat ein ganzes Volk für eine Idee gewonnen. Idealismus und Solidarität waren in all den Jahren auf Cuba größer als sonst irgendwo. Das betraf einstmals den Beistand für Befreiungsbewegungen in Algerien, Angola, Grenada oder anderswo durch cubanische Solidarität, teilweise durch Soldaten und Waffen. Es betrifft heute die soziale Hilfe in Venezuela, Nicaragua oder Bolivien durch cubanische Ärzte und Lehrer. Aber es gilt eben auch, dass der Mensch, der normale durchschnittliche Mensch, nicht allein von einer Idee lebt. So gut die auch immer sein mag. Jeder hat nur ein Leben. Und die meisten von uns messen ihre Alltagssorgen und -wünsche an den in der Welt vorhandenen Möglichkeiten.

Ein junger Cubaner, der seit langem in Berlin lebt, sagte mir auf die Frage, wofür seine Landsleute bei einem anderen Wahlsystem denn stimmen würden: "Für Essen und die Freiheit, jederzeit die Angehörigen in den USA treffen zu können". Und so schließe ich einen Wahltag in der Nach-Castro-Zeit nicht aus, an dem das Ergebnis uns fassungslos machen könnte.



Eine cubanische Dekade

April bis September 1997 - Attentatsserie in Hotels in Havanna und Varadero.

Oktober 1997 - V. Parteitag der KP Cubas, auf dem entschieden wird, dass für den Fall der Fälle Raúl Castro der Nachfolger seines Bruders Fidel sein soll.

Januar 1998 - Besuch von Papst Johannes Paul II. in Havanna.

Januar 1999 - erstes Treffen zwischen dem venezolanischen Staatschef Hugo Chávez und Fidel Castro.

September 2000 - Fidel Castro nimmt am Millenniums-Gipfel der Vereinten Nationen in New York teil. Es kommt zu einem Handschlag mit US-Präsident Clinton.

November 2000 - die cubanische Sicherheit deckt eine Verschwörung des Exilcubaners Posada Carriles auf, Fidel Castro während des X. Iberoamerikanischen Gipfels in Panama zu töten.

Dezember 2000 - mit Wladimir Putin besucht erstmals ein russischer Präsident Cuba, nachdem zehn Jahre zuvor nahezu jede Unterstützung durch die Sowjetunion, später Russland, eingestellt wurde.

Juni 2001 - Castro erleidet bei einer vom Fernsehen übertragenen Rede in Havanna einen Schwächeanfall.

September 2001 - die cubanische Regierung bietet den USA nach den Attentaten vom 11. September logistische Hilfe an, inklusive der Benutzung cubanischer Flughäfen.

Mai 2002 - Präsident Bush setzt Cuba auf die Liste der Staaten, denen vorgeworfen wird, den internationalen Terrorismus aktiv zu unterstützen.

März 2003 - 75 cubanische Dissidenten werden verhaftet und teils zu langen Haftstrafen verurteilt.

April 2003 - drei Entführer einer cubanischen Fähre werden zum Tode verurteilt und erschossen.

Oktober 2003 - die Sozialistische Internationale verurteilt das US-Embargo gegen Cuba.

Juni 2004 - die ersten der im März 2003 verurteilten Dissidenten werden wieder freigelassen.

Juli 2004 - Exilcubaner, die in den USA leben, dürfen nur noch im Abstand von drei Jahren nach Cuba reisen. Und nur, wenn dort noch Angehörige leben. Geldüberweisungen werden begrenzt.

November 2004 - der Dollar gilt nicht mehr als Zahlungsmittel in Cuba und wird durch den konvertierbaren Peso ersetzt. Raúl Rivero und weitere Oppositionelle werden auf freien Fuß gesetzt.

Dezember 2004 - Vertrag mit Venezuela über Öllieferungen nach Cuba und venezolanische Investitionen im cubanischen Energiesektor.

November 2005 - Rede Castros in der Universität von Havanna zu internen Problemen wie Korruption, Bereicherung und Verschwendung von Staatseigentum. Es fällt der Satz: Diese Revolution kann sich nur selbst zerstören.

Dezember 2005 - wie das Handelsministerium in Havanna mitteilt, hat der Warenverkehr mit Venezuela ein Volumen von 2,4 Milliarden Dollar erreicht, das eigene Wachstum wird mit 11,8 Prozent für das zurückliegende Jahr angegeben.

April 2006 - Boliviens Präsident Evo Morales unterzeichnet mit Hugo Chávez und Fidel Castro den "Handelsvertrag der Völker", der sich gegen die von den USA gewollte panamerikanische Freihandelszone richtet.

August 2006 - Fidel Castro muss wegen einer schweren Erkrankung alle Amtsgeschäfte ruhen lassen und wird bis auf weiteres in seinen Funktionen von Bruder Raúl vertreten.

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00:00 26.01.2007

Ausgabe 43/2021

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