Das Monstrum Geschichte

Gewalt ist überall László Darvasis magisch-realistisches Epos über die osmanische Okkupation Ungarns

Darvasis Legende von den Tränengauklern beginnt mit einem Augenblick des Zögerns, des Distanzierens von der Zeit, über die erzählt wird, mit Vorbehalten gegenüber unserer Wahrnehmung, unserer Sprache. Kann er uns diese Geschichte denn zumuten? Ihr Rahmen lässt sich wohl historisch verorten. Sie setzt zur Zeit des türkischen Vorstoßes nach Mitteleuropa ein, der Bauernaufstand unter Führung György Dózsa ist niedergeschlagen, marodierende Truppen ziehen durch Ungarn, während die osmanische Armee vorrückt, bei Mohács die ungarische Armee besiegt und 1541 Buda (das erst viel später Budapest genannt wird) erobert. Weitere Vorgeschichten spannen den Bogen einer weit verästelten Handlung auf: Prag 1621, auch ein sehr blutiges Datum der Christengeschichte; Ukraine, wo ein jüdisches Dorf dank einer vielfachen Wanderung einem Pogrom entkommt und nach Buda auswandert; die gottvergessensten Ebenen jenseits des Pruth, wo das Leben so entsetzlich ist, dass den Menschen ein zweiter Versuch zusteht.

Der Hauptstrang des Romans wird aus Episoden zusammengedrechselt, die zwischen 1659 und 1686 spielen, zwischen Ödenburg und dem Maritzatal in Bulgarien, zwischen dem Absolon-Gut im Siebenbürgischen und Venedig, damals die große Metropole im südöstlichen Europa, zwischen Belgrad, Széged und Buda. Im Zentrum des Geschehens stehen weit mehr als ein Dutzend Personen. Eine Hauptfigur im eigentlichen Sinne, mit der man von Anfang bis zum Ende durchfühlen und mitleiden könnte, gibt es nicht. Aber es handelt sich auch nicht um eine individualistische Story, sondern um eine "Legende" - genauer, um eine Unzahl von Legenden. Darvasi muss ein geradezu blindwütiger Rechercheur sein, der die unglaublichsten Geschichten zusammengetragen hat. Steinchen um Steinchen. Reichlich setzt er den Zement seiner Fantasie hinzu, so dass oft schwer zu unterscheiden ist, was Stein und was Zement. Aber so ist das ja oft mit der Wirklichkeit, und die Lüge teilt uns die Wahrheit mit.

Die Tränengaukler kommen 1541 nach Buda, wo sie beim Färbermeister Stephan Peer auf ihre Wagenplane eine große blaue Träne aufmalen lassen. Blau wie der Himmel über Jerusalem. Berichtet wird von kleineren Wundern dieser seltsamen Kerle: "Der eine weint Blut, der andere Honig, ein dritter weint schwarze Steine, o weh, der vierte weint Eis, und dem fünften rieseln kleine Spiegelstückchen aus den Augen." "Man könnte auch sagen, sie seien aus Legenden, Träumen, Nebel und Morgendunst, aus Nacht und aus dem Blut der Dämmerung, aus Bruchstücken von Philosophie und aus der Flugasche des Glaubens zusammengeknetet, wenn das nicht wieder zu wenig und vielleicht eine Lüge wäre. In ihren Augen blüht das Geheimnis, denn unter dem unendlichen Himmel Allahs gibt es nichts, das nicht weinen könnte. Es weint ja der Stein, die Erde, das Feuer, und es weint auch das Wasser. Und sie scheinen kein Alter zu besitzen." Wo sie auftauchen, passieren eigenartige Dinge. Laufen die Dinge nicht so, wie sie sollen, hilft auch schon mal ein Wunder nach; irgendwo sitzt wohl ein Gott, ein Allah oder ein Jahwe, ansonsten ist eben das Erkenntnisvermögen des 17. Jahrhundert noch nicht besonders ausgeprägt. Auch hat der Mensch oft gar nicht viel Zeit, seltsame Vorgänge nach ihren möglichen Funktionsweisen zu hinterfragen. Seine vorrangige Aufgabe ist es - und das ist in vielen Gegenden dieser schönen Erde heute auch nicht viel anders -, all seine Verstandeskräfte zur Rettung seiner Haut aufzubringen. Denn in Darvasis Mitteleuropa geht es rund, hier haben Leichenzähler Hochkonjunktur. Egal, ob gerade irgendwo ein Krieg oder ein Raubzug oder ein Pogrom stattfindet, die Gewalt ist immer und überall, ob Papisten gegen Protestanten, Christen gegen Mohammedaner, Siebenbürger gegen Polen, Tataren gegen Ungarn, Kuruzen gegen Kaiserliche, egal, ob der Pascha von Széged wegen seiner Kopfschmerzen einen Diener erwürgt, oder der Magnat Absolon seine Dienstboten krumm schlägt, oder ein italienischer Humanist schnell mal eine türkische Sklavin erschießt, weil sie kein Mensch ist, sondern ein Ziel. Es geht so ungemein rund, Ungarn dampft im Menschenblut, und es dampfte weiter, Péter Esterházy hat einmal die Kurbäderstadt Budapest als "Blutbäderstadt" bezeichnet. Und die Freiheitskämpfer des Dósza, sie kommen wohl zu den Blutstätten, wie beruhigend, aber immer und überall zu spät, denn das Ungarn, dieses "aus dem Nest gefallene Vogelkind", wie es Endre Ady einmal bezeichnete, hat erst spät fliegen gelernt, zu spät, wie Darvasi ironisiert. Aber Verlierer sind alle in diesem grandiosen Geschichtstableau, auch die Sieger stehen am Ende, nun ja, wahrlich beschissen da.

Darvasi hat einen riesengroßen Gobelin geknüpft, er hat ihn aus feinem Material und mit sehr verschlungenen Mustern gearbeitet. Wie er Geschichten erzählt, das erinnert an die großen Wortezauberer auf der Djemaa el-Fna in Marrakech oder an alte Seeleute, die die Erde sieben Mal umkreist haben, in deren einem Auge die Sonne aufgeht und in deren anderem Auge die Sonne untergeht. Wir erleben das Wirken des Fleisches in seinen verschiedenen Seinsformen, junge Liebe und Ehebrüche, Hurereien und Vergewaltigungen, Tierschächterei und Menschenschlächterei, das Schauspiel der Tränengaukler in Venedig, eine Hure, die mit der Kraft ihrer Vulva morden kann, einen Meisterspion, der nur ein einziges Mal in seinem Leben zwei Worte sagt, einen missgestalteten Gnom, der die vollkommene Zwergengondel konstruiert, wir erleben die Kunde vom vermeintlichen jüdischen Messiah Sabbatai Zwi, es soll sogar vorkommen, dass der liebe Gott ein Wolkentürchen öffnet, mit Sicherheit wird ein Jesuitenmönch von betrunkenen Kuruzzen an eine zerfetzte Wolke geheftet und schwebt vor die kaiserlichen Gemächer, als der Habsburger Leopold gerade über dem Oratorium "Das Geheimnis der Schöpfung" brütet. Aber das sind ja alles Kinkerlitzchen. Wir erleben die Taten und Untaten der größten Spione der Welt, die unglaublichsten Lieben der Zeit, die gewaltigsten Schlachten, die Rückeroberung Budas durch die Christenheit, wir erfahren vom Zigeuner Mesdele, der angeblich im Dienst des Weltjudentums die Träume ausgewählter Juden feilhält und damit Handel treibt, wir hören von der Welt der Feen und der Schilfbewohner, denn ein Teil Ungarns ist flaches sumpfiges Land, von Flüssen durchzogen, die nicht verraten, in welche Richtung sie fließen. Seltsame Kinder, nehmen wir zur Kenntnis, werden geboren, oft an Zieheltern weitergegeben und großgezogen, um dann erst recht völlig vertrottelt durch die Welt zu hampeln, zu morden und zu marodieren, oder auch allen seinen Mangel mitzuteilen, noch nie Venedig gesehen zu haben, ein anderes wird verkrüppelt und zwergwüchsig sein. Und immer wieder, wird uns mitgeteilt, treten die Gaukler dazwischen, die Künstler der Traurigkeit. Aber was, so stellt sich eingangs und während der ganzen wildwogenden Zeit über die Frage, was ist Zweck und Ziel dieser Tränengaukler? Bleibt uns Darvasi, der uns so manche philosophische Wegzehrung mitgibt, die Antwort schuldig? Was ist ihr Geheimnis? Entzieht sich im Donnern der Kanonen, im Gewusle der Schlacht jeder vernünftige Begründung? -Nun, einfach ist es nicht, und schon gar nicht wird eine umfassende oder befriedigende Antwort gegeben, manchen wird dünken, es wird gar keine gegeben. Das mögen die unaufmerksamen Leser sein, die sich von den Schlingpflanzen der Allegorien, von der Opulenz der Bilder gefangen nehmen lassen, oder jene, die immer gleich endgültige Antworten haben wollen: Denen sei die Bibel empfohlen.

Was einem dieses Buch unbedingt bietet, ist eine Möglichkeit, Geschichte zu betrachten. Jenseits der magisch-realistischen Poetik, der Verarbeitung von Legenden, Mythen und volkstümlicher Wundergläubigkeit skizziert Darvasi ein Geschichtsbild, in dem weder Hegels historische Notwendigkeit obwaltet, noch "sich in goldene Schüsseln entleerende Herrscher oder Feldherren" die entscheidenden Macher sind. Alle wirken mit, der Fischer im Theißschilf ebenso wie der Statthalter von Buda, und so heißt es auch, wenn die Tränengaukler eine Vorführung geben: "Das Kunststück gehört also allen."

László Darvasi: Die Legende von den Tränengauklern. Roman. Aus dem Ungarischen von Heinrich Eisterer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001, 580 S., 49,80 DM

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00:00 12.10.2001

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