Das musste mal gesagt werden

Medienkolumne Ehrenmord mit und ohne Migrationshintergrund. In unserer montäglichen Medienkolumne anaylsiert Freitag-Autorin Katrin Schuster diesmal den "Tatort" vom Sonntag

Gerade mal eine halbe Stunde dauerte die Diskussion auf Welt Online über das Interview mit Seyran Ates und Thea Dorn, den Autorinnen des aktuellen Tatorts namens Familienaufstellung, dann wurde die Kommentarfunktion „aufgrund von massiven Verstößen gegen die Netiquette“ geschlossen. Es war Samstagnachmittag und keiner der User hatte den Film bis dahin gesehen. Um ihn ging es ohnehin nicht. Es ging – wie immer in solchen Fällen, das Schlagwort „Ehrenmord“ hatte die ARD im Vorfeld selbst auf den Tisch gelegt – dezent ausgedrückt um die Schwierigkeit der Darstellung kultureller Differenzen. Naturgemäß beteiligten sich zahlreiche der üblichen „Das-musste-endlich-mal-gesagt-werden“-Verdächtigen, die Staat und Presse konsequent verdächtigen, das „Problem“ der „Ausländerkriminalität“ zu tabuisieren (während doch all überall darüber gesprochen wird).

Ausnahmsweise begleitete nicht Anne Will dieses Thema in ihrer auf den Tatort folgenden Talkshow. Das lag wohl daran, dass Johannes B. Kerner ihr am Donnerstag bereits zuvorgekommen war. Zu Gast in der Sendung namens „Ehre und Leid“ waren die Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen, die Anwältin Serap Cileli und die Tatort-Schauspielerin Sabine Postel. Friedrichsen erhielt für ihre Ansicht, es handle sich bei dem aktuell vor Gericht verhandelten Mord an der Sechzehnjährigen Morsal O. nicht um einen Ehrenmord, sondern um einen Totschlag im Affekt, höchstens Entrüstungsrufe aus dem Publikum; der Applaus für Cilelis Appell an die Türken, sich endlich zu integrieren, war dagegen recht enthusiastisch.

Ehrenmord heißt bei uns Familiendrama

Auch der Tatort entkommt solch einseitigem Beifall nicht. Dafür mag er nicht verantwortlich sein, aber ein wenig wundern sollte er sich besser schon darüber. Ganz unbegründet ist diese Reaktion nämlich nicht. Denn die Tatsache, dass es eine weibliche Täterin gibt, ändert nichts daran, dass die Differenz zwischen deutschen und türkischen Mord-Motiven hier ein weiteres Mal explizit aufgemacht wird, da einerseits der deutsche Ehemann (Eifersucht), andererseits ihre Familie (Ehrenmord) im Verdacht steht. Die Unterscheidung zwischen psychischen und religiösen Auslösern ist jedoch (wenn sie denn überhaupt zu treffen ist) keinesfalls eine juristische – darauf hätte Gisela Friedrichsen vielleicht bei Kerner noch gerne hingewiesen, wenn das Publikum sie nur gelassen hätte –, da Mörder ja immer irgendwelche Gründe haben mögen, das Gesetz diese allerdings nur bedingt berücksichtigt.

Allein die gesellschaftliche Rhetorik differenziert hier, und der Tatort macht dabei freimütig mit. Oder anders, in den Worten des Kabarettisten Hagen Rether: „Ehrenmord, Ehrenmord! Gibt's bei uns ewig schon. Schon immer haben wir Ehrenmorde, das heißt bei uns bloß anders. Familiendrama heißt das, und das gibt's bei uns an Weihnachten.“ Warum Tatorte über Familiendramen ohne Migrationshintergrund weniger Aufruhr verursachen, lässt sich nur mutmaßen. Vermutlich fehlt da einfach der Kitzel des Das-musste-endlich-mal-gesagt-werden. Weil es dann eben ans eigene Eingemachte ginge.

Katrin Schuster, Jahrgang 1976, ist Medien- und Literaturkritikerin und seit 2005 Freitag-Autorin. Sie lebt in München.

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12:30 09.02.2009

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