Das Misstrauen wächst

Deutsche Zustände Abstiegsängste verursachen Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung von Minderheiten. Die Forschergruppe um Wilhelm Heitmeyer präsentiert neue Ergebnisse

Es ist ein merkwürdig altmodisch klingender Begriff, den ein Team des Sozialwissenschaftlers Wilhelm Heitmeyer aus Bielefeld bemüht, um das zentrale Phänomen ihrer Studie zu beschreiben: "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit". Im mittlerweile vierten Jahr von insgesamt zehn liegen nun die Ergebnisse zum Thema Deutsche Zustände vor. Mit Menschenfeindlichkeit haben die Sozialforscher einen verschüttet geglaubten Terminus wieder ausgegraben: Er beschreibt eine mentale Haltung, die schwache Gruppen der Gesellschaft abwertet und ausgrenzt, Personen etwa, die aus dem Ausland kommen, eine andere Religion haben, sexuell anders orientiert sind oder aus anderen Gründen von der "Norm" abweichen.

Circa 60 Prozent der Deutschen finden beispielsweise, es würden zu viele Ausländer in Deutschland leben, was die Forscher als Indiz für Fremdenfeindlichkeit nehmen; etwa jeder Fünfte bejaht, Juden hätten zu viel Einfluss in Deutschland, ein Hinweis für Antisemitismus; knapp 30 Prozent stimmen der Aussage zu, "Frauen sollten sich wieder mehr auf die Rolle als Ehefrau und Mutter konzentrieren" (Sexismus) und jeder Vierte stimmt der Aussage zu, "Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden" (Islamophobie). Darüber hinaus untersuchen die Bielefelder Rassismus, Homophobie sowie die Abwertung von Obdachlosen und Behinderten, aber auch die Betonung von Vorrechten für Etablierte ("Wer schon immer hier lebt, sollte mehr Rechte haben als die, die später zugezogen sind"; dies bejahen circa 35 Prozent). All diese Feindseligkeiten haben ein Gemeinsames: sie gehen davon aus, dass manche Menschen weniger wert sind.

Nach vier Jahren Forschung in der Frage der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit lassen sich Trends ablesen. Schon im vergangenen Jahr hatten die Forscher darauf hingewiesen, dass unsere Gesellschaft sozial immer weiter auseinanderdriftet. Dieser Kurs bestätigt sich nun. Seit 2002 sind die Ängste um die eigene soziale Situation erheblich angestiegen. Die Menschen registrieren die zunehmende Kluft zwischen Bessergestellten und Sozialhilfeempfängern, und nicht zuletzt aufgrund der Hartz IV-Gesetze fühlen sich immer mehr Personen auch in mittlerer Soziallage von Abstieg bedroht. Über die Hälfte im unteren Drittel der Gesellschaft haben Angst, arbeitslos zu werden. Wenn man die Bevölkerung nach politischen Kriterien untersucht, sieht man, dass auch in der politischen Mitte diese Ängste gestiegen sind, dabei ordnen sich immer mehr Leute, die sich früher als politisch rechts bezeichnet haben und rassistischen und islamophoben Vorurteilen anhängen, der politischen Mitte zu. Ängste vor sozialem Abstieg können verantwortlich sein, schwache gesellschaftliche Gruppen für minderwertig zu halten. Zuwanderer betrachtet man dann als Konkurrenten, auf Obdachlose sieht man herab, um das eigene Selbstwertgefühl zu steigern. Soziale Krisen können so das Zusammenleben verschiedener gesellschaftlicher Gruppen gefährden.

Dazu kommt, dass fast zwei Drittel der Befragten über das, was zu tun wäre, ziemlich orientierungslos sind, Tendenz steigend. Politisch fühlen sich die Leute machtlos. Deutlich konnten die Bielefelder Sozialforscher diesmal nachweisen, dass Gefühle der Orientierungslosigkeit den Nährboden für Fremdenfeindlichkeit bilden. Aus ihren Daten erkennen sie eine Zunahme des Potenzials für rechtspopulistische Propaganda von 20 Prozent (2002) auf 26 Prozent (2005).

Ein besonderes Ergebnis der diesjährigen Erhebung sind die Unterschiede zwischen jung und alt. Zwar haben gerade bei Jüngeren die Sorgen und Ängste seit 2002 zugenommen, doch insgesamt stimmen Jüngere seltener menschenfeindlichen Aussagen zu als Ältere. Hier muss man ein gängiges Bild korrigieren. Beispielsweise äußern sich von den unter 25-Jährigen 15,5 Prozent islamophob, gegenüber 26,1 Prozent der Älteren (über 26 Jahre), nur 4,6 Prozent der Jüngeren pflegen antisemitische Vorurteile, während 13,8 Prozent der Älteren dies tun. Beim klassischen Sexismus sind es nur 8,2, Prozent der Jüngeren gegenüber 20,6 Prozent der Älteren. Diese überraschenden Ergebnisse müssten nach Meinung der Wissenschaftler dazu führen, dass man mit Interventionsprogrammen zukünftig auch auf Ältere zielt.

Die feindlich gesinnte Einstellung gegenüber Muslimen wird erst seit 2003 untersucht. In den vergangenen zwei Jahren hat sie drastisch zugenommen. So hat sich die Anzahl derer halbiert, die der Ansicht zustimmen, der Islam habe eine bewundernswerte Kultur hervorgebracht. Über 60 Prozent der Deutschen meinen, die islamistischen Terroristen fänden starken Rückhalt bei den Muslimen und würden gar von vielen als Helden verehrt. Das Misstrauen ist massiv. Die Wissenschaftler halten es für fraglich, "wie auf Dauer ein friedliches Zusammenleben auf der Basis gegenseitiger Anerkennung gestaltet werden kann".

Was soll man in einer Gesellschaft anderes erwarten, der es an Grundsätzlichem fehlt, in der Bildung und Arbeit, die Eckpfeiler für Integration, nicht allen zugänglich sind. Die Menschen müssen politisch teilhaben und verlässliche soziale Bezüge aufbauen können. Wer nur Sparprogramme auflegt, riskiert ein weiteres Auseinanderdriften der Gesellschaft und haushaltet auf Kosten des sozialen Zusammenhalts.


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00:00 16.12.2005

Ausgabe 39/2020

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