Das Monster auf dem Acker

Landwirtschaft Der Bayer-Konzern hat den Saatgutriesen Monsanto für 60 Milliarden Euro gekauft. Über Probleme, die beide teilen, schweigen sie lieber. Außer in einem Video
Tanja Busse | Ausgabe 30/2016 16
Das Monster auf dem Acker
Die chemiebasierte Intensivlandwirtschaft ist in eine Sackgasse geraten
Foto: MARCO BERTORELLO/AFP/Getty Images

Lustige Lehrfilme informieren auf dem Internetportal des Pharma- und Agrarkonzerns Bayer über neue ackerbauliche Entwicklungen. In einem dieser Filme für Landwirte hüpft ein grünes Monster, das einer schrumpelnden Gurke ähnelt, über Getreidefelder, die nach und nach von Kräutern überwuchert werden. Das kleine grüne Monster soll die Gefahr von Wildkräutern symbolisieren, die gegen Pestizide resistent geworden sind. Bayer spricht natürlich von „Unkräutern“ und „Pflanzenschutzmitteln“.

Solche Resistenzen sind in den letzten Jahren zu einem großen Problem für die Ackerbauern geworden: Einige wild lebende Pflanzen haben sich an immer wieder eingesetzte Herbizide angepasst. Vor allem Ackerfuchsschwanz, Windhalm, aber auch Kamille überleben die Giftduschen, breiten sich auf den Äckern aus und verdrängen das Getreide. Bayer warnt die Landwirte, diese Gefahr nicht zu unterschätzen. „Durch jährlich wiederholte Anwendung von Herbiziden mit gleichem Wirkungsmechanismus und Vernachlässigung guter ackerbaulicher Praxis tun wir so, als ob es das Problem nicht gäbe“, heißt es wörtlich im Video. „Die Herbizidresistenz breitet sich aus, mit besorgniserregenden Konsequenzen für uns alle. Zudem nimmt die Zahl der wirksamen Herbizide ab. Viele Landwirte sind von hohen finanziellen Verlusten bedroht, insbesondere, weil es in absehbarer Zeit keine Wirkstoffe mit neuen Wirkungsmechanismen geben wird.“ Wooaaw!, sagt das Monster und reißt gierig sein Maul auf.

Keine konzernkritische NGO hätte das klarer formulieren können: Die chemiebasierte Intensivlandwirtschaft ist in eine Sackgasse geraten, die Erträge der Hochleistungslandwirtschaft sind gefährdet und Innovationen sind nicht in Sicht. Was für eine überraschende Offenheit von Bayer!

Denn jeder Landwirt weiß, dass die Resistenzen eine Folge eben jener dünge- und pestizidlastigen Wirtschaftsweise sind, die Agrochemiekonzerne wie Bayer in den letzten Jahrzehnten massiv vorangetrieben haben. Das lustige grüne Monster stammt indirekt aus Bayers eigenem Chemielabor.

Vor diesem Hintergrund ist die Monsanto-Übernahme durch Bayer noch gefährlicher: Der US-Gentechnikkonzern hat genau wie Bayer ein Problem mit selbst verursachten Resistenzen. Monsantos wichtigstes Geschäftsfeld ist der Verkauf von Saatgut, das durch Genmanipulation (GMO) gegen das Totalherbizid Glyphosat resistent ist, im Doppelpack mit Glyphosat. Millionen von Hektar Ackerland, vor allem in Amerika, werden so bewirtschaftet: Die Landwirte bringen glyphosatresistentes Saatgut aus und spritzen Glyphosat auf die Pflanzen, die dies als Einzige überleben, während alle wilden Kräuter absterben. Die Folge: Monokulturen in gigantischem Ausmaß, riesige Flächen, auf denen nur eine einzige Pflanzenart wächst, gentechnisch veränderte Sojabohnen oder Mais.

Protest in Südamerika

Doch die kleinen grünen Monster haben auch hier zugeschlagen: Im Süden der USA haben einige Wildkräuter gelernt, was den GMO-Pflanzen im Labor angezüchtet wurde, nämlich das Gift Glyphosat zu überleben. Das Ergebnis sind Superunkräuter, gegen die kein Herbizid mehr ankommt.

Zwei Konzerne, ein Problem. Beste Voraussetzungen für eine Fusion. Bayer plant, durch die Monsanto-Übernahme ein „weltweit führendes Unternehmen in der Agrarwirtschaft“ zu werden und behauptet: Der „Zusammenschluss hilft bei der Bewältigung von erheblichen weltweiten Herausforderungen“. So steht es auf der Internetseite, die Bayer eigens für die Übernahme geschaffen hat, advancingtogether.com.

Von bedrohlichen Resistenz-Problemen ist dort keine Rede, nicht vom Innovationsstau auf dem Acker, nicht von Monsantos Altlasten. In Südamerika protestieren Menschen seit Jahren gegen Pestizideinsätze über ihren Dörfern. Wenn es ihnen gelingt, nachzuweisen, dass die vielen Kinder, die mit Behinderungen geboren wurden, durch Pestizide geschädigt wurden, können Millionen-Klagen auf den Konzern zukommen.

Wenn in Zukunft alle Menschen genug zu essen haben sollen, dann brauchen wir dringend eine andere Landwirtschaft. Wir brauchen keinen Ackerbau, der mit teurem und gefährlichem Input aus dem Chemielabor neue Probleme schafft, sondern eine intelligente Landwirtschaft, die neueste agrarökologische Kenntnisse nutzt und altes Bauernwissen – zum Beispiel darüber, dass eine vielfältige Fruchtfolge verhindert, dass Wildkräuter sich zu stark ausbreiten.

06:00 28.07.2016

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