Das missbrauchte Gedenken

13. Februar Zum 60. Jahrestag der Zerstörung Dresdens droht die Friedensmahnung im braunen Tritt unterzugehen

Ein Plakat hat die Dresdner Stadtverwaltung zum bevorstehenden 60. Zerstörungsgedenken in Auftrag gegeben. Es zeigt auf grauem Hintergrund den dominanten Schriftzug "13. Februar" und eine Reihe von Städtenamen, die im 20. Jahrhundert ebenfalls Opfer von Kriegszerstörungen wurden. Die Liste reicht bis hin zu Bagdad oder Grosny, Dresden 1945 mittendrin und nur leicht hervorgehoben. In gleicher Weise sind die Umschlagseiten der beiden städtischen Broschüren zum Gedenktag gestaltet, flankiert von einer nur schwer decodierbaren Grafikmontage aus aufgerissenem Straßenpflaster und Grabstelen.

Dass die Plakate nun das Stadtbild dominieren würden, lässt sich nicht gerade sagen. Äußerlich deutet in Dresden nichts auf den bevorstehenden Jahrestag hin. Auch bei den Bürgern der Stadt ist das Datum weit weniger Tagesgespräch als in den Medien. Spätestens seit jener von der NPD beantragten Landtagsdebatte am 21. Januar zu den "Terrorangriffen" auf Dresden ist diesem Gedenktag überregionale Beachtung sicher. Eine Debatte, die sich an Schärfe und Wortwahl der neuen Volksverhetzer nicht einmal so drastisch von vorangegangenen unterschied, aber von Presse und Politik mit besonderer Spannung erwartet und beobachtet wurde.

Die Konservierung des Schreckens, ja, die ans Kultische grenzende Erinnerung an die Kriegsgräuel ist in keiner deutschen Stadt so ausgeprägt wie in Dresden. So beobachtet es beispielsweise auch Professor Gerhard Besier, Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung und erst seit anderthalb Jahren Bürger dieser Stadt. Bis heute ist dieses Mal des auf Deutschland zurückschlagenden Weltkrieges auch optisch präsent. Dresden ist ein unorganisches Konglomerat aus Zitaten der alten Stadt, Brachflächen, Aufbausünden und sehr wenigen neuen architektonischen Gelungenheiten geblieben. Das feierliche Erinnerungspathos, getragen von einer älteren bildungsbürgerlichen Schicht, und die offiziellen Termine wie etwa die Kranzniederlegung auf dem Heidefriedhof können dennoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser schlimmste und wichtigste Tag der Stadtgeschichte inzwischen mehr von seiner Instrumentalisierung als von einem mehrheitlich inneren Bedürfnis lebt.

Seit Mitte der neunziger Jahre ist eine bislang ungebrochene Tendenz der Vereinnahmung des Gedenktags durch Neonazis zu beobachten. Rechtsradikale Aufmärsche, vor allem von der "Jungen Landsmannschaft Ostpreußen" (JLO) organisiert, erhalten wachsenden Zulauf. Die zuletzt auf weit mehr als tausend gewachsene Zahl von Teilnehmern und die durch sie verursachte Polizeipräsenz in der Innenstadt beherrschten das Bild. Eher verloren nahm sich im Vorjahr die offizielle Kundgebung der Stadt aus. Aus den Kirchen und Konzertsälen strömten wohl um die Zeit der ersten Angriffswelle gegen 22 Uhr die ehrlich Trauernden und Mahnenden in Richtung Frauenkirche. Aber seit dort ein Bauzaun steht und ringsum Grabungen stattfinden, ist der Erinnerungszeremonie irgendwie das Herz abhanden gekommen. Es bedurfte zu DDR-Zeiten, als dort noch ein Trümmerberg lag, jedenfalls keines kirchlichen Aufrufes zur Entzündung von Kerzen wie in diesem Jahr. Dem haben sich nun zahlreiche Prominente und Initiativen angeschlossen, die die Dresdner aufrufen, den zentralen Theaterplatz mit einem Kreuz aus brennenden Kerzen zu zeichnen. Dieses Zeichen des Friedens soll den Gegenpol zum braunen Aufmarsch in unmittelbarer Nähe bilden.

Damit ist der bedauerliche Rückschritt in der Erinnerungskultur der letzten Jahre angesprochen. Auch wenn man dem sozialistischen System der DDR vorwerfen kann, mit dem Akzent auf die "anglo-amerikanischen Bombenangriffe" subkutan antiamerikanische Stimmungsmache betrieben zu haben, so hatte das friedliche Gedenken so vieler Jahre zumindest eine zentrale Überschrift: "Nie wieder!" Ein Minimalkonsens, der auch entgegengesetzte Kräfte vereinen konnte. Diese wichtigste Lehre aus dem Feuersturm von Dresden droht, im offenen Geschichtsrevisionismus, in Debatten um die strategische Wichtigkeit Dresdens, in einer perfiden Unterteilung in deutsche Opfer erster und solche nachrangiger Klasse und im Feilschen um Opferzahlen unterzugehen. Auslöser sind zweifelsfrei die nationalistischen und rechtsextremen Kräfte, die mit der Landtagsdebatte, in der der NPD-Abgeordnete Jürgen Gansel vom "Bomben-Holocaust" gesprochen hatte, weltweit registriert wurden. Dem steht aber auch kein massiver ziviler Widerstand gegenüber.

Im Gegenteil. Wer sich bei Gelegenheit des Queen-Besuchs Ende des vorigen Jahres einmal in der Stadt umhörte, konnte eine durchaus relevante Zahl von Stimmen einfangen, die eine Entschuldigung für die Bombenangriffe befürworteten. Es gibt eine Verschiebung in der Erinnerungskultur, die an diesem exponierten Jahrestag offenkundig wird und die differenziertere Geschichtsbetrachtung verstellt. Inzwischen registriert man schon dankbar, wenn ein Redner oder Buchautor klar auf Ursache und Wirkung und den Kontext des so singulär erscheinenden Angriffs auf Dresden hinweist.

Nicht allen Dresdnern darf man indessen Passivität unterstellen. Bei seiner vorjährigen Ansprache auf dem Altmarkt sprach Oberbürgermeister Ingolf Roßberg vom "unbedingten Willen nach Frieden", der aus der Erfahrung des Furchtbaren wachse. Unter dem Eindruck des wachsenden Missbrauchs des Totengedenkens rief der Verleger und Publizist Matthias Neutzner vor einem Jahr die "Interessengemeinschaft 13. Februar" ins Leben. Eine Arbeitsgruppe verfasste einen "Rahmen des Erinnerns", den sich die Stadt zu eigen machte und der eine Form des kriegsverachtenden und selbstkritischen Gedenkens betont. Von ihr stammt auch die Idee, sich zur Gedenkstunde das Widerstandssymbol der weißen Rose anzustecken, um einen Akzent gegen braune Parolen zu setzen. Die Interessengemeinschaft tritt am Abend des kommenden Sonntags auch als Veranstalterin eines "GeDenkens" am Altmarkt auf. Um die Instrumentalisierung des Geschehens, besonders der Opferzahlen, einzudämmen, hat die Stadtverwaltung eine Historikerkommission eingesetzt. Sie soll allerdings erst Mitte dieses Jahres eine Art amtlicher Feststellung treffen, die weiterer Legendenbildung den Boden entzieht.

Vorerst aber wird an diesem 13. Februar der Blick fast ausschließlich zurück gerichtet sein und sich im fruchtlosen Interpretationsstreit historischer Fakten festfahren. Für die einen liegt das Dresdner Inferno schon im deutschen Angriff auf Guernica begründet. Für die anderen handelt es sich um einen Akt in der britischen Vernichtungsstrategie gegen das deutsche Volk, und sogar der Historiker Jörg Friedrich spricht im ZDF von Churchills "Moral bombing" als einem Verlegenheitsangriff, weil man militärisch nichts anderes zu treffen wusste. Zu lesen sind alle Argumente in Bergen von Büchern, mit denen in Dresden allemal ein Geschäft zu machen ist. Zu hören werden sie am Sonntag auf den konkurrierenden Demonstrationen von rechts und links sein. Neonazis verbreiten ihre Parolen von "Massenmord" und "Bomben-Holocaust". Aber auch aus Antifa-Kreisen gibt es hanebüchene Kommentare oder Leserbriefe, die aus Dresden eine Stadt von NS-Verbrechern machen, die den Angriff verdient hat.

Vor allem aber wird der JLO-Aufmarsch, für den der sächsische NPD-Fraktionsvorsitzende Holger Apfel die Schirmherrschaft übernommen hat, für ein klares politisches Ziel benutzt werden. Auf der Tribüne unmittelbar am Landtag werden sich Ex-Republikaner-Chef Franz Schönhuber, DVU-Chef Gerhard Frey und der NPD-Vorsitzende Udo Voigt erstmals gemeinsam zeigen. Sozusagen über den Gräbern der Kriegsopfer wird zum Marsch der nationalen Einheitsfront auf den Berliner Reichstag 2006 geblasen werden. Weder der Landtag noch die Stadt sahen die Chance eines Verbots. Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre muss Rathaussprecher Kai Schulz konstatieren: "Die Gesichtsverlust für die Demokratie wäre größer, wenn wir uns von einem Gericht sagen lassen müssten, dass wir nicht rechtsstaatlich gehandelt haben."


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 11.02.2005

Ausgabe 29/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare