Das materialisierte Leiden

Musiktheater Mit artifizieller Sprengkraft eröffnet Johan Simons’ „Accattone“ die Ruhrtriennale
Hans-Christoph Zimmermann | Ausgabe 34/2015

Wenn Künstler ihre sozialkritischen Trompeten auspacken, geht das selten gut. Johan Simons, der neue Leiter der Ruhrtriennale, hatte angekündigt, sich verstärkt um Themen wie Arbeit, Prekarisierung und Entfremdung zu bemühen. Dafür zog er zur Eröffnung des Festivals nach Dinslaken, um dort (in der 2005 stillgelegten Zeche Lohberg) Accattone zu inszenieren. Erst als ihm Eyüp Yildiz, der stellvertretende Bürgermeister der von Arbeitslosigkeit und salafistischen Umtrieben gebeutelten Kommune, kulturellen Elendstourismus vorwarf, lud Simons die Dinslakener Bürger zu Proben und Gesprächen ein. Und siehe da, seine Einstandsinszenierung ist ein Wurf – aber gerade deshalb, weil sie sich jeder sozialrealistischen Anbiederung verweigert und ihre Sprengkraft eher in Artifizialität findet.

Pier Paolo Pasolinis Film Accattone aus dem Jahr 1961, Simons’ Vorlage, erzählt die Geschichte des Titelhelden Vittorio Cataldi, genannt Accattone (Schmarotzer), der als Zuhälter in den Vorstädten Roms in den Tag hineinlebt. Hunger und Verelendung sind Alltag. Als Accattones Hure Maddalena in den Knast wandert, macht er sich an die unschuldige Stella heran und versucht vergeblich, sie auf den Strich zu schicken. Bei einem Diebstahl erleidet er schließlich einen tödlichen Unfall.

Pasolini hat seinen Film zwar an Originalschauplätzen mit Laien gedreht, ihn aber durch den Einsatz der Musik Johann Sebastian Bachs zur Passion überhöht. Diese Überhöhung treibt Johan Simons voran. Er schickt seine Schauspieler in die Staubwüste der 210 Meter langen und 65 Meter breiten Halle, lässt sie an einem Schienenstrang weit in die Tiefe laufen (Bühne: Muriel Gerstner), in einem Container verschwinden oder ungläubig vor dem Podest stehen, auf dem die Musikerinnen und Musiker des Collegium Vocale unter Dirigent Philippe Herreweghe sitzen. Es ist eine trostlose, öde Welt, mehr Andrei Tarkowski als Pier Paolo Pasolini.

Zucken im Staub

Accattone hängt mit seinen Kumpels an einem Prellbock herum, man prahlt, raunzt, rauft. Die Frauen in ihren bunten Kleidern stolzieren auf und ab. Doch so präsent Steven Scharf als Accattone, Sandra Hüller als Maddalena oder Anna Drexler als Stella agieren, ihr Spiel bleibt unpsychologisch. Sie führen ihren Text eher vor als ihn pathetisch aufzuladen. Die mit Mikroports verstärkten Stimmen wirken immer gleich präsent, egal ob der Schauspieler zehn oder 200 Meter vom Zuschauer entfernt ist. Dieser totalitären Präsenz des Worts stellt Simons den leidenden Körper in ausgefeilten Choreografien gegenüber. Accattone verfällt immer wieder in Zuckungen und wühlt sich animalisch in eine Staubkuhle. Die Vergewaltigung Maddalenas durch eine finstere Gestalt namens Das Gesetz (Benny Claessens) wird zu einem Pas de deux sich malträtierender Leiber. Unverkennbar spielt die Choreografie auf Bilder der schmerzgeprägten christlichen Ikonografie an.

Die Musik übernimmt dabei nicht mehr die Rolle der Überhöhung wie bei Pasolini. Die von Philippe Herreweghe ausgewählten Kantaten von Bach bilden einen eigenständigen musikalischen Kontrapunkt, der den entpathetisierten Spielvorgängen ein emotionales Kraftzentrum gegenüberstellt. Dadurch gelingt Simons letztlich das Kunststück einer hochkomplexen, artifiziellen Inszenierung, die dennoch an einigen Stellen berührt.

Info

Accattone Regie: Johan Simons Zeche Lohberg, Dinslaken, ruhrtriennale.de

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