Das Monster Prekariat

Schubumkehr Das Prekariat ist an sich nicht zwangsläufig selber schuld. Anmerkungen zu einem umkämpften Begriff

Die explosive Verbreitung der Begriffsfelds "Prekarität - Prekarisierung - Prekariat" hat in den letzten Jahren beträchtliche Verwirrung entstehen lassen. So muss es nicht verwundern, dass es im Laufe der Entwicklung der sozialen Bewegung, für die dieses Begriffsfeld zur wichtigsten Referenz wurde, immer wieder zu unterschiedlichen Bewertungen der zentralen Begriffe kam: Selbst bei der Mobilisierung der Euromayday-Bewegung bedurfte und bedarf es noch immer eines intensiven Austausches, um zwischen den Begriffen zu differenzieren. Und wenn die Euromayday-Paraden in den letzten Jahren in vielen Städten Europas die widerständige Praxis des 1. Mai erneuert haben, so sind diese Paraden nicht nur als Versuche zu verstehen, die Prekären politisch zu organisieren. Sie dienten gleichermaßen als Anstoß für Informationskampagnen zu Fragen der Prekarisierung, für militante Untersuchungen über aktuelle Arbeits- und Lebensweisen, als Instrumente der kollektiven Wissensproduktion. Auf Veranstaltungen, in Lesekreisen und Befragungen, in linken Magazinen und anderen Publikationen klären sich über das Ereignis der Paraden hinaus zusehends die zentralen Begrifflichkeiten.

Wichtige Linien dieser Debatten legen es nahe, allzu begeisterte Vergemeinschaftung und vorschnelle Vereinheitlichung unter der Glocke der Prekarität hintanzustellen. So werden die engen geographischen und geschichtlichen Grenzen des heutigen Prekarisierungsdiskurses nicht zuletzt in Bezug auf Gender und Eurozentrismus problematisiert. Prekarität erscheint aus dieser Perspektive keineswegs als neues Phänomen. Eher schon könnte man das fordistische Normalarbeitsverhältnis als "westliches" Ausnahmephänomen des 20. Jahrhunderts betrachten, das Prekarität in gewissem Rahmen unsichtbar und zur Ausnahme gemacht hat. Umgekehrt scheint es angebracht, die neuen Formen immaterieller, kognitiver, affektiver Arbeit als Komponenten des postfordistischen Kapitalismus einer genaueren Untersuchung zu unterziehen. Erst wenn prekäre Subjektivierungsweisen jenseits von Opferdiskursen, etwa im Kontext der Autonomie der Migration diskutiert werden, gehen die äußerst unterschiedlichen Formen der Prekarisierung, ihre Differenzen und Hierarchien nicht in einem prekären Einheitsbrei unter. Zugleich wäre es zu einfach, rigide Trennungen von Selbst- und Fremdbestimmung vorzunehmen: von privilegierten oder Luxusprekären einerseits und abgehängten Prekarisierten andererseits zu sprechen, diese mit der "kreativen Klasse", den "intellos precaires" oder der "digitalen Boheme" und jene mit Migrantinnen oder Sans-Papiers zu identifizieren. Anstelle passiver, defensiver Begriffe wie "Prekarisierte" und "Entprekarisierung" gelingt der Wechsel in die Offensive eher im Gebrauch des offeneren Terms "Prekäre". Und schließlich wird auch die ökonomische Engführung der ausschließlichen Fokussierung auf die Arbeit aufgebrochen und mit Theoretikern wie Judith Butler, Antonio Negri oder Paolo Virno die Prekarisierung des Lebens in den Blick genommen.

Während die Konzeptualisierung von Prekarisierung, Prekarität und Prekariat sich in bewegungsnahen Diskursen also zusehends intensiviert und verdichtet, ist es um deren Verbreitung in anderen Feldern nicht sehr gut bestellt. Als offensichtliches Beispiel für die mangelnde Reichweite des linken Prekarisierungsdiskurses erscheint die unsägliche Debatte um ein "abgehängtes Prekariat", die in weiten Teilen der deutschsprachigen Mainstream-Presse im letzten Herbst die begriffliche Verwirrung ausufern ließ. Begonnen hatte diese Welle der Desinformation und Denunziation in den Reaktionen auf eine Studie des durch die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung beauftragten Marktforschungsunternehmens TNS Infratest, in der von einem "abgehängten Prekariat" die Rede war. Die flapsig formulierte Studie teilte "die Deutschen" (unter Ausschluss der nicht wahlberechtigten Bevölkerung) in neun politische Typen ein und identifizierte das "abgehängte Prekariat" als neunte und letzte Stufe dieser Typologie. Die sich daran anschließende Debatte, durch den SPD-Vorsitzenden Beck als "Unterschichtsdebatte" geprägt, sparte an Plattitüden und reaktionären Ressentiments nichts aus und hinterließ Effekte nicht nur im politischen Feld, sondern bis weit hinein in akademische, intellektuelle Kreise.

In der schnellen Übernahme der Begriffsfamilie des Prekären ignorierte das deutsche Feuilleton die oben beschriebenen linken Debatten zur Gänze. Die diskursive Radikal-Reduktion durch Studien-Autoren, Politikerinnen und Medien-Intellektuelle legte die als Prekariat identifizierte Gruppe nicht nur auf die Rolle des Objekts und Opfers fest: Die Debatte um die TNS-Studie zeitigte - ohne es freilich so zu nennen - eine neue Qualität von Lumpenproletariat und dessen Ausschluss aus dem politischen Handeln. Einst von Marx und Engels als "diese passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft" bezeichnet, wurde das neue, nun "prekäre" Lumpenproletariat nicht mehr nur als passiv und in die Prekarität abgedrängt beschrieben, sondern - besonders perfide - als Agent seines eigenen Ausschlusses. In der Debatte ging es also nicht mehr um Ausschlusspraktiken der Mehrheitsgesellschaft, sondern, wie die Politikwissenschafterin Isabell Lorey kritisch anmerkt, um vermeintlich gefühlte Ausschlüsse der Betroffenen, um unterstellte Selbst-Ausschließungen, die auch selbst zu verantworten seien. In diesem Diskurs werde, so Lorey, der Begriff des Prekariats absichtsvoll mit neoliberalem, selbstgewähltem Verlierertum verschränkt. Nicht von widerständiger Verweigerung sei hier die Rede, sondern von Personen, die als "abgehängtes Prekariat" aufgrund einer unverantwortlichen Selbstverantwortung zunehmender staatlicher Kontrolle unterstellt werden müssten, und zwar gerade deswegen, weil sie sich offensichtlich nicht neoliberal regieren lassen.

Man kann diese fortgesetzte Ausgrenzung und die denunzierende Figur der unterstellten Selbstausschließung als ebenso absichtsvolles wie wirkungsmächtiges Missverständnis von Seiten des normalisierenden Mainstreams sehen, als sozialpolitische Klassifizierung, die die gesellschaftliche Mitte braucht, um sich neu zu konstituieren. Man kann sie aber auch ganz im Gegenteil als notgedrungene Defensive interpretieren, eine Defensive, die notwendig wird als Reaktion auf das Entstehen eines neuen Monsters. Der Name des Monsters ist Prekariat, seine historische Vorlage und Reibefläche der Riese Proletariat.

Wenn es hier um einen Versuch der Neukonzeptualisierung des Begriffs Prekariat geht, dann fußt dieser Versuch weniger auf einer etymologischen Begründung als auf der Entwicklung der Begrifflichkeiten innerhalb der sozialen Bewegung, die sich in den letzten Jahren um sie formiert hat. In der Vorbereitungsphase des Anti-G-8-Gipfels in Genua 2001 wurde von einer Gruppe um das medienaktivistische Kollektiv Chainworkers in Mailand eine erste Mayday-Parade organisiert: 500 Teilnehmer nahmen am Nachmittag des 1. Mai die neueren Demonstrationsformen der Antiglobalisierungsbewegung, von Reclaim the Streets und den Gay Prides auf. In Anknüpfung an die legendäre US-amerikanische Gewerkschaft der Wobblies (International Workers of the World) hatte die neue Tradition des 1. Mai von Anfang an eine internationalistische Ausrichtung, versuchte Prekarisierung als transnational zu problematisieren. Die in Italien weit vorangeschrittene Entwicklung der Prekarisierung erklärt die frühen Versuche, die "Generation der Prekären" gerade in Mailand zu mobilisieren und organisieren, deren Not- wie Kampfruf "Mayday!" schallte aber bald über die italienischen Grenzen hinaus. Auf Plakaten, Flyern und Transparenten hieß der Slogan allerdings nicht etwa "Stop Précarité" (Stoppt die Prekarität), wie ihn erstmals die Teilzeitarbeiter von französischen McDonald´s-Restaurants bei einer Kampagne im Winter 2000 entwickelt hatten, sondern "Stop al precariato" (Stoppt das Prekariat). Diese etwas verwirrende und missverständliche Formulierung hat durchaus etwas mit den verschiedenen marxistischen Deutungen historischer Proletariats- und Klassenbegriffe zu tun, vor allem aber mit den verschiedenen Bedeutungen des heutigen Begriffs vom Prekariat in verschiedenen Sprachen. So ist die Endung auf -iato im Italienischen im Gegensatz zum Deutschen eine recht gebräuchliche. Die Analogie zum "Proletariat" liegt im Italienischen also wesentlich weniger nahe als im Deutschen: salariato (im Französischen salariat) etwa bedeutet den rechtlich festgeschriebenen Status der Lohnarbeit; precariato ist aus dieser Perspektive die dunkle, rechtlose Seite dieses Statuts, die es zu bekämpfen, deren Ausbreitung es zu stoppen gilt.

Im Jahr 2002 änderte sich einiges. Nicht nur der Zustrom der Paraden-Teilnehmerinnen erhöhte sich - gerade im Jahr nach 9/11 und Genua, das oft als problematischer, so nicht sogar traumatischer Bruch der Antiglobalisierungsbewegung beschrieben wird - in erstaunlichem Ausmaß. Der zentrale Slogan wurde quasi umgekehrt: Von einem Aufhalten des Prekariats war nicht mehr die Rede, es hieß im Gegenteil: "Mayday. Il primo maggio del precariato sociale" (Der erste Mai des sozialen Prekariats). Hier ereignete sich eine doppelte Wendung: Mit dem Hinweis auf das Soziale werden Kampf und Reflexion von der Fokussierung auf die Arbeit erweitert auf die Prekarisierung des Lebens. Vor allem aber wird das Prekariat vom abzuwehrenden Übel zur Selbstbezeichnung. Das "precariato sociale" bezeichnet gemeinsam eine vielschichtige und vielfältige Menge, die sich nicht als Opfer beschreibt, sondern als soziale Bewegung konstituiert. Ein weiteres Jahr später ist dieser semantische Übergang abgeschlossen, der Slogan lautet: "Il precariato si ribella." (Das Prekariat rebelliert.) Im Jahr 2003 klingt auch schon die Ausbreitung der Bewegung an, die Realisierung einer transnationalen Mobilisierung: die Parade wird als "la parade del precariato Europeo" angekündigt, nicht nur weil die Prekarisierung als transnationales Problem erkannt ist, sondern auch weil sich Kollektive und Gruppen aus anderen europäischen Ländern an der Organisation der Parade in Mailand beteiligen.

Fast als logische Konsequenz dieser Internationalisierung entwickelt sich 2004 die Transformation in die Euromayday-Parade durch eine erste simultane Organisation in Mailand und Barcelona. Der Mayday wird vollends europäisch. Internationale Euromayday-Treffen finden in verschiedenen Städten des Kontinents statt, meist am Rand von linken Konferenzen und Sozialforen. Nach dem als "International Meeting of the Precariat" angekündigten Berliner Treffen im Januar 2005 verteilt sich die Parade immer mehr in den europäischen Raum, zuletzt sind es 2006 und 2007 über 20 Städte, mit allerdings einigermaßen verschiedenen politischen Ausrichtungen und einer unterschiedlichen Zahl von Teilnehmenden.

Auch wenn die begriffliche Analogie zum Proletariat es nahe legt: Das sich nicht nur in der Euromayday-Bewegung langsam formierende Prekariat muss nicht wie der schlafende Riese Proletariat erst durch Klassenbewusstsein und Partei aufgeweckt werden. Als Bewegung und Organisierung der zerstreuten Prekären ist es ein Monster, das den Schlaf nicht kennt. Hier gibt es keine teleologische Bewegung vom ruhenden zum geweckten Klassenbewusstsein; weder die Empirie der Klasse an sich noch die politische Anrufung einer Klasse für sich. Das Prekariat ist kein wie immer empirisch gefasstes Problem, und auch kein zukünftiges Erlösungsmodell. Vielmehr erscheint es diffus, fragil, heterogen, auf viele Herde verteilt und zerstreut, nicht aus Schwäche oder Unvermögen, sondern als Diskontinuität von Geografie und Produktion. Die prekären Existenzweisen in der Zerstreuung tragen das Potenzial in sich, anstelle von Vergemeinschaftungsformen wie Volk, Staat und Partei neue Formen der Verkettung hervorzubringen. Wie sich das "Monster Prekariat" auch verkettet und organisiert, sein Begriff selbst weist darauf hin, dass es nicht in Vereinheitlichung und Strukturalisierung oder in die Schemata von linearen Revolutionskonzepten zurück fällt. Wenn das Prekariat überhaupt irgendetwas "ist", dann ist es selbst prekär.

Die Langfassung dieses Textes mit einigen nützlichen Verweisen auf weiter führende Literatur ist auf http://translate.eipcp.net/ nachzulesen. Von Gerald Raunig erscheint im Herbst beim Wiener Velag Turia + Kant das Buch: Mayday Maschine. Eine kleine Philosophie der Maschine als soziale Bewegung.


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00:00 10.08.2007

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