Das Machbare

Öko Ernst Paul Dörfler war schon zu DDR-Zeiten umweltbewegt. In „Aufs Land“ zieht er Resümee
Das Machbare
Jeder Kranich hat seinen eigenen Ruf, nicht jeder jedoch hat so verführerische Augen

Foto: Patrick Pleul/dpa

Was für ein wunderbares Bild schon zu Beginn: Menschen versammeln sich bei Sonnenuntergang an der Nord- und Ostseeküste und erwarten die Kraniche. „Aus vielen Richtungen steuern Tausende der eleganten Segler auf ihre Schlafplätze zu. Jeder Kranich hat seinen eigenen Ruf, so unverwechselbar wie der Fingerabdruck eines Menschen …“

Ernst Paul Dörfler kennt sich mit Vögeln aus. Mehrere Bücher hat er über sie geschrieben, vor zwei Jahren erst Nestwärme. Was wir von Vögeln lernen können, auch bei Hanser erschienen. Überhaupt schaut er auf das, was unsere natürliche Umwelt ist, viel aufmerksamer, als es die meisten von uns tun. Er hat diesen ruhigen Blick, den wir, gefangen im Alltag, oft nur kurz genießen. Wissen und Begeisterung – das beflügelt auch seinen Stil als Schriftsteller, der, ob in Polemik oder stiller Betrachtung, von einer starken, aufrichtigen Emotionalität geprägt ist, begeistern, überzeugen will.

Er argumentiert moralisch

Dabei war ihm zunächst ein Weg als Wissenschaftler vorgezeichnet gewesen. In der DDR hat Ernst Paul Dörfler Chemie studiert, wurde zum Dr. rer. nat. promoviert – und verließ 1983 seine Stelle am Institut für Wassertechnik, um sich schreibend Umweltthemen zu widmen. „Gewässerschutz wurde zu meiner Hauptaufgabe“, schreibt er im Kapitel „Mein Weg ins Offene“. „So durfte ich alle in der DDR verfügbaren Daten zur Schadstoffbelastung sammeln.“ Die waren so brisant, dass sie sofort im Panzerschrank verschwanden. Der Konflikt zwischen Wissen und Schweigepflicht sei für ihn nicht ohne gesundheitliche Folgen geblieben. Wie er in einem Interview zum Buch sagte, wurde er von der Staatssicherheit überwacht, unter dem Verdacht, einen „Zusammenschluss zur Verfolgung gesetzwidriger Ziele herbeizuführen“, um „negativ gegen die Natur- und Umweltschutzpolitik“ der DDR aufzutreten. Dass diese mit vielerlei Mängeln behaftet war, wusste man in den Machtetagen wohl, sah aber Wirtschaftswachstum als Voraussetzung für Umweltschutz. Ökonomisch stand die DDR in den 1980er Jahren schon mit dem Rücken zur Wand. Der Autor hat sie als Zeit der Unfreiheit erlebt. Im November 1989 waren er und seine Frau Mitbegründer der Grünen Partei in der DDR.

Mit seiner Frau und den beiden Kindern machte er aus der Not eine Tugend und zog in ein kleines Dorf am Rande eines Naturschutzgebiets. Dort schrieb er sein Buch Zurück zur Natur?, das 1986 tatsächlich im Urania-Verlag erschien. Nicht weniger als 15 Publikationen sind seitdem entstanden, Tieren und Pflanzen und immer wieder dem Biosphärenreservat Mittelelbe gewidmet, wo er selbst wohnt.

Aufs Land benennt ein Bedürfnis: Laut einer Studie von 2018 träumen sich 44 Prozent der Städter dorthin. In Coronazeiten dürfte sich dieser Trend noch verstärkt haben. Und auch im Roman. Literarisch erzählen davon zum Beispiel Juli Zeh in Über Menschen (der Freitag 13/2021) oder auch Daniela Krien in ihrem jüngsten Buch Der Brand (der Freitag 32/2021).

Wie mitreißend beschreibt Dörfler die „grünen Attraktionen“ der ländlichen Natur. Und er hat recht: Der Eigenwert der Natur ist in unserem Wirtschaftssystem ausgeblendet. Die soziale Spaltung, dass einige wenige immer reicher werden auf Kosten der Mehrheit, muss man sich beim Lesen hinzudenken. Alle Parteien haben sich das Thema Umwelt auf die Fahnen geschrieben. Grüne Sehnsüchte lassen sich profitabel vermarkten. Aber ein sozial-ökologischer Umbau ginge darüber hinaus und birgt viele Widersprüche. Man denke allein an die Windräder, die nicht nur die Landschaft verschandeln, sondern im Jahr 200.000 Vögel das Leben kosten, wie Ernst Paul Dörfler wohl weiß.

Dass er im Buch vor allem moralisch argumentiert, zielt auf das individuell Machbare. Und vor allem entspricht es seiner persönlichen Erfahrung, die er in diesem Buch anderen mit auf den Weg geben möchte. Er ist selbst auf dem Land großgeworden und genießt es, sich von der herrschenden Konsumkultur abkoppeln zu können. „Warum kaufen wir so viel Zeug, das wir am Ende gar nicht benötigen? … Wie wäre es mit dem Sammeln von Naturerfahrungen?“ Dass ein „engagiertes Leben im ländlichen Raum“ auch gut ist für die Kinder, klar. Umweltgifte reduzieren? Unbedingt. Selbstversorgung aus dem Garten? Wunderbar, aber nicht jedem möglich. „Saubere Luft ist für mich existenziell nicht verhandelbar.“ Stimmt. „Arbeit und Konsum halbieren“? Machen viele junge Leute heute, aber die Bezahlung muss so sein, dass es irgendwie geht …

„Arbeit als Notwendigkeit, als Bedürfnis und Glücksbringer zugleich ist keine Utopie, viele Menschen haben es geschafft.“ Da möchte ich freundlich widersprechen. Für viele ist es durchaus eine Utopie, und man sollte diesem Wort seine Leuchtkraft zugestehen. Ernst Paul Dörfler hat Visionen, die durchaus über das Gesellschaftssystem hinausweisen, in dem wir leben, und bei denen es auch Gegenrede geben kann, weil Menschen sich in unterschiedlichen Voraussetzungen befinden. Autofreie Innenstädte, den Nahverkehr ausbauen und kostenfrei machen, fordert der Autor. Tatsächlich könnte sich dadurch manches entspannen, aber mit viel Gepäck käme ich trotzdem nicht so leicht zu meiner Tochter. Und viele Orte gibt es, da kommt man ohne Auto nirgends hin. „Fahrradfreundliche Kommunen“? Und was ist mit denen, die nicht Fahrrad fahren können? „Zigaretten und Alkohol waren mir zuwider“, schreibt er. Mir auch. Anderen nicht. Nicht alle können aufs Land ziehen und auch dort arbeiten. Aber im Buch stecken viele Fakten und Denkanstöße. Mal zu nicken, dann wieder den Kopf zu schütteln, ist, verbunden mit Sprachgenuss, eine gute Geistesgymnastik.

Info

Aufs Land. Wege aus Klimakrise, Monokultur und Konsumzwang Ernst Paul Dörfler Hanser Verlag 2021, 351 S., 22 €

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06:00 11.09.2021

Ausgabe 38/2021

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